mini|Kirche St. Ludwig mit Marienbrunnen am Großen Markt in Saarlouis mini|Flügelaltar im geöffneten Zustand

Der Saarlouiser Ludwigsaltar ist ein neogotisches Bildwerk in der Stadtpfarrkirche St. Ludwig (Saarlouis) am Großen Markt in der saarländischen Kreisstadt Saarlouis.

Bildhauer Hans Steinlein Der neospätgotische Hochaltar der Saarlouiser Stadtpfarrkirche St. Ludwig wurde im Jahr 1910 anlässlich des 25-jährigen Pfarrjubiläums des Dechanten Alexander Subtil durch die Werkstatt des in Eltville am Rhein ansässigen Bildhauers Hans Steinlein (* 1872 in Trier; † 1958) geschaffen. Steinlein entstammte einer Trierer Wagnerfamilie und absolvierte ab dem Jahr 1886 eine Lehre in einer keramischen Werkstatt in Trier. Auf der anschließenden Wanderschaft durch Deutschland kam er nach Ravensburg, wo er sich als Gehilfe in einem Bildhaueratelier Kenntnisse in der Bearbeitung von Stein und Holz erwarb. Steinlein soll dort auch in Kontakt mit dem Gründer der Beuroner Kunstschule, Desiderius Lenz, getreten sein. In den 1890er Jahren arbeitete Steinlein bei Bildhauer Caspar Weis in Frankfurt am Main. Im Jahr 1899 ließ sich Steinlein als freischaffender Künstler in Eltville nieder. Aufgrund der guten Auftragslage bei der Ausstattung von Kirchen mit religiösen Bildwerken beschäftigte er eine Vielzahl von Steinmetzen, Vergoldern und Schreinern als Gehilfen. Steinlein arbeitete vielfach mit dem Mainzer Dombaumeister Ludwig Becker bei der Ausstattung von Kirchen zusammen. Von Steinleins Werken sind durch die Zerstörungen von Kirchen im Zweiten Weltkrieg und den anti-historistischen „Bildersturm“ der 1950er und 1960er Jahre nur noch wenige Bildwerke erhalten.Helga Simon: Altmeister der Kirchenkunst – Der Bildhauer Hans Steinlein schuf seine Werke in Eltville. In: Wiesbadener Tagesblatt. Ausgabe 15. Oktober 2011.

Steinlein hat in der Umgebung von Saarlouis ebenfalls zahlreiche Altäre und Bildwerke geschaffen, z. B. in den Kirchen St. Andreas in Reimsbach, St. Martin in Schwalbach, St. Leodegar in Düppenweiler oder in der Herz-Jesu-Kirche in Landsweiler-Reden. Für die Wendalinusbasilika in St. Wendel schuf die Werkstatt Steinlein im Jahr 1925 das Portalrelief am Fruchtmarkt St. Wendelin und St. Matthias der Muttergottes mit dem Jesuskind huldigend und eine Darstellung des Jüngesten Gerichtes am Tympanon des Portals der südlichen Vorhalle.Gerd Schmitt: Die Wallfahrtskirche des hl. Wendelin – eine lebendige Geschichte, 650-Jahrfeier der Chorweihe, 50-Jahrfeier der Erhebung zur Basilika. hrsg. vom Stadtmuseum St. Wendel und der Stiftung Walter Bruch in Zusammenarbeit mit der Pfarrgemeinde St. Wendelin, Dillingen/Saar 2010, S. 30–31.

Zerstörung und Wiederherstellung des Altares mini|Altar im geschlossenen Zustand der Fastenzeit mini|links|Neuwied, St. Matthias, Innenraum mit Blick zum Hochaltar

Mit dem Abriss des neogotischen Kirchenschiffes von St. Ludwig in Saarlouis in den 1960er Jahren gingen zahlreiche Teile des Altares sowie die reiche, maßwerkverzierte neospätgotische Kommunionbank zunächst verloren. Große Teile wurden in Kellerräumen eingelagert,Michael Thome (Red.): Kunst im Kirchenraum Saarlouis 1100–1980, Entwicklung kirchlicher Kunst, Katalog zur Ausstellung im Städtischen Museum Saarlouis vom 18. Oktober – 9. November 1980. hrsg. von der Kreisstadt Saarlouis, o. O. 1980, S. 19. einige Teile wurden von Personen in Besitz genommen, das Gesprenge wurde teilweise zerstört, einige Teile gelangten als Geschenk in die Kirche St. Matthias in Neuwied. Hier wurden sie in frei variierter Anordnung auf einem dort vorhandenen neogotischen Hochaltar aufgesetzt. Die Altargrundkonstruktion war im alten Pfarrhaus (heute Dechant-Unkel-Platz) aus der Barockzeit bis zu dessen Abriss gelagert. Als die Niederlegung des traditionsreichen Gebäudes anstand und es zur Ausschlachtung des barocken Inventars ging, wurde die Grundkonstruktion des Altaraufbaues und die Rahmen als Geschenk an eine Saarwellinger Privatperson abgegeben, die sich daraus Bücherregale fertigte. Dank einer aufwändigen Restaurierung überkommener Teile und einer Rekonstruktion des Gesamtaufbaues in den Jahren 1981–1985 auf die Initiative des Gemeindemitglied Dieter Zell in Zusammenarbeit mit Pfarrer Anton Heidger konnte der Altar Hans Steinleins an Weihnachten 1984 wieder im Chorraum der heutigen Kirche aufgestellt und anschließend vollendet werden.Josef Mischo: „Denn sehet, ich bin mit euch alle Tage“, Die Pfarrkirche St. Ludwig – Saarlouis und ihre Glasfenster von Ernst Alt, Gedanken zu einem Kunstwerk unserer Zeit. Saarlouis-Lisdorf 1993, 31–44; rheingau-echo.de abgerufen am 18. August 2015; Severin Delges: Geschichte der katholischen Pfarrei St. Ludwig in Saarlouis. Saarlouis-Lisdorf 1931, Erweiterung um einen zweiten Teil durch Heinrich Unkel im Jahr 1952, Erweiterung um einen dritten Teil durch Marga Blasius im Jahr 1985, Teil 3, S. 28. Die Restaurierungsarbeiten wurden durch das Saarwellinger Unternehmen Kurt Mettler in Zusammenarbeit mit polnischen Bildhauern, Schnitzern, Fassmalern und Vergoldern durchgeführt. Vollständige Rekonstruktionen sind die Figuren der heiligen Elisabeth, des hl. Franziskus sowie die der beiden Apostelfürsten Petrus und Paulus. Die Schreinerarbeiten leitete in Saarwellingen der schlesische Schreiner Werner Kroll und vollendete sie, nachdem das Unternehmen Mettler Konkurs anmelden musste, in seiner Fraulauterner Werkstätte.

Die Aufstellung des neogotischen Altares geschah gegen die Bedenken des bischöflichen Diözesanbaumeisters Alois Peitz, der den Böhmschen Raumgedanken in seiner reinen Form bewahren wollte. Gottfried Böhm hatte zunächst nichts gegen eine Aufstellung des neogotischen Altares in seinem Bauwerk einzuwenden, favorisierte jedoch nach Gesprächen mit Peitz als Kompromiss schließlich einen eigenen Altarentwurf in Form eines Lebensbaumes unter Einbeziehung von Teilen des Altares von Steinlein. Der Trierer Diözesankonservator Franz Ronig sprach sich für die Rekonstruktion des neogotischen Altares aus.Briefwechsel zwischen Generalvikar Gerhard Jakob und Pfarrgemeinderatsmitglied Dieter Zell vom 24. Juli 1983 und 2. August 1983.

Zur Aufstellung des rekonstruierten Hochaltares wurde die Böhmsche Altarinsel, um die sich bisher alle Kirchensitze geschart hatten, zu einer „Altarzunge“ erweitert, sodass der Böhmsche Bau mit seiner konzentrischen Fokussierung nun eine klassische Gerichtetheit mit Wegecharakter erhielt. Der steinerne Altartisch aus hellem Vogesensandstein mit schwarzmarmornen Säulen ist eine vollständige Rekonstruktion. Wegen eines Konkurses der Saarwellinger Firma Mettler konnte ein Teil des Rankwerkes des Rahmens des äußersten rechten Flügels nicht mehr vollendet werde. Der Kostenvoranschlag des Unternehmens Mettler hatte bei 220.000 DM gelegen. Letztendlich kostete die Rekonstruktion aber etwa 320.000 DM.Aussage von Kurt Mettler vom 25. Mai 2016.

Seit dem Jahr 1990 wird der Hochaltar wieder von zwei prächtigen Kandelabern, die ursprünglich zur Beleuchtung des Steinleinschen Altars gedient hatten, flankiert. Die Leuchter waren nach dem Abriss des Müllerschen Kirchenschiffes dem Städtischen Museum übergeben worden. Sie wurden von einem Gemeindemitglied aufwändig restauriert und der Kirchengemeinde wieder übereignet.Dieter Zell: St. Ludwig, Wegweiser und Geschichte. hrsg. von der Pfarrgemeinde St. Ludwig, Saarlouis 1990, S. 5.

In einem Schreiben vom 12. Februar 2001Archiv des Institutes für aktuelle Kunst im Saarland, Schreiben 12.02.2001B/Bei,jaeckl12. äußert sich Architekt Gottfried Böhm zur Aufstellung des neogotischen Hochaltares folgendermaßen:

Thematik und Aufbau mini|Expositoriumsnische des Hochaltares mit anbetenden Engeln und der Heilig-Geist-Taube im Baldachin mini|Tabernakeltüren mit der Darstellung des englischen Grußes

Der Hochaltar thematisiert das Leben des heiliggesprochenen Königs Ludwig IX. von Frankreich. In den Altarflügeln sind wichtige Szenen aus dem Leben des heiligen Ludwig von Frankreich in geschnitzten Reliefs dargestellt. Der heilige Ludwig zählt zu den bedeutenden europäischen Monarchen des europäischen Mittelalters. Seine Herrschaft blieb in Frankreich als ein goldenes Zeitalter (le siècle d’or de St. Louis) in Erinnerung, in dem das Land einen ökonomischen wie auch politischen Höhepunkt erreichte. Ludwig war Anführer zweier Kreuzzüge und wurde seit dem Tod des römisch-deutschen Kaisers Friedrich. II unter den europäischen Herrschern als primus inter pares angesehen, dessen moralische Integrität ihn zu einem Schiedsrichter ihrer Streitigkeiten erhob.

Ludwigs Handeln als Mensch und König war einer tiefen christlichen Frömmigkeit und Gottesliebe verpflichtet. Sein Leben fällt in die Zeit der von Dominikus und Franz von Assisi angestoßenen Armutsbewegung des späten Hochmittelalters, welche die Christenheit zu einer geistigen Erneuerung aufrief.

In mittelalterlichen Königslisten wurde Ludwig auch mit dem Beinamen „Prud’homme“ benannt, in Anspielung auf seine Lebensführung, die der sogenannten prud’homie entsprach, wobei es sich um eine Mischung aus Mäßigung, Vernunft, Tapferkeit und ritterlicher Höflichkeit handelte.Dieser Beiname wurde zum Beispiel in der Chronik eines Spielmannes, der dem Prinzen Alfons von Poitiers gedient hatte, verwendet. Ein Fragment dieser Chronik ist in den Recueil des Historiens des Gaules et de la France (Bd. XXIII, S. 146) enthalten. Bibliothèque nationale de France, Paris. Von Zeitgenossen gelegentlich auch als „Mönchskönig“ belächelt, gelangte Ludwig bereits zu Lebzeiten in den Ruf der Heiligkeit, der mit seiner Heiligsprechung im Jahr 1297 durch Papst Bonifatius VIII. auch von der Kirchenführung anerkannt wurde. Seither galt Ludwig als Idealtypus eines christlichen Herrschers und Ritters.Jean Richard: Ludwig IX., König von Frankreich. In: Lexikon des Mittelalters. Band V, München/Zürich 1991, Sp. 2184–2186.

Zentrum des pyramidal angelegten Flügelaltars von St. Ludwig in Saarlouis ist der Tabernakel. Auf seinen vergoldeten Flügeltüren ist in Gravurtechnik die Verkündigung des Erzengels Gabriel an die Jungfrau Maria, als Ursprung der Inkarnation Jesu Christi dargestellt. Links ist der himmlische Bote und rechts die Jungfrau Maria zu sehen. Der Fingerzeig des Erzengels Gabriel auf der Tabernakeltür weist auf den Gekreuzigten in der Expositoriumsnische hin und visualisiert damit die im Lukasevangelium formulierte Bestimmung des Messias Jesus :

Die Menschwerdung Jesu durch Maria, das Herabsteigen Gottes in den Schoß der Jungfrau, entspricht dem Herabsteigen Gottes auf den Altar im Messopfer, der Gestaltwerdung Jesu Christi im eucharistischen Geschehen, so die ikonographisch-theologische Konzeption.

Der Tabernakel war nach dem Abbau des Steinleinschen Hochaltares in eine aus Ziegelsteinen erbaute Tabernakelstele von Gottfried Böhm eingebaut worden. Diese Stele in der Art eines modernen Sakramentshauses wurde im Gefolge der Rekonstruktion des Steinleinschen Altares entfernt.

In der Predellazone auf beiden Seiten des Tabernakels sind in geschnitzten Reliefs die Büsten der vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als Zeugnisgeber der Menschwerdung sowie des Lebens, des Sterbens und der Auferstehung Jesu zu sehen.

Über dem Tabernakel legte Bildhauer Hans Steinlein eine polygonale Expositoriumsnische zur Aufnahme des Altarkreuzes oder der Monstranz an. Flankiert wird die Nische von anbetenden Engeln mit über der Brust gekreuzten Armen oder gefalteten Händen. Im Nischenbaldachin schwebt die Taube des Heiligen Geistes. Im darüber sich erhebenden Mittelturm des Hochaltares ist als vollplastische Skulpturengruppe unter einem auskragenden neospätgotischen Baldachin, der mit seinen sich ineinander verflechtenden, krabbengeschmückten Wimpergen an die Gestalt einer Dornenkrone gemahnt, der heilige Ludwig von Frankreich in Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu, dem Sinnbild der göttlichen Liebe, eingestellt.