mini|hochkant=1.1|Sachsenheim-Gebetbuch, Seite 16r: Johannes der Evangelist auf Patmos.
Das Sachsenheim-Gebetbuch ist ein lateinisches Stundenbuch, das um 1460 in Flandern entstand. Die Illuminationen schufen Liévin van Lathem und zwei unbekannte Künstler. Das Buch war ursprünglich im Besitz eines Herrn von Sachsenheim und wurde 1960 von der Württembergischen Landesbibliothek angekauft.
Beschreibung Liturgie von Gent.#Wolf 1996, Seite 294. Belgien, um 1460. Pergament, 173 Blätter, 145 × 100 mm, Lagenordnung.#Wolf 1996, Seite 294., Schriftspiegel: 85 × 50 mm, 12 Zeilen, Schrift: Bastarda formata.#Wolf 1996, Seite 36, #Fiala 1977, Seite 195. 24 Kalenderseiten, 18 Seiten mit Miniaturen und Rahmenbordüre, 29 Textseiten mit Bildinitiale und Rahmenbordüre, Kalender- und Textseiten mit Buchstabeninitialen und Cadellen.Schnörkel, Flechtwerk und Blätter als ornamentale Ausläufer von Buchstaben an den Rändern des Schriftspiegels. Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart, Cod.brev.162.
Das Sachsenheim-Gebetbuch ist ein lateinisches Stundenbuch, das als Gebetbuch für den Gebrauch von Nichtklerikern bestimmt war. „Die Benennung der Handschrift beruht auf der Annahme, dass ein Mitglied der Familie von Sachsenheim, deren Wappen mehrfach vorkommt, der Auftraggeber war. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass das Gebetbuch für einen Besteller aus Flandern gefertigt wurde, denn das Kalendarium und die Litanei weisen eindeutig in diese Region; darüber hinaus sind bei den Wappen auf 80v und 81r Kratzspuren und Übermalungen festzustellen, die auf nachträgliche Änderungen hindeuten. Da die Handschrift als Vorlage für das Musterbuch des Stephan Schriber diente, der sich um 1470 in Urach aufhielt, muss sie jedoch schon ziemlich bald nach Württemberg gekommen sein.“#Burkhart 2016. Siehe auch Geschichte.
Das Sachsenheim-Gebetbuch enthält einen Kalenderteil (siehe #Kalender) und einen Gebetsteil mit Stundengebeten. Der Gebetsteil enthält Auszüge aus den Evangelien, der Johannespassion und den Wochentagsoffizien, die 7 Bußpsalmen, die Allerheiligenlitanei und 20 Gebete mit Fürbitten an Heilige.
Das Buch ist reich illustriert mit Miniaturen, Initialen und Rahmenbordüren. Die Miniaturen und die BildinitialenBildinitialen enthalten im Gegensatz zu reinen Buchstabeninitialen kleine Miniaturen. stellen den Autor oder den Inhalt des Textes dar, dem sie vorangestellt sind. Zum Beispiel geht dem Lukasevangelium eine Miniatur des Evangelisten Lukas voran, das Heilig-Geist-Offizium wird durch eine Pfingstminiatur und das Totenoffizium mit einer Bildinitiale der Erweckung des Lazarus eingeleitet.
Kalender Das Sachsenheim-Gebetbuch beginnt mit einem 3-seitigen Inhaltsverzeichnis (Seite 1v–2v). Ihm folgt ein 24-seitiger Kalender (Seite 4r–15v). Jeder Monat wird auf 2 Seiten dargestellt. Die erste Seite eines Monats beginnt mit zwei Kopfzeilen, die neben der Initiale KL angeordnet sind, zum Beispiel:
Die Initiale KL bezeichnet den Anfang des Monats. Die Abkürzung ist abgeleitet von dem Wort Kalenden, das für den 1. Tag des Monats im römischen Kalender stand. Die beiden Textzeilen lauten: Aprilis xxx luna xxix = Der Monat April hat 30 Tage und 29 Mondtage.
Unter den Kopfzeilen eines Kalenderblatts ist die Tagestabelle angeordnet, die auf der nächsten Seite fortgesetzt und abgeschlossen wird. Die Tabelle enthält keine Tagesnummern, man muss sie durch Abzählen der Tageszeilen ermitteln. Die 3 Spalten der Tabelle haben folgende Bedeutung:
Spalte Inhalt Bedeutung 1 1–19 Goldene Zahl zur Berechnung des Neumonds. 2 A–G Sonntagsbuchstabe zur Berechnung des Wochentags. Die Reihe der Sonntagsbuchstaben beginnt am 1. Januar mit A und wird zyklisch fortgeführt bis zum Ende des Jahrs. Der Sonntagsbuchstabe A steht für Sonntag und wird jeweils durch eine Initiale hervorgehoben. 3 Festtage Bezeichnung der Namens- und Festtage. Wichtige Feste werden durch rote Schrift hervorgehoben.
Ein rotes, durchstrichenes D (Dies = Tag) in einer Tageszeile kennzeichnet Unglückstage, das waren Tage, die angeblich Unglück verhießen. Der Kalender des Sachsenheim-Gebetbuchs enthält 4 Unglückstage: 4. Februar, 1. März, 12. April und 25. Mai.
Der Kalender enthält auch zwei persönliche Einträge des Besitzers, am 13. April den Vermerk: obitus matris mee = Tod meiner Mutter (Seite 7v), und am 5. Juni: obitus patris mei = Tod meines Vaters (Seite 9r). Siehe auch Geschichte.
mini|hochkant=1|April-Kalenderblatt, 1. Seite.
+ Beispiele für die 1. Seite des April-Kalenderblatts Tageszeile GoldeneZahl Sonntags-buchstabe Beschreibung 1. – G – 2. xi A (als Initiale) – 11. – C Leonis pape = Papst Leo 12. x D rotes, durchstrichenes D: Unglückstag 13. – E Eintrag des Besitzers: obitus matris mee = Tod meiner Mutter
Der Kalender enthält zwei Fehler: Im März-Kalenderblatt vergaß der Schreiber die 6. Tageszeile. Außerdem sind die Goldenen Zahlen um einen Tag nach oben verschoben. Das November-Kalenderblatt gibt 31 statt 30 Tage in den Kopfzeilen an, die Anzahl der Tageszeilen ist jedoch richtig.
Entstehung Die Illuminationen wurden von drei Künstlern geschaffen, von dem Flamen Liévin van Lathem und zwei unbekannten Malern, die als Maler B und Maler C bezeichnet werden. Maler B ist identisch mit Maler C des Breviers von Grammont.#Wolf 1996, Seite 39, 296. Die überwiegende Mehrzahl der Illuminationen stammt von Liévin van Lathem: er schuf 13 Miniaturen und 14 Bildinitialen. Maler B schuf 3 Miniaturen und 14 Bildinitialen, und auf den Maler C gehen 2 Miniaturen und eine Bildinitiale zurück. Meist schufen die Maler der Miniaturen und Bildinitialen auch die zugehörenden Bordüren, in wenigen Fällen schuf Liévin van Lathem die Bordüren nicht selbst, sondern überließ die Ausführung dem Maler B.#Wolf 1996, Seite 39.
Die Entstehungszeit des Sachsenheim-Gebetbuchs wird von den meisten Forschern „um 1460“ angenommen. Einzelne Fachleute datieren das Gebetbuch auf „etwas nach 1450“ oder auf 1470–1475.#Wolf 1996, Seite 38–40.
Geschichte Das Sachsenheim-Gebetbuch enthält keinen Besitzer- oder Herkunftsvermerk aus seiner Entstehungszeit. Es gibt auch keine mündlichen oder schriftlichen Zeugnisse über Besitzer und Herkunft aus dieser Zeit. Als Erstbesitzer wird aus zwei Gründen ein „Herr von Sachsenheim“ angenommen:
In vier Abbildungen des Sachsenheim-Gebetbuchs kommt das Büffelhörnerwappen der Herren von Sachsenheim vor: Seite 58r. Initiale „D“: eine Dame, die das Büffelhörnerwappen der Sachsenheimer und das Wappen der Straubenhardts trägt (die zweite Frau des Dichters Hermann von Sachsenheim war Anna von Straubenhardt).#Fiala 1977, Seite 195. Seite 80v. Linke Bordüre: Büffelhörnerwappen, darüber ein Helm mit roten Büffelhörnern. Seite 81v. Initiale „D“: kniende Stifterfigur, daneben ein Büffelhörnerwappen, darüber ein Helm mit roten Büffelhörnern. Seite 87v. Bordüre links oben: Ein Engel trägt das Büffelhörnerwappen.
mini|hochkant|Seite 7r. 13. Tageszeile: „obitus matris mee“.13. Zeile nach den beiden Kopfzeilen („Aprilis xxx / Luna xxix“): „obitus matris mee“ = 13. April, Todestag meiner Mutter. mini|hochkant|Seite 126v. Der Stifter des Gebetbuches kniet vor Maria mit dem Kind.
Im Kalender des Gebetbuchs wurden nachträglich Nekrologeinträge ergänzt, die den Todestag von Vater und Mutter des Besitzers angeben (7r, 9r): „obitus patris mei“ (Tod meines Vaters) am 5. Juni und „obitus matris mee“ (Tod meiner Mutter) am 13. April . Diese Daten stimmen mit den Todesdaten des Dichters Hermann von Sachsenheim und seiner zweiten Frau Anna von Straubenhardt überein.
Man könnte daher annehmen, dass einer der beiden Söhne Jörg und Hermann der Besitzer des Sachsenheim-Gebetbuchs war. Anna Mönch, die erste Frau des Dichters starb 1431. Im gleichen Jahr heiratete der Dichter Anna von Straubenhardt.#Bachteler 1975, Seite 45. Daher müssen Jörg von Sachsenheim (geboren 1427) und sein Bruder Hermann von Sachsenheim (geboren um 1428–1430) Söhne aus erster Ehe gewesen sein. Anna von Straubenhardt war also ihre Stiefmutter, so dass der Kalendereintrag „Tod meiner Mutter“ für die beiden Söhne nicht zutreffen kann. Jörg von Sachsenheim galt lange als Eigentümer des Sachsenheim-Gebetbuchs, weil man ihn als „Besitzer einer heute völlig zerstreuten Bibliothek“ ansah. Die Württembergische Landesbibliothek verwahrt jedenfalls zwei frühe Bibelausgaben aus seinem Besitz, siehe #Sachsenheim-Bibeln.
Michael von Sachsenheim, der von 1460 bis etwa 1482 als Mönch im Kloster Hirsau bezeugt ist, war nach seiner eigenen Aussage ein Sohn aus der zweiten Ehe des Dichters, so dass der Kalendereintrag „Tod meiner Mutter“ für ihn zutreffen würde und er als Besitzer in Frage käme.#Wolf 1996, Seite 35–36.
Es ist auch nicht auszuschließen, dass der Dichter Erstbesitzer des Gebetbuchs war. Die Autoren von #Fiala 1977 schließen diese Möglichkeit aus, weil der vor Maria kniende Stifter auf Seite 126v nach ihrer Meinung „einen Mann in den besten Jahren“ darstellt. Da es aber nicht gesichert ist, dass die Stifterbildnisse des Gebetbuches (81r, 126v, 127r) als Porträts gelten können, gibt es keinen überzeugenden Grund, den Dichter als möglichen Erstbesitzer auszuschließen.
Eva Wolf vermutet, dass „die Handschrift – wenn überhaupt als Auftragswerk – ursprünglich für einen südniederländischen Benutzer angefertigt wurde“ und dass die Büffelhörnerwappen der Sachsenheimer erst nachträglich eingefügt wurden.#Wolf 1996, Seite 36.
Fazit: Mögliche Erstbesitzer des Sachsenheim-Gebetbuchs sind der Dichter Hermann von Sachsenheim und sein Sohn Michael, der nach dem Tod Anna von Straubenhardts die Kalendereinträge durch die Todesdaten der Eltern ergänzte.
Die weitere Geschichte des Sachsenheim-Gebetbuches liegt bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Dunkel. 1908 wurde es im Burlington Fine Arts Club in London als Besitz von Jeffery Whitehead ausgestellt. 1913 verkaufte es der Münchner Antiquar Jacques Rosenthal an Dyson Perrins. Bei der Versteigerung der Dyson Perrins-Sammlung bei Sotheby’s am 29. November 1960 wurde es von der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart erworben.
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