mini|Die Evangelische Dorfkirche in Glienicke/Nordbahn, 2016

Die Dorfkirche in Glienicke/Nordbahn ist die Kirche der Evangelischen Kirchengemeinde Glienicke/Nordbahn (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Kirchenkreis Berlin-Nordost). Sie liegt am westlichen Ende der Dorfaue zwischen Haupt-, Garten- und Hattwichstraße.

mini|Die Evangelische Dorfkirche in Glienicke/Nordbahn bei Nacht, 2016

Die Glienicker Dorfkirche wurde als Saalbaukirche im neoromanischen Stil 1864/1865 erbaut. Architekt war der Bauinspektor für Kirchbauten im Preußischen Königlichen Handelsministerium Georg Gustav Erbkam (1811–1876), der den Bau als Prototyp für Kirchbauten in der Mark Brandenburg konzipierte. Die Kirchweihe erfolgte am 23. Mai 1865. Während die äußere Form der Kirche seit dem Bau weitgehend unverändert blieb, erfuhr der Innenraum zahlreiche Umgestaltungen. Seit der letzten Innenrenovierung 2013–2014 präsentiert er sich in einer an die Ursprungsfassung angelehnten Form. Die Kirche steht seit 1997 unter Denkmalschutz. Seit 2016 lässt die Kommune sie im Rahmen der Beleuchtung denkmalgeschützter Bauwerke in Glienicke/Nordbahn nachts anstrahlen.Rathausnachrichten. Aus der Sitzung des Ausschusses für Technische Infrastruktur und Gewerbe (Haushaltsberatungen) am 21. September. In: Glienicker Kurier. Nachrichten aus der amtsfreien Gemeinde Glienicke/Nordbahn. Ausgabe November 2016, S. 14.

Die erste Glienicker Kirche 1705–1864

Vorgeschichte und Bau Das Bauerndorf Glienicke in der Mark Brandenburg nördlich von Berlin erhielt erst sehr spät eine eigene Kirche. Vor dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurde der Ort mehrfach verlassen und aufgegeben; vor allem aber war er zu klein, um eine eigene Kirche zu rechtfertigen oder gar einen Pfarrer zu ernähren. Kirchlich gehörte der Ort zum etwa fünf Kilometer entfernten Dorf Stolpe; hier fand sich sonntags auch die Glienicker Bevölkerung zum Gottesdienst ein. Die kirchliche Zugehörigkeit Glienickes zur Stolper Kirchengemeinde hatte bis 1946 Bestand.

Die Situation veränderte sich nach dem Dreißigjährigen Krieg, als der Ort Glienicke dauerhaft aufblühte. Auslöser war die Anlage der Pferdewechselstation „Sandkrug“ an dem neu angelegten Kutsch- und Reitweg von Berlin nach Oranienburg (die heutige B 96, der „Sandkrug“ befand sich an der Ecke zur heutigen Hauptstraße) durch die Gattin des Großen Kurfürsten, Luise Henriette von Oranien. Als Heu-Lieferanten für die Futterstelle wurden wieder Bauern angesiedelt. Knapp 60 Jahre nach dem Ende des Krieges war das Dorf dann so weit herangewachsen, dass es eine eigene Kirche als „Predigtstätte“ – also ohne eigene Pfarrstelle – innerhalb der Stolper Kirchengemeinde erhielt. Am Himmelfahrtstag 1705 wurde sie geweiht. Bauherren waren die Kirchenpatrone von Stolpe, zu dieser Zeit die Adelsfamilie von Platen. Der Unterhalt für die neue Kirche wurde aus mehreren Quellen finanziert: Zum einen hatten die Glienicker Bauern eine Abgabe, den „Kirchenzehnten“, zu entrichten, zum anderen gab es kirchliche Äcker und Wälder, die an die Bauern verpachtet wurden, und schließlich waren für die kirchlichen Amtshandlungen (Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen) Gebühren zu zahlen.

Die Kirche stand an der Stelle der heutigen Kirche beim Dorfteich (der zugleich Pferdetränke für die Pferdewechselstation war) und war in Ost-West-Richtung ausgerichtet.

Ausstattung mini|Die Pferdewechselstation „Sandkrug“ in Glienicke auf einer Radierung aus dem Jahr 1740. Im Hintergrund ist die erste Glienicker Kirche zu erkennen.

Folgende Ausstattung ist für die Kirche von 1705 überliefert: ein einfacher Fachwerkbau mit Ziegeldach, die Gewerke (»Felder«) des Fachwerks waren mit Lehm ausgekleidet; Größe etwa 7,5 m × 12 m; an der Westseite ein Turm mit dem Eingang; der Altar traditionell im Osten des Kirchraumes (Richtung Jerusalem); die Kanzel auf einem Balkon über dem Altar; vor dem Altar links eine Kirchenbank für den Pfarrer; vor dem Altar rechts eine Kirchenbank für den Küster und die Schulkinder; im Kirchraum 15 Kirchenbänke (8 mit 33 Plätzen für Frauen, 7 mit 25 Plätzen für Männer), die Bänke jeweils für einzelne Bauernfamilien reserviert; an der Westseite (zum Turm hin) eine Empore; zwei Eisenglocken im Turm, 1745 durch eine Bronzeglocke ersetzt; die Kirche war von einem Kirchhof (Friedhof) umgeben, der von einer niedrigen Mauer begrenzt wurde.

Abriss Mitte des 19. Jahrhunderts, nach rund 150 Jahren, war diese Kirche baufällig geworden und wurde schließlich 1864 abgerissen und durch den heutigen Bau ersetzt.

Die zweite Glienicker Kirche (seit 1865)

Planung und Bau mini|Georg Erbkam (1811–1876)

Zuständig für Abriss und Neubau waren wiederum die Kirchenpatrone von Stolpe, mittlerweile die Adelsfamilie von Veltheim, ansässig im Nachbarort Schönfließ. Für den noch unmündigen zwölfjährigen Patron Franz Eugen Burghard Werner „Achaz“ von Veltheim (1852–1864) wirkte seine Mutter Louise, verwitwete von Veltheim, geborene von Mitzlaff. Sie ließ den Bau auch fertigstellen, nachdem ihr Sohn, der noch am 12. Mai 1864 bei der Grundsteinlegung mitgewirkt hatte, knapp einen Monat später bei einem Reitunfall ums Leben kam.

Für den Entwurf hatte sich Louise von Veltheim an den Berliner „Verein für religiöse Kunst in der evangelischen Kirche“ gewandt. Dessen stellvertretender Vorsitzender und Schriftführer, der Architekt Georg Gustav Erbkam (1811–1876), übernahm die Planung und die Begleitung der Ausführung selbst. Vorgabe war größte Sparsamkeit. Erbkam war zu dieser Zeit im Hauptberuf Landbaumeister im Königlichen Handelsministerium und dort für die Bauleitung von Kirchbauten zuständig. Er stand ganz in der Tradition seines Freundes und Mentors Friedrich August Stüler (1800–1865) und konzipierte den Bau als Prototypen für Kirchbauten in der Mark Brandenburg.

Die Grundsteinlegung fand am 12. Mai 1864 statt, der Grundstein befindet sich bis heute unter dem Altar. Fast auf den Tag genau ein Jahr später, am 23. Mai 1865, wurde die Kirche vom damaligen Generalsuperintendenten der Mark Brandenburg, D. Hoffmann, geweiht.

Äußeres Erscheinungsbild Ort und Ausrichtung der ersten Kirche wurde beibehalten: Der rechteckige Saalbau mit Ost-West-Achse misst 26 m × 12,6 m und ist aus Mauerziegeln errichtet. Im Osten dient eine fünfseitige Apsis als Altarraum. Im Westen ergänzt ein quadratischer, dreigeschossiger Turm das Gebäude, durch den auch der Eingang führt. Eingedeckt wurde die Kirche mit einem einfachen Satteldach, die vier Ecken durch Fialen betont.

Die Kirche ist im neoromanischen Stil erbaut, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts u. a. in Deutschland, besonders in Brandenburg-Preußen weit verbreitet war. In ihm wurden Elemente der mittelalterlichen Romanik zu einem idealisierten, historisierenden neuen Architekturstil verarbeitet.

Fassade Die gelben Ziegelsteine stammen aus der ehemaligen Ziegelei Lindner in Birkenwerder, der Fugenmörtel wurde rot eingefärbt. Die schlanke, aufstrebende Form wird durch einige wenige umlaufende Formstein-Gesimse und Schmuckbänder gegliedert und verziert.

In den Jahren 2007–2008 wurde die Fassade der Kirche einer gründlichen Sanierung unterzogen. Besonders die Westseite der Kirche und die Filialen wiesen großflächige Schäden auf. Das Dach war während des Orkans vom 10. Juli 2002 durch umstürzende Bäume beschädigt worden. Insgesamt wurden etwa 1200 Ziegel- und rund 150 Formsteine ersetzt, die in der alten Kohlebrandtechnik in der Neuen Ziegelmanufaktur Glindow nachgebrannt wurden. Etwa 90 Prozent der Fugen mussten mit dem Original entsprechenden eingefärbten Kalkmörtel erneuert und dabei auch ältere, unsachgemäße Reparaturversuche zurückgenommen werden.

Turm und Glocken mini|Der Eingang zur Kirche mit Medaillon, Rundbogen, Blendgiebel und Kreuzblume, 2014

Der schlanke Turm, der den Kirchbau nach Westen hin abschließt, trägt auf seiner Spitze Kugel (Erdball) und Kreuz. Seine Höhe beträgt einschließlich Kreuz 34,0 Meter, ohne den Aufsatz 32,6 Meter.

Im Turm hängen die Glocken der Kirche. Ursprünglich waren es drei: Eine bronzene von 1745 wurde aus der ersten Kirche übernommen und beim Bau 1865 durch zwei Gussstahl-Glocken ergänzt. Die Zusammenstellung der Glocken wechselte im Lauf der Geschichte. So wurde im Ersten Weltkrieg die bronzene Glocke vom Preußischen Kriegsministerium als Metallspende beschlagnahmt und am 29. Juni 1917 abgehängt. Später wechselten auch einzelne Glocken zur Kapelle auf dem Friedhof der Kirchengemeinde in der Hauptstraße. Aktuell besteht das Geläut aus zwei Bronze-Glocken, die zum 100-jährigen Jubiläum der Kirchweihe 1965 angeschafft wurden. Sie wurden von der Firma Franz Schilling Söhne in Apolda gegossen. Außerdem tut dort die kleinere der beiden Gussstahl-Glocken von 1865 als Glocke der Turmuhr ihren Dienst.

Die Glockenkammer ist auf jeder Seite des Turms durch Schallluken geöffnet. Sie bestehen aus paarigen Rundbogen-Öffnungen, die jeweils durch eine Mittelsäule mit blätterförmigem Kapitell verbunden sind. Über den Schallluken bindet sich auf jeder Kirchturmseite eine Uhr.

Die Glocken wurden bis Anfang der 1970er Jahre von Hand geläutet. An der Decke des Vorraumes im Eingang sind noch die Röhren zu erkennen, durch die die Seile einst verliefen. Zu dieser Zeit wurde ein elektrisches Läutewerk eingebaut. Es wurde der Kirchengemeinde von ihrer damaligen Partnergemeinde in der Bundesrepublik, der Providenz-Kirchengemeinde Heidelberg (heute: Altstadtgemeinde Heiliggeist-Providenz), zum 100. Kirchweihjubiläum 1965 zu den neu angeschafften Glocken geschenkt, erhielt aber erst Jahre später eine Einfuhrgenehmigung in die DDR. Anlässlich der Innenrenovierung der Kirche 2013–2014 wurde das Läutewerk erneuert, sodass die Motoren jetzt per Funk bedient werden können.

Durch den Turm führt auch der Eingang zur Kirche, er ist besonders akzentuiert: In einem Rundbogen über der Eingangstür befindet sich ein Christus-Medaillon, darüber ein Blendgiebel, der mit einer Kreuzblume abschließt. Das Medaillon ist nach der Christus-Statue des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen in der Kopenhagener Frauenkirche gestaltet, die ihrerseits wiederum auf das Gemälde »Die klugen und die törichten Jungfrauen« von Peter von Cornelius zurückgeht.

Fenster mini|Die Fenster im Innenraum in der Form von 1865 (Skizze) und von 1984, Aufnahme: 2014

Alle Fenster der Kirche sind rundbogig und durch Bleiverstrebungen strukturiert. Je drei von ihnen finden sich auf den Längsseiten des Kirchraumes. Die Westseite zeigt je zwei übereinander angeordnete Fenster links und rechts des Turmes. Die Apsis weist drei Fenster auf: mittig über dem Alter sowie links und rechts davon angeordnet.

Die ursprünglichen Fenster zeigten ein rautenförmiges Muster, begrenzt durch ein schmales Band. Im runden Abschluss oben stand eine Rosette mit Kreuz. Die jeweils mittleren Fenster auf der Nord- und Südseite waren durch die farbige Gestaltung von Kreuz (rot) und Band (dunkelblau) besonders akzentuiert. In der Apsis waren die seitlichen Fenster ähnlich gestaltet, dort jedoch das umlaufende Band deutlich prächtiger ausgeführt. Eine Besonderheit wies das mittlere Fenster über dem Altar auf: eine Glasmalerei des Künstlers Carl Gottfried Pfannschmidt, Jesus als den „Guten Hirten“ darstellend. Es handelte sich um eine Schenkung der Patronin, Luise von Veltheim, zur Weihe der Kirche 1865.

Das Fenster mit der Glasmalerei wurde im Zweiten Weltkrieg, am 23. November 1943, durch die Druckwelle einer Bombenexplosion zerstört. Zunächst notdürftig mit Holzbrettern vernagelt, wurden die zerstörten Teile später durch klares Glas ersetzt. Bei der Umgestaltung der Kirche 1959 wurden alle Fenster der Apsis durch die bis heute aktuellen Fenster ersetzt, die ein abstraktes Muster aus grauen und tauben-blauen Scheiben zeigen. Die Farben bezogen sich auf die damals ausgeführte Farbgebung der Holzteile des Innenraumes der Kirche.