Die Zikavirus-Epidemie 2015/2016 war eine Erkrankungswelle vor allem in Lateinamerika durch das Zika-Virus mit anfangs grippe-artigen Symptomen, als deren Folge jedoch bei Schwangeren erhebliche Schädigungen des Fötus auftraten. Überregionale Aufmerksamkeit erregte das Infektionsgeschehen erstmals Anfang 2015, nachdem in der brasilianischen Großstadt Camaçari (Bundesstaat Bahia) 39 Menschen neben Fieber über eine bis dahin unbekannte Symptomatik mit Hautausschlägen, Juckreiz und Schmerzen am gesamten Körper klagten. Erkrankungen wie Dengue, Chikungunyafieber, Röteln und Masern konnten als Ursache ausgeschlossen werden. An der Universidade Federal da Bahia in Salvador wurde am 29. April 2015 mithilfe der Polymerase-Kettenreaktion aus Blutproben von Patienten das Zika-Virus nachgewiesen.

Nachdem die Infektionen mit dem Zika-Virus („Zika-Fieber“) und die mit dem Virus in Zusammenhang gebrachten Schädigungen von Föten seit Anfang 2015 erstmals und zugleich gehäuft in Lateinamerika beobachtet worden waren, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 1. Februar 2016 die Gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite. Die Notlage wurde von der WHO am 18. November 2016 für beendet erklärt.WHO ends Zika designation as international public health emergency. Auf: sciencemag.org vom 18. November 2016.

mini|Virionen des Zika-Virus (rot nachgefärbt) an einer umscheideten Nervenzelle (TEM-Aufnahme)

Ausbreitung mini|Verbreitung des Zika-Virus im Jahr 2012 mini|Reihenfolge der Ausbreitung mini|Länder, in denen Zika-Virus-Infektionen durch Stechmücken-Übertragung in der Vergangenheit aufgetreten sind (Stand: Januar 2016). Bekannt ist das Zika-Virus seit dem Jahr 1947 aus Afrika. Damals wurde es aus einem Rhesusaffen isoliert, der zum Auffinden von Gelbfieber-Viren in einer Forschungsstation im Zika Forest von Entebbe, Uganda, gehalten worden war; später wurde das Virus nach diesem Wald benannt.G. W. A. Dick, S. F. Kitchen, A. J. Haddow: Zika virus. I. Isolations and serological specificity. In: Transactions of the Royal Society of Tropical Medicine & Hygiene. Band 46, Nr. 5, 1952, S. 509–520, doi:10.1016/0035-9203(52)90042-4.D. I. H. Simpson: Zika virus infection in man. In: Transactions of the Royal Society of Tropical Medicine & Hygiene. Band 58, Nr. 4, 1964, S. 335–338; doi:10.1016/0035-9203(64)90201-9.

Erstmals im Menschen nachgewiesen wurde das Zika-Virus im Jahr 1952 in Uganda und Tansania.K. C. Smithburn: Neutralizing antibodies against certain recently isolated viruses in the sera of human beings residing in East Africa. In: Journal of Immunology. Band 69, Nr. 2, 1952, S. 223–234, Zusammenfassung.Alfonso J. Rodriguez-Morales: Zika: the new arbovirus threat for Latin America. In: Journal of Infection in Developing Countries. Band 9, Nr. 6, 2015, S. 684–685; PMID 26142684, doi:10.3855/jidc.7230. In den folgenden Jahrzehnten breitete sich das Virus in Afrika und Asien weiträumig aus.Andrew D. Haddow, Amy J. Schuh, Chadwick Y. Yasuda et al.: Genetic Characterization of Zika Virus Strains: Geographic Expansion of the Asian Lineage. In: PLoS Neglected Tropical Diseases. Band 6, Nr. 2, Februar 2012, Artikel e1477; doi:10.1371/journal.pntd.0001477.Oumar Faye et al.: Molecular Evolution of Zika Virus during Its Emergence in the 20th Century. In: PLoS Neglected Tropical Diseases. Band 8, Nr. 1, 2012, e2636; doi:10.1371/journal.pntd.0002636. Bis 2007 waren jedoch weniger als 15 Infektionen beim Menschen bekannt, die alle in Afrika oder Südostasien nachgewiesen wurden.

Ozeanien Die ersten Infektionen von Menschen durch Zika-Viren außerhalb Afrikas und Asiens wurden im Jahr 2007 aus Ozeanien bekannt, und zwar auf den Yap-Inseln Mikronesiens.Mark R. Duffy et al.: Zika virus outbreak on Yap Island, Federated States of Micronesia. In: The New England Journal of Medicine. Band 360, Nr. 24, 2009, S. 2536–2543; doi:10.1056/NEJMoa0805715, PMID 19516034. Eine 2009 durchgeführte Analyse von Antikörpern der Bewohner von Yap ergab, dass 73 Prozent der Bevölkerung infiziert worden waren, ohne dass es jedoch zu Krankenhausaufenthalten gekommen war.Martin Enserink: An obscure mosquito-borne disease goes global. In: Science. Band 350, Nr. 6264, 2015, S. 1012–1013; doi:10.1126/science.350.6264.1012. Daraufhin wurde das Zika-Virus als sogenanntes Emergent Virus eingestuft, das heißt als Krankheitserreger, der sich möglicherweise noch weiter über die Welt ausbreiten könne.Edward B. Hayes: Zika virus outside Africa. In: Emerging Infectious Diseases. Band 15, Nr. 9, 2009, S. 1347–1350; PMID 19788800; Volltext.

2013/14 kam es zu einem Ausbruch in Französisch-Polynesien, in dessen Verlauf 30.000 Personen – 10 Prozent der Einwohner – infiziert wurden; vermutlich durch Reisende wurden die Viren danach auch auf die Cookinseln, nach Neukaledonien und Vanuatu verschleppt. Zwischen Januar und Mai 2014 wurden Infektionen auf der Osterinsel gemeldet, deren auslösende Zika-Viren vermutlich aus Französisch-Polynesien stammten.J. Tognarelli, S. Ulloa, E. Villagra u. a.: A report on the outbreak of Zika virus on Easter Island, South Pacific, 2014. In: Archives of Virology. Band 161, 2016, S. 665–668, doi:10.1007/s00705-015-2695-5, PMID 26611910.

Lateinamerika mini|Länder in Südamerika mit Zika-Virus-Infektionen (Stand: Februar 2016).

Als Ursache für das erstmalige Auftreten des Virus auf dem südamerikanischen Kontinent Anfang 2015 vermutete der Leiter des Instituto de Ciências da Saúde der Universidade Federal da Bahia (UFBA), Gúbio Soares, die intensive Reisetätigkeit während der Fußballweltmeisterschaft 2014 in das brasilianische Salvador da Bahia; Soares war gemeinsam mit einem Kollegen der erste Nachweis des Virus im Blut von Erkrankten gelungen.. Im Original publiziert auf aratuonline.com.br vom 29. April 2015. Bis Ende April 2015 waren dann auch in Salvador bereits bis zu 500 erkrankte Personen gemeldet.. Im Original publiziert auf band.uol.com.br vom 29. April 2015. Die größte Ähnlichkeit wiesen die in Südamerika aufgetretenen Virusstämme zu polynesischen Stämmen auf, mit 99,7 Prozent Identität der RNA-Sequenz und 99,9 Prozent Identität der Aminosäuresequenzen.Antoine Enfissi et al.: Zika virus genome from the Americas. In: The Lancet. Band 387, Nr. 10015, 2016, S. 227–228, doi:10.1016/S0140-6736(16)00003-9, PMID 26775124. Im Juni 2015 wurde unter Erkrankten Salvadors das Zika-Virus mit dem Guillain-Barré-Syndrom in Verbindung gebracht.Médica explica a Síndrome Guillain Barré; pacientes tiveram manchas. (portugiesisch) Brasilianisches Gesundheitsministerium bringt Zika mit Guillain-Barré-Syndrom in Verbindung. Auf: g1.globo.com vom 19. Juni 2015; zuletzt abgerufen am 5. Juni 2022.

Im weiteren Verlauf des Jahres 2015 wurden aus immer mehr mittel- und südamerikanischen sowie karibischen Ländern und Territorien Erkrankungen gemeldet, Ende Januar 2016 war deren Anzahl auf insgesamt 23 gestiegen.WHO: WHO to convene an International Health Regulations Emergency Committee on Zika virus and observed increase in neurological disorders and neonatal malformations. Auf: who.int vom 28. Januar 2016. Die Organización Panamericana de la Salud, eine regionale Organisation der Weltgesundheitsorganisation, erklärte am 25. Januar 2016, dass ein Auftreten des Zika-Virus im gesamten regionalen Verbreitungsgebiet der Aedes-Stechmücken zu erwarten sei – das beträfe den gesamten amerikanischen Doppelkontinent mit Ausnahme von Kanada und Chile.PAHO Statement on Zika Virus Transmission and Prevention. Auf: paho.org vom 24. Januar 2015, zuletzt abgerufen am 5. Juni 2022.Zika virus: Outbreak ‘likely to spread across Americas’ says WHO. Auf: bbc.com vom 25. Januar 2016. Rekordwärme, die vor dem Hintergrund eines besonders starken El-Niño-Ereignisses und der globalen Erwärmung in der zweiten Jahreshälfte 2015 im nördlichen und östlichen Südamerika auftrat, begünstigte die Ausbreitung der Krankheit. Bei höheren Temperaturen vergrößert sich das Verbreitungsgebiet der Aedes-Mücken, die die Krankheit übertragen, weibliche Mücken stechen häufiger, und die Entwicklungszeit der Krankheitserreger verkürzt sich. Bis Januar 2016 wurden beispielsweise in Kolumbien mehr als 13.500 Erkrankungen registriert.Brazil Zika outbreak: More babies born with birth defects. BBC, 21. Januar 2016.

Von Oktober 2015 bis Mitte Januar 2016 wurde in Brasilien eine deutliche Zunahme der Fälle von Mikrozephalie registriert, was auf Zika-Infektionen der Mütter zurückgeführt wurde; rund 3900 Verdachtsfälle von Mikrozephalie sollen in dieser Zeitspanne dem brasilianischen Gesundheitsministerium gemeldet worden sein (zum Vergleich: zuvor rund 200 Fälle pro Jahr).. Im Original publiziert auf faz.net vom 22. Januar 2016. Laut dem Virologen Jan Felix Drexler stammten 95 % der gemeldeten Mikrozephalie-Fälle aus dem Nordosten Brasiliens, obwohl es auch in anderen Regionen vergleichbare Zika-Infektionsraten gegeben hat. Die Gründe für diese Häufung blieben unklar. Obwohl kein Zusammenhang zwischen der Häufung von Mikrozephalie und Zika-Infektionen zu erkennen war, empfahlen Ende Januar 2016 die Gesundheitsbehörden von Kolumbien, Ecuador, El Salvador und Jamaika, Schwangerschaften in den nächsten Monaten zu vermeiden. Lokalen Medienberichten zufolge erhöhte sich in Brasilien die Anzahl der Abtreibungen.. Im Original publiziert auf sueddeutsche.de vom 1. Februar 2016.

In einem am 27. Januar 2016 in der medizinischen Fachzeitschrift The Journal of the American Medical Association (JAMA) erschienenen Artikel warfen die Autoren, zwei angesehene US-amerikanische Epidemiologen und Virologen, der Weltgesundheitsorganisation zu große Passivität vor und warnten vor einer Zika-Virus-Pandemie. Es drohe eine weltweite Ausbreitung zumindest auf die tropischen Länder. Es müsse deswegen von der WHO erwogen werden, einen „öffentlichen Gesundheitsnotstand internationalen Ausmaßes“ (Public Health Emergency of International Concern, PHEIC) auszurufen.Daniel R. Lucey, Lawrence O. Gostin: The Emerging Zika Pandemic: Enhancing Preparedness. In: Journal of the American Medical Association (JAMA), 27. Januar 2016, doi:10.1001/jama.2016.0904; Volltext Tags darauf kündigte die Weltgesundheitsorganisation an, umgehend ein internationales Notfallkomitee (International Health Regulations Emergency Committee) für die Zika-Epidemie einzuberufen.WHO to convene an International Health Regulations Emergency Committee on Zika virus and observed increase in neurological disorders and neonatal malformations. Auf: who.int vom 28. Januar 2016. Zugleich wurde bekannt, dass die WHO drei bis vier Millionen Erkrankungen vorhersagte.WHO warnt vor „explosionsartiger“ Verbreitung des Zika-Virus. Auf: sueddeutsche.de vom 28. Januar 2016. Aufgrund der Beratungen des Notfallkomitees erklärte die WHO am 1. Februar 2016 den „Öffentlichen Gesundheitsnotstand internationalen Ausmaßes“. Dies hatte zur Folge, dass die WHO Hilfsmaßnahmen für die betroffenen Regionen sowie Forschungsprojekte koordinieren und finanzielle Zuwendungen verstärkt einwerben und verteilen konnte.. Im Original publiziert auf nytimes.com vom 1. Februar 2016. Insbesondere der damals nur vermutete, aber noch nicht streng wissenschaftlich bewiesene Zusammenhang zwischen dem erhöhten Auftreten von Mikrozephalie bei Neugeborenen und der Zika-Virus-Infektion sollte genauer untersucht werden. Auch der mögliche Zusammenhang zwischen Zika-Virus-Infektion und neurologischen Erkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom sollte geklärt werden.