hochkant|mini|Jörg Baberowski (2024)

Jörg Baberowski (* 24. März 1961 in Radolfzell am Bodensee) ist ein deutscher Geschichtswissenschaftler und Gewaltforscher. Seit 2002 ist er Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. Baberowski hat sich auf die Geschichte der Sowjetunion und des stalinistischen Terrors spezialisiert.

Leben

Jörg Baberowski wurde als Sohn des Lebensmitteltechnologen Felix Baberowski und dessen Frau Gertrud Maria, geb. Witthaut, in Radolfzell geboren. Sein Großvater väterlicherseits stammte aus dem Gebiet des heutigen Polens und kam im späten 19. Jahrhundert als Soldat nach Deutschland. Baberowskis Vater wuchs im Rheinland auf. Die Familie mütterlicherseits entstammt einem streng katholischen Milieu in Paderborn.Mariam Lau: Diese radikalen Studenten. Im Streit um den Historiker Jörg Baberowski spiegelt sich die Geschichte der Bundesrepublik. Über die erstaunliche Begegnung mit einem Gejagten. In: Die Zeit, 12. April 2017. Baberwoski wuchs in Holzminden in Niedersachsen auf. Als Schüler engagierte er sich im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Simon Strauss: Natürlich kann auch ein Analphabet einen Asylgrund haben. In: FAZ.net, 20. September 2015. Im Juni 1982 legte er am Gymnasium Liebigstraße in Holzminden das Abitur ab.

Nach dem Abitur studierte Baberowski vom Wintersemester 1982/1983 an Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, wo Manfred Hildermeier zu seinem wichtigsten akademischen Lehrer wurde. Die russische Sprache brachte er sich im Selbststudium bei. Im Juni 1988 schloss er sein Studium mit einer Magisterarbeit über die Politische Justiz im ausgehenden Zarenreich 1864–1917 ab.Jörg Baberowski: Politische Justiz im ausgehenden Zarenreich 1864–1917. (Göttingen, Univ., Mag.-Arb., 1988).

Ab April 1989 war Baberowski wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte der Universität in Frankfurt am Main. An ihrer Historischen Fakultät wurde er im Januar 1994 mit einer von Dietrich Beyrau und Manfred Hildermeier betreuten Arbeit Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914 zum Dr. phil. promoviert.Jörg Baberowski: Autokratie und Justiz. Zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Rückständigkeit im ausgehenden Zarenreich 1864–1914. Frankfurt am Main 1996. Im Jahr 1994 wechselte er als Assistent an das Institut für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde der Universität Tübingen, wo er sich im Januar 2000 an der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät mit der Arbeit Auf der Suche nach Eindeutigkeit. Zivilisatorische Mission, Nationalismus und die Ursprünge des Stalinismus in Azerbajdžan 1828–1941 habilitierte.Habilitationsschrift: Auf der Suche nach Eindeutigkeit. Zivilisatorische Mission, Nationalismus und die Ursprünge des Stalinismus in Azerbajdžan 1828–1941 (Buchtitel: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus). Im Januar 2001 wurde ihm die Venia Legendi für Osteuropäische Geschichte verliehen. Während mehrerer Forschungsaufenthalte betrieb er Archivstudien, unter anderem in Aserbaidschan, Finnland und Russland.

Im April 2001 übernahm Jörg Baberowski vertretungsweise einen Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Universität Leipzig. Seit Oktober 2002 ist er Lehrstuhlinhaber für die Geschichte Osteuropas am Institut für Geschichtswissenschaften (IfG) der Humboldt-Universität zu Berlin, dessen Leitung er von 2004 bis Februar 2006 sowie 2008/2009 als Geschäftsführender Direktor innehatte. Von 2007 bis 2013 war er Sprecher des Sonderforschungsbereiches 640: „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“. 2008/2009 war er Prodekan und 2009/2010 Dekan der Philosophischen Fakultät I. Er war Mitglied des Forums Exzellenzinitiative, von 2012 bis 2015 war er Vorsitzender des Forums Geisteswissenschaften. Von 2004 bis 2006 und von 2007 bis 2009 war er Vorsitzender des Fördervereins des Instituts für Geschichtswissenschaften.

Baberowski ist mit einer Iranerin verheiratet, die aufgrund des theokratischen Systems im Iran in den 1980er Jahren nach Europa und in die Bundesrepublik Deutschland floh.Mitschnitt bei Youtube: ÖIF-Diskussion mit Jörg Baberowski (Minute 43:53).

Wirken Jörg Baberowski arbeitete zusammen mit Michael Wildt von 2012Zentrum für vergleichende Diktaturforschung veröffentlicht 29.05.2012, zuletzt geändert 25.08.2015 bis 2019 an der – schlussendlich gescheiterten – Gründung eines Zentrums für Diktaturforschung an der Humboldt-Universität. Zu diesem Zweck veranstaltete er mit Michael Wildt im Oktober 2017 zusammen mit und im Veranstaltungsraum der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur die Tagung Diktaturen als alternative Ordnungen als Auftaktkonferenz des interdisziplinären Verbunds für vergleichende Diktaturforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.Robert Kindler: Diktaturen als alternative Ordnungen. Auftaktkonferenz des interdisziplinären Verbunds für vergleichende Diktaturforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, in: H-Soz-Kult, 27. September 2017. Tagung zur vergleichenden Diktaturforschung.

Er ist Mitglied der Wissenschaftlichen Beiräte der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, des Zentrums gegen Vertreibungen und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur sowie der Beiräte für Publikationen des Goethe-Instituts, des Bürgerkomitees 15. Januar und von Clio-online. Baberowski gehört ferner dem Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte, dem Ausschuss vom Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands und dem Forschungskolleg „Der Erste Weltkrieg und die Konflikte der europäischen Nachkriegsordnung (1914–1923)“ am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin an. Er ist Mitglied im Netzwerk Wissenschaftsfreiheit.Netzwerk Wissenschaftsfreiheit: Mitglieder

Er ist Mitherausgeber folgender Reihen und Fachzeitschriften: Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Ordnungssysteme – Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Beiträge zur Geschichte Osteuropas, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte, Zeitschrift für Moderne Europäische Geschichte, Zeithistorische Forschungen, Kritika – Explorations in Russian and Eurasian History und Eigene und Fremde Welten – Repräsentationen sozialer Ordnung im Vergleich und Ab Imperio – Issledovanija po novoj imperskoj istorii i nacionalizmu v postsovetskom prostranstve.

Baberowski schrieb von Anfang 2016 bis Anfang 2018 eine Kolumne in der Basler Zeitung.Der erste Beitrag von Jörg Baberowski in der Kolumne der Basler Zeitung erschien am 7. Januar 2016 unter dem Titel Deutschland, Land der Tugendwächter und Untertanen. Die Redaktion wies in diesem Zusammenhang auf die neue Zusammenarbeit mit dem Historiker hin. Der letzte Beitrag erschien am 2. Januar 2018 (Bedienen wir uns unseres Verstandes).

Werk Dissertation In seiner Dissertation hinterfragte Jörg Baberowski den damals geltenden Kenntnisstand zur russischen Justizreform von 1864 und der nachfolgenden Rechtsentwicklung. Während viele Historiker des Zarenreichs meinten, konservative Juristen und Rechtspolitiker hätten sich im Zarenreich schließlich durchgesetzt und die Revolution von 1917 mit provoziert, betonte er, dass die Reformen von 1864 von Idealismus geprägt und eine Überforderung des rückständigen Landes gewesen seien; die sogenannten Gegenreformen von Alexander III. seien demnach eine Anpassung des Modernisierungsweges an die rückständigen Bedingungen Russlands.Friedrich-Christian Schroeder: Rußland und das Recht. Eine historische Untersuchung mit theoretischer Vorliebe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. April 1997, Nr. 76, S. 9.

Kritik am Fach Osteuropäische Geschichte Im Jahr 1998 konstatierte er ein Ende des Faches Osteuropäische Geschichte.Jörg Baberowski: Das Ende der Osteuropäischen Geschichte: Bemerkungen zur Lage einer geschichtswissenschaftlichen Disziplin. In: Osteuropa, Band 48, August/September 1998, S. 784–799, (erste Seite). Nach Ende der Sowjetunion und des Warschauer Paktes sah er eine Chance, die seiner Meinung nach zahlreich vorhandenen Defizite, die Isolation des Fachs und die aus seiner Sicht rückständigen Methoden durch Neuintegration in die entsprechenden modernen Strömungen der Neuzeit- und Zeitgeschichte zu überwinden. Um den Aufsatz entspann sich eine kontroverse Debatte insbesondere in der Zeitschrift Osteuropa um die Stellung der Osteuropa-Forschung in Deutschland.Rainer Lindner: Osteuropäische Geschichte als Kulturgeschichte. In: Digitales Handbuch zur Geschichte und Kultur Russlands und Osteuropas. Band 6, 2004 (epub.ub.uni-muenchen.de); zuerst in: Osteuropa. Band 53, Dezember 2003, S. 1757–1771.Günter Schödl: Forschung zur Geschichte der Habsburgermonarchie und Ostmitteleuropas seit den achtziger Jahren. Anmerkungen zu Schwerpunkten und Tendenzen. In: Dittmar Dahlmann (Hrsg.): Hundert Jahre Osteuropäische Geschichte. Franz Steiner, Stuttgart 2005, S. 124 f.Martin Schulze-Wessel: Geographie ist geduldig. Debatte über die Zukunft des Faches Osteuropäische Geschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 46, 24. Februar 1999.Jörg Baberowski: Das Ende Osteuropas und das Fach Osteuropäische Geschichte. In: Neue Zürcher Zeitung, 13./14. November 1999, S. 57. Beiträge der Debatte wurden im Sammelband Wohin steuert die Osteuropaforschung? veröffentlicht.Stefan Creuzberger, Ingo Mannteufel, Alexander Steininger, Jurra Unser (Hrsg.): Wohin steuert die Osteuropaforschung? Eine Diskussion. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 2000. Der auslösende Aufsatz von Baberowski ist dort nachgedruckt S. 27–42.

Theorie der Moderne Jörg Baberowskis wissenschaftliches Hauptthema ist die stalinistische Gewaltherrschaft in der Sowjetunion. Hierzu legte er zunächst – in seiner unter dem Titel Der Feind ist überall als Buch veröffentlichten Habilitationsschrift über den Stalinismus im Kaukasus ebenso wie in seiner ersten Gesamtinterpretation der Geschichte des Stalinismus, Der rote Terror (beide 2003) – eine vor allem an Zygmunt Baumans Theorie der Moderne orientierte Interpretation vor. Bauman hatte in seinem einflussreichen Buch Moderne und Ambivalenz die Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Holocaust, auf eine Tendenz der Moderne zurückgeführt, Eindeutigkeit in einer sozialen Welt herstellen zu wollen, die grundsätzlich ambivalent, komplex und vielfältig sei. Entgegen früheren Modernisierungstheorien begriff Bauman die Moderne nicht grundsätzlich als positive Fortschrittsgeschichte und die in ihr um sich greifende Gewalt folglich nicht als Rückfall oder Abirrung. Gewalt und Intoleranz seien vielmehr die logische Konsequenz einer Moderne, die radikal eindeutige Ordnungen herbeiführen wolle.Zygmunt Bauman: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Junius, Hamburg 1992.