mini|Aufräumarbeiten nach dem Brand Der Grossbrand von Schweizerhalle ereignete sich am 1. November 1986 im Industriegebiet «Schweizerhalle» bei Basel in der Schweiz und löste eine Giftwelle im Rhein aus. Eine Lagerhalle des damaligen Chemiekonzerns Sandoz (heute Novartis) mit Chemikalien geriet in Brand. In dessen Folge gelangte mit Pflanzenschutzmitteln belastetes Löschwasser in den Rhein, was zu einem Fischsterben flussabwärts bis Mannheim führte. Weithin sichtbar war eine zusätzliche Verschmutzung des Rheinwassers mit einem roten Farbstoff, der jedoch ungiftig war. Der Brand weckte, durch die in Richtung Basel gewehte stinkende Rauchwolke und den in der Region ausgelösten Sirenenalarm, bedrohliche Erinnerungen an die Chemie-Katastrophe von Bhopal vom 3. Dezember 1984.

Ablauf des Unglücks mini|Der Rhein zwischen Grenzach-Wyhlen (D, unten) und Schweizerhalle aus der Luft. Die Brandstätte befindet sich oberhalb des blauen Gebäudes links vom Wald („Hardwald“, oben). mini|Industriegebiet Schweizerhalle Um 0:19 Uhr wurde der Brand entdeckt, der in einer Halle entstand, in der 1351 Tonnen Chemikalien lagerten. Die 160 Einsatzkräfte der Feuerwehr beschränkten sich darauf, umliegende Gebäude vor dem Übergreifen des Feuers zu schützen.heimatkunde-muttenz.ch: Abgerufen am 31. Oktober 2016. Die Flammen waren bis zu 60 m hoch und in der Nacht weithin zu sehen.badische-zeitung.de, Hintergrund, 31. Oktober 2016, Franz Schmider: Giftwolke über dem Dreiländereck. (3. November 2016).

Um 3:43 Uhr veranlassten die Behörden, die Bevölkerung der Nachbargemeinden (u. a. Muttenz und Basel) mit einem allgemeinen Sirenenalarm zu warnen. Sie forderten mit Lautsprecherdurchsagen dazu auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten sowie die Nachrichtensendungen im Radio zu verfolgen. Der vorherrschende Ostwind trug Rauch, Gestank und die Verbrennungsgase unbekannter Zusammensetzung in Richtung Basel. Die Sperrung der nahen Autobahn A2 und A3 und die Unterbrechung der Zugverbindungen nach Basel führte zum Erliegen des Verkehrs, bis gegen 7:00 Uhr von den Behörden Entwarnung gegeben wurde. Ein Phosgen-Tank neben der Halle blieb von dem Brand verschont. Das stark kontaminierte Löschwasser gelangte durch einen Abwasserkanal an jener Stelle in den Rhein, wo ein Feuerlöschboot dem Fluss das zur Brandbekämpfung nötige Wasser entnahm – so wurden verschiedene Chemikalien wieder ins Feuer gespritzt und lösten unerwartete Reaktionen aus.Aussage von Walter Stutz, dem an der Untersuchung beteiligten Chemiker bei 4:46: https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/b6887074-ad74-4663-849a-0054cbd6434a

Mehrere Menschen erlitten durch den Brand akute Schäden – drei Personen mit Asthma, die in einem Krankenhaus behandelt wurden. In den Folgetagen mussten darüber hinaus noch über 1250 Personen aufgrund von Atemwegs-Reizungen behandelt werden.Franz Schmider: Seit der Sandoz-Katastrophe ist der Rhein sauberer geworden. In: badische-zeitung.de, 31. Oktober 2016, abgerufen am 31. Oktober 2016.

Mit dem abfliessenden Löschwasser (ca. 10'000 bis 15'000 m3) gelangten rund 30 Tonnen Pflanzenschutzmittel, v. a. die Insektizide Disulfoton, Thiometon, Parathion und Fenitrothion in den Rhein (Halbwertszeit von 30 bis 50 Tagen).

Dort löste die GiftwelleAls Beleg für den in Deutschland üblichen Sprachgebrauch «Giftwelle» sei hier verwiesen auf Der Sandoz-Unfall: Vor 25 jahren färbte sich der Rhein blutrot. stern.de, 1. November 2011, abgerufen am 4. August 2023. bis in den Mittelrhein ein grosses Fischsterben aus, insbesondere wurde auf einer Länge von 400 km die gesamte Aalpopulation (ca. 150'000 Individuen) ausgelöscht. Noch in Karlsruhe wurde eine Spitzenkonzentration von 25 μg/l Disulfoton gemessen.Walter Giger: Der Rhein rot, die Fische tot. Brandkatastrophe in Schweizerhalle 1986 – Rückblick und Bilanz. UWSF – Z Umweltchem Ökotox, 19, Sonderausgabe 1 (2007), doi:10.1065/uwsf2007.03.165. Die Wasserwerke rheinabwärts wurden erst am 3. November informiert.

Am 11. November 1986 wurde durch die Analyse von Wasserproben nachgewiesen, dass zeitgleich zur Rheinverschmutzung durch das kontaminierte Löschwasser aus dem Sandoz-Areal auch 0,4 Tonnen Atrazin vom benachbarten Chemieunternehmen Ciba-Geigy in den Rhein geleitet worden waren.Walter Reinhard: 25 Jahre SANDOZ-Katastrophe am Rhein – Auswirkungen auf den Gewässerschutz. 23. November 2011, abgerufen am 31. Oktober 2016.

Das dynamische Fliessgewässer-System und die Organismen hatten sich nach wenigen Monaten vom Unglück erholt.. – Medienmitteilung der Eawag vom 1. November 2006. Allerdings wurde die Einwanderung exotischer Arten stark begünstigt, die unvorteilhaft auf das ökologische Gleichgewicht wirken.Der Rhein lebt – aber anders. Video in: Menschen Technik Wissenschaft, 26. Oktober 2006 (5:19 Minuten). Der in den Rhein gelangte, als harmlos bezeichnete rote Farbstoff bewirkte zudem eine starke Färbung des Wassers.Patrick Müller: Sandoz-Katastrophe: «Damals roch man den Rhein, bevor man ihn sah». In: badische-zeitung.de, 31. Oktober 2016, abgerufen am 31. Oktober 2016.

Ursachen mini|Blick von der deutschen Rheinseite oberhalb Grenzach-Wyhlen nach Schweizerhalle Der offizielle Untersuchungsbericht gelangte (nur «aufgrund theoretischer Überlegungen») zum Schluss, dass beim Verpacken von Paletten mit Berliner Blau die falsche Handhabung einer «Schrumpfpistole» zu einem Glutherd führte. Max Hubmann, damals Chef des wissenschaftlichen Dienstes der Stadtpolizei Zürich, untersuchte die Brandursache vor Ort; sein Fazit: «Mit grosser Wahrscheinlichkeit war das Schrumpfen von Plastik über Berliner Blau die Ursache des Grossbrands.»Martin Forter: Die Sicherheit entsprach nicht dem Stand der Technik. In: Berner Zeitung vom 19. Dezember 1990.

Dass der Agro-Markier-Farbstoff Berliner Blau zu Glimmbränden mit späterem Brandausbruch neigt, war bei Sandoz schon Mitte der sechziger Jahre bekannt, wie aus internen Dokumenten hervorgeht, welche die Basler Zeitung im Jahr 2000 auszugsweise veröffentlichte; sie hielt fest:

Im Jahr 2000 soll der ehemalige leitende CIA-Mitarbeiter Vincent Cannistraro (gest. 2019) gegenüber der Fernsehsendung ZDF-History geäußert haben, der Brand sei von der Stasi im Auftrag des KGB verursacht worden, um von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl abzulenken.War Schweizerhalle-Katastrophe ein Sabotageakt? swissinfo.ch, 20. November 2000.

Im März 2017 legte die Basler Zeitung neue Recherchen an den Tag, die ebenfalls die offizielle Brandursache «Berliner Blau» in Frage stellen. Ehemalige Sandoz-Mitarbeiter sagten gegenüber der Zeitung, dass man am Tag des Brandes ein grosses Feuerwerk für einen scheidenden Kadermitarbeiter geplant hatte. Die Feuerwerkskörper seien in der Lagerhalle 956 deponiert worden. In dieser Halle sei gemäss den Ermittlern auch der Brand ausgebrochen. Die Sandoz-Mitarbeiter nennen die versehentliche Entzündung der Feuerwerkskörper als eigentliche Brandursache. Bislang konnte dies von offizieller Seite nicht bestätigt werden.

Folgen Die Bekämpfung der Brandkatastrophe Schweizerhalle führte durch die Versickerung von grossen Mengen an belastetem Löschwasser zu einer unmittelbaren Boden- und Grundwasserverschmutzung des Standorts. Die anschliessende Sanierung fand in enger Absprache mit den zuständigen Aufsichtsbehörden, dem Amt für Umweltschutz und Energie Basel-Landschaft (AUE BL) statt, erreichte jedoch nur zwei von drei festgelegten Sanierungsvorgaben. (PDF; 41 kB). Fragen- und Antwortenkatalog des Amts für Umweltschutz und Energie Basel-Landschaft zum Thema Schweizerhalle. Abgerufen am 26. Juli 2012. Die altlastenrechtliche Neubeurteilung des AUE BL vom 21. September 2011,Unfallstandort „Sandoz Brand“ in Schweizerhalle: Belasteter Standort mit Überwachungsbedarf – Medienmitteilung. Medienmitteilung des Amts für Umweltschutz und Energie Basel-Landschaft. Abgerufen am 2. Februar 2017. welche in der 1998 eingeführten Altlastenverordnung vorgesehen ist,Altlastenverordnung kam zum Schluss, dass keine weiteren Sanierungsmassnahmen notwendig seien, da die gemessenen Oxadixyl-Konzentrationen nur 0,2 % des gesetzlich definierten Sanierungswerts erreichen. Weiter kam das AUE BL im Rahmen der Neubeurteilung zum Schluss, dass die Trinkwasserfassungen der Hardwasser AG und der Gemeinde Muttenz durch den Unfallstandort Schweizerhalle nicht gefährdet seien. Gemäss schweizerischem Altlastenrecht handelt es sich beim Unfallstandort Schweizerhalle um einen belasteten Standort mit Überwachungsbedarf: Von Sandoz für eine Versicherung angefertigte Unterlagen weisen als Brandreste 8700 Kilogramm teils hochgiftige Pestizide sowie 134 Kilogramm Quecksilber aus; das belastete Erdreich wurde laut schweizerischem Bundesamt für Umwelt bis zu einer Tiefe von 11 m ausgehoben und gewaschen sowie der Platz mit einer Betonplatte abgedeckt.badische-zeitung.de, 2. November 2016: Boden ist immer noch belastet (3. November 2016).

2016 waren am Boden noch Spuren des Pflanzenschutzmittels Oxadixyl nachweisbar. Anfang 2017 wurde eine altlastenrechtliche Neubeurteilung der von der Brandstätte ausgehenden Gefährdung vorgenommen.

Als Konsequenz des Unfalls erkannte Sandoz die Notwendigkeit, die Informationsgrundlage für Risiken zu verbessern, und entwickelte eines der ersten Nachhaltigkeitsmanagementsysteme, heute bekannt unter doCOUNT 2.0 Sustainability Performance Management Suite.. Zur Erinnerung an die Katastrophe befindet sich im Kreuzgang des Basler Münsters die Plastik Markttische von Bettina Eichin.

Die zuständigen Ministerien der Rheinanliegerstaaten in Zusammenarbeit mit der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins erliessen das Aktionsprogramm Rhein, eine Einrichtung zum Warnen von Rhein-Anliegern (Rheinalarm). Abgerufen am 1. November 2016.

Dokumentationen mini|Dem Grossbrand gewidmete Skulptur Markttische von Bettina Eichin im Kreuzgang des Basler Münsterscommons:Category:Markttische (Cloister of Basel Münster): „Das Kunstwerk Markttische steht seit Dezember 2010 im Kreuzgang des Basler Münsters. Es ist ein Werk von Bettina Eichin, entstanden um 1986. Es besteht aus zwei Skulpturen-Gruppen: Die eine stellt einen mit Gemüse beladenen Markttisch dar, die zweite einen leeren Markttisch in dessen Tischplatte das Gedicht Die Vergänglichkeit von Johann Peter Hebel aus dem Jahr 1803 eingraviert ist. Die darunter befindliche Angabe „Z.B., 1. NOV. 1986, 00.19H“, bezieht sich auf den Grossbrand in der Schweizerhalle, welcher dazu führte, dass das Kunstwerk nicht in wie vorgesehen auf dem [Basler] Marktplatz aufgestellt wurde.“

Katastrophe von Schweizerhalle (1986) | SRF Archiv In: Schweizer Fernsehen vom 29. Oktober 1996 (07:30 Minuten) 20 Jahre nach Schweizerhalle. In: Menschen Technik Wissenschaft vom 26. Oktober 2006 (12:28 Minuten) Als die Schweiz den Atem anhielt: Der Brand von Schweizerhalle. In: DOK vom 19. Juli 2011 (37:31 Minuten) Falscher Alarm. Radio-Feature von Lukas Holliger, Radio SRF 2016. Dossier Schweizerhalle des Bundesamtes für Umwelt (2016)

Rezeption Lukas Holliger, 2016: Falscher Alarm. Hörspiel aus Liveberichten von Radio Basilisk und Sondersendungen der DRS-Medien (Schweizer Radio DRS, Schweizer Fernsehen) zu dem Sandoz-Unglück.

Siehe auch Fischsterben im Mittelrhein im Juni 1969 Liste von Brandkatastrophen Liste von Chemiekatastrophen

Literatur Schweizerhalle. Bericht des Regierungsrates an den Landrat (Baselland), 1987. Nikolai A. Behr: Die Entwicklung des Rheinschutz-Regimes unter besonderer Berücksichtigung des Sandoz-Unfalls vom 1. November 1986. brain script-Verlag, München 2003, 228 S., ISBN 3-9808678-0-3. Walter Giger: Der Rhein ist rot, die Fische tot: Brandkatastrophe in Schweizerhalle 1986 – Rückblick und Bilanz. In: UWSF, 19(1), 11–23, doi:10.1065/uwsf2007.03.165. Martin Forter: Falsches Spiel. Die Umweltsünden der Basler Chemie vor und nach «Schweizerhalle». Chronos Verl., Zürich 2010, ISBN 978-3-0340-1007-8.