Siroe, re di Persia (deutsch Siroe, König von Persien, HWV 24) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Die Uraufführung war am 17. Februar 1728 im King’s Theatre am Haymarket in London. Sie ist neben Poro (1731) und Ezio (1732) die erste von drei Händel-Opern, die ein Libretto von Pietro Metastasio als Vorlage haben.
Entstehung Nach Riccardo Primo, welchen Händel im November 1727 herausgebracht hatte, war Siroe seine zweite von drei Opern für die neunte und vorerst letzte Spielzeit der Royal Academy of Music. Zugleich war es Händels vierte und vorletzte Oper mit zwei Primadonnen-Rollen für Francesca Cuzzoni und Faustina Bordoni.
Händel hatte zunächst begonnen, eine Oper Genserico zu vertonen, deren Libretto möglicherweise von einem seiner Londoner Dichter nach der Vorlage von Nicolò Beregan (Venedig 1669) und dem deutschen Pendant von Christian Heinrich Postel (Hamburg 1693) erstellt worden war.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 91 Aus unbekannten Gründen brach er jedoch die Arbeit am Genserico nach der neunten Szene des ersten Aktes ab, und wandte sich stattdessen dem Siroe zu. Teile der bereits entstandenen Musik verwendete er für Siroe und den folgenden Tolomeo.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 100.
Anfang Februar war Siroe fertig und Händel notierte „Fine dell’ Opera | G.F. Handel | London. February. 5. 1728“ am Ende seiner Partitur.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 158
Nur knapp eine Woche zuvor war es jedoch zu einer unvorhersehbaren Sensation in der Londoner Theaterwelt gekommen, als am 29. Januar 1728 die Beggar’s Opera (Bettler-Oper) von John Gay und Johann Christoph Pepusch am Lincolns Inn Fields Theatre auf die Bühne kam.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 107 und 360. Dabei handelte es sich um eine unverschämte Klamotte und Satire auf die italienische Oper und die in der englischen Presse und Gesellschaft unglaublich hochgespielte Konkurrenz der beiden „Rival Queens“ Cuzzoni und Bordoni. Der riesige Erfolg der Beggar’s Opera wurde automatisch für Händels neueste Oper zu einer massiven Konkurrenz und wurde oftmals dafür verantwortlich gemacht, der finanziell bereits stark kriselnden ersten Opernakademie den Todesstoß versetzt zu haben.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 107–108.
So schrieb Mrs. Pendarves, eine Nachbarin und Bewunderin Händels, nach der [General]probe von Händels neuer Oper: „... Ich mag sie sehr, aber der Geschmack der Stadt ist so verdorben, dass nichts mehr angenommen wird, als die Burleske. Die Bettler-Oper triumphiert völlig über die italienische. Ich habe sie nicht gesehen, aber jeder, der sie sah, sagt, dass sie sehr lustig und humorvoll sei.“„Yesterday I was at the rehearsal of the new opera composed by Handel: I like it extremely, but the taste of the town is so depraved, that nothing will be approved of but the burlesque. The Beggar’s Opera entirely triumphs over the Italian one. I have not yet seen it, but everybody that has seen it, says it is very comical and full of humour.“ In Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 157.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 108.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Insel Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 160.
In dieser Situation brachte Händel also seine neue Oper am 17. Februar im King’s Theatre zur Uraufführung, mit der folgenden Besetzung: Cosroe – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Siroe – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Medarse – Antonio Baldi (Altkastrat) Emira – Faustina Bordoni (Sopran) Laodice – Francesca Cuzzoni (Sopran) Arasse – Giovanni Battista Palmerini (Bass)
Trotz der angeblich überwältigenden Konkurrenz der Beggar’s Opera kam Siroe bis zum 27. April auf respektable achtzehn Aufführungen, eine weitere am 5. Mai musste wegen Krankheit abgesagt werden.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 159 Händel hatte auch die Unterstützung der königlichen Familie, die neben der Premiere mindestens sechs weitere Vorstellungen besuchte.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 101
Mrs. Pendarves konnte sogar am 19. März etwas erleichtert an ihre Schwester berichten:
Trotzdem brachte Händel Siroe später nie wieder auf die Bühne und Mitte 1728 musste die erste Opernakademie ihre Pforten wegen Bankrott schließen.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 107–108.
Aufführungsgeschichte Siroe erschien noch einmal im August 1730 und am 9. Februar 1735 unter der musikalischen Leitung Georg Caspar Schürmanns auf dem Spielplan des Braunschweiger Theaters und verschwand danach für fast 200 Jahre, um an Weihnachten 1925 in Gera in deutscher Sprache (Textfassung und musikalische Leitung: Ralph Meyer) wiederaufgeführt zu werden. Die erste Wiederaufführung in italienischer Sprache und in historischer Aufführungspraxis fand am 1. November 1990 in der New Yorker Merkin Concert Hall mit dem Brewer Original Instrument Orchestra unter der musikalischen Leitung von Rudolph Palmer statt.
Libretto mini|hochkant|Pietro Metastasio, um 1730 Pastell von Rosalba Carriera, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Mit Siroe griff Händel erstmals auf ein Libretto von Pietro Metastasio zurück, das dieser zwei Jahre zuvor geschrieben hatte. Es war erst Metastasios zweites Libretto nach seinem spektakulären römischen Debüt einige Jahre zuvor.handelhouse.org Das Libretto war vor Händel zuerst 1726 von Leonardo Vinci für Venedig vertont worden, sowie von Giovanni Porta, Nicola Porpora, Domenico Sarro und Antonio Vivaldi.Michael Zywietz: Siroe, Re di Persia (HWV 24), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 193
Wahrscheinlich hatte sich Metastasios Erfolg schon bis nach London herumgesprochen und die Erwartungshaltung des Londoner Publikums an Qualität und Novität veranlassten die Akademieleitung, Händel dazu zu überreden, den Siroe zu vertonen; Paolo Antonio Rolli behauptete später außerdem, Faustina Bordoni habe sich bei Händel für Siroe eingesetzt.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 91 (Fußnote 3)
Jedenfalls wurde Nicola Francesco Haym, einer der beiden Haus-Librettisten der Akademie, beauftragt, das Textbuch Metastasios zu bearbeiten, und er verwendete dafür anscheinend die Version, die der Dichter selber für Sarro (Neapel 1727) erstellt hatte.Michael Zywietz: Siroe, Re di Persia (HWV 24), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 194 und 195 Da dem englischen Publikum grundsätzlich nicht zu viel italienischer Text zugemutet werden konnte, kürzte Haym die Rezitative von 1284 Zeilen auf etwa die Hälfte – trotzdem ist der Anteil an Rezitativen immer noch größer als in den meisten Londoner Opern Händels.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 92
Zusätzlich stellte er einige Szenen um, strich mehrere Arien und ersetzte andere durch eigene Dichtungen.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 311. Ein zentraler Punkt bei der Umarbeitung war, dass die beiden Partien der Cuzzoni und der Bordoni – wie immer – so gleichwertig wie möglich sein mussten. Insgesamt wurden 19 Arientexte von der Vorlage beibehalten, Senesino/Siroe erhielt zwei zusätzliche und die beiden Primadonnen jeweils eine zusätzliche Arie. Die Figur des Cosroe wurde in ihrer Bedeutung eingeschränkt und Arasse verlor alle drei von Metastasio vorgesehenen Arien.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 92–93Zur Behandlung der Figur des Cosroe, siehe ausführlich: Michael Zywietz: Siroe, Re di Persia (HWV 24), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 196–198
Handlung mini|Inthronisation von Shirwi (Siroe), Sohn des Khusraw (Cosroe) Buchmalerei, Tabriz 1518, John Rylands University Library Historischer und literarischer Hintergrund Im Mittelpunkt steht die historische Figur des Siroe (Kavadh II.) († 628), dessen Vater, der persische König Cosroe (Chosrau II.) (um 570 bis 628), ihm die Thronfolge zugunsten des zweitgeborenen Sohnes Medarse (Mardanschah) († 628) entziehen möchte und damit den Volkszorn erregt. Das Ganze ist eingebettet in frei erfundene Liebesverwicklungen und Intrigen, an der die als Mann verkleidete, am persischen Hof lebende Emira und die von Cosroe begehrte Laodice beteiligt sind. Die Handlung spielt in der Stadt Seleukia.
Erster Akt In einem Kampf hat Cosroe, der König von Persien, Asbite, den König von Cambaja, erschlagen und dessen gesamte Familie ausgerottet. Nur Emira, die Tochter Asbites, hat überlebt. Sie sinnt nun auf Rache und lebt deshalb unter dem Namen Idaspe als Mann verkleidet am persischen Hof.
Emiras heimlicher Geliebter ist Cosroes Sohn, der Kronprinz Siroe. Er kennt als einziger Emiras wahre Identität. Emira verlangt von Siroe, ihre Rachepläne gegen seinen Vater zu unterstützen. Als Siroe das jedoch ablehnt, weist Emira seine Liebe zurück.
Laodice wird zwar von Cosroe begehrt, ist aber ebenfalls in den Kronprinzen verliebt. Deshalb behauptet Emira gegenüber Laodice, Siroe würde Laodices Liebe erwidern, tatsächlich erhält sie von diesem aber eine Abfuhr. Laodice plant nun, dem König zu erzählen, sein Sohn hätte versucht, sie zu verführen.
Siroe versucht seinen Vater vor dem von Emira geplanten Mordanschlag zu warnen. Damit er Emira nicht bloßstellt, benutzt er einen anonymen Brief. Laodice erzählt dem König, sein Sohn habe sie vergewaltigt. Siroes Bruder Medarse findet den anonymen Brief. Um seinen Bruder als Thronfolger zu verdrängen, gibt er sich beim Vater als der Verfasser des Briefes aus. Jetzt verrät Siroe jedoch, ohne Emira zu verraten, dass er der wirkliche Schreiber des Briefes ist.
Zweiter Akt Siroe hat Emiras Hassattacken und Laodices Annäherungsversuche satt. Er zieht sein Schwert, um sich zu töten. Als sein Vater hinzukommt, glaubt dieser jedoch, Siroe wolle Emira töten. Cosroe lässt seinen Sohn gefangen nehmen.