Atalanta (HWV 35) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie erlebte ihre Uraufführung am 12. Mai 1736 im Theatre Royal, Covent Garden in London.

Entstehung Händel hatte seit 1733 nicht nur den erbitterten Konkurrenzkampf mit der rivalisierenden „Opera of the Nobility“ und die damit einhergehenden Auseinandersetzungen und Anfeindungen zu ertragen, sondern soll in den vorausgehenden Opernspielzeiten 1734 bis 1736 geschätzte 9000 £ Verluste erlitten haben.

Der wirtschaftliche Misserfolg und die zunehmende Missachtung seiner Opern ließen ihn über andere Wege nachdenken. Daher führte er in der neuen Saison zunächst eine Serie von Oratorien auf: Am 19. Februar 1736 fand die erfolgreiche Uraufführung seines Alexander-Festes im Covent Garden statt, gefolgt von Wiederaufnahmen von Acis and Galatea sowie Esther. Diese Vorstellungen dauerten bis zum 14. April.Malìna, János: Händel. Atalanta. Hungaroton SLPD 12612-14, Budapest 1985, S. 16 ff.

mini|Friedrich, Fürst von Wales, Cello spielend, mit seinen Schwestern, Philippe Mercier, 1733

Inzwischen erhielt Händel den Auftrag für die Komposition einer Hochzeitsoper zur Vermählung des ältesten Sohnes von König Georg II., dem Thronfolger Friedrich Ludwig von Hannover mit Prinzessin Augusta von Sachsen-Gotha-Altenburg am 27. April 1736. Der Prinz war ein Liebhaber der schönen Künste und spielte selbst Cello, hatte allerdings auch für die „Adelsoper“ Partei ergriffen, weil er sich seinem Vater widersetzen wollte. Letztlich förderte er jedoch beide Parteien.

Händel komponierte abgesehen von der Oper Atalanta auch das Anthem Sing unto God (HWV 263) für die Hochzeitszeremonie. Außerdem erklang am Abend vor der Hochzeit wahrscheinlich eine von Händels Wassermusik-Suiten. Bei der Hochzeitsfeier am Tag darauf war eine „gewaltige Menschenmenge“ anwesend.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 161

Atalanta wurde, nach dreiwöchiger Kompositionsarbeit, am 22. April fertig. Händel hatte, wie gewöhnlich, das jeweilige Aktende mit dem Datum versehen: Fine dell Atto 1 | April 9. 1736. – Fine dell Atto 2do | April 14. 1736. – Fine dell’ Opera. G.F.H. April 22. 1736. Die ursprünglich für den 5. Mai geplante Uraufführung verzögerte sich um eine Woche, da die Arbeiten für die prächtige Szenerie der Inszenierung nicht rechtzeitig fertig wurden, so eröffnete Händel die Saison kurzerhand mit einer Wiederaufnahme des Ariodante.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. in: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 429.Friedrich Chrysander: G. F. Händel, Zweiter Band, Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 389 ff.

Uraufführung Schließlich war es soweit: die Premiere von Atalanta zu Ehren der königlichen Vermählung fand am 12. Mai 1736 im Covent Garden Theatre statt. Es sangen: Atalanta/„Amarilli“ – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Meleagro/„Tirsi“ – Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“ (Soprankastrat) Irene – Maria Caterina Negri (Alt) Aminta – John Beard (Tenor) Nicandro – Gustav Waltz (Bass) Mercurio – Henry Theodore Reinhold (Bass)

Die Oper erlebte acht Aufführungen bis zum 9. Juni und wurde in der folgenden Spielzeit auf Wunsch des Kronprinzen noch zweimal (am 20. und 27. November 1736) wiederholt.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 162 und S. 363–364

Der Dichter Thomas Gray berichtete Horace Walpole über die neue Oper und den Sopranisten Gioacchino Conti, gen. Gizziello:

Über die Publikumsreaktionen in einer Aufführung von Atalanta wissen wir von Benjamin Victor, dass

Die aufwändigen Kulissen, Transparente und das Feuerwerk riefen uncommon Delight and SatisfactionEditionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. in: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 265. („ungewöhnliche Freude und Befriedigung“) hervor.

Weitere Aufführungsgeschichte Nach 1736 wurde Atalanta erst am 17. Juli 1970 in Hintlesham (Suffolk) wieder aufgeführt. Diese Freiluft-Produktion der Kent Opera in englischer Sprache (Textfassung: Laura Sarti und Norman Platt) wurde von Roger Norrington geleitet. Die erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis sah man in Szombathely (Steinamanger) am 13. August 1984 mit der Capella Savaria unter der Leitung von Nicholas McGegan.

Libretto mini|Jagd des Meleager und der Atalante, Peter Paul Rubens, 1616/20 Die Geschichte der Atalanta war allgemein im Barock ein beliebtes Sujet für Hochzeitsopern, besonders in Deutschland.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 336 Händels Textbuch basiert auf Belisario Valerianis La caccia in Etolia, die 1715 mit Musik von Fortunato Chelleri in Ferrara uraufgeführt wurde. Es ist ein bukolisches Hirtenspiel, dessen Handlung sich in einem mythischen Arkadien, im Kreis vermeintlicher und wirklicher Hirten und Schäferinnen, abspielt. Händel hatte zuvor mit Il Pastor fido (1712) ein ähnliches Libretto vertont. Wir wissen nicht, wer der Bearbeiter von Händels Vorlage war, es ist jedoch möglich, dass er selbst das Textbuch modifiziert hat. Die Änderungen bestehen bei Atalanta in erster Linie aus Kürzungen, die aber kaum Einfluss auf die Handlung haben, aber auf Händels Technik ein Licht werfen, wie man das Drama „schärfen“ kann. Von den 26 Arien der Vorlage, finden sich in Händels Partitur 18 wieder.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 336 f.

Handlung Historischer und literarischer Hintergrund Teile der Handlung basieren auf der u. a. in Ovids achtem Buch der Metamorphosen überlieferten Jagd nach dem Kalydonischen Eber: Der riesenhafte Eber kann von Meleagros erst erlegt werden, nachdem ihn die mutige Jägerin Atalanta mit einem Pfeil verwundet hat. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich eine weitgehend neu erfundene Liebesgeschichte zwischen Atalanta und Meleagro, die als Schäfer verkleidet einerseits sowie Aminta und Irene andererseits. Dabei wird die antike Mythologie mit berühmten Schäferdichtungen der Renaissance vermischt: Die Figuren Aminta und „Tirsi“ entstammen Torquato Tassos Schäferspiel Aminta, während der Name „Amarilli“ auf eine Figur aus Guarinis Il Pastor fido zurückgeht.

Erster Akt König Meleagro von Ätolien lebt unter dem Namen „Tirsi“ als Schafhirte unter Hirten und genießt sein Leben auf dem Lande, weit weg von den Sorgen des Staates. Er ist sehr verliebt in die Jägerin „Amarilli“, von der er weiß, dass sie in Wirklichkeit die Prinzessin Atalanta ist. Er trifft sich mit Aminta, einem echten Hirten, der verzweifelt in die Schäferin Irene verliebt ist, die jedoch, als sie erscheint, nichts anderes tut, als Aminta zu verhöhnen. Er erklärt, dass er bereit sei, ihr immer treu zu sein und sogar für seine Liebe zu sterben. Nicandro, Irenes Vater und Meleagros Freund, erklärt Meleagro, dass auch Irene Aminta wirklich liebt, sie sich aber versichern will, dass er ihr treu bleiben wird. Prinzessin Atalanta von Arkadien, die sich als Jägerin verkleidet aufs Land zurückgezogen hat, tritt nun unter dem Namen „Amarilli“ auf. Alle bereiten sich auf die Jagd vor, aber Atalanta erlaubt „Tirsi“ (Meleagro) nicht, während der Jagd an ihrer Seite zu bleiben, um sie zu schützen, obwohl sie in ihn verliebt ist. Als ein Eber aus dem Wald kommt, will Aminta sich ihm todessüchtig in den Weg stellen, so verzweifelt ist er über Irenes scheinbare Ablehnung, aber die anderen halten ihn davon ab. Nachdem Meleagros Pfeil den Eber verfehlt hat, trifft aber Atalanta und sie freut sich über ihren Triumph.

Zweiter Akt Alle feiern Atalantas Triumph, den Eber erlegt zu haben, aber sie selbst ist traurig, weil sie in „Tirsi“ verliebt ist, denn sie kann als eine (verkleidete) Prinzessin den einfachen Hirten „Tirsi“ nicht heiraten. Sie weiß ja nicht, dass dieser in Wirklichkeit König Meleagro ist. Dieser hört, wie sie über diese unglückliche Situation nachdenkt, und versucht, sie über seine wahre Identität aufzuklären. Da beide aber sehr schüchtern sind, gelingt es nicht, die Sache aufzuklären. Derweil gibt Irene vor, in „Tirsi“ (Meleagro) verliebt zu sein, womit sie aber nur versucht, Aminta weiter zu quälen. Meleagro übergibt Irene ein Band und bittet sie, es Atalanta zu überbringen und ihr zu sagen, wie sehr er sie liebe.

Irene zeigt Aminta das Band, das Meleagro ihr mitgegeben hat und gibt vor, dass sie wirklich in Meleagro verliebt ist. Aminta protestiert gegen diese Grausamkeit. Kaum hat sich Aminta beruhigt, kommt „Amarilli“ und fleht um seine Hilfe. Sie gesteht ihre Liebe zu „Tirsi“ und bittet Aminta, diesem einen Speer zu überreichen, ohne ihren Namen zu erwähnen. Meleagro weiß, dass sie wirklich in ihn verliebt ist und ist recht fröhlich, aber Atalanta fühlt, dass ihre Pflicht sie daran hindern wird, ihm jemals ihre Liebe zu gestehen.

Dritter Akt Irene überreicht „Amarilli“ das Band, das „Tirsi“ ihr mitgab. Atalanta ist gerührt und lässt Meleagro wissen, dass er durch Aminta alles über sie erfahren kann. Dann trifft Irene auf Aminta, der beschließt, der Intrige seiner Geliebten ebenso eine solche entgegenzusetzen, indem er den Speer für Meleagro, den Atalanta ihm gegeben hat, zur Schau stellt. Aminta äußert, dass Atalanta ihm den Speer gegeben habe, weil sie in ihn verliebt ist und er sie auch liebt. Darüber ist Irene wütend, und Meleagro, der das Ganze insgeheim beobachtet und mitgehört hat, ist verzweifelt. Als Irene behauptet, dass sie die ganze Zeit in Aminta verliebt war, ist Meleagro zutiefst verstört, fühlt sich allein und schläft erschöpft von all den emotionalen Turbulenzen ein. Als Atalanta auftritt, sinniert sie über den seltsamen Zufall, dass das Band, das ihr der Hirte „Tirsi“ geschickt hatte, dem Band von König Meleagro, der es einst von ihrem Vater bekam, gleicht. Da wacht Meleagro auf und Atalanta kann sich nicht mehr zurückhalten: sie gesteht ihm ihre Liebe und sie umarmen sich. Als Nicandro, Irene und Aminta dazu kommen, klären Irene und Aminta alles auf und machen ihre Liebe öffentlich. Nicandro erzählt dem Hirten „Tirsi“, dass die Jägerin „Amarilli“ in Wirklichkeit Prinzessin Atalanta ist und Atalanta, dass „Tirsi“ in Wirklichkeit König Meleagro ist. Nun steht ihrer Hochzeit nichts mehr im Wege und beide Paare sind glücklich. Der Himmel teilt sich und Merkur, der Bote Jupiters, steigt auf einer Wolke herab. Merkur überbringt dem Königspaar den Segen seines Herrn und sichert ihnen persönliches Glück und die Liebe ihres Volkes zu. Allgemeiner Jubel, Feierlichkeiten und ein Feuerwerk schließen die Oper.

Musik mini|Georg Friedrich Händel, um 1737 Miniatur von Georg Andreas Wolfgang d. J., Royal Collection

Händels Atalanta ist keine eigentliche Opera seria, sondern eine festliche Serenata; aufgrund der im Hirtenmilieu spielenden Handlung gehört sie zum Genre der Pastorale. Beides hat Konsequenzen für Händels Vertonung: Der Charakter der Oper ist in erster Linie heiter, lieblich und festlich, es überwiegen bei weitem die Dur-Tonarten – nur vier Arien stehen in Moll.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 341. Eine formale Besonderheit ist der Epilog, in den die Bühnenhandlung mündet und sich in eine offizielle Huldigung an das königliche Brautpaar verwandelt. Auch die Ouverture zur Oper mit ihrer prächtigen Trompeten-Besetzung bezieht sich auf das königliche Ereignis und nicht auf die bukolische Handlung (während der die Trompeten schweigen).