Das Mädchen aus der Ackerstraße. 1. Teil lautet der Titel eines stummen „Dramas aus der Großstadt“, das Reinhold Schünzel 1920 für Arzén von Cserépys Firma Cserépy-Film Co. GmbH (Berlin) inszenierte. Das Drehbuch schrieben Bobby E. Lüthge und Arzén von Cserépy nach einer literarischen Vorlage, dem 1919 erschienenen gleichnamigen Roman von Ernst Friedrich.Pseudonym für Hermann Fleischack (* 1889, VIAF ID: 22932908 : Permalink); der Autor, der auch Titel wie Allerlei von der Liebe, Das Kuckucksei, Das Judenmädel von Sosnowice (1921 verfilmt von Ferdinand Walden) und § 173 Reichsstrafgesetzbuch geschrieben hatte, geriet im Dritten Reich auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“, vgl. Berlin im Nationalsozialismus – Verbannte Bücher. Die Titelrolle verkörperte die Tänzerin und Soubrette Lilly Flohr, den unglücklichen jungen Professor spielte, noch ehe er zum „Alten Fritz“ des deutschen Kinos wurde, Otto Gebühr. In der Rolle des verschlagenen Dieners Franz ist Regisseur Schünzel selbst zu sehen.
Handlung Die minderjährige Tochter eines verkommenen, in der Berliner Ackerstraße wohnenden Ehepaares flüchtet aus der elterlichen Wohnung, weil sie fortgesetzten Misshandlungen ausgesetzt ist. Die auf der Straße Zusammengebrochene wird von einem jungen Universitätsprofessor in seine Wohnung genommen und dort längere Zeit in Pflege gehalten, bis eines Tages ihr Wohltäter, in den sich das Mädchen aus der Ackerstraße verliebt hat, zu ihr in unerlaubte Beziehungen tritt. Dies geschieht unmittelbar nachdem er seine Verlobung gefeiert und nachdem sein Diener auf Grund eines fingierten Überfalls von dem Mädchen ebenfalls Besitz genommen hat.
Die Eltern des Mädchens erstatten gegen den Gelehrten in erpresserischer Absicht Anzeige wegen Verführung einer Minderjährigen. Der verzweifelte Gelehrte erschießt sich, nachdem er das Mädchen einem Freund zur Obhut übergeben hat.
(Inhaltsangabe aus der Niederschrift Nr. 177 der Oberprüfstelle Berlin)Eine ausführlichere Inhaltsangabe nach: Erste Internationale Filmzeitung (Berlin), Nr. 20–21 vom 22. Mai 1920, vgl. deutsches-filminstitut.de
Hintergrund An der Kamera stand Curt Courant, die Filmbauten errichtete Fritz Seyffert. Die künstlerische Beratung oblag Heinz Schall.
Erwin Geschonneck stand in dem Film als 14-jähriger Junge bei Außenaufnahmen im Hof Nummer 9 inmitten einer Horde Kinder zum ersten Mal vor der Kamera.Jens Rübner: „Rotznasen“. Filmkinder – aus längst vergangenen Tagen. Engelsdorfer Verlag, 2013, ISBN 978-3-86901-181-3, Kapitel „Ein ganz Großer seiner Zunft“; auch: Michael Hanisch: Ein Gesicht, fast kantig, fast hölzern. Der Schauspieler Erwin Geschonneck. In: film-dienst. 26/2001.
Da außerhalb Berlins die Ackerstraße keinen Bezugspunkt für die Zuschauer darstellte, wurde der Filmtitel an den jeweiligen Aufführungsorten den lokalen oder regionalen Gegebenheiten angepasst; so hieß der Film in Hamburg und Norddeutschland Das Mädchen vom Jungfernstieg, in Frankfurt am Main und Süddeutschland Das Mädchen von der Zeil, in München und Bayern Das Mädchen vom Stachus, in Breslau und Schlesien Das Mädchen von der Schweidnitzer Straße, in Leipzig und Sachsen Das Mädchen von der Peterstraße und in Köln und im Rheinland Das Mädchen von der Hohestraße.Vgl. deutsches-filminstitut.de
Das Mädchen aus der Ackerstraße erlebte seine Uraufführung am 3. Mai 1920 in Berlin in den Decla-Lichtspielen,Eröffnet 1911 als Ladenkino namens „Spandauer Lichtspiele“, zwischen 1920 und 1924 neuer Kinoname: Decla-Lichtspiele, vgl. allekinos.com nachdem bereits im April 1920 eine Pressevorführung im Berliner Kino „Lichtspielhaus“Vormals U.T. Unter den Linden, vgl. allekinos.de: Im Dezember 1919 wird in der Lichtbildbühne die Wiedereröffnung des Kinos unter dem Namen „Lichtspielpalast“ erwähnt: „Am Sonnabend, den 6. Dezember wurde das vom Bioscop-Konzern übernommene frühere U.T.-Theater neu eröffnet.“ stattgefunden hatte.
Der Film gehörte zu den ersten Produktionen, die aufgrund des neuen ReichslichtspielgesetzesVgl. documentarchiv.de, abgerufen am 10. Oktober 2016. vom 12. Mai 1920 verboten wurden.So Goege 12. Mai 2005 im Deutschlandfunk.
Das Mädchen aus der Ackerstraße lag der Filmprüfstelle Berlin am 4. August 1920 in einer Länge von 6 Akten = 2.224 m (2.250 m vor Zensur) vor und wurde unter der Nr. B.89 mit einem Jugendverbot belegt,Quelle: Reichsfilmprüfung / Dok. B.8251 das von der Oberprüfstelle am 24. April 1921 bzw. 25. April 1921 bestätigt wurde. Den Widerrufsanträgen durch die Innenministerien der Badischen und der Bayerischen Landesregierung stattgebend, sprach die Oberprüfstelle am 22. November 1923 bzw. 23. November 1923 unter der Nr. O.A.99. ein Verbot der öffentlichen Aufführung aus.Siehe Bescheid A.99 auf deutsches-filminstitut.de
Am 27. März 1924 lag der Film nach Schnitten erneut der Filmprüfstelle Berlin in einer Länge von 6 Akten, nunmehr nur noch 2.121 m vor, worauf er unter der Nr. B.8251 unter Beibehalt des Jugendverbots wieder zugelassen wurde. Die Entscheidung wurde sogleich angefochten, sodass die Berliner Oberprüfstelle am 9. April 1924 unter der Nr. O.177 das Verbot bestätigte. Zur Begründung hieß es, von der Vorführung sei „eine entsittlichende Wirkung im Sinne des § 1 Abs. 2 des Reichslichtspielgesetzes zu erwarten“. Zwar wurde anerkannt, dass „ein ernstes soziales Problem der Großstadt erörtert werde“, doch geschehe dies in „einer derart schwülen Atmosphäre von Sinnlichkeit und Sensation“, dass eine „erzieherische Wirkung ausgeschlossen“ sei.Siehe Bescheid B.08251 auf deutsches-filminstitut.de
Rezeption Schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstanden vereinzelte „Milieufilme“, die versuchten, das alltägliche Leben in der Großstadt ungeschönt wiederzugeben. So drehte z. B. Max Mack 1921 drei Teile der vierteiligen, als „Sittenfilm“ beworbenen Milieuserie Die Geheimnisse von Berlin, deren Titel sich wohl an Eugène Sues Les Mystères de Paris anlehnte; beim ersten Teil Berlin N. Die dunkle Großstadt führte Arthur Teuber Regie, Einer der ersten war 1920 Reinhold Schünzels Mädchen aus der Ackerstraße.
Der Film wurde besprochen in
Lichtbildbühne No. 33/34, 1919. Lichtbildbühne No. 19, 1920. Lichtbildbühne No. 18, 1920. Der Film No. 14, 1920. Der Film No. 19, 1920. Der Film No. 43, 1920. Der Film No. 44, 1920. Filmkurier No. 91, 1920. Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 11, 1920. Erste Internationale Kinematographenzeitschrift No. 20/21, 1920. Erste Internationale Filmzeitung (Berlin), Nr. 20–21, 1920.
und ist verzeichnet bei
Lamprecht Band 19 No. 67 GECD #29036
Zeitgenössische Kritiken:
Frank [= Paul Frank?] schrieb im Film-Kurier, Nr. 91 vom 1. Mai 1920 über Das Mädchen aus der Ackerstraße:
H. B. schrieb in der Lichtbild-Bühne, Nr. 18 am 1. Mai 1920 über Das Mädchen aus der Ackerstraße:
Der Film war derart erfolgreich, dass es noch zwei Fortsetzungen gab.
Einen Zweiten Teil drehte Werner Funck noch im selben Jahr; einen dritten Teil mit dem Haupttitel Wie das Mädchen aus der Ackerstraße die Heimat fand schob 1921 Martin Hartwig nach, der mit Walter Wassermann dazu auch das Manuskript verfasste. In allen Teilen war Lilly Flohr in der Titelrolle besetzt.Vgl. Lilly Flohr auf steffi-line.deThomas Staedteli auf cyranos.ch
Die Ackerstraße in Berlin spielte auch in der Literatur eine Rolle. In seiner mehrfach ausgezeichneten Romantrilogie Wendepunkte, die aus den Bänden Die roten Matrosen oder Ein vergessener Winter (1984), Mit dem Rücken zur Wand (1990) und Der erste Frühling (1993) besteht, schildert der Schriftsteller Klaus Kordon das Schicksal der Familie Gebhart, die in der Ackerstraße Nr. 37 wohnt, durch die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Im Vorwort des ersten Bandes charakterisiert der Autor den Wedding als ärmsten Stadtteil Berlins und die Ackerstraße als die ärmste Straße im Wedding.
Weblinks
Das Mädchen aus der Ackerstraße auf deutsches-filminstitut.de Abbildungen Künstlerpostkarte von Lilly Flohr Künstlerpostkarte von Otto Gebühr (Ross 5663-1) Künstlerpostkarte von Reinhold Schünzel (Photochemie Berlin K.1837)
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1920 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Stummfilm Kategorie:Schwarzweißfilm Kategorie:Filmdrama