mini|Das Queen’s (ab 1714 King’s) Theatre am Haymarket in London, Händels künstlerische Heimstatt von 1711 bis 1734. Es wurde 1705 eröffnet und brannte 1789 völlig ab. Teseo (englisch & deutsch: Theseus;Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Erster Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 379. HWV 9) ist eine Oper (Dramma tragico) in fünf Akten von Georg Friedrich Händel. Die Uraufführung war am 10. Januar 1713 im Queen’s Theatre am Haymarket in London.

Entstehung Teseo war nach Rinaldo und Il pastor fido Händels dritte Oper für London, wohin er erst im Herbst 1712 zurückgekehrt war; er wohnte zunächst bei einem Mr. Andrews aus Barn-Elms.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 57.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 67–68.

Das Textbuch des Teseo ist dem Earl of Burlington gewidmet, einem Mäzen Händels. Ob der Komponist jedoch bereits während der Entstehung des Teseo in Burlington House wohnte (wie Burney vermutete)Charles Burney: A General History of Music: from the Earliest Ages to the Present Period. Vol. 4. London 1776 (im Internet-Archiv, Abruf am 21. April 2026), S. 238., oder erst später (ab etwa 1713 oder 1714 ?)Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 58., ist nicht genau bekannt und vielleicht sogar zweifelhaft.Baselt vermutet offenbar in Anlehnung an Burney, die Oper wäre bereits in Burlington House entstanden. Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 138.Hogwood bleibt verschwommen bezüglich des Zeitpunkts, wann Händel bei Burlington einzog, doch scheint er anzunehmen, dass dies erst nach Teseo geschah. Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 69.

Die Komposition der neuen Oper war am 19. Dezember 1712 beendet, wie Händel in seinem Autograph notierte: „Fine del | Drama | G F H | à Londres | ce 19 de Decembr | 1712“. In der Uraufführung am 10. Januar 1713 im Queen’s Theatre traten die folgenden Sänger auf: Teseo – Valeriano Pellegrini, genannt „Valeriano“ (Sopran-Kastrat) Agilea – Margherita de L’Épine, genannt „La Margherita“ (Sopran) Egeo – Valentino Urbani, genannt „Valentini“ (Alt-Kastrat) Medea – Elisabetta Pilotti-Schiavonetti (Sopran) Clizia – Maria Gallia-Saggione (Sopran) Arcane – Jane Barbier (Alt) Priester der Minerva – Richard Leveridge (Bass)Ursprünglich war zusätzlich eine winzige Nebenrolle namens „Fedra“, als Vertraute der Medea, vorgesehen, die aber laut Dean und Knapp (S. 238) von Händel noch vor der Uraufführung gestrichen wurde und auch nicht im Originallibretto gelistet ist. Die Rolle wurde aber von Chrysander in seiner fehlerhaften Ausgabe übernommen und ist auch bei Baselt gelistet (offenbar in der Nachfolge von Chrysander). Quellen: 1) Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 236 und 238. 2) Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 128.

Die Inszenierung war prächtig, mit neu angefertigten Kostümen, Dekorationen und Maschinen,Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 138. die sicher einen nicht unerheblichen Anteil am beachtlichen Erfolg der Oper hatten. Doch kam es bereits nach der zweiten Aufführung hinter den Kulissen zu einer schweren Krise, wie die fälschlicherweise Francis Colman zugeschriebene Opernchronik berichtet:Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 59.

Nach Swineys Flucht nach Italien, mit den Einnahmen zweier Vorstellungen, wurde Johann Jacob Heidegger kaufmännischer Direktor des Queen’s Theatre und konnte sich in den folgenden Jahrzehnten als Impresario in London etablieren, unter anderem zwischen 1719 und 1728 als Händels Geschäftspartner der Royal Academy of Music.

Teseo erreichte 13 Vorstellungen. Die letzte, am 16. Mai 1713, war eine Benefizvorstellung für Händel, der dafür nicht nur einige neue Arien („several New Songs“) komponiert hatte, sondern sich als besondere Attraktion auch als Solist auf dem Cembalo hören ließ.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 61–62.Hogwoods Behauptung Händel habe dabei „auch am Cembalo improvisiert“ geht aus den Quellen so nicht hervor und ist reine Spekulation. Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 356.

Aufführungsgeschichte Ihre Wiedergeburt erlebte die Oper am 29. Juni 1947 bei den Göttinger Händel-Festspielen.Jacobshagen gibt nur die Jahreszahl. Arnold Jacobshagen: Teseo (HWV 9), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 79. Es spielte das Städtische Orchester Göttingen unter Leitung von Fritz Lehmann. Eine deutsche Textfassung hatte Emilie Dahnk-Baroffio erstellt. Die erste Aufführung des Stückes in historischer Aufführungspraxis sah man in Boston (USA) am 30. Mai 1985 mit dem Boston Early Music Festival Orchestra unter der Leitung von Nicholas McGegan.

Libretto mini|Londoner Textbuch von 1713, Beginn der zweiten Szene des ersten Aktes. Teseo war die erstmalige Zusammenarbeit Händels mit dem Musiker und Dichter Nicola Francesco Haym, der als Vorlage Philippe Quinaults Libretto zu Jean-Baptiste Lullys berühmter Tragédie lyrique Thésée (1675) verwendete. Haym strich selbstverständlich den Prolog (mit allegorischen Verherrlichungen Ludwigs XIV.) und außerdem die meisten der typisch französischen Chöre und Ballette, übernahm aber ungewöhnlicherweise von Quinault die Struktur. Daher ist Teseo Händels einzige Oper in fünf Akten. Einen großen Teil der Rezitative übertrug Haym „unmittelbar“ aus dem Französischen ins Italienische, Arien- und Ensembletexte dichtete er aber fast alle neu. Die Arien sind meistens nicht als Abgangsarie am Ende einer Szene platziert – wie in der neueren Entwicklung der italienischen Opera seria –, sondern mitten in den Szenen, wie bei QuinaultWinton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 236–237.Arnold Jacobshagen: Teseo (HWV 9), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 75–76. (oder in der älteren venezianischen Operntradition). Eine weitere Folge der französischen Vorlage ist die für eine Opera seria relativ hohe Zahl von vier Duetten.Arnold Jacobshagen: Teseo (HWV 9), in: Arnold Jacobshagen (Hrsg.), Panja Mücke: Händels Opern - Das Handbuch. Teilband II. Laaber-Verlag, Laaber 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 76. Haym nahm auch Kürzungen vor, wodurch (laut Dean und Knapp) zuweilen die Motivation der Personen verschleiert wird, und erfand zwei Szenen neu (Akt III,1 und IV,1-2).Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 238.

Handlung Historisch-literarischer Hintergrund Der mythologische Inhalt der Oper entspricht den Traditionen der Tragédie lyrique, während die zeitgenössische italienische Oper meistens heroische und historische Stoffe bevorzugte.

Quinault entnahm die Geschichten des Theseus und der Medea aus Plutarchs Bíoi parálleloi (Parallele Lebensbeschreibungen) und aus dem 7. Buch von Ovids Metamorphosen. Die Überlieferung wird jedoch in der Oper sehr frei behandelt und durcheinander gemischt. So fand beispielsweise der Mordversuch Medeas an Theseus laut Mythologie eigentlich vor den Episode mit Ariadne (die in der Oper nicht vorkommt) und mit Aigle (= Agilea), der Tochter des Panopeus, statt. Demnach hatte sich Theseus in Naxos von Ariadne getrennt, weil er sich in Aigle verliebt hatte.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 296.

Die Oper spielt in Athen in mythischen Vorzeiten.

Erster Akt Tempel der Minerva. Der Vorhang öffnet sich zu den Klängen einer kriegerischen Sinfonie, dazwischen ist das Klirren der Waffen von kämpfenden Menschen zu hören. Agilea, die unter dem Vormund Egeos steht, tritt mit einem Gefolge von Jungfrauen auf. Sie ist in Teseo verliebt, der gegen die Feinde Athens in die Schlacht zieht, und erzählt ihrer Vertrauten Clizia, dass sie um seine Sicherheit besorgt ist. Clizia ihrerseits ist mit Arcane ein Liebespaar. Als Clizia ihn aber bittet, sich über Teseos Befinden zu informieren, reagiert er eifersüchtig.

Nach seinem Sieg teilt König Egeo Agilea mit, dass er sie zur Frau nehmen und zu seiner Königin machen wolle. Ihren Einwand, dass er doch bereits mit Medea verlobt sei, lässt er nicht gelten: Er sei entschlossen Medea zu trotzen, selbst wenn sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen sollte. Schließlich geht er, um die Huldigungen des Volkes entgegenzunehmen. Allein geblieben stellt Agilea fest, dass ihr die Gefühle des Königs und jeder Ehrgeiz völlig egal sind: Sie wird und will nie jemand anderen als Teseo lieben.

Zweiter Akt mini|links|hochkant|Paulus Bor: Die desillusionierte Medea. Metropolitan Museum, New York

Königlicher Palast. Medea beklagt ihr schweres Schicksal, da sie nie Glück in der Liebe hatte. Egeo tritt ein und lobpreist sie und ihre Zauberkünste, die eine unschätzbare Hilfe für den errungenen Sieg gewesen seien. Dennoch kommen beide überein, ihre Verlobung zu lösen, da sie nicht mit dem Herzen dabei sind. Als „Ersatz“ bietet Egeo ihr die Heirat mit dem Helden Teseo an. Medea, die durchschaut, dass er Agilea begehrt, akzeptiert freudig seinen Vorschlag, da sie ihrerseits in Teseo verliebt ist. Arcane warnt Egeo, da Teseo wegen seiner Heldentaten von den Truppen bereits als Egeos Nachfolger gefeiert worden sei. Egeo ist alarmiert.

Platz in Athen. Teseo zieht im Triumph in Athen ein und wird vom Volk gefeiert. Nachdem er die Athener gebeten hat sich zurückzuziehen, wird er von Medea angesprochen, die ihn darauf aufmerksam macht, dass Egeo ihn um seine Erfolge beneide und des Verrats verdächtige; doch sie sei bereit, den König zu besänftigen. Auf ihre Bemerkung, dass er ja „nichts von Liebe spreche“, antwortet Teseo ihr ganz offen, dass er nur Agilea liebe. Während Medea ihre eigenen Gefühle verbirgt, teilt sie ihm zu seiner Bestürzung mit, dass Egeo sein Rivale sei, aber er könne ihr und ihren diplomatischen Gaben völlig vertrauen. Teseo nimmt ihre Hilfe dankbar an. Doch als die Zauberin allein ist, brechen Eifersucht und Wut aus ihr heraus und sie schwört Rache.

Dritter Akt