Imeneo oder Hymen (HWV 41) ist eine Oper (Dramma per musica, Serenata) in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Sie ist seine vorletzte Oper, bevor er sich ganz dem englischsprachigen Oratorium zuwandte.

Entstehung Die Komposition des Imeneo fällt in eine Zeit der Neuorientierung Händels und entstand in mehreren Phasen zwischen 1738 und 1740.

Nach verschiedenen Rückschlägen, die er als Opernkomponist in der Zeit vor 1738 besonders durch die rivalisierende Opera of the Nobility („Adelsoper“) erlitten hatte, und angesichts eines veränderten Musikgeschmacks und eines nicht mehr interessierten Publikums hatte er begonnen, mit der Gattung des englischsprachigen Oratoriums zu experimentieren.Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 8 ff. Obwohl seine beiden im ersten Halbjahr 1738 erstmals aufgeführten Opern Faramondo und Serse nur mäßigen Erfolg hatten, und sein Geschäftspartner Heidegger daraufhin die Subskription für die nächste Saison abbrechen musste,Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 298.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 266 ff. fiel es Händel offenbar schwer, die Gattung der italienischen Oper völlig aufzugeben.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 2000, ISBN 3-458-34355-5, S. 250.

So begann er ohne äußeren Anlass Anfang September 1738 mit der Komposition des Imeneo, obwohl er bereits an seinem Oratorium Saul arbeitete, das er jedoch erst einmal liegen ließ. Seine Eintragungen im Autograph des Imeneo lauten: „Ouverture, den 9. Sept. 1738, Son̄abend“; „Fine dell’Atto 1mo den 14. Sept. 1738“; „Fine dell’Atto 2do den 17. September“ und „Fine dell’Opera den 20. Septembr. 1738“.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1, Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 491 f.

Da ihm für eine Aufführung der Oper zu dieser Zeit sowohl die Sänger als auch das Theater und offenbar auch das Publikumsinteresse fehlten, ließ er die Arbeit daran vorläufig unvollendet. Er hatte bereits die meisten Arien des Werkes komponiert, doch so gut wie keine Rezitative. Die Partie des Imeneo hatte er ursprünglich im Tenorschlüssel geschrieben, sie war also zunächst für einen Tenor bestimmt (John Beard?).

Im Folgenden stellte Händel den Saul sowie Israel in Egypt fertig. Nach den Uraufführungen dieser Werke beschäftigte er sich 1739 wieder mit der Partitur des Imeneo, nahm deutliche Revisionen vor und schrieb auch etliche Rezitative – offenbar in der Hoffnung, das Stück am Ende der aktuellen Saison noch aufführen zu können, wozu es jedoch nicht kam.

Uraufführung Erst im Herbst 1740, nach einer Reise auf den Kontinent (nach Haarlem und möglicherweise Berlin) nahm Händel die Arbeit am Imeneo wieder auf und beendete sie am 10. Oktober. Er brachte die neue Oper im Theatre Royal in Lincoln’s Inn Fields am 22. November zur Uraufführung, in der folgenden Besetzung: mini|La Francesina John Faber nach George Knapton, 1737, Foundling Museum, London

Imeneo – William Savage (Bass) Tirinto – Giovanni Battista Andreoni (Mezzosoprankastrat) Rosmene – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Clomiri – Miss (Mary?) Edwards (Sopran) Argenio – Henry Theodore Reinhold (Bass)

Die als „La Francesina“ bekannte Sopranistin hatte bereits seit 1738 die Nachfolge von Anna Maria Strada del Po als Händels bevorzugte prima donna aufgetreten, sowohl in seinen Opern als auch in Oratorien und Oden.Winton Dean (rev. by Cheryll Duncan & Rachel Allen): Duparc, Elisabetta [‘Francesina’], in: Grove music online, 2001/2021. Der Kastrat Andreoni war in der vorangehenden Spielzeit zum ersten Mal am Haymarket aufgetreten;Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 9. Burney behauptete später, er sei nur ein „guter zweitklassiger Sänger“ gewesen, und wenn man Horace Mann Glauben schenken darf, besaß er „keinen Triller“.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie (= Insel-Taschenbuch 2655). Aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart, 1992, S. 201. Den jugendlichen Imeneo sang William Savage, der im Jahre 1735 als Knabensopran in Händels Oratorium Athalia und als Oberto in Alcina gesungen hatte; inzwischen war der Sänger ein junger Mann und seine Stimme hatte sich zu einem Bass entwickelt. Für die Figur der jungen Clomiri verpflichtete Händel die junge Miss Edwards, welche einem Zeitgenossen wie ein „kleines Mädchen“ vorkam.Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 9–10. Anscheinend nahm Händel noch in letzter Minute einige Revisionen für Miss Edwards/Clomiri vor.Donald Burrows: Händel. Imeneo. Aus dem Englischen von Eckhardt van den Hoogen, CPO 999915-2, Osnabrück 2003, S. 10.

Die Reaktionen auf die Oper waren sehr gemischt. In der Presse wurde das neue Werk wegen seiner relativen Kürze als „Operetta“ bezeichnet. Obwohl Imeneo nach den Proben als „sehr gefällig“ beschrieben wurde, ließ sich das Publikum nicht gewinnen. Dies spiegelt auch ein Brief des Anwalts Thomas Harris, eines glühenden Händel-Verehrers, der die Premiere miterlebt hatte, an seinen Bruder, den Philosophen James Harris:

Charles Jennens, mit dem Händel zu der Zeit, als Imeneo entstand, am Saul gearbeitet hatte, war anderer Meinung und schrieb an James Harris:

Weitere Aufführungen und Versionen

Händels Imeneo wurde in London nur noch einmal, am 13. Dezember 1740,

gespielt, nachdem eine für den 29. November geplante Aufführung infolge einer Erkrankung der „Francesina“ ausfallen musste.

Händel führte die Oper während seiner Irland-Reise in Dublin im März 1742 zweimal in einer Konzertfassung als „Serenata“ unter dem englischen Titel Hymen in der Neal’s New Musick Hall in der Fishamble Street auf. Es war das letzte Mal, dass er persönlich eines seiner italienischen Werke aufführte. Für diese Aufführungen nahm er auch einige musikalische Änderungen vor (siehe unten Abschnitt Musik), doch gilt die Partitur der Londoner Aufführungen von 1740 „sowohl in dramaturgischer wie auch in musikalischer Hinsicht“ als beste Fassung des Werkes.

Moderne Aufführungsgeschichte Die erste Imeneo-Produktion in der Neuzeit hatte am 13. März 1960 im Landestheater von Halle (Saale) Premiere und lief dort an 24 Abenden. Eine deutsche Textfassung hatten Waldtraut Lewin und Kurt Hübenthal erstellt. Die musikalische Leitung hatte Horst-Tanu Margraf. Eine erste Wiederaufführung des Stückes in Originalsprache und historischer Aufführungspraxis gab es im „Weis Center for the Performing Arts“ der Bucknell University in Lewisburg (Pennsylvania) am 25. April 1988 mit dem Brewer Chamber Orchestra unter der Leitung von Rudolph Palmer.

mini|hochkant|Titelseite des Librettos von Silvio Stampiglia, Marino Rosetti, Venedig 1726

Libretto Das anonyme Libretto ist eine leicht veränderte Version von Silvio Stampiglias zweiteiligem „componimento drammatico“ Imeneo, das ursprünglich aus Anlass einer Adelshochzeit entstand und 1723 in einer Vertonung von Nicola Porpora (später Händels Rivale in London) zuerst in Neapel und 1726 als Imeneo in Atene auch in Venedig aufgeführt worden war.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 250. Imeneo, die Titelfigur der Oper, ist der griechische Gott Hymenaios, der Gott der Hochzeit. Die Figur des Argenio war im neapolitanischen Originallibretto Clomiris Bruder, wurde in Händels Libretto zu ihrem Vater.

Handlung Mythologischer und literarischer Hintergrund mini|Geflügelter Hymenaios mit Hochzeitsfackel, Neptuntherme, Ostia Antica

Die Sage von Hymenaios, die im „Argomento“ („Vorbemerkung“) des Textbuches der Londoner Uraufführung als Quelle für die Handlung der Oper genannt wird, findet man in Kommentar des römischen Grammatikers Servius zu Vergils Aeneis (um 400 n. Chr.). In dieser wird berichtet, wie ein schöner, aber armer Jüngling aus Athen sich als blinder Passagier auf ein Schiff schleicht, welches edle Jungfrauen nach Eleusis bringen soll. Seine Angebetete ist unter den Frauen, der er nah sein möchte. Als Piraten das Schiff überfallen und die Jungfrauen entführen wollen, besiegt er diese und tötet sie. Zum Dank für seinen Mut hat er am Zielort dann die Erlaubnis bekommen, sein geliebtes Mädchen zu heiraten.

Erster Akt Zwei junge Frauen, Rosmene und Clomiri, die mit dem Schiff unterwegs nach Eleusis waren, um dort der Göttin Ceres Opfer darzubringen, sind von Piraten entführt worden. Rosmenes Geliebter, Tirinto, und Clomiris Vater, Argenio, beklagen das Schicksal der beiden Frauen.

Doch schon bald kündigt der Chor die Ankunft eines mutigen, jungen Mann an: Imeneo. Als Frau verkleidet hatte er die Entführer im Schlaf überrascht, getötet und die Jungfrauen so gerettet. Dafür lässt er sich nun feiern und legt seine Verkleidung ab.

Als Dank für seine Heldentat darf Imeneo nun um die Hand von Rosmene anhalten. Ihr Vater, Argenio, willigt ein, was aber Tirinto wütend und eifersüchtig macht. Nun ist es an Rosmene selbst, eine Entscheidung zu treffen.

Die befreiten Mädchen kehren nun zurück und es stellt sich heraus, dass Rosmenes Schwester Clomiri ihrerseits in Imeneo verliebt ist. Falls Rosmene sich für Tirinto entscheiden sollte, wird sich Imeneo vielleicht mit Clomiri einlassen. Wenn ihre Zuneigung aber Imeneo gelten sollte, gehen sowohl Tirinto als auch Clomiri leer aus. Rosmene begreift, dass sie zwischen dem Herzen und der Pflicht wählen muss: Sie liebt Tirinto, aber sie steht in Imeneos Schuld.

Für Imeneo stellt sich die Frage nicht: Er habe seine „Turteltaube“ Rosmene gerettet und die „Falken“, die sie bedrohten, getötet. So freut er sich auf seine Hochzeit mit ihr und der Chor preist ihn nochmals.

Zweiter Akt Zunehmend verzweifelt über ihr Dilemma, bittet Rosmene die Götter um Rat. Argenio drängt sie, das Richtige – das heißt, was die Ehre verlangt – zu tun und Imeneo zu heiraten, ganz gleich, was sie für Tirinto empfindet.

„Also“, sagt Rosmene, „willst du mich zwingen, untreu zu sein, um nicht undankbar zu sein?“ „Nein“, antwortet Argenio, „die edle Jungfrau, die sich dem Willen der Eltern und des Landes beugt und bei der selbst die Untreue zur Tugend wird, soll nicht untreu genannt werden.“ Schließlich versucht Argenio, Rosmene mit dem Gleichnis vom Löwen, der in der Arena den Kampf mit jenem Verdammten verweigert, der ihm einst im fernen Afrika einen Dorn aus der Pranke gezogen hatte, zur Vernunft zu bringen. Die weiteren handelnden Personen führen nun verschiedene Argumente für und gegen die Heirat von Rosmene mit Imeneo oder Tirinto an, was diese noch weiter verwirrt und quält. Argenio erklärt, dass Rosmene selbst entscheiden müsse, wen sie heiraten wolle. Der Chor sagt jedoch, dass Amor die Entscheidung treffen wird. Tatsächlich, so wird angedeutet, hat er das bereits getan.

Dritter Akt Rosmene ist weiter in ihrer Qual gefangen: „Dankbarkeit und Liebe sind zwei Tyrannen, die mich umbringen werden“. Imeneo und Tirinto bestürmen beide Rosmene, ihre Entscheidung zu treffen und behaupten, dass sie sterben wollen, wenn die Wahl nicht auf sie fiele. Clomiri ist ja in Imeneo verliebt, weiß aber, dass ihre Liebe nicht erwidert wird, weshalb sie nur hofft, ihn glücklich zu sehen, ganz gleich, wie es ausgeht.