mini|Karte von Mürwik, Stand 1945 mini|Marineschule Mürwik (Rotes Schloss), 1929 mini|Flüchtlinge besteigen in Pillau (heute: Baltijsk in der Oblast Kaliningrad) ein Kriegsschiff. Der Sonderbereich Mürwik war die Bezeichnung für ein ungefähr 14 Quadratkilometer großes Gebiet bei Flensburg-Mürwik, in dem sich die Regierung Dönitz aufhielt. Dieser letzte Rest des NS-Staates bestand bis zum 23. Mai 1945.Obwohl auch heute noch gelegentlich behauptet wird, Flensburg sei in dieser Zeit provisorische Reichshauptstadt gewesen, wurde Flensburg damit nicht zur Reichshauptstadt, sondern nur der Sonderbereich Mürwik zum provisorischen Sitz der Regierung. (Vgl. Broder Schwensen in: Flexikon. 725 Aha-Erlebnisse aus Flensburg!, Flensburg 2009, Artikel: Reichshauptstadt). (Vgl. ; abgerufen am: 6. Mai 2014)
Lage bei Mürwik Der Sonderbereich nahm das Gelände des Mürwiker Marinestützpunktes sowie angrenzende Flächen bis Twedt und Twedter Feld ein. Darüber hinaus gehörte noch die Kaserne in Meierwik zum Sonderbereich. Der Bereich war zwei Kilometer breit und sieben Kilometer lang. Das Schloss Glücksburg lag am Rande des Sonderbereichs.
Der namensgebende Ort Mürwik liegt an der Flensburger Förde, etwa vier Kilometer von der Flensburger Innenstadt entfernt oberhalb einer fast durchgehenden Steilküste am Ostufer der Förde. Mürwik gehörte zu Flensburg, bestand 1945 aber noch als ein unverwachsener Vorort der Stadt.dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart. Band 2. Köln 1987. S. 215, Kapitel: Zweiter Weltkrieg/Zusammenbruch des Deutschen Reiches 1945. Zum Ende des 19. Jahrhunderts lagen bei Mürwik lediglich einige Katenstellen sowie kleinere Ziegeleien. Die militärischen Anlagen Mürwiks entstanden schrittweise mit dem Beginn des neuen Jahrhunderts, zunächst 1901/02 mit dem Bau der Torpedostation der Kaiserlichen Marine und 1910 mit der Errichtung der Marineoffiziersschule sowie dem Bau des Marinelazarettes. Im selben Jahr war Mürwik mit Fruerlund, Twedt und Twedterholz nach Flensburg eingemeindet worden.
Mit dem Zuzug der Marine wurden auch Wohn- und Geschäftshäuser errichtet. Die Verkehrsanbindung des damals noch abgelegenen, jungen Flensburger Stadtteils wurde zudem durch Straßenbau und den Bau der Straßenbahnlinie 3 verbessert. Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden die militärischen Anlagen des Stützpunktes kontinuierlich erweitert. Da Mürwik als Kriegsprovisorium geplant war, wurden auch einige Barackenlager errichtet. Im Vergleich zu anderen Städten im Deutschen Reich kamen Flensburg und Mürwik bei den alliierten Luftangriffen trotz der militärischen Bedeutung des Ortes glimpflich davon. Der Marinestandort Mürwik war im Mai 1945 intakt und unzerstört. Die Einwohnerzahl Flensburgs stieg von 68.000 im Jahr 1944 bis Mitte 1945 durch den Zustrom der Ostflüchtlinge auf über 110.000 an. Viele dieser Flüchtlinge wurden in den ehemaligen Wehrmachtslagern und in den Kasernen Mürwiks untergebracht, wo sie teilweise noch über die nächsten zwanzig Jahre verblieben.
mini|Deutscher Passierschein für den Sonderbereich mini|Foto, das nach der Verhaftung der Regierung Dönitz am 23. Mai 1945 beim Pressetermin im Hinterhof des Flensburger Polizeipräsidiums entstand. Bildmitte: Dönitz, dahinter Jodl und Speer.
Zeit des Bestehens des Sonderbereichs Im Sonderbereich Mürwik war vom 3. bis 23. Mai 1945 die letzte deutsche Reichsregierung tätig. Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral Karl Dönitz, war von Adolf Hitler in seinem politischen Testament (29. April 1945) als sein Nachfolger mit dem Titel „Reichspräsident“ bestimmt worden. Dönitz und sein Stab befanden sich im schleswig-holsteinischen Plön, als ihn die Nachricht von Hitlers Tod am 1. Mai 1945 erreichte. Da britische Truppen von Süden her nach Schleswig-Holstein eindrangen und schnell vorrückten, entschied er, in Richtung Norden auszuweichen. Am 3. Mai trafen Dönitz und sein Gefolge am frühen Morgen in Flensburg ein. Sofort erörterte Dönitz die politische und militärische Lage und kam zu dem Schluss, dass ein Weiterführen des Krieges nicht mehr möglich wäre. Er residierte in dieser letzten Phase des Krieges nicht in der eigentlichen Marineschule, sondern in einem einfachen Büro in der benachbarten Marine-Sportschule.
Auch Heinrich Himmler war mit zahlreichen Kommandobehörden und Abteilungen des Reichssicherheitshauptamtes sowie seinem persönlichen RF-SS-Stab von etwa 150 Personen nach Mürwik gekommen mit der Absicht, sich an der Regierung Dönitz zu beteiligen.Claus Olsen: Vor achzig Jahren in Flensburg. Herinrich Himmler, der Organisator des Holocaust. (In: Grenzfriedenshefte. 71. Jahrgang 2/2024, S. 178–205) Dies begründete die Rattenlinie Nord.Gerhard Paul: Zeitläufte: Flensburger Kameraden. In: Die Zeit, vom 8. September 2013, abgerufen am 21. April 2019.
Das zunächst wichtigste Ziel der Regierung Dönitz war es, möglichst vielen Soldaten und Zivilisten aus den deutschen Ostgebieten die Flucht in den Westen des Deutschen Reichs zu ermöglichen. Des Weiteren wurde Generaladmiral Hans-Georg von Friedeburg, der Dönitz als Oberbefehlshaber der Kriegsmarine nachgefolgt war, als Leiter einer Verhandlungsdelegation beauftragt, am 3. Mai 1945 das britische Hauptquartier bei Lüneburg aufzusuchen und, für den Nordraum geltend, ein Waffenstillstandsabkommen zu erreichen. Dies gelang durch die Unterzeichnung der Teilkapitulation der Wehrmacht für Nordwestdeutschland, Dänemark und die Niederlande am 4. Mai 1945 auf dem Timeloberg bei Wendisch Evern, die am 5. Mai 1945 um 8.00 Uhr in Kraft trat. Auch Seekriegsmaßnahmen wurden eingestellt. Die Luftangriffe auf Flensburg endeten. Nach der schrittweise erfolgenden Besetzung Flensburgs, die am 5. Mai 1945 begann,Schriften der Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte (Hrsg.): Flensburg in Geschichte und Gegenwart. Flensburg 1972, S. 409.Gerhard Paul u. Broder Schwensen (Hrsg.): Mai '45. Kriegsende in Flensburg, Flensburg 2015, S. 210 f. gestand die britische Militärführung den deutschen Regierungsmitgliedern im Rahmen ihres Aufgabenbereichs Bewegungsfreiheit zu. Das Wehrmachtsgelände und der Ort wurden bis zum 22. Mai 1945 nicht regulär militärisch besetzt. Das hinderte aber die Soldaten des alliierten Oberkommandos nicht, sich inner- und außerhalb der Kasernen frei zu bewegen. Die Bevölkerung bemerkte von den Vorgängen in Mürwik fast nichts. Der Sonderbereich Mürwik war, bis auf die Kasernen, nicht eingezäunt, es gab auch keine Demarkationslinie.
Der Versuch der deutschen Regierung, noch möglichst viel Zeit zu gewinnen, um weiterhin der Bevölkerung die Flucht aus dem Osten zu ermöglichen, fand mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai 1945 in Reims bzw. am 8. Mai in Berlin-Karlshorst ein Ende. Mit Ablauf des 8. Mai hatten die Truppen der Wehrmacht an ihrem derzeitigen Standort zu verbleiben. Zu den britischen Truppen kamen ab 12. Mai auch amerikanische Soldaten des Alliierten Oberkommandos unter General Rooks nach Mürwik und nahmen auf dem Wohnschiff Patria Quartier. Am selben Tag wurde zudem um das „Regierungsviertel“ in Mürwik eine Bannmeile mit einer Länge von ungefähr sieben Kilometern und einer Breite von ungefähr zwei Kilometern eingerichtet.
Bis zum 22. Mai trat die Regierung noch zu Kabinettssitzungen zusammen, es geschah aber nach außen hin nichts mehr. Am 23. Mai 1945 wurden Karl Dönitz, Alfred Jodl und Hans-Georg von Friedeburg auf die Patria bestellt, wo ihnen die Auflösung der Regierung sowie ihre Verhaftung mitgeteilt wurden. Damit begann die Operation Blackout. Fast gleichzeitig wurde die geschäftsführende Regierung in der Marinesportschule verhaftet. Noch am selben Tag wurden Dönitz, Jodl und Albert Speer vom Flugplatz Flensburg-Schäferhaus ins Gefangenenlager Camp Ashcan in Mondorf (Luxemburg) gebracht. Von Friedeburg nahm sich vorher das Leben.Gerhard Paul und Broder Schwensen (Hg.): Mai '45. Kriegsende in Flensburg, 2015, Seite 121 und 215.
Die militärischen Anlagen des Sonderbereichs mini|Stabsgebäude im Winter 2014/15 mini|Hoheitszeichen am Stabsgebäude (ohne das nach 1945 ausgemeißelte Hakenkreuz) Marineschule Mürwik Marineschule MürwikErbaut von 1907 bis 1910 für die Offiziersausbildung der Marine, bis 1945 fast durchgehend in dieser Funktion. Zum Teil, noch vor der Kapitulation 1945, als Teil des Lazaretts genutzt, später Nutzung als Pädagogische Hochschule bis 1959 und als Zollschule Flensburg bis 1956. Ab 1956 etappenweise erfolgende Übernahme durch die Bundesmarine.
Angrenzend und zur Marineoffiziersschule gehörend: Marinelazarettgeplant und genutzt als Marine-Lazarett, erbaut von 1907 bis 1910, und nach 1945 von der Stadt Flensburg bis 1987 als Krankenhaus genutzt; ab 1988 Unterkunft für Asylbewerber und Aussiedler, ab 1998 leerstehend Sportschuleerbaut 1936/37 für die Ausbildung von Sportausbildern; Vom 3. bis 23. Mai 1945 war im Stabsgebäude der Sitz der letzten deutschen Reichsregierung, nach 1945 zivile Nutzung, 1956/57 von der Bundesmarine übernommen Trampedachlager1937 erstellte Baracken als Unterkunft für Offiziersanwärter der Luftwaffe. Nach 1945 Flüchtlingsunterkunft, von der Bundesmarine übernommen und als Unterkunft genutzt. Das Lager wurde als Kulturdenkmal eingetragen. Marine-Reitschule1937 erbaut für die die Reitausbildung; nach 1945 zivile Nutzung, 1985 abgebrochenFlensburger Straßennamen. Gesellschaft für Flensburger Stadtgeschichte, Flensburg 2005, ISBN 3-925856-50-1, Artikel: Am Sattelplatz. Bootshafen der Marineschule Mürwikgleichzeitig mit der Marineschule erbaut, war Liegeplatz für Motor- und Segelboote, die für die Offiziersausbildung benötigt wurden Lehrwerkstatt für die praktische Ausbildung der Technischen Offiziere Ein Werkstattgebäude neben dem Heinz-Krey-Lager, das 1939/40 erbaut wurde. Nach 1945 zivile Nutzung und heute von der Bundeswehr genutzt. Lehrwerkstatt für die Ausbildung der Waffenoffiziere Ein Werkstattgebäude, das 1939 nördlich vom Trampedachlager erbaut wurde.Lutz Wilde: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Kulturdenkmale in Schleswig-Holstein. Band 2, Flensburg, S. 53. Nach 1945 zunächst zivil genutzt, anschließend von der Bundesmarine übernommen.Vgl. Geschichtsspuren. Fernmeldebereich 91. Schwimmbad der MarineschuleDie Badeanstalt direkt an der Förde diente zur Schwimmausbildung für die Soldaten des Standorts Mürwik. Sie wurde 1965 abgebrochen und durch eine Schwimmhalle ersetzt, die sich noch heute nahe dem Torhaus der Marineschule befindet.
Weitere Wehrmachtsanlagen Torpedoschule der TorpedostationAusbildungsstätten für Torpedopersonal der Marine. Die Torpedostation ist Keimzelle des Marinestandorts Mürwik, ältestes Dienstgebäude von 1902. Der Lehrbetrieb wurde zum Ende des Zweiten Weltkrieges eingestellt. Marinehafen des MarinestützpunktesMarinehafen mit allen für die Versorgung von Kampfschiffen notwendigen Einrichtungen, erste feste Bauten ab 1901/02 für die erwähnte Torpedoausbildung, neue Ausbauten in den 1930er Jahren. Nach 1945 zivile Nutzung und britische Militärdienststellen, von 1956 bis 1998 Hauptbestandteil des Stützpunktes der Bundesmarine. Heute zivile Nutzung unter dem Namen Sonwik. (Alte) Blücherbrücke im Marinehafen: Sie diente als Liegeplatz der Patria, ein Passagierschiff der HAPAG, das als Wohnschiff von der Kriegsmarine genutzt wurde. Im Mai 1945 hatten dort Großadmiral Dönitz und ein Teil der Reichsregierung zeitweise Quartier bezogen. Seit dem 12. Mai 1945 war sie Sitz des Alliierten Oberkommandos unter dem Kommando des US-Generals Rooks. Dönitz zog in die Kommandeursvilla um.