Der Bürgerkrieg im Libanongebirge 1860, der vielfach mit anderen Namen bezeichnet wird,Die New York Times nannte im Jahr 1860 den Konflikt „Civil War in Syria“: war der Höhepunkt einer ländlichen Revolte der christlichen Maroniten gegen die im 11. Jahrhundert aus dem Islam hervorgegangenen Drusen, genauer gesagt gegen die Landbesitzer unter ihnen, die ihren Ausgangspunkt im Libanongebirge. im damaligen vom Osmanischen Reich autonomen Emirat Libanonberg nahm. Er kulminierte in einem Massaker in Damaskus. Insgesamt kamen 20.000 Christen ums Leben, dazu eine unbekannte Zahl von Muslimen. 380 christliche Dörfer und 560 Kirchen wurden zerstört. Schließlich intervenierte eine internationale Truppe unter französischer Führung. Der Bürgerkrieg gilt als Auslöser für die Entwicklung des Libanon zur späteren Unabhängigkeit. mini|Das zerstörte Christenquartier von Damaskus, 1860
Vorgeschichte Unter Muhammad Ali machte sich Ägypten praktisch unabhängig vom Osmanenreich und sein Sohn marschierte bald auf die osmanische Hauptstadt Istanbul. 1839 entschlossen sich Großbritannien, Frankreich, Russland, Österreich und Preußen, die ägyptische Armee aus Anatolien zu vertreiben, da ihnen ein unkontrolliertes Auseinanderbrechen des Osmanenreichs zu unabsehbare Folgen haben konnte. Die britische Flotte blockierte die syrisch-palästinensische Küste, Beirut wurde beschossen, es kam zu lokalen Erhebungen und die osmanische Armee marschierte ein. Allerdings mussten die Osmanen Muhammad Ali 1841 als erblichen Vizekönig in Ägypten anerkennen.
Am 3. September 1840 wurde Baschir Schihab III., Nachfolger des einflussreichen Emirs des Emirats Libanonberg Baschir Schihab II. (1789–1840), durch den Sultan zum Emir des Libanongebirges erhoben. Während der ägyptischen Herrschaft des Ibrahim Pascha, des Sohnes Muhammad Alis, wurden in einem Ferman von 1839, dann aber besonders ab 1856, die Nicht-Muslime den Muslimen gleichgestellt. Dagegen kam es zu einer Gegenreaktion der Muslime, aber auch der Drusen, die von der bisherigen Ordnung gleichfalls profitiert hatten und sich ihres Vorrangs beraubt sahen. Daher setzte der osmanische Sultan den Emir am 13. Januar 1842 ab und benannte Omar Pascha als Statthalter. Doch wurde auch dieser bald ersetzt.
mini|Teilung des abgeschafften Emirats Berglibanon in einen drusisch dominierten südlichen und einen maronitisch-christlich dominierten nördlichen Bezirk (Kaymakamat) 1842–61 Die Vertreter der westeuropäischen Staaten legten dem Sultan nahe, das Gebiet in einen drusischen und einen maronitischen Bezirk aufzuteilen, ein Vorschlag, den dieser am 7. Dezember 1842 annahm. Er forderte den Statthalter in Damaskus auf, das Gebiet in einen nördlichen, maronitischen, und in einen südlichen, drusischen Distrikt aufzuteilen. Ihre Trennlinie sollte die Straße Beirut-Damaskus sein. Zudem sollten beide nunmehr dem Statthalter im Eyâlet Sidon, der in Beirut residierte, rechenschaftspflichtig sein.
Kriegsverlauf Im Mai 1845 kam es zu ersten Konflikten, woraufhin der Sultan Ratsgremien einsetzte, die die religiösen Gruppen, die hinter den Konflikten zu stehen schienen, repräsentieren sollten. Die soziale Komponente verschwand bald in der Außenwahrnehmung, so dass er als ausschließlich religiöser Konflikt in Erscheinung trat. mini|links|hochkant|Tanyus Schahin Als die Bauern der Region Keserwan (Kisrawān/Kesrouan, etwa das moderne Gouvernement Keserwan-Jbeil), die sich durch Abgaben überfordert fühlten, rebellierten, wandten sie sich vor allem gegen die feudalen Strukturen. 1858 forderte Tanyus Schahin, einer der maronitischen Sprecher, die Abschaffung der feudalen Vorrechte. Als diese Forderung abgelehnt wurde, begann unter seiner Führung im Januar 1859 ein bewaffneter Aufstand. Er richtete sich zunächst gegen die maronitischen Chazen muqata'dschis (Feudalherren) von Keserwan, deren Ländereien sie besetzten und eine eigene Regierung bildeten. Die Unruhen breiteten sich nach Latakia und in den mittleren Libanon aus. Nun bereiteten sich maronitische Landleute auf einen allgemeinen Aufstand gegen ihre drusischen Herren im Süden vor. Diese begannen nun ihrerseits drusische Gruppen zu bewaffnen.
Im August 1859 kam es in der südlicheren Region Metn (etwa die heutigen Distrikte Metn, Baabda und Nord-Aley) des vorwiegend christlich bewohnten Sektors des drusischen Bezirks zu Streitigkeiten, die den maronitischen Bischof Tubiya Aun († 4. April 1871) dazu veranlassten, von Beirut aus zu intervenieren. Ein drusischer muqata'ji der Yazbaki-Fraktion, Yusuf Abd al-Malik, intervenierte seinerseits bewaffnet in einem Dorf namens Beit Mery, bei dem 20 Tote zu beklagen waren. Während nun die Drusen im Bund mit den osmanischen Autoritäten den Krieg vorbereiteten, ließ Bischof Aun Waffen verteilen.
Zwischen März und Mai 1860 kam es zu Morden, Plündereien und Gefechten. Laut der Historikerin Leila Tarazi Fawaz waren diese Übergriffe eher „zufällig und unvorhersehbar genug, so dass sie eher Gesetzlosen zugeschrieben wurden, denn als Teil eines kalkulierten Krieges gegen andere Sekten wahrgenommen wurden, insbesondere da das Banditenwesen immer Teil der Vorgänge war“.Leila Tarazi Fawaz: An Occasion for War, S. 47. Im März wurde ein katholischer Mönch in Aammiq getötet und das Kloster geplündert, womit ein Zyklus wechselseitiger Racheakte einsetzte.Leila Tarazi Fawaz: An Occasion for War, S. 48. Im April wurden zwei Drusen bei Beirut getötet, woraufhin bei Sidon drei Christen ihr Leben verloren, dann folgte der Tod von zwei Christen aus Jezzine in Chan Iqlim al-Schumar am 26. April. Am 27. April wurden zwei weitere Christen in Katuli ermordet; wofür am 11. Mai wiederum zwei Drusen am Nahr al-Assal und am 14. Mai zwei Drusen aus dem Chouf bei Sidon ermordet wurden. Diese Kette von Racheakten machte nicht nur die Straßen unsicher, sondern es kam zu einer Ausweitung des Konflikts, so dass sich im Mai die Beschwerden bei den westlichen Konsulaten häuften, dass nun auch in den Distrikten Beqaa, Arqub und Gharb Christen ermordet worden seien.
Nach maronitischen Überfällen im Metn und dem Vordringen von Schahins Leuten in den Gharb (arab.: „Westen“, gemeint ist die Küstenregion) westlich von Beirut, hielten die Drusen einen Kriegsrat in Muchtara, wo sich die gemäßigte Dschumblatti-Fraktionen und die eher auf Krieg setzenden Yazbaki auf Sa'id Dschumblatt als ihren Führer verständigten. mini|Christliche Miliz, französische Postkarte
Als Beginn des eigentlichen Bürgerkriegs gilt der 27. Mai, gelegentlich auch der 29. Als eine 250 Mann starke Maronitenmiliz aus Keserwan unter Führung von Tanyus Schahin die Seidenernte der Region Naccache (Naqqasch, nordöstlich von Beirut) einsammelte, marschierte sie, statt zurückzukehren, auf Baabda im Distrikt as-Sahil bei Beirut. Die Drusen betrachteten dies als Provokation, während sich die Maroniten durch die Stationierung osmanischer Einheiten unter Churschid Pascha bei Naqqasch am 26. Mai bedroht sahen. Die osmanische Garnison setzte sich in Hazmiyeh mit Unterstützung der westlichen Konsuln fest, um für Ruhe zu sorgen.
Am 29. Mai überfielen Keserwani-Maroniten die konfessionell gemischten Dörfer Qarnaye, Btechnay und Salima. Die Drusen wurden gezwungen, die Dörfer zu verlassen. Als Drusen nun ihrerseits das gemischte Dorf Beit Mery, und die Dorfbewohner ihre Glaubensgenossen aus Abadiyeh und as-Sahil zu Hilfe riefen, kam es zum offenen Konflikt. Maroniten brannten die Häuser der Drusen in Beit Mery nieder und besiegten die Druseneinheit unter Ibrahim Aga bei dem Dorf, bevor sie sich zurückzogen. Doch bereits am 30. Mai kehrten sie zurück, doch wurden sie nun von bis zu 2000 Drusen unter Führung der Clans der Talhuq und der Abu Nakad besiegt, was wiederum bis dahin neutrale Maroniten aus Baabda, Wadi Schahrur, Hadath und weiteren Dörfern in den Kampf zog. Am nächsten Tag wurden die 200 Maroniten bei Beit Mery geschlagen und zum Rückzug nach Brummana gezwungen. Zwischen 35 und 40 Dörfer mit maronitischer Mehrheit wurden nun in Brand gesetzt und etwa 600 Maroniten niedergemacht.
Bereits am 30. Mai war es bei Zahlé zum Kampf zwischen 200 Drusen unter Ali ibn Chattar Imad und 400 lokalen Christen bei Dahr al-Baidar gekommen. Nun mischten sich Christen aus dem nahegelegenen Zahlé in die Kämpfe ein, so dass sich Imad nach Ain Dara unter Verfolgung durch die Christen zurückzog. Ali Imad starb am 3. Juni, woraufhin eine 600 Mann starke Druseneinheit unter seinem Vater Chattar Imad bald bei Ain Dara etwa 3000 Christen, vor allem aus Zahlé, eine Schlacht lieferten. Zwar siegten die Drusen, doch verloren sie doppelt so viele Männer, wie ihre Gegner. Zwischen dem 29. und dem 31. Mai wurden 60 Dörfer im Umkreis von Beirut zerstört, weitere 33 Christen und 48 Drusen starben.
Ende Mai belagerten Drusen unter Baschir Nakad mit Unterstützung der Imad- und der Dschumblattclans Deir al-Qamar (die historische Hauptstadt des Berglibanon). Ein Hilfskonvoi mit Lebensmitteln unter Führung des osmanischen Generals Churschid Pascha erreichte nicht die belagerte Stadt. Baschirs Kräfte, die inzwischen aus 3000 Drusen bestanden, attackierten Deir al-Qamar am 2. und 3. Juni. Dabei kamen 70 bis 100 Drusen zu Tode sowie 17 bis 25 Christen. Während der Plünderungen, die bis zum 6. Juni andauerten, wurden 130 Häuser zerstört.Leila Tarazi Fawaz: An Occasion for War, S. 57. Etwa die Hälfte der christlichen Bewohner war neutral geblieben. Sie ersuchten um den Schutz der Drusen, mit denen sie persönliche und Geschäftskontakte verbanden.
mini|Christliche Flüchtlinge Während im übrigen Syrien die Griechisch-Orthodoxen des Wadi al-Taym mit den Maroniten eine gemeinsame Front gegen protestantische Missionsaktivitäten gebildet hatten, und sie den Schihab-Emiren von Rachaya und Hasbaya loyal blieben, eskalierte der Kampf der sunnitischen Emire unter Sa'ad al-Din Schihab und der Drusen unter Sa'id al-Schams und Sa'id Dschumblatt vor allem in Deir Mimas. Unter Yusuf Agha intervenierten nun osmanische Einheiten, um die Garnison unter von Uthman Bey zu decken und die Kämpfe in Hasbaya zu beenden. Inzwischen war es jedoch zu Kämpfen im nahegelegenen Schebaa gekommen, woraufhin Uthman Bey Friedensverhandlungen aufnahm. Kaum hatte er den Christen Frieden zugesagt, überfielen Drusen das Dorf Wadi al-Taym, dann marschierten sie auf Hasbaya, wo christliche Flüchtlinge sich aufhielten. Auf Weisung Uthmans suchten diese am 3. Juni Schutz in seinem Haus und gaben ihre etwa 500 Gewehre ab. Folgt man dem britischen Konsul, so war dies der Plan Uthmans. Etwa 150 Flüchtlinge aus Qaraoun, dazu 400 Geflohene im Hause von Sa'id Dschumblatts Nayifa, erhofften sich Schutz vor den Drusen des Wadi al-Taym, die noch Verstärkung aus Madschdal Schams, Iqlim al-Ballan und der Hauranebene erlangt hatten.
Unter dem Kommando von Ali Bey Hamada, Kenj Ahmad und Hasan Agha Tawil wurden die Drusen zwar von einer schlecht organisierten Freiwilligentruppe von vielleicht tausend Mann zurückgeschlagen, von denen 26 ums Leben kamen, doch siegte die überlegene Druseneinheit am nächsten Tag. Das erhoffte Eingreifen der osmanischen Truppen blieb. aus. Nun griffen die Drusen das Haus des Gouverneurs an. Dabei wurden zunächst 17 Schihabi-Männer getötet, darunter Emir Sa'ad al-Din, der enthauptet, und dessen Leichnam aus dem dreistöckigen Haus auf die Straße geworfen wurde. Von den tausend Flüchtlingen überlebten nur 40 bis 50 Männer, denen die Flucht gelungen war.Leila Tarazi Fawaz: An Occasion for War, S. 62. Die 400 Flüchtlinge, die bei Nayifa Dschumblatt untergekommen waren, wurden eilends in die Dschumblatthochburg Muchtara gebracht, um über den Hafen Beirut auf ein englisches Kriegsschiff zu entkommen.
mini|Rachaya und seine Zitadelle