mini|Großseldschukische Freitagsmoschee von Isfahan mini|Rum-seldschukische Çifte-Minareli-Medrese in Erzurum

Der Beginn der Seldschukenherrschaft im 11. Jahrhundert markiert einen historischen Wendepunkt der islamischen Zivilisation. Seit der islamischen Expansion hatte die arabische Kultur die islamische Welt geprägt. Die Dynastie der Seldschuken begründete die politische und kulturelle Vorherrschaft turkstämmiger Völker. Die Architektur der großseldschukischen Herrscher in Persien sowie ihrer Vasallen, der Sultane von Rum, prägte eine Epoche der persischen Architektur ebenso wie die islamische Architektur Kleinasiens. Bis ins 15. Jahrhundert hinein blieb die seldschukische Baugestaltung ein stilistisches Vorbild für die frühe osmanische Architektur.

Geschichtlicher Hintergrund mini|Karte des Seldschukenreichs Die Seldschuken gehörten als Teil des Stammesverbands der Oghusen zu den im 8. Jahrhundert nach Transoxanien eingewanderten Turkvölkern. Unter ihren Anführern Tughrul Beg und Tschaghri Beg eroberten die Seldschuken 1034 Chorâsân und besiegten 1040 in der Schlacht von Dandanqan die Ghaznawiden. 1055 beendete Tughrul mit der Eroberung Bagdads die Schutzherrschaft der Bujiden über das Abbasidenkalifat. Tughrul Beg unterwarf große Teile Persiens und 1055 den Irak. Er verlegte die Hauptstadt des seldschukischen Reiches nach Rey in der Nähe des heutigen Teheran.

Nach dem Sieg über das byzantinische Reich in der Schlacht bei Manzikert 1071 dehnte der seldschukische Sultan Alp Arslan seine Herrschaft im Westen aus. 1077/8 ernannte Sultan Malik Şah I. Suleiman ibn Kutalmiş zum Gouverneur der neuen Provinz Anatolien. Deren Hauptstadt wurde Nikaia. Nach der Eroberung von Antiochia im Jahr 1086 erklärte sich Suleiman für unabhängig, wurde aber von Tutusch I., dem Bruder Malik Şahs, besiegt und hingerichtet. Im Zuge der Einwanderung großer Zahlen nomadischer Turkmenen entstanden in Anatolien unabhängige Emirate, darunter die Danischmenden, die zwischen ca. 1092 und 1178 die Region um Sivas, Kayseri und Malatya beherrschten, die Saltukiden (1092–1202) um Erzurum, die Ortoqiden (1098–1234) um Dunaysir, Mardin und Diyarbakır, und die Mengücek (1118–1252) um Erzincan und Divriği. Die Emirate der Danischmenden und Saltukiden gingen später im Sultanat der Rum-Seldschuken auf, die Ortoqidenherrschaft endete mit der Eroberung durch die ägyptischen Ayyubiden, die Herrschaft der Mengücek endete erst mit dem Untergang der Seldschukenherrschaft im Mongolensturm.

In der Schlacht vom Köse Dağ unterlagen die Seldschuken von Rum 1243 den Mongolen und mussten die Vorherrschaft der Ilchane anerkennen. Ende des 13. Jahrhunderts revoltierte der Gouverneur der Ilchane in Anatolien, Sülemiş, gegen Ghazan Ilchan. Die Schwäche des byzantinischen Reichs im Westen und des Ilchanidenreichs im Osten bot den turkstämmigen Beys die Gelegenheit, eigenständige kleinere Herrschaften zu errichten. Es entstanden die Beyliks, unter denen die Beyliks von Aydın (1313–1425) um Ephesos, Saruhan (1300–1410) um Manisa, und vor allem das Beylik von Osman I., aus dem ab 1299 innerhalb kurzer Zeit das Osmanische Reich entstehen sollte, architekturgeschichtliche Bedeutung erlangten.

Architektur der Großseldschuken Innerhalb von zwei bis drei Generationen hatte sich die Lebensweise zumindest der seldschukischen Elite radikal verändert: Ursprünglich lebten die nomadischen Steppenbewohner in Jurten, dem traditionellen zentralasiatischen Wohnzelt. Nach der Eroberung des Irans und Mesopotamiens übernahmen sie die Regierungs- und Verwaltungsstrukturen ihrer Vorgänger. Auf dem Gebiet der Architektur entwickelten die seldschukischen Architekten eine eigenständige Formensprache: Es gelang ihnen, bekannte Bauelemente wie den Zentralbau mit Kuppel oder Iwane schlüssig und harmonisch zusammenzufügen.

Vorbilder mini|150px|Talchatan-Baba-Moschee auf einer sowjetischen Briefmarke Die Architektur der Seldschuken greift Vorbilder aus der Architektur der Karachaniden und Ghaznawiden auf: Zentralbauten wie die späteren seldschukischen Bautypen finden sich schon in der karachanidischen Architektur. Die Deggaron-Moschee aus dem 11. Jahrhundert in der Kleinstadt Chasar nahe Buchara ist aus Lehm- und Backsteinziegeln errichtet. Ihre 6,5 m weite Kuppel ruht mit vier Spitzbögen auf nur 30 cm breiten, niedrigen Säulen. Über jeder Hallenecke befinden sich kleinere, 3,6 m durchmessende Nebenkuppeln. Ein bedeutendes Beispiel für einen überkuppelten Zentralbau stellt die Talchatan-Baba-Moschee dar, etwa 30 km von Merw. Der ganz aus Ziegeln errichtete Bau aus dem 11. oder 12. Jahrhundert misst 18 × 10 m. Er besitzt eine Zentralkuppel; seitlich ist der Raum durch kleinere Kreuzgewölbe erweitert. Die Fassade ist mit Nischen gegliedert, durch unterschiedliche Ziegelsetzung ist die Fassade dekorativ gestaltet.

Der ghaznawidische Palastkomplex im südafghanischen Leşker-i Bāzār wurde 1948 von Schlumberger ausgegraben.Daniel Schlumberger: Le palais ghaznévide de Lashkari Bazar. Syria 29 (3), 1952, S. 251–270. Online auf persee.fr, abgerufen am 25. Oktober 2016. Der Südpalast misst 164 × 92 m. Die Wände bestehen aus Lehmziegeln auf Backsteinfundamenten. Er besitzt einen 63 × 45 m großen Innenhof mit vier Iwanen. Weitere kleine Nebenhöfe sind ebenfalls nach dem Vier-Iwan-Schema gestaltet.Grundriss des Südpalasts von Leşker-i Bāzār, abgerufen am 23. Oktober 2016. An der Südfassade des Palastkomplexes wurden 1951 die Fundamente einer Moschee ausgegraben. Diese besaß zwei Seitenhallen mit je zwei Säulenreihen nördlich und südlich eines zentralen Abschnitts, dessen massive rechteckige Ziegelpfeiler sehr wahrscheinlich eine Kuppel getragen haben. Die Vorderfront des Gebäudes war offen.

Einzelne Bauelemente

Die seldschukische Architektur verwendet die gleichen oder ähnliche Bauelemente für verschiedene Bauten. Moscheen, Karawansereien, Medresen und Grabmäler können als Halle oder Zentralbau mit oder ohne Kuppel, Hof, Riwaq-Arkaden, Iwanen oder Minaretten errichtet werden. Für sich betrachtet, leiten sich die einzelnen Bauelemente von teilweise sehr viel älteren Vorbildern ab. Die architekturgeschichtliche Leistung der bis auf wenige Ausnahmen namenlosen seldschukischen Architekten besteht in der Synthese dieser Elemente zu einheitlichen und architektonisch stimmigen, stiltypischen Bauten.

Kuppel- und Gewölbeformen Schon in sassanidischer Zeit war das System der Ecktrompen bekannt, mittels dessen einem rechteckigen Unterbau eine runde Kuppelschale aufgesetzt werden kann. Die Bauweise aus Backsteinen, die in einer verhältnismäßig dicken Mörtelschicht verlegt wurden, erlaubte ein freies Aufmauern der Kuppel ohne Verwendung eines Lehrgerüsts. Die sphärischen Dreiecke der Trompen wurden in weitere Untereinheiten oder zu Nischensystemen aufgespalten. Aus diesen ergab sich ein komplexes Spiel von Stützen und Verstrebungen, letztlich ein ornamentales räumliches Muster aus kleinteiligen Elementen, die die Schwere des Baukörpers optisch aufheben.

Für den islamischen Osten typisch wurde das nicht-radiale Rippengewölbe, ein von einer Scheitelkuppel überfangenes System aus sich kreuzenden Gewölberippenpaaren. Ausgehend von der Freitagsmoschee von Isfahan lässt sich diese Gewölbeform in der ostislamischen Architektur bis in die safawidische Zeit anhand von Schlüsselbauten nachverfolgen. Die Hauptmerkmale dieses Gewölbetyps sind: Ein typenprägendes Geviert sich kreuzender Gewölberippen, manchmal durch Verdopplung und Verschränkung zu einem achteckigen Stern ausgebildet; das Wegfallen einer Übergangszone zwischen Gewölbe und Stützsystem; eine auf dem Rippengerüst reitende Scheitelkuppel oder Laterne. In der seldschukischen Architektur bilden die sich kreuzenden Rippenpaare noch das Hauptelement des Baudekors.

Minarette Am häufigsten verwendeten die iranischen Großseldschuken die schlanke, zylindrische Bauform des Minaretts. Das älteste erhaltene Manar aus seldschukischer Zeit ist dasjenige der Tārichāne-Moschee in Damghan aus der Zeit Tughrul Begs (1058). Es ist auch der erste seldschukische Bau, bei dem die Verwendung glasierter Ziegel bekannt ist. Durch die versetzte Anordnung der Ziegel in der Turmwand entsteht ein eindrucksvoller dekorativer Effekt. Das ähnlich gestaltete Minarett der Masdschid-i Maidan in Saveh wird von Aslanapa in die Zeit Alp Arslans (1061) datiert. Weitere seldschukische Minarette stehen in den Freitagsmoscheen von Kaschan und Barsiyan nahe Isfahan. Erstmals wurden auch Fassaden mit zwei gleichförmigen Minaretten ausgestattet.

Moscheen Zwischen etwa 1080 und 1160 wurden die bedeutenden seldschukischen Moscheen errichtet. Die seldschukischen Architekten entwickelten aus der klassisch-islamischen Hallenmoschee einen monumentalen Bautyp, der aus einer Halle besteht, über deren Mihrabnische sich eine weite Kuppel wölbt. Die klassische Bauform des von Riwaq-Arkaden gesäumten Hofs (Sahn) wurde durch Einfügen von vier Iwanen erweitert. In allen Bauten befindet sich eine Kuppelhalle mit vorgelagertem Iwan im Zentrum. Auf der Längs- und Querachse eines kreuzförmigen Grundrisses stehen sich jeweils zwei Iwane in der Mitte der Riwaqreihen jeder Hofseite gegenüber. Der Vier-Iwan-Plan prägt bis in die Moderne die Gestaltung iranischer Moscheen und Madrasas.Oleg Grabar: Iwān. In: The Encyclopaedia of Islam, S. 288

Freitagsmoschee von Isfahan mini|Freitagsmoschee von Isfahan Die Freitagsmoschee von Isfahan ist die älteste erhaltene Moschee der Seldschukenzeit. Der ursprüngliche Bau war unter dem Abbasidenkalifen al-Mansūr (reg. 754–775) als klassische Hofmoschee aus Lehmziegeln errichtet worden. Sultan Malik Şah I. (reg. 1072–1092) ließ das Bauwerk wiederherstellen und erweitern. Den Bauinschriften zufolge entstanden unter Malik Şah die große Mihrabkuppel sowie die kleinere, ebenfalls überkuppelte Nordhalle. Der seldschukische Großwesir Nizām al-Mulk und sein Rivale Tadsch al-Mulk errichteten um 1080 zwei Kuppelbauten entlang der Längsachse des Hofs. Die Kuppel Nizams ruht auf acht schweren, mit Stuck überzogenen Pfeilern, die wahrscheinlich aus einer früheren Bauphase stammen, und öffnet sich auf drei Seiten mit neun Bögen zur Gebetshalle hin. Einige Jahrzehnte später wurde die Balkendecke der Halle durch Hunderte von Kuppeln ersetzt. In einer dritten Bauphase entstanden vier Iwane jeweils im Zentrum der Fassaden des Innenhofs. In seldschukischer und timuridischer Zeit wurden Hoffronten und die Innenseite der Iwane mit glasierten Kacheln verkleidet. Die geometrische, kalligrafische und florale Ornamentierung verkleidet und verbirgt die durch die Lastenverteilung des Baukörpers bedingte Bauform. Damit war eine architektonische Tradition begründet, die für die Bauten des Islamischen Ostens der nachfolgenden Zeit stilbildend wurde.

Große Moscheen von Qazvin und Zavareh

Spätere seldschukische Moscheebauten wurden nach dem Vorbild des Bauwerks Malik Şahs I. in Isfahan errichtet. Auch hier wurden oftmals ältere Hallenmoscheen aus abbasidischer Zeit überarbeitet. Die Freitagsmoschee von Qazvin (errichtet 1113 oder 1119) besitzt eine Kuppel, die auf einfachen, aber monumental wirkenden Trompen und starken Ziegelmauern ruht. Eine um die Trompenbögen der Kuppel laufende kalligrafische Bauinschrift in Naschī-Schrift weist als Bauherrn Muhammad I. Tapar aus, den Sohn Malik Şahs.

Die Freitagsmoschee von Zavareh in der Provinz Isfahan (1135) vereinigt in ihrer Baugestaltung alle Innovationen der großseldschukischen Architektur: Sie besitzt eine 7,5 m weite Mihrabkuppel, vier Iwane und ein Minarett. Hier ist der Vier-Iwan-Plan erstmals in einer seldschukischen Moschee verwirklicht. Durch versetzte Anordnung der Ziegelsteine entstehen geometrische Muster im Bereich der Trompen und in der Kuppel selbst.

Große Moschee von Ardestan

mini|links|Außenansicht der Moschee von Ardestan