mini|Dänemark zur Wikingerzeit Als Könige von Haithabu bezeichnet man eine dänische Dynastie, die vom Ende des 8. bis zum Ende des 9. Jahrhunderts, d. h. etwa 100 Jahre lang, eine historische staatliche Struktur in Skandinavien mit dem Zentrum Haithabu regierte, die als Vorläufer des später vereinigten Königreichs Dänemark angesehen wird. Von einem Königreich Haithabu kann man jedoch nur sehr bedingt sprechen, da die territorialen Besitzungen dieser Könige sehr variabel und oft über verschiedene Teile Skandinaviens verstreut waren und daher typische Staatsmerkmale wie ein klar umrissenes Staatsgebiet und ein eindeutig abgegrenztes Staatsvolk fehlen.
Die Anfänge der Dynastie lassen sich einigermaßen verlässlich bis an die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts zu einem König namens Sigfred, auch Sigfried oder Sigurd genannt, zurückverfolgen, der von etwa 777 bis 798 regierte und als erster König von Haithabu gilt.Detlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln Neue Folge. Band II, Die außerdeutschen Staaten. Tafel 104; Verlag J. A. Stargardt, Marburg, 1984 Insgesamt zählt man in der rund hundertjährigen Geschichte der Dynastie 16 Könige, denen jedoch wegen andauernder interner Rivalitäten und äußerer Konflikte mit skandinavischen oder fränkischen Herrschern in der Regel nur eine kurze Regierungszeit beschieden war. Der wohl bedeutendste Vertreter des Hauses war Godfrid Halfdanson der von 807 bis 810 als 6. König von Haithabu regierte und die Stadt zum Zentrum seines Reiches machte, das nicht nur Jütland, sondern auch weite Teile Skandinaviens wie Westerfold, Värmland, Hedmark und Vestmar umfasste.
Grundlage der Herrschaft der Könige von Haithabu war die wirtschaftliche und strategische Bedeutung der Stadt Haithabu, die sich zu einem Hauptumschlagsplatz für den Handel zwischen Skandinavien, Westeuropa, dem Nordseeraum und dem Baltikum entwickelte.
Haithabu als Grundlage der Herrschaft Das namensgebende Zentrum dieses staatlichen Gebildes war die Wikingersiedlung und spätere Stadt Haithabu (dänisch/schwedisch Hedeby), die bis zur Abtretung dieses Gebietes an Deutschland im 19. Jahrhundert als die älteste Stadt Dänemarks galt.
Haithabu wird erstmals 804 in der Vita Caroli Magni (Leben Karls des Großen) von Einhard, dem Leiter der Hofschule Karls des Großen erwähnt.Oswald Holder-Egger (Hrsg.): Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 25: Einhardi Vita Karoli Magni. Hannover 1911 (Monumenta Germaniae Historica, Digitalisat) Die Ansiedlung, die Jahrzehnte vor diesem Zeitpunkt von unabhängigen schwedischen Wikingern als Handelsniederlassung gegründet worden war, wurde später von dänischen Fürsten unterworfen.
Bereits zu Beginn des 9. Jahrhunderts gewann die Ansiedlung überregionale Bedeutung, da, wie die Reichsannalen, die Annales regni Francorum berichten,Gwyn Jones: A History of the Vikings. Second Edition. Oxford University Press 1990, ISBN 0-19-215166-5, S. 99. der sechste König von Haithabu, Godfrid Halfdanson (807–810), im Jahre 808 ein konkurrierendes slawisches Handelszentrum namens Reric, das vermutlich in der Nähe von Wismar gelegen war, zerstörte und die Kaufleute veranlasste, von dort nach Haithabu zu übersiedeln.Annales Regni Francorum zum Jahr 808, S. 126 (archivierte Webseite bei dmgh.de).
mini|Karte, aus der die Lage der Schlei, der Treene und der Eider ersichtlich ist
Entscheidend für den Aufstieg von Haithabu war die strategische Lage zwischen Nordsee und Ostsee im Süden der Halbinsel Jütland. Der Ort lag am Ende der Schlei, einem beschiffbaren Arm der Ostsee. Von dort aus mussten die Waren nur rund 15 km über Land bis zum Fluss Treene transportieren werden, von wo aus sie per Schiff über die Eider in die Nordsee gebracht werden konnten. Dadurch war es möglich, die aufwändige und durch das Skagerrak gefährliche Umfahrung der Halbinsel Jütland zu vermeiden. Hinzu kommt, dass ganz in der Nähe eine uralte Nord-Süd-Route des Handels, der so genannte Ochsenweg, verlief und dass die einige Kilometer südlich von Haithabu fließende Eider seit 811 die Grenze zum Frankenreich markierte. Das brachte wesentliche Handelsvorteile.
Haithabu entwickelte sich daher unter aktiver Förderung der herrschenden Dynastie ab der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts zum Hauptumschlagplatz für den Handel zwischen Skandinavien, Westeuropa, dem Nordseeraum und dem Baltikum, wobei die Handelsbeziehungen gelegentlich selbst bis Konstantinopel und Bagdad reichten. Dadurch wuchs die Ansiedlung, sodass Haithabu im frühen Mittelalter nach Uppåkra (im südschwedischen Schonen) mit rund 1500 Einwohnern zur zweitgrößten Stadt in Skandinavien wurde.
Früh dürfte in Haithabu eine königliche Münze bestanden haben, wo die in Dorestad hergestellten Silbermünzen Karls des Großen kopiert wurdenGwyn Jones: A History of the Vikings. Second Edition. Oxford University Press 1990, ISBN 0-19-215166-5, S. 5. und wo noch zur Zeit von König Knut von Dänemark Münzen hergestellt wurden.Gwyn Jones: A History of the Vikings. Second Edition. Oxford University Press 1990, ISBN 0-19-215166-5, S. 6.
Schon um 850, wahrscheinlich durch Erzbischof Ansgar von Hamburg, wurde in Haithabu die erste christliche Kirche errichtet, deren Existenz zwar in den Schriftquellen belegt ist, jedoch bisher archäologisch noch nicht nachgewiesen werden konnte. Immerhin wurde bei Ausgrabungen eine aus dem frühen 10. Jahrhundert stammende Kirchenglocke gefunden.
Die Dynastie Die Könige von Haithabu Sowohl auf Seeland wie in Jütland gab es im frühen Mittelalter eine Reihe rivalisierender Kleinkönigreiche, die sich in Jütland bis zu der Zeit von König Gorm dem Alten (* vor 900, † um 958) hielten. Aus einer dieser Dynastien entwickelte sich das Haus der Könige von Haithabu.Gwyn Jones: A History of the Vikings. Second Edition. Oxford University Press 1990, ISBN 0-19-215166-5, S. 51.
Als erster historisch fassbarer König von Haithabu und Stammvater der Dynastie gilt Sigfred I., auch Sigefrid oder Sigurd genannt (* um 750, † 798), der von etwa 777 bis 798 regierte.Charles Cawley: Medieval Lands Über seine Herkunft bestehen jedoch widersprüchliche Theorien.
Die eine These folgt der Überlieferung der isländischen Sagas, wonach Sigfred schwedischer Herkunft war, da er dort mit Sigurd Ring Randversson aus dem Geschlecht der Skjoldungen, identifiziert wird. Er soll der Überlieferung nach von seinem Onkel Harald Hildetand (Harald Kriegszahn), König in Schweden und Dänemark, zum Unterkönig in Uppland (in Schweden) eingesetzt worden sein. Um 740/50 besiegte er seinen alternden Onkel in der Schlacht von Bråvalla (in Östergötland) und stieg dadurch zum König in Västergötland, Svealand und Dänemark auf.Hervarar-Saga: Hervarar saga ok Heiðreks konungs Er war der Vater von König Ragnar Lodbrok, der nach der Tradition von 812 bis 845 in Dänemark regierte.
Die andere These stützt sich auf urkundliche Hinweise, wonach Sigfred I. nicht schwedischer, sondern dänischer Herkunft und vermutlich ein Nachkomme von König Angantyr (Ongendus) war. Dieser gilt als erster dänischer König, der in zeitgenössischen Quellen erwähnt wird. Er erscheint in der Lebensbeschreibung des Heiligen Willibrord Bischof von Utrecht (695–739), der ihn um das Jahr 710 – vergeblich – zu missionieren versuchte.Alcuin (cl. 735–804): Lebensbeschreibung des Heiligen Willibrord in Alcuin's Life of St. Willibrord, übersetzt in C. H. Talbot: The Anglo-Saxon Missionaries in Germany. (London and New York, 1954), Kapitel 9.
Einen Höhepunkt der Machtentfaltung der Könige von Haithabu stellt die Regierungszeit von König Godfrid Halfdanson dar, der Haithabu zu Beginn des 9. Jahrhunderts zum Zentrum seines Reiches machte. Unter anderem als König beherrschte er neben großen Teilen Jütlands zugleich Westerfold, Hedeland, Värmland (Provinz im Südwesten Schwedens), Hedemarken (Bezirk in der heutigen Provinz (Fylke) Hedmark im Südwesten von Norwegen) und Vestmar (Grenland, Bezirk in der norwegischen Provinz Telemark). Nach anderen Quellen erstreckte sich sein Reich von Schleswig über Fünen, Seeland und die übrigen Inseln bis nach Schonen.Westermanns Großer Atlas zur Weltgeschichte Er gilt als erster Einiger Dänemarks.
Bedeutend war auch Harald Klak Halfdansson (* um 800, getauft 826 in Mainz, † gefallen bei Walcheren 844), 10. König von Haithabu (812–814), König in Jütland (813–819, 827–839, 840–844), König von Friesland (832–844), Herr von Rüstringen (819–827) und – als Lehen von Kaiser Ludwig dem Frommen – Mitregent im Lande Stormarn und im Land der Abotriten.
Godfrid Haraldson trug durch seine Tochter Reinhilde/Reginlind Godfridsdotter, die Thiadrich aus der Familie der Immedinger heiratete, dazu bei, dass diese Dynastie über die weibliche Linie fortlebte, zu der nicht nur praktisch alle europäischen Herrscherdynastien, sondern heute auch eine große Zahl von Menschen aller Stände zählt.
Die Bedeutung der Herrscher von Haithabu zeigt sich darin, dass sie in wechselnden – manchmal friedlichen, sogar verwandtschaftlichen, oft aber kriegerischen – Beziehungen zu den südlichen, erst sächsischen, dann fränkischen Nachbarn standen, und auch dadurch, dass die Stadt frühzeitig Ziel auswärtiger Reisender war. So etwa wurde die Stadt von dem vermutlich angelsächsischen Reisenden Wulfstan von Haithabu besucht und in dessen Reisebericht erwähnt, der – zusammen mit dem Bericht eines anderen Reisenden, Ottar von Halogaland – durch Zufall überlebte, da beide in die von Alfred dem Großen, König von England (871–899), veranlasste Übersetzung der Historiae adversum Paganos des spätantiken Historikers Paulus Orosius († um 480), eingefügt worden waren. Demnach unternahm dieser Wulfstan um das Jahr 880 eine Seereise durch die dänischen Meerengen nach „Haedum“ (Haithabu) und weiter entlang der südlichen Ostseeküste bis zur Handelsniederlassung Truso. Er erwähnte in seiner Beschreibung neben Haithabu zum ersten Mal den Namen „Dänemark“.Anton Englert, Athena Trakadas (Hrsg.): Wulfstan’s Voyage. The Baltic Sea region in the early Viking Age as seen from shipboard. Maritime Culture of the North, Volume 2, Roskilde 2009, ISBN 978-87-85180-56-8.
Trotz des zumeist frühzeitigen Todes der Familienmitglieder durch ständige Kriege und wiederholte Mordanschläge hielt sich die Dynastie, aus der in hundert Jahren 16 Herrscher hervorgingen, bis zum Ende des 9. Jahrhunderts und erlosch in männlicher Linie mit Knut Rurikson, der als 16. König von Haithabu und König von Northumberland im Jahre 894 starb.
Stammtafel der Könige von Haithabu Diese beruht primär auf der Darstellung in den Europäischen Stammtafeln sowie auch auf Charles Cawleys Medieval Lands.
Angantyr (Ongendus) war ein legendärer dänischer König, der um 710/737 regiert haben soll und im Bericht des Heiligen Missionars Willibrord wenig schmeichelhaft als „Wilder als jedes Tier und härter als Stein“ beschrieben wurde. Er wird als vermutlicher Stammvater der Könige von Haithabu angesehen.Alcuin’s Life of St. Willibrord Übersetzung von C. H. Talbot in „The Anglo-Saxon Missionaries in Germany“ (London und New York, 1954), Abschnitte 9–10. (englisch) Alcuin’s Life of St. Willibrord Angantyr erscheint weder in der Stammtafel der Könige von Haithabu in den Europäischen Stammtafeln noch bei Charles Cawley im Zusammenhang.
(Eine oder mehr Zwischengenerationen)
Sigfred/Sigurd gilt als 1. König von Haithabu (*um 750, † 798). Die Annales FuldensesAnnales Fuldenses 782, MGH SS I, S. 349. berichten, dass „Sigifridi regis Danorum“ (Sigfried König der Dänen) „Halfdan“ mit anderen als Gesandter zu Karl dem Großen zu einem Treffen bei „Lippia“ entsandte. In den Reichsannalen Annales regni Francorum wird zum Jahr 777 erwähnt, dass Widukind der einzige sächsische Große war, der nicht am Reichstag zu Paderborn bei Karl dem Großen erschien, sondern beim dänischen König Sigfred weilte, der ihm im Jahre 783 Zuflucht gewährte (und zu seinem Schwager machte). Onund Sigfredson (* um 790)