mini|Charakteristisches Mastbild der Originalleitung, hier im Abschnitt nördlich des Umspannwerkes Godenau Die 220-kV-Leitung Lehrte–Borken war eine ursprünglich 176 km lange Freileitung für Drehstrom-Hochspannungsübertragung, die vom Kraftwerk Borken in Nordhessen zum Umspannwerk Lehrte bei Hannover führte. Sie wurde im Jahr 1929 von der Preußischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft (Preußenelektra) gebaut und markierte den ersten Meilenstein auf dem Weg des Unternehmens zu einem Verbundnetzbetreiber. Neben der zeitgleich fertiggestellten Nord-Süd-Leitung des RWE war sie eine der ersten Leitungen in Deutschland, die für eine Spannung jenseits der 100 kV ausgelegt wurde.
Die Leitung ermöglichte es, günstig erzeugten Strom aus Braunkohle und Wasserkraft über das Pumpspeicherkraftwerk Waldeck zu den Großverbrauchern der dicht besiedelten und industrialisierten Region um Hannover zu transportieren. Von dieser Verbindung ausgehend baute die Preußenelektra in Zusammenarbeit mit benachbarten Netzbetreibern an einem ersten landesweiten Höchstspannungs-Verbundnetz mit.
Schon seit den 1970er Jahren baute die Preußenelektra ihr Höchstspannungsnetz auf 380 kV Spannung aus und band größere und leistungsstärkere Kraftwerke ans Netz an, sodass 1994 das Kraftwerk Borken mitsamt seiner Schaltanlage stillgelegt und der südliche Teil der Leitung zwischen Sandershausen bei Kassel und Borken abgerissen wurde. Im November 2024 wurde ein Teil nördlich Sandershausen von der neu errichteten 380-kV-Leitung Wahle–Mecklar übernommen und die Altleitung abgebaut. Seit 2024 existiert noch der Abschnitt nördlich Godenau bis Lehrte im Besitz vom Übertragungsnetzbetreiber Tennet TSO; er ist zum größten Teil noch auf den Originalmasten verlegt.
Geschichte Gründung der Preußenelektra und Ausdehnung des Netzgebiets Die Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, kurz Preußenelektra oder PREAG, entstand im Oktober 1927 durch eine Fusion dreier Vorgängerunternehmen: Preußische Kraftwerke Oberweser AG mit Sitz in Kassel: Das durch den preußischen Staat im September 1923 gegründete Unternehmen diente dem Zweck, sich an Energieerzeugungs- und versorgungsanlagen in der preußischen Provinz Hessen-Nassau zu beteiligen und diese hierfür in einer Gesellschaft zu bündeln. Hierzu gehörten mehrere Wasserkraftwerke am Main zwischen Aschaffenburg und Frankfurt. Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG, ebenfalls mit Sitz in Kassel: Die 1921 gegründete Gesellschaft forcierte sich auf die Nutzung der Braunkohle im Borkener Revier, die mit einem seit 1922 in Bau befindlichen Großkraftwerk verstromt werden sollte. Großkraftwerk Hannover AG mit Sitz in Ahlem: Dieses Unternehmen betrieb seit 1925 ein Steinkohlekraftwerk, das die Stadt Hannover mit elektrischem Strom versorgte. Zum Zeitpunkt der Unternehmensverschmelzungen dehnte sich das Versorgungsgebiet der neu gegründeten Preußenelektra schon von der Weser nördlich von Hannover bis nach Südhessen aus, wobei der Main größtenteils die südliche Grenze des Gebiets bildete. Die Struktur der drei Vorgängerunternehmen wurde in den Grundzügen beibehalten, indem das Kraftwerks- und Leitungsnetz in die Abteilung Kassel, Abteilung Borken und Abteilung Hannover aufgeteilt wurde.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Entwicklung und Ziele. Frisch, Berlin 1931, S. 8 Hauptsitz des Unternehmens, das sich im Besitz des preußischen Staates befand, wurde jedoch Berlin.
Schon vor Gründung der Preußenelektra wurden erste Schritte gemacht, ein Hochspannungs-Verbundnetz zwischen den einzelnen Energieversorgern mit Kuppelleitungen zu errichten. So entstand In den Jahren 1923 und 1924 eine 60-kV-Leitung der Preußischen Kraftwerk Oberweser AG vom Kraftwerk Borken ausgehend über die Umspannwerke Felsberg und Sandershausen nach Hann. Münden, das von Norden her über eine 60-kV-Leitung der Großkraftwerk Hannover AG angebunden wurde, die 1926 von Hann. Münden nach Grone und 1927 von Grone zum bestehenden Netz in Hardegsen fertiggestellt wurde.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927 – 1952. Hannover 1952, S. 93 Diese Leitung wiederum führte vom Großkraftwerk Hannover-Ahlem über die Umspannwerke Rethen, Hildesheim, Godenau, Greene, Hardegsen und Grone nach Hann. Münden. In erster Linie war die so entstandene Leitungsverbindung jedoch nicht als Kupplung der beiden Wärmekraftwerke gedacht, sondern diente vorrangig der Stromversorgung im jeweils zugeschlagenen Netzgebiet.
Erste Pläne für eine Verbundleitung Das Berliner Magazin der Wirtschaft berichtete in seiner 16. Ausgabe vom April 1929 über die vorausgegangenen Pläne des neuen Energieversorgungsunternehmens, die Stromerzeugung und -verteilung in ihrem bereits relativ großen Netzgebiet wirtschaftlicher zu gestalten. Der damalige Trend weg von den städtischen Elektrizitätswerken hin zu einer zentralisierten Stromerzeugung in Großkraftwerken machte eine Neukonzeption der bestehenden Infrastruktur notwendig, um eine zuverlässige Energieversorgung zu gewährleisten.Dr. Kurt Bloch: Höchstspannungs-Leitungen Magazin der Wirtschaft (Berlin), Ausgabe 16, S. 192f
Als Vorreiter dieser Entwicklung galt zur damaligen Zeit das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk (RWE), das unter ihrem technischen Vorstand Arthur Koepchen zu diesem Zeitpunkt ein in diesen Dimensionen bisher noch nicht erreichtes energiewirtschaftliches Großprojekt initiierte. Durch die Beteiligung an zahlreichen Energieversorgungsunternehmen entlang eines Korridors zwischen dem Kerngebiet des Unternehmens im Rheinland mit seinen Braunkohlevorkommen und den Vorarlberger Alpen sowie dem Südschwarzwald konzipierte man eine Sammelschiene, deren Kernstück eine mit 220 kV betriebene Doppelleitung war, die entlang der Strecke in mehreren Umspannwerken sowohl die Energie aus Braunkohle- als auch aus Wasserkraftwerken aufnahm und sie wiederum im gesamten Netzgebiet verteilen konnte. Je nach Tageszeit konnte so billiger Nachtstrom aus den alpinen Wasserkraftwerken in die Industriezentren an Rhein, Main und Ruhr geführt werden, andersherum konnten mit dem günstig erzeugten Strom der Braunkohlekraftwerke die Wasserpumpen ebenjener Speicherkraftwerke betrieben werden. Diese Nord-Süd-Leitung ging bereits 1926 in einem ersten Teilabschnitt in Betrieb.
Auch die Preußenelektra sah sich mit dem Bau von Leitungen höherer Spannung konfrontiert, als 1928 das Kraftwerk Ahlem seine Produktion auf einen neuen Höchststand brachte. Jedoch war der in Ahlem erzeugte Strom aus Steinkohle in der Kilowattstunde deutlich teurer zu produzieren als der Braunkohlestrom in Borken. Während der Brennstoff in Ahlem vom Deister sowie aus dem fernen Ruhrgebiet her geliefert werden musste, befand sich das Kraftwerk Borken in direkter Nachbarschaft zu größeren Tagebauen. Zudem war Nordhessen zu dieser Zeit sehr dünn besiedelt und fast nicht industrialisiert, weshalb der billige Braunkohlestrom zwar im Überschuss zur Verfügung stand, in der Region jedoch zu wenig Absatz fand. Eine Übertragung des Stroms über die bestehende 60-kV-Leitung nach Hannover, der einzigen Verbindung zwischen nördlichem und südlichem Netzgebiet, war wirtschaftlich nicht machbar, da die Übertragungsverluste auf dieser Spannungshöhe im Vergleich zur Gesamtlänge der Leitung zu einem zu hohen Verlust an elektrischer Leistung führen.
Bei Betrachtung der Nord-Süd-Leitung des RWE, die sogar vorausschauend für eine Spannungshöhe von 380 kV ausgebaut, aber zunächst nur mit 220 kV betrieben werden sollte, stellte man fest, dass eine in Erwartung auf höhere Kapazitäten gebaute, also für die zunächst zur Verfügung stehende elektrische Leistung „zu groß“ dimensionierte Freileitung trotz der anfangs nicht wirtschaftlichen Nutzung immer noch rentabler zu betreiben ist als ein Weiterbetrieb bestehender Leitungen niedrigerer Spannung. In letztgenanntem Fall wäre es durch die hohen jährlichen Abschreibungsquoten zu noch höheren finanziellen Verlusten gekommen.
Jedoch konnte man die Erkenntnisse des RWE-Leitungsnetzbetriebs nicht ohne weiteres auf das Netz der Preußenelektra übertragen. Im hier vorliegenden Fall war kein vergleichsweise eng vermaschtes Netz, sondern nur eine einzige Leitungsverbindung zwischen beiden Regionen vorhanden, insofern erschien der Bau einer 220-KV-Leitung noch sehr viel rentabler. Sogar noch stärker für den Bau einer neuen Höchstspannungs-Verbundleitung sprach der großflächig geplante und teilweise schon in der Realisierung befindliche Ausbau weiterer Kraftwerkskapazitäten in Nordhessen: Das Pumpspeicherkraftwerk Waldeck am Edersee und eine Erweiterung des Kraftwerks Borken um mehrere Kessel, beides seit 1928 in Bau.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1928. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1929, S. 8
Leitungsbau mini|Nördlicher Endpunkt: Umspannwerk Lehrte mini|Ehemals südlicher Endpunkt: Kraftwerk Borken (1987) Die Errichtung der Leitung Lehrte–Borken wurde nach mehrmonatiger Projektierung vom 1. Mai bis zum 15. September des Jahres 1929 durchgeführt. Unter dem Titel „Die 220-kV-Leitung Borken – Hannover“ drehte der Fotograf Paul Wolff eine Kurzdokumentation über die Bauarbeiten. Im Geschäftsbericht 1929 wird bereits die Fertigstellung und Inbetriebnahme der Leitung vermeldet.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1929. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1930, S. 9 Jedoch wurde sie nicht von Beginn an mit der vorgesehenen Spannung von 220 kV betrieben, sondern zunächst nur mit einem aufgelegten Stromkreis und 110 kV Spannung. Zusammen mit dem Leitungsbau entstand in Lehrte östlich von Hannover, am nördlichen Endpunkt, das neue Hauptumspannwerk Lehrte, das als Hauptschaltstelle des geplanten Höchstspannungsnetzes der Preußenelektra fungieren sollte.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1930. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1931, S. 7
Ein Jahr nach Fertigstellung der Leitung Lehrte–Borken folgte im Jahr 1930 der Bau der Leitung Waldeck–Borken, die das mittlerweile fertiggestellte Pumpspeicherkraftwerk Waldeck mit der Schaltanlage des Kraftwerks Borken verband.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1930. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1931, S. 8 Mit Beginn des Probebetriebs im Kraftwerk Waldeck ging 1931 diese Leitung, ebenfalls mit vorerst 110 kV Spannung, in Betrieb.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1931. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1932, S. 6
1935 begann die Preußenelektra eine zweite 220-kV-Leitung von Lehrte zum Kraftwerk Harbke der Braunschweigischen Kohlen-Bergwerke AG (BKB) zu bauen.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Bericht über das Geschäftsjahr 1934/35. Preußische Druckerei- und Verlags-A.-G. Berlin 1935, S. 8 Dieses Unternehmen wurde Ende der 1920er Jahre durch Übernahme der Aktienmehrheit unter der Preußenelektra und den Elektrowerken aufgeteilt, nachdem im Sommer 1927 die zwischen beiden Unternehmen umstrittenen Versorgungsgebiete abgegrenzt wurden. Zur selben Zeit baute das RWE in Zusammenarbeit mit den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW) eine Fortsetzung ihrer ersten 220-kV-Teststrecke, der vormaligen Leitung Ronsdorf–Genna, über das Koepchenwerk und Gersteinwerk nach Osten bis in Höhe von Bielefeld. Da das RWE bereits im Jahr 1925 Aktien der BKB kaufte, plante es diese Leitung als Anbindung der Kraftwerksstandorte bei Helmstedt.