Michael Steinhausen (* 28. Juni 1930 in Greifswald; † 18. September 2025 in Heidelberg) war ein deutscher Mediziner, Physiologe und Professor für Physiologie an der Universität Heidelberg.
Leben Michael Steinhausen, Sohn des Physiologen Wilhelm Steinhausen und Enkel des Malers Wilhelm Steinhausen, legte sein Abitur 1949 am humanistischen Friedrich Ludwig Jahn Gymnasium in Greifswald ab. Nach einem dreijährigen Musikstudium mit Hauptfach Querflöte an der Hochschule für Musik in Berlin-Charlottenburg nahm er 1952 an der Freien Universität Berlin das Studium der Medizin auf, das er 1958 mit dem Staatsexamen abschloss. Der Promotion in Kiel 1958 bei dem Pathologen Wilhelm Doerr und der Approbation in Heidelberg 1960 folgte 1966 ebendort die Habilitation für das Fach Physiologie bei Hans Schaefer mit einer Arbeit: Der tubuläre Harnstrom (dargestellt unter besonderer Berücksichtigung intravital-mikroskopischer Untersuchungen an Ratten-, Katzen- und Goldhamsternieren). Der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, an der Steinhausen 1972 zum Professor ernannt wurde, blieb er bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1995 treu; Forschungsaufenthalte führten ihn an das Department of Physiology der Cornell Medical School in New York (USA) (1965/66) sowie als Gastprofessor an das California Institute of Technology in Pasadena (USA) (1976) und an die University of Arizona in Tucson (USA) (1982).
Michael Steinhausen starb am 18. September 2025 im Alter von 95 Jahren in Heidelberg.
Wirken Die Abteilung von Steinhausen am Physiologischen Institut der Universität Heidelberg wurde unter seiner Leitung zu einem weltweiten Zentrum für Mikrozirkulation und Nierenphysiologie. Er gehört zu den Mitbegründern der Gesellschaft für Mikrozirkulation und war deren Vorsitzender in den Jahren 1976, 1987 und 1992.
Hochschulpolitisch engagierte sich Steinhausen bei der Erarbeitung einer neuen Grundordnung seiner Universität (1969) als Dozentenvertreter u. a. für die „Einheit des habilitierten Lehrkörpers“. Später war er langjähriger (1980–1994) Vorsitzender des Großen Senats der Universität Heidelberg.
Seit 1980 dirigierte der leidenschaftliche Musiker das Heidelberger Ärzteorchester e.V., das mit seinen alljährlich zweimal stattfindenden Konzerten (Winter- und Sommerkonzert) zu einem beliebten Bestandteil des Heidelberger Kulturlebens geworden ist. Durch die Verbindung von Musik und Sozialem (freier Eintritt und Kollekte für caritative Zwecke) wurde das Orchester und sein Dirigent mit der Ehrennadel der Bezirksärztekammer Nordbaden ausgezeichnet (ÄBW 08-385-2016).
Steinhausen war Autor des Lehrbuches Medizinische Physiologie, das erstmals 1986 bei J. F. Bergmann, München erschien, in 4. Auflage 1996 bei Gustav Fischer, Stuttgart und in 5. Auflage zusammen mit Erich Gulbins bei Ecomed, Landsberg 2003.
Wissenschaftliche Arbeiten Steinhausen war Autor von mehr als 130 Publikationen, über 160 wissenschaftlichen Originalvorträgen auf vielen internationalen Kongressen und Symposien, sowie 9 wissenschaftlichen Filmen und Unterrichtsfilmen.
Wissenschaftliche Schwerpunkte von Steinhausens Arbeiten waren der tubuläre Harnstrom in der Niere, die Regulation der Mikrozirkulation in der Niere und das akute Nierenversagen.
In den 1960er Jahren entwickelte Steinhausen dazu unter Einsatz des Vitalfarbstoffs Lissamingrün eine neue Methode, mit der die verschiedenen Abschnitte des Nephrons in vivo dargestellt und Passagezeiten für den tubulären Harnstrom gemessen werden konnten. Diese Methode fand insbesondere in der sehr verbreiteten Mikropunktionstechnik zur Aufklärung der Nierenfunktion schnell internationale Verbreitung.
Um den kapillären Blutfluss in den Glomeruli der Niere messen zu können, entwickelte Steinhausen in den achtziger Jahren die Methode der gespaltenen hydronephrotischen Rattenniere, die es erstmals ermöglichte, die Mikrozirkulation der Niere in ihrer Gesamtheit, also Nierenglomeruli und deren zu- und abführende Gefäße, in vivo zu beobachten und zu untersuchen. Diese Arbeiten führten zu völlig neuen Erkenntnissen zur Autoregulation der Nierengefäße, der Architektur des Glomerulus und der physiologischen und pathophysiologischen Regulation der Nierendurchblutung z. B. durch Angiotensin, Dopamin, Endothelin, Stickstoffmonoxid oder Entzündungsmediatoren.
Ausgehend von den von Steinhausen entwickelten Methoden zur in vivo Visualisierung von Blutgefäßen der Niere beschäftigte er sich auch mit der Mikrozirkulation in schlagendem Herzen.
Ehrungen und Mitgliedschaften Gründungs- und Ehrenmitglied der Gesellschaft für Mikrozirkulation und Vaskuläre Biologie Gold Medal 1968 der British Medical Association Preis der Sowjetunion beim 25. Jahreskongress der International Scientific Film Association in Kiew 1971 Malpighi-Preis der European Society for Microcirculation 1976 Dr. h. c. der University of Louisville (USA) 1990 Universitäts-Medaille der Universität Heidelberg 1994 Albert-Schweitzer-Medaille der Landesärztekammer Baden-Württemberg 2006
Schriften Medizinische Physiologie: Lehrbuch zum neuen Gegenstandskatalog und den aktuellen IMPP-Prüfungsfragen (5. Auflage), ecomed-Storck 2003, ISBN 978-3-609-16052-8, mit Erich Gulbins Medizinische Physiologie: Ein Lehrbuch mit Prüfungsfragen unter Berücksichtigung des Gegenstandskataloges, J.F. Bergmann-Verlag 2012, ISBN 978-3-642-53764-6 Lehrbuch der Animalischen Physiologie: nach dem Gegenstandskatalog, J.F. Bergmann-Verlag 2012, ISBN 978-3-642-54188-9
Schriften (Autobiographie) Memoiren Prof. Dr. Dr. Steinhausen: Die 40er Jahre – Schule im Wandel der Zeiten: Schüler unter Nazis und Kommunisten: 1936–1949, Medi-Learn Verlag Marburg 2010 Teil 1: Privilegiertes Kind Teil 2: Erste schulische Erfahrungen und eine wichtige Freundschaft Teil 3: Prägendende Erfahrungen in der schulischen Laufbahn Teil 4: Erste Konfrontation mit dem Nationalsozialismus Teil 5: Erziehung mit „doppeltem Hosenboden“ Teil 6: Statt Militärdrill: Jugendorchester und Laienspielgruppe Teil 7: Alle acht Tage Quartett spielen Teil 8: Lebensumstände im 2. Weltkrieg Teil 9: Kein Einsatz an der Front, sondern Botenspiele Teil 10: Kriegsende: Fliegerbomben und die Russen Teil 11: Familie Katsch Teil 12: Nun folgten die Panzer ... Teil 13: Flüchtlingslager unter russischer Besatzung Teil 14: Nachkriegszeit und Neuanfänge Teil 15: Auf in Richtung Musiks tudium…oder doch nicht? Arbeit auf dem Lande! Teil 16: Neubeginn in schulischer Laufbahn und Begeisterung Teil 17: Leben unter russischer Besatzung Teil 18: Rückblickend betrachtet…
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