mini|Zwei Niederländerinnen während der Hungersnot (Winter 1944/1945) Der Hongerwinter () oder die Niederländische Hungersnot im Winter 1944/45 war eine Hungersnot im Zweiten Weltkrieg, die sich gegen Ende der deutschen Besetzung der Niederlande während der Monate Oktober 1944 bis April 1945 ereignete. Besonders betroffen war das dicht besiedelte Holland.

Eine deutsche Blockade verhinderte ab September 1944, dass diese Region mit Nahrung und Brennstoffen aus den ländlicheren Regionen der Niederlande versorgt wurde. Von der Hungersnot, die im Oktober 1944 einsetzte, waren 4,5 Millionen Menschen betroffen, deren Lebensmittelversorgung bereits in den vorherigen Kriegsjahren rationiert gewesen war. Die Zahl der an Hunger Gestorbenen wird heute auf 18.000 bis 22.000 geschätzt.Rolf-Dieter Müller: An der Seite der Wehrmacht: Hitlers ausländische Helfer beim »Kreuzzug gegen den Bolschewismus«. S. 142. 2007, Ch. Links Verlag (Fischer Taschenbuch 2010, ISBN 978-3-596-18150-6). Ältere Quellen nennen als Folgen der Hungerkatastrophe 200.000 Verhungerte; diese Zahl wurde 1999 vom niederländischen Historiker David Barnouw widerlegt.David Barnouw (1999): De hongerwinter. S. 52, ISBN 978-90-6550-446-3. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Brennstoffen verbesserte sich erst nach dem Waffenstillstand von Achterveld am 30. April 1945.

Die Auswirkungen des Hungers auf die Menschen, die diese Hungersnot überlebten, waren Gegenstand medizinischer Langzeitstudien, die unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges begannen. Zu den Ergebnissen dieser Studien zählt die Erkenntnis, dass eine Hungerphase einer Schwangeren die körperliche und geistige Entwicklung des Fötus prägt. Das Neugeborene leidet daran sein Leben lang; sogar in der nachfolgenden Generation lassen sich noch Auswirkungen finden.

Verlauf Der Eisenbahnerstreik mini|Fallschirmjäger landen in den Niederlanden während der Operation Market Garden (September 1944) Im September 1944 versuchten die Alliierten im Rahmen der Operation Market Garden einen schnellen Vorstoß zum Rhein, der scheiterte. Befreit wurde nur der Süden der Niederlande. In dem Teil der Niederlande, der schließlich noch bis Ende April 1945 besetzt blieb, wurden die Lebensumstände der Bevölkerung deutlich härter.David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 93. Es kam zu einer Reihe von Repressalien durch die Besatzungsmacht gegenüber der Bevölkerung, gleichzeitig wurden die Auseinandersetzungen zwischen dem niederländischen Widerstand und den Deutschen zunehmend erbitterter. Ertappte Widerstandskämpfer wurden nun umgehend erschossen, die von ihnen genutzten Häuser niedergebrannt.David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 94.

Auf Anordnung von Prinz Bernhard und der niederländischen Exilregierung in London begannen die niederländischen Eisenbahner in demselben Monat einen Streik und tauchten in den Untergrund ab, um den deutschen Nachschub lahmzulegen.Horst Lademacher: Geschichte der Niederlande. Politik – Verfassung – Wirtschaft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, ISBN 3-534-07082-8, S. 451. Dieser allgemeine Eisenbahnerstreik war von langer Hand vorbereitet. Bereits vor dem Beginn der Operation Market Garden hatte das Hauptquartier der Alliierten die niederländische Exilregierung in London um einem Aufruf zu einem solchen Streik gebeten. Ziel des Streiks war es, die deutschen Militärtransporte möglichst empfindlich zu stören und damit auch den Transport von V-Waffen aus Deutschland in den Westen der Niederlande zu verhindern. Die Aktion war von der niederländischen Bahndirektion bereits seit dem D-Day vorbereitet worden; der Mehrheit der 30.000 niederländischen Eisenbahner gelang es, in den Untergrund zu gehen. David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 95.

Zum Eisenbahnerstreik hatte die niederländische Exilregierung in dem Bewusstsein aufgerufen, dass dies die Beförderung von Steinkohle und Lebensmitteln in den Westen der Niederlande gefährden würde. Allerdings ging man davon aus, dass bis zur vollständigen Befreiung des Landes nicht mehr viel Zeit vergehen würde. Die beiden wichtigsten niederländischen Beamten, Hans Max Hirschfeld und Stephane Louise, die für die Lebensmittelversorgung zuständig waren, widersetzten sich zudem erfolgreich dem deutschen Druck, sich gegen den Eisenbahnerstreik auszusprechen. In Reaktion auf den Streik und die Weigerung der niederländischen Beamten verbot der deutsche Reichskommissar für die Niederlande Seyß-Inquart den Einsatz von Binnenschiffen zum Transport von Lebensmitteln und Brennstoffen aus dem Norden und Osten des Landes in den Westen. Parallel begannen die Deutschen, wichtige Teile der Niederlande unter Wasser zu setzen, um so die Befreiung der Niederlande durch die Alliierten zu verhindern oder mindestens zu erschweren. David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 96.

Auswirkungen auf die Bevölkerung mini|Niederländer entwenden Holzschwellen der Straßenbahnschienen In den Niederlanden war während der Besatzungszeit ein engmaschiges Zuteilungssystem aufgebaut worden, das das Ziel hatte, die zunehmend knappen Mittel so zu verteilen, dass niemand Hunger litt. Parallel war unvermeidlich ein Schwarzmarkt entstanden, der von der Bevölkerung als nicht verwerflich eingestuft wurde, da man argumentierte, dass ansonsten die Deutschen noch mehr Lebensmittel requirieren würden. Für die ärmsten Bevölkerungsschichten gab es bereits seit dem Winter 1940 zentrale Garküchen, die anfangs kaum genutzt wurden, die während des Hungerwinters 1944/45 jedoch eine große Rolle in der Versorgung der Bevölkerung spielten.David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 97.

Unter dem Transportstopp litt besonders die überwiegend städtische Bevölkerung Westhollands, die auf Lebensmittel- und Brennstoffzufuhren angewiesen war und von deutschen Truppen bis zur Kapitulation Deutschlands besetzt blieb. In Westholland waren die Auswirkungen des Transportstopps bereits im Oktober spürbar. Eine Million Haushalte im Westen der Niederlande hatten ab Oktober kein Gas oder Strom mehr, weil die Vorräte erschöpft waren. Versorgt wurden nur noch Krankenhäuser, zentrale Küchen und deutsche Einrichtungen. Mangels Brennstoff begann die holländische Bevölkerung, wieder mit Torf zu feuern, die Bahnhöfe nach Kohlegrus und Koks abzusuchen. Bäume in Parks und Grünanlagen wurden illegal geschlagen und die Holzschwellen der Straßenbahntrassen entwendet. Auch Holzwerk aus leerstehenden Gebäuden wurde entfernt. Dabei kam es auch zu Gebäudeeinstürzen, bei denen Menschen ums Leben kamen. mini|Hungerndes Baby, vier Monate alt, Breda, 1. Januar 1945 Ähnlich dramatisch entwickelte sich die Situation der Lebensmittelversorgung: Butter fehlte gleichfalls bereits im Oktober 1944, andere tierische Fette gingen wenig später aus.Rutherford: A Brief History of Everyone who ever lived. Kapitel Fate. Ebook-Position 4367. Die kurzfristige Milderung des Transportstopps im November, als von den deutschen Besatzern zeitweilig wieder Lebensmitteltransporte über die Wasserwege erlaubt wurden, war nicht in der Lage, diese Not zu lindern. Von September bis März hatte jede Person in Westholland nur 1,3 Liter Öl zur Verfügung, das entspricht einer kleinen Tasse pro Monat, die kaum reichte, um Gerichte zuzubereiten. Es wurden zwar Lebensmittelkarten für Kartoffeln ausgeteilt, aber es waren sehr bald keine mehr vorhanden und die Karten konnten in Suppenküchen nur noch gegen wässrige Suppen eingetauscht werden. Bereits gegen Ende November lag die tägliche Zufuhr an Nahrungsenergie nur noch bei 1000 Kilokalorien (kcal), deutlich weniger als die 2300 beziehungsweise 2900 kcal, die für eine körperlich aktive Frau beziehungsweise einen körperlich aktiven Mann für angemessen gehalten werden.Francis: Epigenetics, S. 2. Verzehrt wurden zunehmend Grundstoffe, die zuvor nicht in der menschlichen Ernährung Verwendung fanden: Zuerst wurden Zuckerrüben verarbeitet, später auch Blumenzwiebeln.David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 98. Die Brotzuteilung fiel auf 800 Gramm pro Monat und Person im November und wurde im April 1945 nochmals halbiert.Rutherford: A Brief History of Everyone who ever lived. Kapitel Fate. Ebook-Position 4374. Betroffen von der Hungersnot waren vor allem die finanziell schwächeren Schichten; auf dem Schwarzmarkt waren für die Bevölkerungsteile, die sich dies finanziell erlauben konnten, noch Lebensmittel erhältlich.

Die ersten Fälle mit Hungerödemen wurden im Januar 1945 in Krankenhäuser eingeliefert. Im Februar wurden spezielle Kliniken geschaffen, in denen Personen aufgenommen wurden, die mehr als 25 Prozent ihres Gewichtes verloren hatten. Diese erhielten in diesen Kliniken zusätzliche Rationen. Einer der medizinischen Verantwortlichen gestand aber ein, dass man den Notleidenden vor dem Hintergrund der allgemeinen Lebensmittelknappheit nur wenig Erleichterungen verschaffen könne.Russel: Hunger. S. 169. Viele der Notleidenden starben zu Hause oder auf den Straßen. Insgesamt geht man von 18.000 bis 22.000 unmittelbaren Todesopfern in Folge der Hungersnot aus.

Später wurde die Tulpe das Symbol dieses Hungerwinters. Dies lag vor allem an der Bildhaftigkeit: Die Tulpe war damals das niederländische Produkt schlechthin. Die Nutzung von Tulpenzwiebeln als Ersatzlebensmittel hatte besondere Hintergründe. Da die West-Niederlande vom Rest Europas abgeschnitten war und dadurch der Export von Tulpenzwiebeln zum Erliegen kam, lagen große Mengen auf Lager. Nachdem niederländische Ärzte erklärt hatten, dass Tulpenzwiebeln zum Verzehr geeignet seien, verkauften Tulpen-Züchter diese als Nahrung. Der Geschmack dieser Zwiebeln war – im Vergleich zu dem der ebenfalls ersatzweise gegessenen Zuckerrüben – zudem derart ungewohnt, dass darüber viel gesprochen wurde.Die Geschichte der Niederlande 1940–1945: Kapitel Hungersnot auf NiederlandeNet, Webpräsenz der Universität Münster.

Hilfsmaßnahmen mini|Eine Lancaster wird mit Lebensmitteln in Zementsäcken beladen, 29. April 1945 mini|„MANY THANKS“, geschrieben mit Tulpen, Mai 1945 Alleinstehende und ältere Personen waren von der Hungersnot in besonderem Maße betroffen, da ihnen häufig die Hamsterfahrten nicht möglich waren, mit denen sich ein Teil der Bevölkerung in den ländlichen Provinzen Lebensmittel erbettelten oder eintauschten. Private Organisationen, von denen die Mehrzahl ihren Ursprung im kirchlichen Bereich hatten, versuchten auf dem Land Nahrungsmittel zu organisieren, die in den Stadtgebieten gerecht verteilt wurden. Unterernährte Stadtkinder wurden zum Teil aufs Land zu Bauern evakuiert, wo sie teils bis zur vollständigen Befreiung der Niederlande blieben.

Da die deutschen Besatzer offensichtlich nicht in der Lage waren, eine ausreichende Lebensmittelversorgung der Bevölkerung im Westen der Niederlande sicherzustellen, drängte die niederländische Exilregierung die Alliierten, mit Hilfsmaßnahmen einzuschreiten. David Barnouw: Die Niederlande im Zweiten Weltkrieg, S. 99. Ein Getreidetransporter, der von Süddeutschland aus kommend über den Rhein die Niederlande versorgen sollte, blieb letztlich stecken, weil die Alliierten sich weigerten, den Rhein zur neutralen Zone zu erklären.