mini|hochkant|Wichtigste Sofortmaßnahme: Aderlass (historische Darstellung um 1805)
Die Polycythaemia vera (Abkürzung PV; deutsch echte Polycythämie oder echte Polyzythämie; auch Polycythaemia rubra vera oder primäre idiopathische Polycythaemia rubra veraLudwig Heilmeyer, Herbert Begemann: Blut und Blutkrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 376–449, hier: S. 418. genannt; synonym: Morbus Vaquez-Osler und Vaquez-Osler-Krankheit) ist eine seltene myeloproliferative (die myeloische Blutbildung im Knochenmark betreffende) Erkrankung, bei der eine abnorme Vermehrung von roten Blutzellen (Erythrozyten) vorliegt, ohne dass hierfür ein physiologischer Stimulus existiert. Häufig sind neben den roten Blutzellen auch die weißen Blutkörperchen und die Blutplättchen vermehrt. Zu den Hauptsymptomen zählen eine erhöhte Blutviskosität bis hin zum Hyperviskositätssyndrom und damit zusammenhängende Durchblutungsstörungen. Auch Bluthochdruck kann auftreten. Die häufigsten Komplikationen sind arterielle und venöse Thrombosen, wodurch die Lebenserwartung bei unbehandelter Erkrankung stark eingeschränkt ist. Die Therapie besteht aus Aderlässen, einer Hemmung der Thrombozytenaggregation und gegebenenfalls einer die Blutzellproliferation verringernden Therapie. Auch bei adäquater Therapie ist die Lebenserwartung im Vergleich zu Gesunden geringer – allerdings beruhen diese Daten auf retrospektiven Untersuchungen aus der Zeit, als es noch wenige medikamentöse Therapiemöglichkeiten gab. Selten geht eine PV in andere Erkrankungen über (sekundäre Osteomyelofibrose, akute myeloische Leukämie).
Wortbedeutung Die altgriechisch-lateinischen Bestandteile des Namens beschreiben das Hauptmerkmal der Krankheit: poly (πολύς) = viel cyt bzw. zyt (κύτος „Gefäß“) = Zelle haem(ie) (αἷμα) = Blut(krankheit) vera = wahr, echt
Begriffsdefinitionen Die Polycythaemia vera, d. h. die „echte“ oder „wahre“ Polyzythämie, wird seit 1892 (Henri Vaquez)Ludwig Heilmeyer, Herbert Begemann: Blut und Blutkrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 376–449, hier: S. 418 f. von anderen Formen der Polyzythämie, den reaktiven oder sekundären Polyzythämien, abgegrenzt.
Reaktive Polyzythämien entstehen allgemein als Reaktion auf einen anderen Stimulus, in der Regel eine Sauerstoffminderversorgung (Hypoxämie), wie sie z. B. bei chronischen Lungenerkrankungen, exzessivem Nikotinkonsum, Schlafapnoe (Atemaussetzer) oder Aufenthalt in großer Höhe (niedrigerer Sauerstoffpartialdruck) auftreten kann. Der menschliche Körper reagiert in solchen Situationen mit der vermehrten Bildung von Erythropoetin („Epo“), was eine vermehrte rote Blutbildung bewirkt. Menschen, die lange Zeit in großer Höhe leben (z. B. im Andenhochland von Bolivien), haben deswegen einen durchschnittlich höheren Hämoglobinwert und höhere Werte für Erythrozyten; sie haben eine „physiologische“ Polyzythämie, die nicht als Krankheit zählt. Sekundäre Polyzythämien können z. B. bei Erythropoetin-produzierenden Tumoren entstehen (sehr selten).
Die Polyzythaemia vera ist dagegen eine Krankheit mit einer genetischen Ursache, entstanden durch eine im Laufe des Lebens zufällig erworbene genetische Störung in hämatopoetischen Stammzellen, dennoch werden familiäre Häufungen beobachtet.Minimed: Polycythämia Vera Definition
Epidemiologie Die Erkrankung ist insgesamt gesehen selten und zählt zu den sogenannten Orphan Diseases. Die Prävalenz (Bevölkerungsanteil der Kranken) liegt in den USA bei 1:3.300 (≈ 0,03 %), die Inzidenz (jährliche Neuerkrankungsrate) bei 1:36.000 bis 1:100.000, nach anderer Quelle bei 1–2:100.000. Sie ist somit die häufigste Form der myeloproliferativen Erkrankungen. Da es für Deutschland keine epidemiologischen Daten gibt, wurde die schwedische Statistik herangezogen und daraus jährlich 2.000 Neuerkrankungen in Deutschland geschätzt.F. P. Siegel, P. E. Petrides: Angeborene und erworbene Polyzythämien. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 105, Nr. 4, 2008, S. 62–68, doi:10.3238/arztebl.2008.0062 Das Selbsthilfeforum mpn-Netzwerk schätzt zwischen 1.000 und 2.000 Neuerkrankungen pro Jahr aufgrund europäischer Daten zwischen 0,4 und 2,8 Fälle pro 100.000 Einwohner (rechnerischen zwischen 340 und 2.350).Polycythaemia vera (PV): Häufig gestellte Fragen. MPN-Netzwerk e. V., August 2015 (abgerufen am 4. Mai 2016) Laut DocCheck Flexikon liegt die Inzidenz bei 0,5 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner. Also bei rund 420 Fällen pro Jahr in Deutschland.DocCheck Flexikon: Polycythaemia vera, 2. Epidemiologie Sie kann in jeder Altersstufe auftreten, der Altersgipfel liegt zwischen der 5. und 6. Lebensdekade. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Patienten beträgt etwa 2:1. Eine familiäre Häufung (die auf eine Vererbung schließen lässt) kommt vor, ist aber selten.verschiedene Quellen, darunter das medizinische Portal med2click, abgerufen am 5. März 2012.
Verlauf Oftmals zeigen sich schon bis zu einem Jahrzehnt vor Eintritt der Polycythaemia vera in die chronische Phase einzelne latente Anzeichen der Krankheit, beispielsweise in Form einer mäßigen Vergrößerung der Blut-abbauenden Organe Milz und Leber. Das blutbildende Knochenmark hingegen weist keine erkennbaren Veränderungen auf. Die JAK2-Mutation (s. u.) ist jedoch schon nachweisbar.
Generell werden zwei Stadien der Polycythaemia vera unterschieden. Eine erst chronische Phase mit erhöhter Produktion der Erythrozyten kann zwei Jahrzehnte oder mehr bestehen, eine progrediente Spätphase mit diversen, auch akut lebensgefährdenden, Komplikationen kann bei einem Teil der Patienten daran anschließen.
Ursachen und Entstehung Im Jahr 2005 wurde durch mehrere wissenschaftliche Arbeitsgruppen eine Mutation im JAK2-Gen („Januskinase“ 2, eine Tyrosinkinase) beschrieben.C. James, V. Ugo, JP Le Couedic u. a.: A unique clonal JAK2 mutation leading to constitutive signalling causes polycythaemia vera. In: Nature, 2005, 434, S. 1144–1148 Diese Mutation der genomischen DNA führt zu einem Aminosäure-Austausch (Valin gegen Phenylalanin) an Position 617 des JAK2-Proteins („V617F-Mutation“). Das JAK2-Protein spielt eine wichtige Rolle bei der Signaltransduktion in der Zelle. Durch die Mutation wird es aktiviert, so dass betroffene Zellen dauerhaft eine gesteigerte Zellteilungsrate haben. Die V617F-Mutation findet man bei verschiedenen hämatologischen Erkrankungen, aber besonders häufig (in mehr als 90 %) bei der Polycythaemia vera. Die betroffenen blutbildenden Stammzellen sind von der Stimulation durch Erythropoetin (Epo) unabhängig und zeigen eine hundertfach erhöhte Sensitivität auf Wachstumsfaktoren wie IGF-1 (Insuline-like Growth Factor 1) und IL-3 (Interleukin-3).
Klinisches Bild mini|hochkant|Erythromelalgie, eine anfallsartige Hauterkrankung, die selten im Zusammenhang u. a. mit PV auftreten kann
Die Erkrankung fällt meistens durch eine deutliche Erhöhung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten), der Hämoglobinkonzentration und des Hämatokrit im Blutbild auf. Seltener ist eine Milzvergrößerung das erste Symptom. Auch weiße Blutzellen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) können vermehrt sein. Ein typisches Kennzeichen, das die Polycythaemia vera von anderen Krankheiten mit massiver Erhöhung der roten Blutkörperchen unterscheidet, ist ein Juckreiz nach Wasserkontakt (fachsprachlich aquagener Pruritus). Durch die erhöhte Anzahl der Thrombozyten, Granulozyten und Erythrozyten wird das Blut dickflüssiger (Hyperviskosität). Es kann somit zu Durchblutungsstörungen in allen Bereichen des Körpers (insbesondere im Kapillarbereich) kommen, die Gefahr von Thrombosen und in der Folge von Embolien nimmt zu. Bei einigen Patienten ist eine Thrombose das erste Anzeichen der Krankheit. Gleichzeitig kann auch die Blutungsgefahr steigen, weil die körpereigene Blutstillung als Ganzes nicht mehr einwandfrei abläuft.
Viele der möglichen Symptome der Polycythaemia vera sind nicht spezifisch für die Erkrankung, geben während der Anamnese und während des Krankheitsverlaufs den Ärzten und Patienten wichtige Hinweise. Zu möglichen (nicht bei allen Patienten auch feststellbaren) klinischen Symptomen zählen: Splenomegalie (Vergrößerung der Milz) Hepatomegalie (Vergrößerung der Leber) Kopfschmerz Tinnitus (Ohrensausen) Sehstörungen Vertigo (Schwindel) Müdigkeit dysphorische (misslaunische) oder depressive Stimmungslagen Parästhesien Kribbeln oder Taubheitsgefühle insbesondere an den Extremitäten Schmerzen in den Extremitäten Pruritus (Juckreiz) besonders bei Wärme aquagener Pruritus (stechender Juckreiz nach Kontakt mit Wasser) Dyspnoe (Atemnot) Plethora Haut und Schleimhäute tiefrot mit rotblauer Zyanose rotes Gesicht – Patienten haben ein „blühendes“ Aussehen bei einer Augenuntersuchung oft dunkel-rot-bläulich gefärbte Gefäße Durchblutungsstörungen arterielle und venöse Thrombosen und/oder Embolien vor allem im Magen- und Darmbereich (Gastrointestinaltrakt) transitorische ischämische Attacken
Mikrozirkulationsstörungen an den Extremitäten, „kalte Hände, - Füße, - Nase oder - Ohren“
Magen- und Darmgeschwüre Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)1905 beschrieb Felix Gaisböck (1868–1954) die „hypertonische Polycythämie“. Vgl. Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 58. gesteigerte Blutungsneigung, meist durch Funktionsstörungen der Thrombozyten (trotz erhöhter Anzahl) selten Freisetzung erhöhter Mengen an Harnsäure bei vermehrtem Zerfall von Zellkernen der sich autonom vermehrenden Zellen mit Gichtanfällen Nachtschweiß MPD-Netzwerk; abgerufen am 5. April 2012
Bei fortschreitender Erkrankung können die Zahl der Erythrozyten und auch der Leukozyten und Thrombozyten sinken, die Milz kann an Größe zunehmen, oft in Verbindung mit Myelofibrose und extramedullärer Hämatopoese (Blutbildung außerhalb des Knochenmarks).
Ein Teil der individuell unterschiedlich auftretenden Symptome, insbesondere wenn sie mit Durchblutungsstörungen zusammenhängen, verschwindet oder wird abgeschwächt, sobald die Erkrankung erkannt und behandelt wird, indem der Hämatokritwert in den Normbereich von etwa 45 Prozent abgesenkt wird.
Diagnosestellung In den meisten Fällen wird die Erkrankung dadurch entdeckt, dass bei einem Blutbild – oft im Nebenbefund – eine massive Erhöhung des Hämatokrits, der Erythrozyten oder der Hämoglobinkonzentration auffällt. Auch bei Thrombosen an untypischen Stellen wie den Lebervenen (Budd-Chiari-Syndrom) wird eine Polycythaemia vera differentialdiagnostisch in Betracht gezogen.
Diagnosekriterien der WHO Die Diagnosekriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2022 erfordern eine Untersuchung des Blutbildes (Erythrozytenzahl, Hämoglobinkonzentration, Hämatokrit sowie die anderen Zellreihen des Blutes), eine Knochenmarkpunktion mit mikroskopischer Untersuchung, sowie genetische Untersuchungen. Da nicht jede Polycythaemia vera auch durch eine JAK2-Mutation verursacht ist, kann dieses Kriterium durch ein Nebenkriterium ersetzt werden (s. nachfolgende Tabelle). + WHO-Diagnosekriterien Kriterium Bedingungen 1. Hauptkriterium Hämoglobin > 16,5 g/dL bzw. >16,0 g/dL bei Männern/Frauen oderHämatokrit >49 % bzw. 48 % bei Männern/Frauen odererhöhte Erythrozytenmenge (>25 % über dem mittleren Normalwert) 2. Hauptkriterium Knochenmarkbiopsie zeigt gemessen am Patientenalter Hyperzellularität mit Steigerung aller drei Reihen 3. Hauptkriterium Nachweis der JAK2 V617F-Mutation oderNachweis einer JAK2 Exon 12-Mutation 1. Nebenkriterium Erythropoietin-Spiegel im Serum unterhalb des Normalbereichs
Die Diagnose einer Polycythaemia vera kann gestellt werden, wenn entweder:
alle drei Major-Kriterien erfüllt sind, oder: