mini|Das schlossgleiche Herrenhaus, 1556 nach Brand auf mittelalterlichen Resten erbaut Das Rittergut Werleshausen ist ein aus hochmittelalterlicher Zeit stammendes Rittergut mit einem schlossartigen Herrenhaus im östlich der Werra gelegenen Witzenhausener Stadtteil Werleshausen im Werra-Meißner-Kreis in Hessen. Das Hauptgebäude im Renaissance-Stil ist ein überregional bekanntes bauliches Erkennungszeichen von Werleshausen.
Lage Gut und Herrenhaus befinden sich im Naturraum Lindewerra-Werleshäuser Schlingen am Westrand des Eichsfeldes. Etwa sechs Kilometer nordnordöstlich liegt das Dreiländereck Hessen-Niedersachsen-Thüringen. Das ehemalige Gut liegt im südlichen Teil des Ortes etwa 150 m von der Werra entfernt im Eckbereich der Straßen An der Junkerscheune und Am Rasen und ist mit Zugang und Schlossfrontseite nach Westen in Richtung Hessen ausgerichtet. Eine Werrabrücke führt direkt zum Anwesen.
Geschichte Für den Rundturm wird eine Erbauungszeit um das Ende des 12. Jahrhunderts angenommen. Der Keller mit einem katakombenartigen Gewölbe und die meterdicken Mauern des Erdgeschosses stammen wohl aus der Zeit um 1280. Die Mindestannahme eines damaligen Festen Hauses oder einer kleinen Niederungsburg ist sicher nicht falsch. Ob die knapp 50 Jahre später erstmals urkundlich genannte Adelsfamilie von Hanstein als Erbauer gelten kann, ist unsicher. Sicher angenommen werden kann, dass die befestigte Anlage zur Kontrolle dieses Bereiches des Werratales, der Werra und ihrer Fischerei, sowie der auf der westlichen Seite des Flusses verlaufenden Handelsstraße diente, auf der Salz aus Bad Sooden-Allendorf nach Norden transportiert wurde.Geschichte des Ritterguts, Hrsg. Gemeinde Werleshausen, abgerufen am 21. Oktober 2024.
Die Hansteiner besaßen bereits 1336 Ländereien in Werleshausen, die vermutlich zur Ausdehnung ihrer Kernbesitzungen um die Burg Hanstein an die Werra dienen sollten. Der Knappe Johann von HansteinCarl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 549. vertauschte in diesem Jahr „einen freien Hof in ihrem Dorfe Wederoldeshusen“ (Wiederolshausen, das diesen Namen mit Verschleifungen bis weit ins 17. Jahrhundert trug) an einen Bertold von Boykendorf und dessen Frau Hedwig gegen einen anderen Hof in Gerwardeshausen.Zuordnung unklar, hier kann das nähere Gerbershausen im Eichsfeld oder die Wüstung Gerwardeshausen () bei Marzhausen gemeint sein.Albert Huyskens: Die Klöster der Landschaft an der Werra: Regesten und Urkunden, Klosterarchive, In Serie: Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, Verlag Elwert, Marburg 1916, Regest Nr. 1451. Etwas erstaunlich, sie nennen Werleshausen schon zu dieser Zeit „ihr Dorf“, denn erst 1355 erwerben die von Hanstein den halben Zehnten und vier HufenDas sind etwa 120 Morgen und damit rund 360.000 m² Land. zu Werleshausen als Pfand von T(h)ilo von Wikenand und Lotze aus Witzenhausen; den Rest des Dorfes erwerben sie von den Herren von Worbis, Conrad und Friedrich von Worbez. Zwei Jahre später, am 30. November 1357, werden sie vom Fuldaer Fürstabt Heinrich von Kranlucken mit dem Dorf Werleshausen und den gekauften Worbis Gütern belehnt.
Zur Finanzierung ihrer Landerwerbungen verkauften sie bereits 1350 ihren Teil des Dorfes Ermeswede samt fuldischem Kirchenlehen, die Orte Stiedenrode und Blickershausen, an die Brüder von Berlepsch von Ziegenberg.
1540 kam es zu einem Brand, der die oberen Teile des Festen Hauses vollständig vernichtete. Nur die Sandsteinmauern des Hauses und der Turm blieben erhalten. Brandspuren sollen sich noch im Kellergewölbe finden lassen.
Ab 1556 wurde auf den Resten des alten Gemäuers ein schlossartiges Anwesen im Stil der Renaissance mit zwei Ecktürmen und einem Erker neu errichtet. Erstaunlicherweise steht am Hauswappen aber die Jahreszahl 1565. Möglicherweise dauerte es neun Jahre, bis das Anwesen neugebaut war. Merten von Hanstein der Besitzer des neugebauten Anwesens, 1537 mit drei Brüdern Burchart, Lippold und Curt in einer Urkunde des Klosters Mariengarten benanntCarl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 446 f., war 1575 Familienältester und hielt vom 16. bis 18. Juni den Lehntag ab, bei dem die Vasallen vorgeladen und förmlich ihrer Lehen bestätigt wurden.Carl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 262.
Zwischen 1577 (Heirat) und seinem Tode in Kassel am 2. März 1601 ist Melchior von Hanstein und seine Frau Ange (Agnes) von Berlepsch in Werleshausen bekundet. Melchior v. H. wurde von Kassel nach Werleshausen gebracht und hier beigesetzt.Carl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 889 ff.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde Werleshausen und das nun Ansitz und Rittergut genannte Anwesen verwüstet und mit Schulden belastet, so dass nach Heimkehr vom Krieg der Erbe Curd(t) Christian von Hanstein ein Erbe nur unter Schuldenerlass annahm.Carl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 171 f. Erstaunlicherweise von der Linie der Hanstein zu Besenhausen, die sich nun dem Kurfürstentum Mainz zu Lehen verpflichteten. Fulda wagte nicht auf seinen alten Rechten zu bestehen. 1683 war Curd(t) Christian von Hanstein zu Werleshausen noch im Besitz des Rittergutes.Carl von Hanstein: Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von Hanstein in dem Eichsfeld in Preußen (Provinz Sachsen) nebst Urkundenbuch und Geschlechts-Tafeln, S. 187. Zu diesen Zeiten umfasste das Anwesen eine Fläche von 10 Hufen. Später wurden 40 % an den bürgerlichen Ökonomen Siebert verkauft.
In einem Vergleich vom 17. September 1734 wird uns ein Besitzer des Rittergutes benannt, mit dem etwas ungewöhnlichen Namen Liborio Friedrich von Hanstein auf Rottenbach, Rabenrode, Besenhausen, Friedland, Wiesenfeld und Werleshausen nebst seiner Gemahlin Sophie Elisabeth von Mengersen, denen Adam von Hanstein von Sachsen-Coburg 1400 Taler wegen „verschiedener Irrungen“ ausbezahlt. Der Mantel der Geschichte liegt über den Gründen dafür.
Über Jahrhunderte im Besitz derer von Hanstein ging mit der Heirat des Arztes Christoph Andreas Franz Xaver Ladislaus von Christen (1795–1878), ungarischer AdligerChristoph von Christen, Hrsg. MyHeritage, abgerufen am 28. Oktober 2016. und Dekan der Medizinischen Fakultät in BudapestRadtour: Witzenhausen/Werra, Göttinger Stadtinfo, abgerufen am 28. Oktober 2016., in dessen zweiter EheVgl. Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser. Alter Adel und Briefadel. 23. Jahrgang. 1931. Justus Perthes, Gotha Ende Oktober 1930, S. 114 f. am 20. April 1840 mit Caroline Friederike Charlotte Ernestine Wilhelmine von Hanstein der Besitz an die briefadelige Familie von Christen über. Eines der zwei Kinder war Hermann von Christen, Land- und Reichstagsabgeordneter der Freikonservativen Partei (ab 1871 auch Deutsche Reichspartei), Erbe und Besitzer des Rittergutes und hier verstorben. Seine drei Söhne erbten 1919 das Rittergut zu gleichen Teilen.Vgl. Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser. Zugleich Adelsmatrikel der Deutschen Adelsgenossenschaft. Teil B (Briefadel). 33. Jahrgang. 1942. Justus Perthes, Gotha Ende Oktober 1941, S. 92 f. Dies waren Fritz von Christen, Walter von Christen und Heinrich (Heino) von Christen (1876–1937), der als Pächter fungierte, verheiratet mit Elisabeth Grandke, Tochter eines kgl. preuß. Wirklichen Geheimen Ober-Finanzrates. 1922 umfasste das Rittergut Werleshausen mit einem Vorwerk 223 ha.Oskar Köhler, Gustav Wesche, H. Krahmer: Landwirtschaftliches Güter-Adreßbuch der Provinz Sachsen. 1922. Verzeichnis sämtlicher Rittergüter und Güter von ungefähr 20 ha herab mit Angabe der Gutseigenschaft, des Grundsteuerertrages, der Gesamtfläche und des Flächeninhalts der einzelnen Kulturen, Hrsg. Mit Unterstützung der Landwirtschaftskammer zu Halle a. S., in: Niekammer’s Landwirtschaftliches Güter-Adreßbücher, Band V, (Paul Niekammer), 3. Auflage, Reichenbach’sche Verlagsbuchhandlung, Leipzig 1922, S. 250–251. Die Erbfolge ging ab 1937/1938 an den ältesten Sohn des Heinrich von Christen, an Wolf von Christen (1906–1976) über. Als weiterer Erben folgte im Minorat, an den jüngsten männlichen Nachfolger, Ullrich von Christen (1920–1943).SS-Hauptsturmführer, in der LSSAH. Vgl. Matthias Graf von Schmettow, Ingrid Gräfin von Schmettow (Hrsg.): Gedenkbuch des deutschen Adels, (Hauptband), In: Aus dem Deutschen Adelsarchiv, 3, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1967, S. 61. und dann dessen Neffe Volker von Christen (* 1938).Walter von Hueck, Erik Amburger, Friedrich Wilhelm Euler et al.: Genealogisches Handbuch des Adels. Adelige Häuser B (Briefadel) 1981, Band XIV, Band 78 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1981, ISBN 3-7980-0778-0, S. 118 ff.
Heutige Nutzung Schwierigere Bewirtschaftung der meist am Hang liegenden Acker- und Grünflächen, geringere Erträge und die aufwendige Erhaltung der unter Denkmalschutz stehenden Gebäude führten dazu, dass ab 1937 der Hof verpachtet wurde. Bekannte Pächter des Gutes waren seit 1937 die Familien Block, Sell, Müller und Sackmann, diese von 1953 bis 1965, danach eine Pächtergemeinschaft aus Ellershausen und ab 1994 die Familie von Schnehen.
Baubeschreibung mini|Blick von Westen vom Eingang über die Freifläche zum Herrenhaus mit Turm Das Rittergut umfasste das Herrenhaus von 1556 und mehrere rechtwinklig dazu stehende Nebengebäude. Das rechteckige etwa sieben- auf dreiachsige Haupthaus besteht aus einem festgemauerten Unter- und Kellergeschoss sowie zwei aus Fachwerk aufgesetzten Obergeschossen und einem ausgebauten Satteldach. Unregelmäßig sind die Fenster als Zwillingsfenster gesetzt. Das Haus hat zwei mit der Spitze ans Dach reichende oktogonale Ecktürme, sich gegenüberliegend an der nordöstlichen und südwestlichen Ecke des Schlossgebäudes, ebenfalls in Fachwerk mit Spitzbogen-Fenstern und Maßwerkfüllung und mit barocker Haube. An der nordwestlichen Ecke befindet sich der zweigeschössige rechteckige Erker baugleich in Fachwerk, zweifach vorkragend und mit abgefasten Kanten, an dessen westlichem spiralförmig geschwungenem Konsolenstein die Jahreszahl „1556“ eingemeißelt und heute mit weißer Farbe hinterlegt ist. Das frühgotische Portal im Eingang zum Parterre lässt andeutungsweise die gotischen Wurzeln des Wechsels vom 13. zum 14. Jahrhundert erkennen.
Das Fachwerk des Herrenhauses ist in beiden Geschossen drei Gefache hoch. Die Schwellen sind mit einer Wulst profiliert. Im Brüstungsbereich der ersten Etage befinden sich in den fensterlosen Gefachen jeweils zwei Andreaskreuze nebeneinander als Füllung, im Geschoss darüber sind durchgehend steile Fußbänder eingebaut. Wahrscheinlich waren die Andreaskreuze früher in allen Gefachen eingebaut, wurden aber offensichtlich bei Veränderungen an den Fenstern entfernt. Verstrebungen im Fachwerk sind jeweils an den Ecken in beiden Geschossen eingebaut und weisen Kopf- und Fußstreben auf, die sich überkreuzen. Ein Brustriegel lief ursprünglich durch beide Geschossen und war mit einem Rundstab profiliert. Er ist zum Teil heute noch erhalten.