Belarussisch-deutsche Beziehungen sind die außenpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Belarus. Deutschland hat eine Botschaft in Minsk. Belarus besitzt eine Botschaft in Berlin, ein Generalkonsulat in München sowie zwei Honorarkonsulate in Cottbus und Hamburg.Botschaft der Republik Belarus in der Bundesrepublik Deutschland

Bezeichnung Im Deutschen ist die Bezeichnung Weißrussland noch traditionell verbreitet. Die offiziellen Stellen wie auch die deutsche Diplomatie verwenden in offiziellen deutschsprachigen Texten den Namen Belarus.Belarus auf der Website des Auswärtigen Amtes Früher wurde das Land auch Weißruthenien und im Sprachgebrauch in der DDR Belorußland genannt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Begriff Weißruthenien verwendet, was das Bemühen des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, widerspiegelte, die Weißrussen möglichst stark von den Großrussen zu unterscheiden.Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz. Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung. (= Zeitalter der Weltkriege. Band 5). Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2009, ISBN 978-3-506-76784-4, S. 31.

Geschichte mini|Belarussische Briefmarke anlässlich der 600-Jahr-Feier (belarussische Regimenter kämpften im litauischen Aufgebot) In der Schlacht bei Tannenberg (1410) wurde der Deutsche Orden von der Streitmacht des Königreichs Polen sowie des Großherzogtums Litauen geschlagen. Litauen umfasste damals die belarussischen Gebiete, sodass das litauische Heer dabei auch aus belarussischen Kontingenten bestand.

Erster Weltkrieg Seit den Teilungen Polens (1772, 1793 und 1795) und somit auch während des Ersten Weltkriegs waren die belarussischen Territorien Teil des Russischen Kaiserreichs, sodass die Belarussen auf Seiten der Triple-Entente kämpften. Am 25. Februar 1918 rückten deutsche Truppen in Minsk ein. Am 3. März 1918 wurde in der Stadt Brest der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten unterzeichnet. mini|Leo Trotzki mit deutschen Offizieren in Brest mini|Die Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens Damit schied Sowjetrussland als Kriegsteilnehmer aus.

Unter deutschem Schutz, aber ohne das Einverständnis der Besatzungsmacht, wurde am 25. März 1918 zum ersten Mal die Unabhängigkeit proklamiert. Die „Rada“, das Exekutivorgan des I. Weißrussischen Volkskongresses, deklarierte die Loslösung von Sowjetrussland und rief die „freie und unabhängige Belarussische Volksrepublik“ („Belaruskaja Narodnaja Respublika“) aus, die weder vom Deutschen Reich noch von den Westmächten anerkannt wurde. Jedoch bedankte sich die Rada BNR in einem Telegramm bei Kaiser Wilhelm II. für die Besetzung von Belarus und betonte, dass sie für die Zukunft nur unter dem Protektorat des deutschen Staates ein gutes Schicksal ihres Volkes sähe.Rainer Lindner: Historiker und Herrschaft: Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrußland im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg Verlag, 1999. S. 393 Die Belarussische Volksrepublik existierte nur ein halbes Jahr bis Herbst 1918, gilt aber historisch und im Bewusstsein der Belarussen als der Gründungsakt einer eigenen belarussischen Staatlichkeit. Die Rada BNR ist als Exilregierung bis heute aktiv.

Im Zuge der deutschen Novemberrevolution, der Hinfälligkeit des Vertrages von Brest-Litowsk und des Bürgerkrieges im benachbarten Russland, der auch auf Belarus übergriff, geriet der östliche Teil des Landes unter die Kontrolle der Kommunisten. Der westliche Teil des heutigen belarussischen Territoriums bildete den östlichen Teil des damaligen Polens.

Zweiter Weltkrieg Am 17. September 1939 erfolgte die Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee. Im geheimen Zusatzprotokoll des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes wurden die Gebiete zwischen Slutsch und Bug (also ganz Belarus) der sowjetischen Interessensphäre zugeschlagen. Ab 1940 wurde in Berlin das Periodikum Ranica – Der Morgen. Weißruthenische Zeitung in Deutschland, das sich gezielt an belarussische Emigranten richtete, herausgegeben und von der SS gefördert.John Loftus: America’s Nazi Secret. TrineDay LCC 2010, ISBN 978-1-936296-04-0, S. 98 Sie richtete sich an in Deutschland lebende Belarussen und versuchte diese für die Waffen-SS zu rekrutieren.Mark Alexander: Nazi Collaborators, American Intelligence, and the Cold War. 2015, S. 74. Im Sommer des Jahres 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion (Unternehmen Barbarossa) und die deutsche Wehrmacht eroberte Belarus innerhalb weniger Wochen im Zuge der Kesselschlacht bei Białystok und Minsk. Die Rote Armee evakuierte während des Einmarsches rund 20 % der belarussischen Bevölkerung nach Russland und vernichtete den Vorrat an Lebensmitteln.Eugeniusz Mironowicz: Białoruś. Trio, Warschau 1999, ISBN 83-85660-82-8, S. 136. mini|Deutsche Truppen in Minsk im August 1941, Aufnahme der Propagandakompanie mini|Abmarsch von als „Juden der Rasse nach“ gekennzeichneten Menschen in Minsk, Aufnahme von Ernst Herrmann aus dem Bundesarchiv mini|Zerstörungen in Minsk, 1941 Die deutsche Invasion brachte starke Zerstörungen. Obwohl man in vielen Gebieten Belarus anfangs froh über die sowjetische Niederlage war, enttäuschten die Deutschen die lokale Bevölkerung schnell. Von 1941 bis 1944 ermordeten Wehrmacht und SS rund zweieinhalb Millionen Einwohner Belarus – mehr als ein Viertel der Bevölkerung. Die deutschen Soldaten führten einen Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung. Es wurden mehr als 200 Städte und 9000 Dörfer zerstört. Vielfach trieben die deutschen Soldaten die Dorfeinwohner in Scheunen und brannten diese nieder, wie 1943 in Chatyn (nicht zu verwechseln mit Katyn). Heute ist dieser Ort nahe Minsk eine Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Allein in Minsk ermordete die deutsche Besatzungsmacht mehr als 100.000 Einwohner. Die jüdische Bevölkerung Belarus wurde fast vollständig ermordet. Etwa acht bis neun Prozent aller umgebrachten europäischen Juden stammten aus Belarus. Fast alle Städte des Landes waren völlig zerstört. Die Industriebetriebe waren um 85 Prozent, die Industriekapazität um 95 Prozent, die Saatfläche um 40 bis 50 Prozent, der Viehbestand um 80 Prozent zurückgegangen. Es gab nach dem Kriegsende drei Millionen Obdachlose. 25 Prozent der belarussischen Bevölkerung waren umgekommen. Weiterhin wurde ein Großteil der ethnischen Polen (etwa 300.000) in die Polen zugeschlagenen deutschen Ostgebiete zwangsumgesiedelt. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Belarus zehn Millionen Menschen. Erst gegen Ende der 1980er-Jahre hatte die Bevölkerungszahl wieder den Vorkriegsstand erreicht.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Begriff Weißruthenien verwendet, was das Bemühen des Reichsministers für die besetzten Ostgebiete, Alfred Rosenberg, widerspiegelte, die Belarussen möglichst stark von den Großrussen zu unterscheiden.Alexander Brakel: Unter Rotem Stern und Hakenkreuz. Baranowicze 1939 bis 1944. Das westliche Weißrussland unter sowjetischer und deutscher Besatzung. (= Zeitalter der Weltkriege. Band 5). Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 2009, ISBN 978-3-506-76784-4, S. 31.

Während der deutschen Besatzungszeit wurde in Belarus der „Weißruthenische Zentralrat“ (Bielaruskaja Centralnaja Rada – BCR) installiert, eine Marionettenregierung, die historische belarussische Staatsembleme benutzte. Vorsitzender des BCR war Radasłaŭ Astroŭski. Diese „Regierung“ verschwand nach dem Rückzug der deutschen Ostfront 1944. Am 25. März 1948 wurde der Weißruthenische Zentralrat als Exilregierung in Deutschland neugegründet, die in Konkurrenz zur Rada BNR stand.Wojciech Roszkowski, Jan Kofman (Hrsg.): Biographical Dictionary of Central and Eastern Europe in the Twentieth Century. Routledge, Abingdon u. a. 2015, ISBN 978-0-7656-1027-0, S. 39f. Auch andere Institutionen wie die Weißruthenische Heimwehr, das Weißruthenische Selbstschutzkorps, die Weißrussische Hilfspolizei, das Weißruthenische Jugendwerk oder das Weißruthenische Selbsthilfewerk wurden gegründet. Die Belarussische Unabhängige Partei (BNP) kollaborierte mit den deutschen Besatzern mit dem Ziel, einen belarussischen Nationalstaat zu errichten.

Die bewaffnete Widerstandsbewegung von Belarus galt als eine der stärksten Europas. Es gab über 1000 Partisanengruppen, welche zumeist kommunistisch, aber auch nationalistisch orientiert waren. Anfang 1943 begann die Rückführung der rund 10.500 Deutschen aus dem Gebiet der so genannten Heeresgruppe Mitte und aus Belarus. Diese Volksdeutschen wurden in den Warthegau (im besetzten Polen) und dem damaligen Deutschen Reich umgesiedelt. Im Herbst 1943 eroberte die Rote Armee den äußersten Osten des Landes wieder und im Sommer 1944 war das gesamte Land zurückerobert.

Nachkriegszeit mini|hochkant|Das Denkmal belarussischer Kriegsgefangener in Mittenwald

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen tausende Belarussen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland. Im Jahr 1945 befanden sich schätzungsweise 400.000 bis 500.000 Belarussen auf deutschem oder österreichischem Gebiet. Es wurden belarussische Nationalkomitees in Regensburg, München und Braunschweig gegründet. Belarussische DP-Camps befanden sich in Watenstedt, Osterhofen und im Vorort Ganghofer in Regensburg. Im Lager für Displaced Person im Michelsdorf (Cham) in der Oberpfalz waren Belarussen kulturell besonders aktiv. Zwischen 1946 und 1950 leiteten die Emigranten in Michelsdorf ein eigenes belarussischsprachiges Gymnasium, das zeitweise über 122 Schüler verfügte und nach dem Nationaldichter Janka Kupala benannt wurde. 1949 wurde die Schule nach Backnang umgesiedelt, wo sie bis Februar 1950 bestand.

Am 29. Dezember 1947 wurde bei einer Versammlung in einem DP-Camp in Osterhofen die Reaktivierung der Rada der Weißruthenischen Volksrepublik unter der Leitung von Mikola Abramtschyk beschlossen. Die Rada umfasste zu diesem Zeitpunkt 72 Mitglieder.Versammlung der Rada BNR in Osterhofen (belarussisch)

Im oberbayerischen Mittenwald östlich der Luttensee-Kaserne befindet sich ein Denkmal weißrussischer Kriegsgefangener. Die ehemaligen Kriegsgefangenen bzw. Displaced Person ehrten damit 1948 die Teilnehmer des Aufstands von Sluzk, einem antibolschewistischen Aufstand des Jahres 1920.

Das unabhängige Belarus mini|Verschwindenlassen von Oppositionellen: Demonstration in Warschau zur Erinnerung an die Personen Juryj Sacharanka, Wiktar Hantschar, Anatoli Krassowski und Dsmitryj Sawadski Nach dem Zerfall der Sowjetunion entwickelten sich die Beziehungen zwischen Belarus und Deutschland zuerst positiv. Diplomatische Beziehungen wurden im Jahr 1992 aufgenommen.Auswärtiges Amt: Beziehungen zu Deutschland Eine Wende zum Schlechteren wurde allerdings 1994 eingeleitet, als Alexander Lukaschenko zum Präsidenten gewählt wurde. Er ging sofort gegen die sich politisch und ökonomisch nach Westen orientierende Presse vor und prangerte wiederholt die Finanztransfers politischer Organisationen – unter anderem der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung – an befreundete Organisationen und Medien in Belarus an. Infolge von Menschenrechtsverstößen und Dissonanzen hinsichtlich einer marktwirtschaftlichen Öffnung des Landes verhängte die Administration der Europäischen Union unter Beteiligung Deutschlands für die belarussische Regierung 1997 ein Einreiseverbot. Am 18. Mai 2006 beschloss die Europäische Union (wieder inklusive Deutschlands), die Konten von Präsident Lukaschenko und 35 weiteren Regierungsbeamten einzufrieren.