Louise ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Roman musical“) in vier Akten und fünf Bildern von Gustave Charpentier (Musik) mit einem Libretto des Komponisten. Die Uraufführung erfolgte am 2. Februar 1900 in der Salle Favart der Opéra-Comique in Paris. Die Oper gilt als französische Antwort auf den Verismus und ist eine Hommage an die Stadt Paris und den Montmartre.
Handlung
Die Oper handelt von der Liebe des Arbeitermädchens Louise zu dem Bohémien Julien. Obwohl ihr Vater Verständnis zeigt, verbietet ihr die Mutter den Umgang mit dem jungen Taugenichts. Nach einigen Rückschlägen gelingt es Julien, Louise zur Flucht aus dem Elternhaus zu bewegen. Sie ziehen in eine kleine Hütte am Montmartre, wo Louise von den Bohémiens zu ihrer Muse gekrönt wird. Als der Vater schwer erkrankt, überredet die Mutter Louise, für kurze Zeit wieder bei ihnen zu leben. Nach dessen Genesung verbieten sie ihr jedoch die Rückkehr zu Julien. Der Streit eskaliert, und Louise verlässt im Zorn die Wohnung.
Erster Akt
Vorspiel
Mansardenzimmer in einer Arbeiterwohnung
mini|links|Mansardenzimmer, erster und vierter Akt
Im Hintergrund die Eingangstür; rechts davon die Küche; weiter rechts auf derselben Seite nach vorne hin die Tür zum Zimmer der Eltern. Links eine Glastür zu Louises Zimmer; weiter links ein großes offenes Fenster zum Balkon; hinter dem Balkon Dächer und ein Ausschnitt des Pariser Himmels. Gegenüber dem Balkon eine erhöhte Terrasse vor einem kleinen Künstleratelier. Sechs Uhr abends im April.
Szene 1. Louise erwartet besorgt ihren Verlobten, den jungen Maler Julien, der sich verspätet hat. Ihre strengen Eltern waren bisher mit ihrer Verbindung nicht einverstanden. Nun hat er auf ihre Bitte hin einen letzten Brief an ihren Vater verfasst. Sollte er immer noch nicht nachgeben, will er mit ihr fliehen. Doch Louise will den Eltern eine Enttäuschung ersparen. Sie liebt Julien, aber doch auch ihre Eltern. Sie bittet Julien, ihr zu erzählen, wie er sich in sie verliebt hatte. Er hatte längere Zeit in der Nachbarwohnung gelebt, ohne sie zu bemerken, da sie die Wohnung kaum verlassen durfte. Nachdem er sie eines Tages flüchtig gesehen hatte, beobachtete er sie am Ostertag an ihrem Fenster und war sofort fasziniert von ihrem Lächeln. Unbemerkt von den beiden tritt Louises Mutter ein, lehnt sich kurz an den Sessel und nähert sich dann dem Fenster.
Szene 2. Louise erzählt Julien, dass sie selbst schon vor einiger Zeit auf ihn aufmerksam geworden war. Es hatte bereits einige kurze Begegnungen gegeben, die aber von der Mutter unterbrochen worden waren. Dann haben sie sich eines Abends heimlich verlobt, während ihre Eltern schliefen. Erst jetzt bemerkt Louise ihre Mutter, die alles angehört hat und Louise in die Küche verweist. Überrascht über Louises plötzliches Schweigen, macht Julien einen Scherz über die Strenge ihrer Mutter. Diese zeigt sich ihm, beschimpft ihn und tritt dann ins Nebenzimmer. Verwirrt begibt sich Julien auf den Balkon, von wo er Louise durch das Fenster seinen Brief an ihren Vater zeigt. Er zieht sich trällernd zurück. Die Mutter schließt das Fenster.
Szene 3. Louise kommt zitternd aus der Küche. Ihre Mutter zitiert die mitgehörten Liebesschwüre Juliens und macht ihr Vorwürfe. Sie nennt Julien einen nichtsnutzigen Schmarotzer und Frauenhelden, der sein Leben in der Kneipe verbringe. Louise verteidigt Julien vehement. Ihre Mutter könne zwar ihr Glück verhindern, doch niemals ihre Liebe zerstören. Die beiden unterbrechen ihren Streit, als sie von der Treppe Schritte hören.
Szene 4. Der Vater kehrt erschöpft von der Arbeit nach Hause zurück. In der Hand hält er einen Brief. Die Mutter eilt in die Küche. Während Louise noch ganz durcheinander von dem Streit das Abendessen herrichtet, liest der Vater den Brief Juliens. Unterdessen lästert die Mutter über die vielen Faulenzer. Der Vater hält Gerechtigkeit für ein „großes Wort“. Wenn man selbst kein Geld habe, solle man sich damit zufriedengeben, es für andere zu verdienen. Jeder sei selbst für sein Glück verantwortlich und könne es auch ohne Vermögen erreichen. Zur Bekräftigung tanzt er einen Walzer mit der Mutter. Dann liest er den Brief mit Juliens Antrag. Er meint, dass er nett geschrieben sei und sich die beiden wirklich zu lieben scheinen. Er will Julien einladen, um ihn näher kennenzulernen. Die Mutter jedoch lehnt Julien entschieden ab. Sie habe bereits schlimme Dinge über ihn gehört. Louise widerspricht und erhält eine Ohrfeige von der Mutter. Sie bricht in Tränen aus. Der Vater tröstet sie, meint aber auch, dass die Liebe blind mache. Bei der Wahl des Partners helfe Erfahrung, und man könne aus der Vergangenheit des Geliebten einiges über die Zukunft erfahren. Die Mutter geht trällernd ins Nebenzimmer. Der Vater bittet Louise, seinem Urteil zu vertrauen und Julien zu vergessen, falls er ihn ablehnen sollte. Louise meint, sie werde ihn (ihren Vater) immer lieben. Um von diesem Thema abzulenken, bittet der Vater Louise, ihm aus der Zeitung vorzulesen. Der Artikel handelt von der festlichen Pariser Frühlingssaison. Louise wird erneut von Gefühlen überwältigt.
Zweiter Akt
Vorspiel. „Paris s’éveille“
Erstes Bild. Straßenkreuzung
mini|links|Straßenkreuzung,zweiter Akt, erstes Bild
Die Szene stellt eine Kreuzung am unteren Rand des Montmartre dar. Auf der linken Seite im Hintergrund der Bühne eine absteigende Treppe; ganz links ein Schuppen; Rechts ein Haus und eine Taverne; im Hintergrund rechts eine aufsteigende Treppe, ganz rechts eine Gasse; in der Ferne rechts die Butte; links die Vorstadt. Verkäufer legen ihre Waren aus. Arbeiter bereiten sich auf den Tag vor. Es ist fünf Uhr morgens im April. Nebel umgibt die Stadt.
Szene 1. Eine kleine Lumpensammlerin, eine Kohlensammlerin, ein Nachtschwärmer, ein Zeitungsmädchen, ein Trödler und eine Milchfrau unterhalten und necken sich bei ihrer Arbeit. Der Nachtschwärmer sucht weitere Vergnügungen in der Stadt und stößt an der Straßenecke mit einem Lumpensammler zusammen. Der schimpft über den Nachtschwärmer, der erst vor kurzem seine Tochter verführt hatte. Der Trödler erzählt von ähnlichen Erfahrungen mit seinen drei Töchtern, die das Paradies drüben dem hiesigen Leben vorziehen.
Szene 2. Die Straßenkreuzung belebt sich. Zwei Schutzmänner kommen hinzu. Eine alte Frau preist Kleider an. Eine Straßenkehrerin erinnert sich an ihrer glückliche Jugendzeit als „Königin von Paris“. Ein Straßenjunge versucht, die Adresse ihres damaligen „Arbeitsplatzes“ in Erfahrung zu bringen. Sie verweist auf die Stadt.
Szene 3. Julien erscheint mit seinen Bohème-Freunden: einem Maler, einem Bildhauer, einem Liederdichter, einem jungen Dichter, einem Studenten und zwei Philosophen. Er beabsichtigt, Louise auf ihrem Weg zu ihrer Arbeitsstätte im Schneideratelier abzufangen und mit ihr zu fliehen, sobald ihre Mutter außer Sicht ist. Die Bohémiens wollen Louise zu ihrer Muse krönen. Ein vorbeiziehender Lehrling fordert sie auf, an die Arbeit zu gehen. Die Bohémiens ziehen sich zurück.
Szene 4. Zum Hintergrund der Rufe verschiedener Händler, darunter einer Stuhlflechterin, einem Altwarenhändler, einer Möhrenhändlerin, einer Artischockenhändlerin und einer Vogelfutterverkäuferin, schwärmt Julien vom morgendlichen Pariser Stadtleben. Arbeiterinnen erscheinen, und er versteckt sich im Schuppen.
Szene 5. Die Näherinnen Blanche, Marguerite, Susanne, Gertrud, Camille und Irma treten schwatzen in das Haus. Julien tritt ungeduldig aus dem Schuppen. Ein Lehrmädchen und die Arbeiterinnen Élise und Madeleine machen sich über ihn lustig und laufen lachend ins Haus. Er tritt wieder in den Schuppen, als er Louise mit ihrer Mutter kommen sieht.
Szene 6. Die Mutter ermahnt Louise, sich die Flausen aus dem Kopf zu schlagen. Um ihre Ehrbarkeit sicherzustellen, soll Louise in Zukunft in der Wohnung arbeiten. Die Mutter verabschiedet sich zärtlich und geht fort.
Szene 7. Julien tritt aus seinem Versteck und fragt Louise, wie sein Brief von ihren Eltern aufgenommen wurde. Louise reagiert ängstlich zurückhaltend. Julien erinnert sie an ihr Versprechen und drängt sie, mit ihm zu fliehen. Louise versichert ihm ihre Liebe, bittet aber um Aufschub. In der Ferne erklingt die Flöte eines Ziegenhirten. Louise verabschiedet sich und lässt Julien traurig zurück.
Szene 8. Zu den Rufen eines Kleiderhändlers, der Vogelfutterverkäuferin und der Artischockenhändlerin fällt der Vorhang.
Zwischenspiel
Zweites Bild. Ein Schneideratelier
mini|links|Das Schneideratelier,zweiter Akt, zweites Bild
Die Schneiderinnen arbeiten schwatzend und singend an ihren Tischen. Zwei Arbeiterinnen plissieren an der Schneiderpuppe einen Unterrock; das Lehrmädchen sammelt Nadeln auf; eine Schneiderin arbeitet an der Nähmaschine.
Szene 1. Louise sitzt schweigend etwas abseits. Als ihre Kolleginnen das bemerken, vermuten sie erst Ärger mit ihrer Mutter. Dann necken sie sie damit, dass sie verliebt sei. Louise leugnet das. Die Mädchen dagegen schwärmen vom Gefühl der Liebe. Die Aufseherin drängt zur Arbeit. Plötzlich ist von draußen Musik zu hören.
Szene 2. Irma, Camille, Marguerite, Élise, Madeleine und das Lehrmädchen gehen zu den Fenstern, um in den Hof zu schauen. Begleitet von seinen Freunden gibt Julien ein Ständchen für Louise. Die Mädchen werfen ihm Geld und Kusshände zu. Nur Louise lässt sich nicht blicken. Julien singt ungeduldig von unerwiderter Liebe. Allmählich langweilen sich die Mädchen. Julien ist auch nicht zu stoppen, als das Lehrmädchen Lappen in den Hof wirft. Schließlich fordern die Mädchen die Musiker auf, zum Tanz aufzuspielen. Alle toben und tanzen. Louise erklärt den anderen, dass sie sich nicht wohl fühle, und verlässt das Atelier. Die Musik entfernt sich. Die Schneiderinnen schauen einander erstaunt an.
Szene 3. Das Lehrmädchen glaubt, dass der Sänger für Louises Verhalten verantwortlich ist. Alle stürzen zum Fenster und sehen Julien und Louise beisammen.
Dritter Akt
Vorspiel. „Vers la cité lointaine“
Ein kleiner Garten am Fuß des Montmarte
mini|links|Hütte am Montmartre, dritter Akt
Auf der linken Seite ein kleines einstöckiges Haus mit Veranda und einem offenen Vorbau. Neben dem Haus im Vordergrund eine Mauer mit einer kleinen Pforte. Rechts Gerüste. Im Hintergrund eine Hecke; zwischen der Hecke und den Gerüsten eine offene Tür. Ein Pfad führt an der Hecke entlang; dahinter die Dächer der Nachbarhäuser und das Panorama von Paris. Die Dämmerung steht bevor.
Szene 1. Julien sitzt mit einem Buch in der Hand in der Nähe des Hauses, anscheinend in glückliche Gedanken versunken. Louise betrachtet ihn lächelnd von der Veranda. Dann nähert sie sich ihm und schwärmt von ihrem neuen Glück („Depuis le jour“). Sie bereut nichts: In der Näherei galt sie als Außenseiterin, der Vater hielt sie für unreif, und die Mutter schlug sie. Sie erzählt Julien von dem Gespräch mit ihrem Vater (erster Akt, Szene 4). Julien meint, dass ihr Vater sich irre. Er verkenne das Gebot der Liebe. Ein jeder habe das Recht auf Freiheit und die Pflicht zu lieben. Die Liebe ihrer Eltern sei nichts als Egoismus. Dagegen sei Louise nun zum Symbol von Paris geworden, das sie vereint erobern werden. Beide betrachten begeistert die Stadt, in der allmählich die Lichter entzündet werden, und besingen die Freiheit und die Liebe. In der Ferne sind Trompetenklänge zu hören. Über Paris erstrahlt ein Feuerwerk. Louise führt Julien mit einer leidenschaftlichen Geste ins Haus. Trommeln erklingen in der Ferne.