mini|Winfried Muthesius, 2014
Winfried Muthesius (* 28. August 1957 in Berlin) ist ein deutscher Maler, Fotograf und Installationskünstler.
Leben Sein Urgroßonkel war der deutsche Architekt Hermann Muthesius. Seit dem Tod seiner Frau Marianne Muthesius (2001) ist er auch Inhaber eines Immobilienunternehmens. Er ist Vater von Laura Muthesius, Bloggerin und Fotografin.photography-now.com
Er lebt und arbeitet in Berlin und Brandenburg.
Künstlerisches Wirken mini|X-Serie II, pittura oscuraWinfried Muthesius, 2016
Muthesius lässt sich, vom Beginn seines künstlerischen Schaffens an, von unterschiedlichen Konkreta im Raum ansprechen, die er skizziert, malt, fotografiert, übermalt, weiter bearbeitet, installiert, in neue Zusammenhänge setzt und mit denen er den Betrachter bewusst in Wahrnehmungskonflikte bringen und ihm veränderte Perspektiven und Sichtweisen ermöglichen will.„Für diese geschenkte Wahrnehmung, sich nicht von Einbrüchen bannen und lähmen zu lassen, stattdessen die Möglichkeiten der Ausbrüche zu erfassen, bin ich Winfried Muthesius […] dankbar […].“ Jürgen Lenssen. In: Winfried Muthesius. Zeitbrüche. Bonn 2014, S. 10. Ausgangspunkt für Muthesius’ Arbeitsweise ist stets ein konkretes Objekt, dessen Kern er durch unterschiedliche Techniken und Reduktionen in mehreren Arbeitsprozessen freilegt.Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32–38.
Winfried Muthesius absolvierte sein Studium an der Hochschule der Künste (heute Universität der Künste) in Berlin (1979–1984). Er war Schüler von Hermann Wiesler, dessen kunstsoziologische Ausführungen ihn prägten. Seine erste künstlerische Auslandsstation führte in 1982/82 nach Florenz an die Accademia di Belle Arti.Winfried Muthesius. Himmel. Malerei. Münster 2001, S. 14. Dort setzte er sich mit der Architektur der Stadt auseinander. Aus einer Vielzahl von Skizzen entstanden die ersten Arbeiten in Tusche, Aquarell, Tempera und Öl.
Ab 1982 fokussiert er das Brandenburger Tor in seiner Heimatstadt Berlin als Motiv für seine Werke.„Winfried Muthesius ist Berliner und ganz offensichtlich einer der hellsichtigen unter ihnen. Für einen Berliner bedeutet das Brandenburger Tor mehr als ein Stadtzeichen. Es beinhaltet […] das wechselnde historische Schicksal der Stadt. […] 1982 taucht das Wahrzeichen der anscheinend ewigen Teilung zum erstenmal in seinem Werk auf…“ Heinz Ohff: Ein Europäisches Leitmotiv. In: Winfried Muthesius – Brandenburger Tore, Berlin 1991, S. 13. Diese belegen, wie Muthesius seine Formensprache durch Reduktion immer stärker pointiert und so den Grundstein für seinen heutigen Malstil legt.„Konkret sieht der Arbeitsprozess so aus, dass ich in der Stadt, vor Ort, in unmittelbarer Konfrontation mit einer Situation zu zeichnen beginne. Immer liegen meinen Bildern Serien von Zeichnungen zugrunde. In ihnen versuche ich, mit Hilfe von ganz wenigen und einfachen Linien das Wesentliche von dem, was ich gesehen habe, auszudrücken.“ […] „Mir ist wichtig, dass die Formsprache, die ich entwickle, zwar eine ganz eigenständige ist, aber immer bezogen auf die direkte Konfrontation mit einem realen Gegenstand.“ In: Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 33. 1987 erhält er ein Arbeitsstipendium des Künstlerhauses Salzburg. Aus dieser Phase stammt eine Serie von Salzburg-Bildern.Siehe Winfried Muthesius – Brandenburger Tore. Berlin 1991, S. 103. 1988 zieht es ihn erstmalsSiehe Winfried Muthesius. Stern. Berlin, Trier 2002, S. 37 dann regelmäßig nach New York.Siehe W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 77. Im Laufe der Jahre sind dort viele Skizzen von hochragenden Raumperspektiven und architektonischen Höhepunkten entstanden, insbesondere auch vom World Trade Center.Siehe Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. „Von den Wolkenkratzern ging sofort eine ganz eigene Faszination aus, vor allem vom World Trade Center. Diese eigenartige Konstellation der Zwillingstürme, die aus unterschiedlichen Perspektiven ihr Aussehen sehr verändern, hat mich zu einer Vielzahl von Skizzen inspiriert.“ In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32/33. Nach 9/11 schuf er bis in die jüngste Zeit weitere Arbeiten zu Ground Zero.Siehe Friedhelm Mennekes: Im Gespräch mit Winfried Muthesius. In: W. Muthesius. Peinture. Painting. Malerei. Münsterschwarzach 1990, S. 32ff. Als er im Jahr 1989 ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats erhält,Siehe Winfried Muthesius. Stern. Berlin, Trier 2002, S. 37. wählt er in einer Serie von Bildern die neuralgische Schnittstelle zwischen Ost und West als zentrales Motiv: das Brandenburger Tor.„Das Brandenburger Tor zieht sich leitmotivisch durch sein ganzes bisheriges Werk. […] Der Endpunkt dieser Reihe, die sozusagen endgültige Entrückung des Brandenburger Tors aus der Realität, hängt – bezeichnenderweise, wie man hinzufügen muss, und zurecht – im Berlin-Museum.“ Heinz Ohff: Ein Europäisches Leitmotiv. In: Winfried Muthesius – Brandenburger Tore, 1991, S. 13.
Von 1991/1992 stammen seine erste Serien von Kreuz- und Schädelbildern, die er bis heute fortsetzt.„Noch im selben Jahr 1992 präsentiert Muthesius sein Kreuzbild in der historischen Krypta von St. Maria im Kapitol. Gleichzeitig sind Schädelbilder im Römisch-Germanischen Museum und in einem Fernwärmetunnel in Köln zu sehen.“ In Markus Wimmer: Eine Bildgeschichte. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche – untentwegte Kreuzwege. München 1995, S. 10.
Muthesius begann im Jahr 1992 Technik und Begriff der pittura oscura zu entwickeln. Dabei handelt es sich um vielschichtige Bilder mit Tiefenwirkung, die in mehreren Arbeitsprozessen entstehen und die Genren Fotografie und Malerei vereinen: Aus einer Skizze kreiert Muthesius ein Ursprungsgemälde. Dies stellt er in einen öffentlichen Raum und fotografiert es. Das so entstandene Foto wird übermalt und erneut reproduziert. Bis heute arbeitet Muthesius mit dieser Technik.fnweb
Die Weiterentwicklung seiner pittura oscura ist an unterschiedlichen Serien festzumachen. Zur Serie noli me tangere gab es 2016, zur Serie genius loci und triomphe 2019 Einzelausstellungen in Berlin. brennpunkt, das Magazin für Fotografie, das über beide berichtete, erklärt dazu: Die Serie Stern entstand ab 1995. Sie umfasst großformatige Bilder. In den Serien Stern, aber auch Kreuz wird Gewalt aus Geschichte und Gegenwart thematisiert.museum.com
mini|SternWinfried Muthesius, 1995
Mit Axt und Kettensäge in Bildträger eingehauene Davidsterne greifen die Vertreibung des jüdischen Volkes über Jahrhunderte auf, als Mahnung gegen das Vergessen und für den Respekt und die Anerkennung des Anderen.„Die Bilder sind Artefakte einer brutalen Verletzung und Zerstörung, die sich im Objekt mitteilt und die Assoziation auf den Holocaust visuell auslöst.“ aus Winfried Muthesius: In: Golden Fields. Winfried Muthesius. Berlin 2003, S. 2.
Bei den Kreuz Bildern löst Muthesius die Statik des Kreuzes auf, so dass ein Eindruck der Bewegung entsteht.„Wie Unten und Oben, Hell und Dunkel, Tod und Leben, welche das Kreuz als kosmische Idee komprimieren, vollzieht Muthesius nochmal durch die Bewegung Geschichte, welche sein Bild mitleidet, nacherlebt.“ In: Markus Wimmer. Eine Bildgeschichte. In: Winfried Muthesius. ZeitBrüche – unentwegte Kreuzwege. München 1995, S. 10. Auf einem großformatigen Bildträger aus Holz werden die Kreuze in Bitumen und Öl aufgetragen.„In der gleichen Weise der Verletzung der zunächst farbigen und mit Bitumen übermalten Untergründe entstehen jetzt auch Tafeln zum Thema Kreuz.“ Siehe: Winfried Muthesius. In: Golden Fields. Winfried Muthesius. Berlin 2003, S. 2. mini|Kolossaler Porträtkopf Kaiser Konstantins (320 n. Chr., Leihgabe des Metropolitan Museum of Art, New York) vor golden field von Winfried Muthesius, Staatliche Antikensammlung und Glyptothek, Ausstellung Charakterköpfe, Griechen und Römer im Porträt, München 2017. Ab 2002 widmet sich Muthesius monochromen Bildern in Gold, den Golden Fields, wie z. B. tabula aurea in der Staatlichen Antikensammlung und Glyptothek, München oder Der Himmel unter Berlin.„Eine weitere Korrespondenz besteht zwischen einem Gemälde ‚Die Auferstehung Christi‘ aus dem 16. Jahrhundert in der Nähe des Tabernakels, das Ercole Ramazzini (1530–1598) zugeschrieben wird, und einem etwa gleich großen Altarbild ‚Golden Field‘ von Winfried Muthesius (* 1957), das im Rahmen eines Projekts in U- und S-Bahn-Stationen zum Ökumenischen Kirchentag im Jahr 2003 entstand und hinter dem Altar angebracht wurde.“ In: Innenraum und Ausstattung von St. Canisius
Als die Staatliche Antikensammlung und Glyptothek 2017 die Ausstellung Charakterköpfe – Griechen und Römer im Porträt eröffnete, präsentierte sie den kollosallen Porträtkopf des Kaisers Konstantin aus dem Jahre 320 n. Chr. in Kombination mit dem modernen golden field von Winfried Muthesius im Kuppelsaal: , was sich im Glanz des monochromen Goldgemäldes spiegelt.Daraus entwickelt er die Technik broken gold. Der mit Blattgold versehene Bildträger wird nachträglich in Teilen zerstört, ausgefranst oder auf der Fläche geritzt. So entstehen Werke, die auf Brüchigkeit und Verletzlichkeit in Geschichte und Zeit verweisen. Für die Kapelle in Schwanenwerder schuf Muthesius ein golden field als Altarbild. 2017 bearbeitete der Künstler in einer Kunstaktion im Rahmen der Bildandacht „Zu schön, um wahr zu sein“ sein Werk nachträglich mit Kettensäge und Axt.vgl. Video-Mitschnitt der Evangelischen Akademie zu Berlin. Das neue Altarbild, ein broken gold, ist geschunden, gebrochen, mit Wunden versehen, wie die Christus-Skulptur davor. ,bei der Landesgartenschau des Freistaats Bayern im Sommer 2018 in Würzburg auf einem ehemaligen Flugplatz im Rahmen der Buchmesse in Frankfurt auf dem Römerberg, dem historischen Ort der Bücherverbrennung, im Oktober 2018Vgl. Hessenschau am 10. Oktober 2018, 19.30 h.oder in Berlin vor dem Reichstag während der Corona-Pandemie 2020 mit broken gold.dark gold nennt Muthesius seine Gold-Felder, die er an sozialen Brennpunkten anbringt, um auf Menschen am Rande der Gesellschaft und soziale Missstände hinzuweisen. , wie der Journalist Benjamin Lassiwe es auf den Punkt bringt.
Im größten Strafgericht Europas, dem Kriminalgericht Moabit, installierte Muthesius ebenfalls Gold-Felder und nennt sein Kunstwerk in Gericht und JVA free, so der Präsident des Amtsgerichts Tiergarten Hans-Michael Borgas, im Buch free – Perspektiven auf die Freiheit, für das Muthesius Kunstwerk Auslöser war.Ebda, Borgas weiter:
Ausstellungs- und Installationsorte (Auswahl) 1985: Galerie Zellermayer, Berlin 1986: Galerie Muda 2, Hamburg 1988: Salzburger Kunstverein, Salzburg 1989: Live Kunst ZDF (mit Frank Dornseif) 1990: Galerie Nane Stern, Paris 1990: Museum für Deutsche Geschichte, Berlin Ost (Gruppenausstellung) 1990: Kunststation St. Peter, Köln 1990: Amerika-Haus (Berlin), Berlin 1991: Kulturabteilung Bayer Leverkusen, Leverkusen 1991: Galerie vier, Berlin 1991: Goethe-Institut, Paris 1992: Römisch-Germanisches Museum, Köln 1994: Berliner Dom, Berlin 1995: Theatinerkirche, München 1995: Galerie Heseler, München 1995: Goethe-Institut, Bonn 1996: Freisinger Dom, München-Freising 1999: Kunsthalle, Luckenwalde 2001: Franz-Hitze-Haus (Edith Stein Kapelle), Münster 2002: Museum am Dom, Trier 2003: Glyptothek, München 2003: Galerie Michael Schultz, Berlin 2009: St. Matthäus, Berlin 2014: Museum am Dom, Würzburg 2016: Galerie Springer, Berlin 2017: golden field in der Glyptothek, MünchenVgl. Ausstellungskatalog zur Ausstellung Charakterköpfe in der Staatlichen Antikensammlung und Glyptothek, München, Kaiser Konstantin mit Golden Field, Abbildung in: Florian S. Knauß, Christian Gliwitzky (Hrsg.): Charakterköpfe. Griechen und Römer im Porträt, München 2017, S. 306–307.