mini|Schloss Wilhelmshöhe (2006) Die Antikensammlung in Kassel ist eine Sammlung antiker Kunstgegenstände und Münzen, deren Anfänge auf das 17. Jahrhundert zurückgehen. Sie umfasst derzeit (2016) etwa 4800 Objekte und befindet sich nach mehreren Ortswechseln im Schloss Wilhelmshöhe. Seit 1948 befinden sich die Staatlichen Kunstsammlungen Kassel und damit auch die Antikensammlung im Besitz des Bundeslandes Hessen. Die Bestände der Sammlung sind in der Datenbank „MuseumPlus“ komplett erfasst; die Daten werden nach und nach auch öffentlich zugänglich gemacht.Michael Eissenhauer, Rüdiger Splitter: Einführung. Die Antikensammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel, auf www.antikemuenzen.museum-kassel.de.

Geschichte Anfänge Landgraf Moritz von Hessen-Kassel, der den Beinamen „der Gelehrte“ trug, besaß bereits eine Antiquitätenkammer. Das älteste bekannte Zeugnis für seine Ankäufe stammt aus dem Jahr 1603. Damals wurden in Frankreich sieben römische Lampen für die Antiquitätenkammer angekauft.

Beutekunst aus Griechenland 1688 kamen die ersten antiken Marmorskulpturen nach Kassel, nachdem im Jahr zuvor der Landgraf Karl von Hessen-Kassel der Republik Venedig hessische Truppen für zwei Jahre zur Verfügung gestellt hatte. Diese sollten gemeinsam mit weiteren europäischen Truppenkontingenten die Expansion des osmanischen Reichs in Richtung des griechischen Festlandes und der Peloponnes bekämpfen. Bei ihrer Rückkehr brachten die Soldaten ihrem Landesherrn nicht nur antike Münzen und Bronzestatuetten, sondern auch etliche marmorne Reliefs und Stelen für seine Sammlung mit, darunter eine Darstellung der Artemis Elaphebolos, der hirschtötenden Artemis.

Diese Kunstwerke wurden zunächst in der Antiquitätenkammer des Marstalls untergebracht und im Jahr 1696 in der Sculptura-Kammer des Ottoneums, des Kassler Kunsthauses, aufgestellt. Über die Fundstätten bzw. die Herkunft der einzelnen Sammlungsstücke aus dieser Phase können nur Vermutungen angestellt werden. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde die Sammlung offenbar nicht grundlegend erweitert: 1699/1700 unternahm Landgraf Karl zwar eine Italienreise, die akribisch vorbereitet wurde, kaufte bei dieser Gelegenheit aber offenbar keine weiteren Marmorskulpturen für seine Sammlung. Wissenschaftlich bearbeitet und publiziert wurden Teile der Sammlung erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals befasste sich Johann Matthias Gesner mit den griechischen kaiserzeitlichen Inschriften in der Sammlung.

Ankäufe im 18. Jahrhundert 1750 wurde die Sammlung erweitert: Der nächste Landgraf, Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel, sowie dessen Sohn Friedrich ließen im August dieses Jahres bei einer Auktion in Den Haag nicht weniger als 101 Objekte ersteigern. Sie stammten aus der Sammlung des Grafen Johan Hendrik van Wassenaer Obdam, der im Jahr 1745 verstorben war. Mit der Ersteigerung der späteren Kasseler Exponate war Johann Arckenholtz beauftragt. Unter den Gegenständen, die er erwarb, befanden sich 16 Marmorskulpturen, die allerdings zum überwiegenden Teil nicht aus der Antike stammten. Wie schon bei den von den Truppen aus Griechenland mitgebrachten Bestandteilen der Kassler Antikensammlung fehlen auch bei den von Arckenholtz ersteigerten Kunstgegenständen verlässliche Angaben zur Provenienz.

Im Jahr 1751 kam eine komplette Antiquitätensammlung hinzu, die der Weihbischof Franz Joseph von Hahn, 1748 verstorben, zusammengetragen hatte. Sie bestand vor allem aus Kleinbronzen und marmornen Porträtköpfen, die mittlerweile verschollen sind.

1776/77 unternahm Landgraf Friedrich II. eine Italienreise, die ihn unter anderem nach Rom und Neapel führte und von der er zahlreiche Stücke für die Sammlung mit nach Kassel brachte. Er hatte sich vor Antritt der Reise vergeblich um Unterstützung durch Johann Joachim Winckelmann bemüht. Stattdessen wurde er dann von Johann Friedrich Reiffenstein beraten. Später ergänzte der Geistliche Giordani in Rom die Sammlung durch weitere Ankäufe, die er nach Kassel schicken ließ. Bis ins Jahr 1782 sind weitere Sendungen von Italien nach Kassel nachweisbar. Die ersten von Friedrich II. angekauften Stücke kamen am 18. August 1777 im Ottoneum an.

Zu diesem Zeitpunkt waren die einzelnen Teile der Sammlung noch an unterschiedlichen Orten untergebracht: Die Bibliothek des Landgrafen befand sich noch im Marstall, Kunstgegenstände ebenso wie naturwissenschaftliche Objekte im Kunsthaus, Bronzenachgüsse antiker Skulpturen standen im Freien und auch die Sammlung von Gipsabgüssen hatte keinen adäquaten Standort. Friedrich II. ließ deshalb ab 1769 am neu angelegten Friedrichsplatz ein Gebäude errichten, das – zunächst nur als Bibliothek geplant – 1779 als enzyklopädisch konzipiertes Museum eröffnet werden konnte. Dieses Museum Fridericianum stand an vier Vormittagen der Woche jedermann zur Verfügung. Mit der Konzeption war der Architekt Simon Louis du Ry beauftragt worden.

Präsentation im Museum Fridericianum mini|Entwurfszeichnung du Rys zum Fridericianum Die Antikensammlung nahm mehrere Räume des Erdgeschosses ein. Hinter dem Vestibül lag auf der rechten Seite eine Galerie der antiken Skulpturen, daran schloss sich ein Eckraum an, in dem antike Kleinkunst ab der Zeit der Ägypter präsentiert wurde, ergänzt durch Korkmodelle antiker Gebäude. Auf der anderen Seite des Vestibüls befand sich die Galerie der neuzeitlichen Skulpturen. Dort waren Bronzenachgüsse, Gipsabgüsse und Marmorkopien antiker Werke ausgestellt, außerdem auch antikisierende Figuren sowie die Marmorbüsten von Vorfahren des Landgrafen. Laut du Ry standen in der Galerie der Antiken, die 82 Fuß lang und 38 Fuß breit und durch zwei Reihen dorischer Säulen gegliedert war, unter anderem acht überlebensgroße Marmorfiguren, von denen er besonders eine Minerva, ein Abbild des Didius Iulianus und einen Paris hervorhob. Ferner erwähnte er in seiner Beschreibung der Ersteinrichtung des Museums zehn unterlebensgroße antike Marmorfiguren in diesem Saal sowie die Vorderseite eines marmornen Sarkophags, die mit einem Bacchanal verziert war. Du Ry hob besonders die Erwähnung dieses Sarkophags in Montfaucons Werk über die Kunst des Altertums hervor.Simon Louis du Ry hielt den Vortrag Essai d’une description du Musée Fredericien 1784 in der Société des Antiquités für einen geplanten Museumsführer, vgl. H.-K. Boehlke, Das Museum Fridericianum, in: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde 74, 1963, S. 91 ff., zitiert bei Gercke 2007, S. 13, Anm. 25.

Die Trennung zwischen echten antiken und antikisierenden Stücken in dem neuen Museum war innovativ. Friedrich II. war bemüht um eine wissenschaftliche Bearbeitung seiner Exponate. Nachdem er am 11. April 1777 aus Italien zurückgekehrt war, rief er die Société des Antiquités ins Leben. Alle vierzehn Tage wurde ein Vortrag gehalten und darüber hinaus gab es wissenschaftliche Preisaufgaben, um die Kenntnis der antiken Kunst zu fördern. Den Preis bei der ersten Ausschreibung gewann Christian Gottlob Heyne 1778 mit einer Lobschrift auf Winckelmann, die konkrete Angaben zum Studium der Archäologie enthielt.

Anlässlich der Gründung dieser Gesellschaft wurde eine Medaille geprägt, auf deren Rückseite das noch nicht ganz fertiggestellte Museum Fridericianum zu sehen ist. Ein Knabe, geführt von Minerva, ist dort auf dem Weg zu den Altertümern, deren Zweck durch die Inschrift „DOCENT ET OBLECTANT“ (= Sie belehren und erfreuen) definiert ist. Die Gesellschaft bestand bis 1808; allerdings wurde in den Vorträgen nur selten Kunstbetrachtung im Sinne Winckelmanns getrieben, wie Friedrich II. es sich gewünscht hatte: Meist blieb man bei mythologischen und literarischen Themen. Eine Ausnahme bildeten Dietrich Tiedemanns Dissertationes aus den Jahren 1779 und 1780, in denen er sich mit 17 antiken Statuen in der Sammlung auseinandersetzte. Erst im 19. Jahrhundert legte Ludwig Völkel wieder eine Veröffentlichung zu den Beständen der Sammlung vor.

Im Herbst 1777 wurde auch die Maler- und Bildhauerakademie in Kassel gegründet. Du Ry hielt eine Festrede und ermahnte die anwesenden Künstler, sich an den antiken Stücken, die der Landesherr gesammelt hatte, zu schulen.

Beschlagnahmung und Überführung nach Paris mini|Die Kasseler Statuen im Musée Napoléon Im Oktober 1806 wurde Hessen von französischen Truppen besetzt, Landgraf Wilhelm IX./Kurfürst Wilhelm I. wurde abgesetzt und floh und Kassel wurde zur Residenz des Königreichs Westphalen erklärt, in dem Jérôme Bonaparte herrschte. In der Folge besuchten zahlreiche französische Militärs das Museum Fridericianum. Im Auftrag Napoleons untersuchte im Januar 1807 eine Abordnung unter Dominique-Vivant Denon die Bestände des Museums, um festzustellen, was ins Pariser Musée Napoléon abtransportiert werden sollte. Unter anderem hatte er den kaiserlichen Befehl, sämtliche Statuen der Kasseler Antikengalerie nach Paris zu schicken. Ludwig Völkel gehörte zu der Kommission, die im Frühjahr 1814, als Paris durch die Alliierten eingenommen worden war und Napoleon abgedankt hatte, dort auf die Suche nach den aus Kassel abtransportierten Kunstschätzen gehen sollte. Diese Mission war weitgehend erfolgreich. Für sieben verloren gegangene Marmorobjekte erhielt man Ersatz, und dass die Restaurierung etlicher Stücke wegen Transportschäden erforderlich geworden war, tat nach Völkels Zeugnis deren Aussehen keinen Abbruch. Im Gegenteil: Er lobte die jetzt glänzendere und gleichmäßigere Oberfläche der Statuen. In der Folge wurden zahlreiche Kupferstiche veröffentlicht, die nach Zeichnungen in der entführten Sammlung hergestellt worden waren. Sie trugen Titel wie Galerie du Musée Napoléon und waren laut Völkel zum Teil von Texten begleitet, die neue Aufschlüsse über die Kunstwerke enthielten. In Paris waren auch unbebilderte Führer zu den napoleonischen Sammlungen gedruckt worden, die es den Besuchern der Ausstellungsräume ermöglichten, sich zu orientieren und informieren. Daneben gab es auch Druckwerke mit teilweise ganzseitigen Abbildungen; 15 Skulpturen aus den Kasseler Beständen wurden auf diese Weise dokumentiert.

Stagnation Im Oktober 1815 begann der Rücktransport der Sammlung nach Kassel, wo sie am 1. November wieder eintraf und wahrscheinlich wieder in der gleichen Anordnung wie einst im Museum Fridericianum aufgestellt wurde. Völkel begann nun, angeregt durch die Pariser Publikationen, eine deutsche Beschreibung für die Skulpturen in der Sammlung zu verfassen. Dieser Versuch blieb aber im Ansatz stecken: 1818 konnte Völkel in der Göttinger Zeitschrift die ersten acht Beschreibungen unterbringen, kurz darauf aber wechselte der Herausgeber Friedrich Gottlieb Welcker an die Universität Bonn und die Zeitschrift stellte ihr Erscheinen ein.

Von 1785 bis weit ins 19. Jahrhundert erfuhr die Sammlung antiker Skulpturen in Kassel mangels Interesse der herrschenden Kurfürsten kaum eine Erweiterung. Man erhielt lediglich 1815 drei Ersatzobjekte aus Paris, wo ja aber etliche Kunstwerke verlorengegangen waren.

Preußisches Provinzialmuseum