mini|Charles Jervas: Georg II. im Krönungsornat (National Portrait Gallery, London)

Riccardo Primo, Re d’Inghilterra (HWV 23) ist eine Oper (Melodrama) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 11. November 1727 im King’s Theatre am Haymarket in London erlebte. Es war Händels dritte von insgesamt fünf Opern mit zwei Primadonnenrollen für Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni.

Die Handlung dreht sich um den legendenumwobenen englischen König Richard Löwenherz und seinen Aufenthalt auf Zypern im Jahr 1191.

Entstehung

Händel komponierte die Oper im Frühling 1727, kurz nachdem ihm im Februar des Jahres die britische Staatsbürgerschaft durch Georg I. verliehen worden war.. In: parliament.uk. Die Tatsache, dass es sich um seine einzige Oper mit einem Thema aus der englischen Geschichte handelt, wird in der Literatur häufig und durchaus plausibel mit diesem biografischen Hintergrund in Zusammenhang gebracht.Annette Kreutziger-Herr: Riccardo primo, Re d’Inghilterra (HWV 25), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 188

Das vorläufige Ende der Komposition notierte der Komponist am Ende seiner Partitur: „Fine dell’ Opera | G.F.H. May 16. 1727“.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (unveränderter Nachdruck: Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 300 f.

Falls die Oper ursprünglich noch im Juni aufgeführt werden sollte, wurde dies durch mehrere unvorhersehbare Ereignisse verhindert. Nachdem zwischen den Anhängern der beiden Primadonnen Bordoni und Cuzzoni ein echter Theaterkrieg entstanden war, der im Frühling 1727, also zur Entstehungszeit des Riccardo Primo, eskalierte, lieferten sich die beiden Parteien am 6. Juni mitten in einer Aufführung von Bononcinis Astianatte eine regelrechte Schlacht. Der Skandal war umso größer, als das Ganze in Gegenwart von Prinzessin Caroline, der Gemahlin des Thronfolgers, stattfand; die Aufführung wurde sofort beendet und das Theater musste vorerst schließen, damit sich die Gemüter erst einmal beruhigen konnten. Nur fünf Tage später, am 11. Juni 1727, starb jedoch Georg I. während einer Reise in seine ehemalige Heimat in Osnabrück, und nun mussten alle Theater wegen Staatstrauer geschlossen bleiben.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 104–105. Riccardo Primo, bei Handel & Hendrix in London (englisch; Abruf am 21. Dezember 2025)

Händel erhielt im August 1727 den Auftrag, die Musik für die Krönung König Georgs II. am 11. Oktober in Form der vier Coronation Anthems zu komponieren.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 104–105.

Wahrscheinlich, um die Oper als „Krönungsoper“ besser tauglich zu machen, unterzog Händel zusammen mit dem Librettisten Paolo Antonio Rolli die Partitur zu Riccardo Primo einer gründlichen Revision, so dass von einer (rekonstruierbaren) ersten und einer endgültigen zweiten Fassung gesprochen werden kann.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 65–70

Einen Monat nach der Krönung Georgs II., am 11. November 1727, wurde Riccardo Primo in der endgültigen Version am King’s Theatre am Haymarket uraufgeführt, mit der folgenden Besetzung: Riccardo – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Costanza – Francesca Cuzzoni (Sopran) Isacio – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Pulcheria – Faustina Bordoni (Sopran) Oronte – Antonio Baldi (Altkastrat) Berardo – Giovanni Battista Palmerini (Bass).Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 79

Aufgrund der besonderen Umstände waren zuvor neue Bühnenbilder von Joseph Goupy und Peter Tillemans entworfen worden. Es sind so gut wie keine Reaktionen auf die Oper überliefert, außer von Händels Nachbarin Mrs. Pendarves, die schrieb, sie sei „delightful“ (bezaubernd, entzückend).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 155. Die Oper kam bis Mitte Dezember des Jahres auf elf Vorstellungen; unklar ist, ob noch weitere Vorstellungen im Januar 1728 stattfanden.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 155–156. Danach wurde das Stück von Händel nicht wieder aufgenommen, jedoch übernahm er Teile der Musik in andere seiner Werke.

Aufführungsgeschichte mini|Richardus I. deutsches Libretto für die 1729er Aufführungen an der Hamburger Oper am Gänsemarkt. In den 1730er Jahren stand die Oper auch in Hamburg und Braunschweig auf dem Spielplan: An der Hamburger Oper am Gänsemarkt wurde sie unter dem Titel Der Mißlungene Braut=Wechsel Oder Richardus I. König von England am 3. Februar 1729 mit einer deutschen Übersetzung der Rezitative von Christoph Gottlieb Wend aufgeführt. Die musikalische Leitung dieser Aufführung hatte Georg Philipp Telemann, der für die der Handlung hinzugefügten bukolischen Personen auch die Arien schrieb und die deutschen Rezitative Wends vertonte. Diese Fassung wurde in der Neuzeit am 15. März 1996 in Magdeburg erstmals wieder von der Akademie für Alte Musik Berlin unter Leitung von Nicholas McGegan aufgeführt.

1729 und 1734 kam die Oper als Riccardus genannt Das Löwen-Herz, König in Engelland auch in Braunschweig auf die Bühne. Georg Caspar Schürmann hatte für die Rezitative und den Schlusschor eine deutsche Textfassung gemacht und hatte bei den Aufführungen 1729 auch die musikalische Leitung. 1734 leitete die Vorstellungen Carl Heinrich Graun.

Arien aus Riccardo Primo waren auch in einigen Pasticcios zu hören (Oreste, London 1734, Hermann von Balcke, Elbing 1737, und Lucio Vero, London 1747).

Die erste moderne Wiedergabe der Oper fand am 8. Juli 1964 in englischer Sprache (Textfassung: Arthur Jacobs) im Sadler’s Wells Theatre in London mit der Philomusica of London unter Leitung von Charles Farncombe statt. Erstmals in seiner historischen Gestalt war das Stück bei einer konzertanten Aufführung im französischen Fontevraud-l’Abbaye im Zusammenhang mit der CD-Produktion des gesamten Werkes am 3. Juni 1995 durch Les Talens Lyriques unter Christophe Rousset zu hören.

Libretto Im Vorwort zum gedruckten Libretto ist zu lesen, dass der Text „fast ganz“ von Paolo Antonio Rolli geschrieben worden sei („II drama è quasi tutto del Sig. Paolo Rolli“). Rolli benutzte jedoch als Vorlage Francesco Brianis Libretto Isacio Tiranno, das im Herbst 1710 in einer Vertonung von Antonio Lotti im Teatro San Giovanni Grisostomo in Venedig aufgeführt worden war, teilweise mit denselben Sängern – namentlich Margherita Durastanti und Diamante Maria Scarabelli –, die im Karneval zuvor in Händels Agrippina gesungen hatten.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 65

Wie aus dem Autograph hervorgeht, hielt sich Rolli vor allem in der ersten, im Mai 1727 fertiggestellten Fassung des Riccardo noch relativ eng an Brianis Vorlage, nahm allerdings die üblichen Kürzungen, besonders in den Rezitativen, vor und brachte für die Cuzzoni und die Bordoni die beiden Frauenrollen der Costanza und der Pulcheria in ein Gleichgewicht, da Costanza bei Briani (mit elf gegen sieben Arien) allzu eindeutig die prima donna war.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 65–66 In der Revision für die Uraufführung im November nahm Rolli dann zusätzliche Änderungen vor, unter anderem wurde die ursprünglich als Hosenrolle für die Altistin Anna Vincenza Dotti konzipierte Partie des „Corrado“, eines Vertrauten von Riccardo, gestrichen, da diese Sängerin inzwischen das Ensemble verlassen hatte.Anthony Hicks: Riccardo Primo (Riccardo Primo, re d’Inghilterra (‘Richard I, King of England’)), in: Grove Music Online, 1992/2002 (englisch; Abruf nur mit Abo) Da die Oper so kurz nach der Krönung Georgs II. gegeben werden sollte und die Titelfigur des Richard Löwenherz nun „als Vorbild für Großmut“ dienen konnte und sollte, wurde der Charakter des Riccardo, der ursprünglich härter und unversöhnlicher gezeichnet war, abgemildert. Darüber hinaus „polierte“ Rolli auch die Sprache auf,Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 67 behielt aber trotzdem vor allem im ersten und im zweiten Akt (bis Szene 6) viele Rezitative Brianis fast wörtlich bei. Einige Arien wurden etwas umgeschrieben, andere neu verfasst.Emilie Dahnk-Baroffio: Zur Quelle von Händels Riccardo Primo. Göttinger Händel-Festspiele 1970, Programmheft, Göttingen 1970, S. 87 ff.John Merrill Knapp: The Autograph of Handel’s Riccardo primo. Studies in Renaissance and Baroque Music in Honor of Arthur Mendel. Robert Lewis Marshall (Hrsg.), Bärenreiter-Verlag, Kassel 1974, ISBN 978-0-913574-26-3.

Es fällt außerdem auf, dass die beiden Frauenrollen – abgesehen von einer Szene, in der Pulcheria ihren Verlobten Oronte erwischt, wie er Costanza schmeichelt –, dramaturgisch nicht in Konkurrenz miteinander stehen, sondern dass Pulcheria ein eindeutig freundschaftliches und loyales Verhältnis zu Costanza und dem primo uomo Riccardo pflegt. Diese betont friedliche Konstellation dürfte von Händel und den Beteiligten angesichts des zuvor eskalierten Theaterkriegs um die angeblichen „Rival queens“ als ideal empfunden worden sein.

Handlung Historischer und literarischer Hintergrund mini|Richard Löwenherz und Berengaria von Navarra. Buchmalerei, 13. Jhd.

Im Mittelpunkt der Oper steht der englische König Richard Löwenherz (Riccardo), der im Jahre 1191, im Vorfeld des Dritten Kreuzzuges, Zypern eroberte und dort Berengaria von Navarra heiratete, die in der Oper „Costanza“ heißt. Zypern wurde zuvor von Isaak Komnenos (Isacio) als Gouverneur regiert, dessen Tochter (in der Oper „Pulcheria“) zu dieser Zeit in der historischen Wirklichkeit noch ein Kind war, das von Berengaria als eine Art Mündel aufgenommen wurde.Anthony Hicks: Riccardo Primo (Riccardo Primo, re d’Inghilterra (‘Richard I, King of England’)), in: Grove Music Online, 1992/2002 (englisch; Abruf nur mit Abo)

Erster Akt (Riccardo befindet sich auf Kreuzzug nach Jerusalem und hat seine Hochzeit mit Prinzessin Costanza geplant. Schlechtes Wetter reißt seine Flotte bei der Fahrt übers Mittelmeer auseinander.) Costanza und Berardo haben an der Küste Zyperns Schiffbruch erlitten; Costanza ist überzeugt, dass Riccardo ertrunken ist. Isacio, Pulcheria und Oronte treten auf, und Isacio fragt die Gestrandeten aus. Costanza verheimlicht ihre Identitäten und sagt, dass sie „Doride“ heiße und Berardo ihr Bruder „Narsete“ sei. Isacio ist von ihrer Schönheit hingerissen; er lädt sie in seinen Palast ein und weist Pulcheria an, sich auf ihre Hochzeit mit Oronte vorzubereiten. Dann befiehlt er Oronte, die Überreste der englischen Schiffe zu zerstören. Ein Lagerzelt nahe am Ufer. Riccardo hat erfahren, dass Costanza am Leben sei, und bringt seine Liebe zum Ausdruck, obwohl er sie noch nie gesehen hat. Er plant, inkognito in Isacios Palast zu gehen. Costanza und Berardo sind allein. Oronte und Pulcheria treffen ein, und Oronte macht Costanza zu Pulcherias Verdruss den Hof. Isacio wirbt um Costanza, die entsetzt zurückweicht. Sie fleht, allein gelassen zu werden, und geht ab. Oronte verkündet, dass ein Botschafter Riccardos angekommen sei. Costanza ist überglücklich, dass Riccardo noch am Leben ist.