Das Kastell Munningen war ein kurzfristig belegtes römisches Kohortenkastell nördlich von Munningen, einer Gemeinde im Landkreis Donau-Ries, Bayern. Die Fortifikation wurde um 90 n. Chr. in der nordöstlichen Randzone des Nördlinger Ries gegründet. Nach dem spätestens 110 n. Chr. erfolgten Abzug der Garnison entwickelte sich an diesem Platz ein ziviler Straßenvicus, der mit dem Limesfall um die Mitte des 3. Jahrhunderts unterging.

Lage 300px|rechts|Gesamtplan der Grabungen und der Magnetometeruntersuchung. Es werden nur die für das eigentliche Kastell relevanten Ergebnisse angegeben. Der mit fruchtbarem Löß verfüllte Explosionskrater des Ries wurde schon früh zu einem bevorzugten Siedlungsraum für Ackerbauern. Auch um Munningen lassen sich verschiedene vorgeschichtliche Fund- und Siedlungsstellen nachweisen. Das flache Becken der Riesebene, das die Schwäbische von der Fränkischen Alb teilt, ermöglichte zudem rasche Verbindungen durch diese Mittelgebirge und vereinfachte Kontakte zwischen dem Alpenvorland und Mittelfranken. Diese geographischen Vorzüge waren den Römern bereits bekannt, als die ersten Donaukastelle in spättiberisch-frühclaudischer Zeit errichtet wurden. Denn mit diesen Anlagen entstand auch die über die Alpen verlaufende Via Claudia Augusta, eine bedeutende römische Fernstraße, die über Augsburg bis zum Kastell BurghöfeKastell Burghöfe bei an der Donau reichte, einem Truppenstützpunkt, der dem Zugang zum Riesbecken gegenüber lag.Dietwulf Baatz: Das Kastell Munningen im Landkreis Donau-Ries. In: Jahresbericht der bayerischen Bodendenkmalpflege, 15/16 (1974/75), München 1977, S. 108–120; hier: S. 109.

Kastell Munningen wurde auf einer flachen, zu allen Seiten hin abfallenden Bodenerhebung nahe dem Nordostrand des Riesbeckens gegründet. Die Wörnitz, ein Nebenfluss der im Süden verlaufenden Donau, befindet sich etwa 300 Meter östlich des Garnisonsorts. In der südlich des Kastells gelegenen Niederung fließt der Grimmbach, in der nördlich gelegenen der Mühlbach zur Wörnitz hin. Der hochwassersicher gewählte Kastellstandort erhebt sich lediglich rund neun Meter über dem Wasserspiegel des Flusses, doch beherrscht er das weite Umland.Jörg Faßbinder, Thomas Deller, Lena Kühne, Tomasz Gorka: Magnetometerprospektion des Kastells Losodica/Munningen, Landkreis Donau-Ries, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2008, S. 70–73; hier: S. 70.

Forschungsgeschichte Zunächst lediglich als Vermutung geäußert, vertrat als erster der bayerische Generalmajor und Limesforscher Karl Ritter von Popp (1825–1905) die These, dass der Munninger Flurname Auf dem Burggraben auf ein ehemaliges römisches Kastell hinweisen könnte. Um diese Frage zu beantworten, unternahm Popp im Jahr 1894 für die Reichs-Limeskommission (RLK) eine Versuchsgrabung und stieß dabei tatsächlich auf Mauerwerk und römisches Fundgut. Doch eine Garnison konnte er damit nicht nachweisen.Dietwulf Baatz: Das Kastell Munningen im Landkreis Donau-Ries. In: Jahresbericht der bayerischen Bodendenkmalpflege, 15/16 (1974/75), München 1977, S. 108–120; hier: S. 109–110.

Die nächste Forschungsgrabung fand 1906 unter der Leitung des RLK-Streckenkommissars Heinrich Eidam (1849–1934) statt. Ihm gelang es als Erster, den militärischen Charakter der Anlage festzustellen und den als reine Holz-Erde-Konstruktion ausgeführten Ausbauzustand zu dokumentieren. Eidams Grabungsergebnisse wurden allerdings erst 1929 im Limeswerk öffentlich gemacht.Dietwulf Baatz: Das Kastell Munningen im Landkreis Donau-Ries. In: Jahresbericht der bayerischen Bodendenkmalpflege, 15/16 (1974/75), München 1977, S. 108–120; hier: S. 111. Möglicherweise von der gerade veröffentlichten Dokumentation Eidams angeregt, setzte der Amateurarchäologe Ernst Frickhinger (1876–1940) 1930 den Spaten in Munningen an. Er konnte Eidams Mutmaßungen über einen begonnenen, aber nicht vollendeten Steinausbau des Kastells widerlegen und wies nach, dass die Steinbauten einer späteren Siedlungsphase der Limeszeit angehörten.Ernst Frickhinger in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 10 (1931/32), S. 107 f.

Da Frickhinger seine Ergebnisse nie ausführlich veröffentlichte, war der provinzialrömische Archäologe Dietwulf Baatz (1928–2021) bei seinen Forschungen auf dessen Nachlass angewiesen, in dem sich genaue Pläne und Aufzeichnungen fanden. Als Erster nach 1930 setzte Baatz 1971 eine Notgrabung Auf dem Burggraben an. Damals sollte im Zuge der Flurbereinigung die Staatsstraße 2221 zwischen Munningen und Oettingen ausgebaut werden. Diese Straße folgte von Norden nach Süden dem Verlauf der Via decumana und der Via praetoria. Inzwischen hatte der Archäologe Rolf Nierhaus (1911–1996) die bei den Altgrabungen entdeckte Brandschicht neu datieren können. Er wies nach, dass diese in keinem Zusammenhang mit dem Ende des Munninger Kastells stand, sondern in die Zeit „um 170 n.Chr.“ wies. Die Grabungen von 1971 brachten die bis heute aufschlussreichsten Ergebnisse zum Kastellplatz. Die Untersuchungen beschränkten sich allerdings auf den Bereich der geplanten Trassenverbreiterung. Daher wurden nur sehr schmale Plana, die von Norden nach Süden verliefen, in verschiedenen Schnitten nach dem Baggerabzug dokumentiert. Aufgrund der knappen finanziellen Mittel konnten außer diesen Sichtungen nur einige weitere gezielt ausgesuchte Flächen genauer aufgenommen werden.Dietwulf Baatz: Das Kastell Munningen im Landkreis Donau-Ries. In: Jahresbericht der bayerischen Bodendenkmalpflege, 15/16 (1974/75), München 1977, S. 108–120; hier: S. 113.

In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde der Kastellplatz von den Luftbildarchäologen Otto Braasch (1936–2021) und insbesondere von Klaus Leidorf über dreißig Jahre lang regelmäßig angeflogen. Der Heimatforscher Werner Paa lieferte bei seinen Feldbegehungen zusätzliche Hinweise, da die Bauern beim Pflügen stetig römische Strukturen zerstörten und Fundgut an die Oberfläche rissen.Jörg Faßbinder, Thomas Deller, Lena Kühne, Tomasz Gorka: Magnetometerprospektion des Kastells Losodica/Munningen, Landkreis Donau-Ries, Schwaben. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2008, S. 70–73; hier: S. 72.

Während des Sommers und dem Herbst 2008 konnte unter der Leitung des Geophysikers Jörg Faßbinder vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in mehreren Kampagnen der Kastellplatz topographisch eingemessen werden. Die mit dem Magnetometer prospektierten Flächen wurden in einem Magnetogramm zusammengesetzt. Erstmals ließen sich so ein weitgehend vollständiger Plan des Kastells und größere Teile der nachkastellzeitlichen römischen Siedlung dokumentieren.

Im Vorgriff auf den Ausbau der im Dezember 2009 eröffneten 3,30 Kilometer langen Ortsumfahrung von Munningen fanden erneut sehr zügig durchgeführte Ausgrabungen im Auftrag des Landesdenkmalamtes und unter der Leitung des Archäologen Friedrich Loré statt. Die Umgehungsstraße diente auch als Verlegung der Staatsstraße 2221 aus dem Ortskern. Aufgrund der Vorgaben des Denkmalamtes war der Oberboden nur auf eine Bautiefe von maximal 30 Zentimetern abzuziehen, alle Befunde darunter durften nicht untersucht werden und verschwanden anschließend unbesehen unter der Neubautrasse. Da zusätzlich dazu bei der geringen Abtragshöhe kolluviale Auflagen und flächige Oberbodenreste häufig ein sauberes Planum störten, sind wohl einige römerzeitliche Befunde unerkannt geblieben. Insbesondere im nördlichen Bereich der Umgehung, im Bereich des nachkastellzeitlichen Vicus, wurden weitere Baureste sowie 18 römische Brunnen aufgedeckt, von denen allerdings nur drei vollständig untersucht wurden.Friedrich Loré: Fässer und Brunnen. Holzerhaltung im römischen Vicus von Munningen. In: Das archäologische Jahr in Bayern 2009 (2010), S. 95–98; hier: S. 96–97, hier: S. 95–97.

Archäologische Befunde Aufgrund seiner Fruchtbarkeit zielte die frühe römische Besatzungspolitik nördlich der Donau unter anderem auf eine Sicherung des Riesbeckens. Mit der Errichtung eines keilförmigen Bogens aus Militärposten zwischen dem Kastell UrspringKastell Urspring bei über Kastell PfünzKastell Pfünz bei bis zum bereits im Frühjahr 80 n. Chr.; ; Inschrift bei Ubi erat lupa. gegründeten Kastell KöschingKastell Kösching bei sollte die Rieser Siedlungskammer der Provinz Rätien hinzugefügt werden. Kastell PförringKastell Pförring bei kam laut Keramikdatierung erst während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) dazu.Rüdiger Krause: Ries. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, de Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017575-4, S. 589–601; hier: S. 590; Günter Ulbert, Thomas Fischer: Der Limes in Bayern. Theiss, Stuttgart 1983, ISBN 3-8062-0351-2, S. 112. Ungefähr gleichzeitig mit Munningen entstanden im Vorfeld des Riesbeckens weitere Kastellanlagen wie die domitianischen Kohortenkastelle GnotzheimKastell Gnotzheim bei und WeißenburgKastell Weißenburg bei und das wohl Gnotzheim unterstellte Numeruskastell Unterschwaningen.Kastell Unterschwaningen bei Auch das westlich vom Ries gelegene Kastell OberdorfKastell Oberdorf bei wird dieser Zeitstellung zugeschrieben. Auf der südlichen Achse dieses über die Donau geschobenen Keils, an dessen Spitze Unterschwaningen lag, stand mittig das Kastell Burghöfe mit der Via Claudia Augusta. Die Kette aus Garnisonen sicherte nun die zivile Aufsiedlung des Rieses.

Es wird angenommen, dass das Kastell RuffenhofenKastell Ruffenhofen bei erst in einer zweiten Ausbauphase hinzukam, um eine Lücke in diesem keilförmigen Bogen zu schließen. Zu dieser Zeit ist Munningen, das nun im Limeshinterland lag, als Garnisonsstandort aufgegeben worden.

Umwehrung mini|Schnitt durch den südlichen Wehrgraben, Westprofil, von Osten gesehen mini|Ähnlich wie hier am Kastell Künzing II war auch die Umfassungsmauer von Munningen konzipiert