mini|Die originale Pontius-Pilatus-Inschrift auf der Spolie, die im römischen Theater von Caesarea gefunden wurde und sich heute im Israel-Museum in Jerusalem befindet mini|Ausschnitt mit der Inschrift, Kopie in Mailand mini|Die Fundstätte: Das römische Theater in Caesarea Maritima Die Pontius-Pilatus-Inschrift von Caesarea befindet sich auf einer Spolie, die bei einer archäologischen Ausgrabung 1961 in Caesarea Maritima gefunden wurde. Die Inschrift zählt zu den berühmtesten in Israel gefundenen Inschriften und ist der einzige epigrafische Nachweis für Pontius Pilatus, in den Jahren von 26 bis 36 n. Chr. Präfekt des römischen Kaisers Tiberius in Judäa und prominenter Akteur in der Passionsgeschichte.
Fundort Die Inschrift wurde 1961 während der dritten Ausgrabungskampagne der italienischen archäologischen Mission im römischen Theater von Caesarea Maritima gefunden. Sie befindet sich auf einem Stein, der in den unteren Absatz des nördlichsten Treppenaufgangs im Zuschauerrund, der Cavea, mit der Inschrift nach oben eingelassen war. Um ihn dem etwas tieferen Niveau des westlich anstoßenden Trittsteins anzupassen, wurde ein guter Teil seiner linken Hälfte schräg abgearbeitet, die in diesem Bereich eingemeißelten Buchstaben gingen verloren. Seine Verwendung im Rahmen der Treppengestaltung fand der Stein während der Umbauphase des 4. Jahrhunderts, in deren Verlauf das Theater für Wasserspiele umgerüstet wurde. Der Inschriftenfund wurde noch 1961 durch den Ausgrabungsleiter Antonio Frova vorläufig veröffentlicht.Antonio Frova: L’iscrizione di Ponzio Pilato a Cesarea. In: Rendiconti dell’Istituto Lombardo, Accademia di Scienze e Lettere. Band 95, 1961, S. 419–434.
Inschriftenträger Der Inschriftenträger ist ein ehemals hochrechteckiger Quader aus Kalkstein. Der vor allem in seinem unteren Bereich beschädigte Block ist 66 cm breit und 82 cm hoch bei einer Tiefe von 20–21 cm. Lediglich die Fläche, die der Aufnahme der Inschrift diente, wurde geglättet, die übrigen Seiten waren nur grob gepickt. Klammerspuren besitzt der Stein nicht. Aufgrund seiner Zubereitung ist er einem Mauerverband zuzuordnen, die eingelassene Inschrift diente als Bauinschrift.
Neben der Abarbeitung der Buchstaben auf der linken Seite, mit deren Hilfe er den Anforderungen für seine Nutzung im Theater angepasst wurde, weist der Stein auf seiner rechten Seite, etwa in halber Höhe, eine halbrunde Ausarbeitung auf. Sie wurde von der Rückseite des Steins in ganzer Tiefe durchgetrieben und verjüngt sich zur Front von 30 auf 27 cm Durchmesser. Die letzten Buchstaben der dritten Inschriftenzeile wurden bei dieser Bearbeitung beschädigt. Für die hiermit verbundene Nutzung muss der Stein in einer Lage verwandt worden sein, in der die Inschrift nicht sichtbar die Unterseite des Blocks bildete. Der Stein wurde demnach in mindestens zwei unterschiedlichen Zusammenhängen genutzt, bevor er als Spolie seinen Platz im Theater fand.
Heute befindet sich der Stein unter der Inventarnummer 61-529 im Israel-Museum in Jerusalem.Technische Beschreibung und Inventarnummer bei Walter Ameling, Hannah M. Cotton, Werner Eck u. a. (Hrsg.): Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae. A Multi-lingual Corpus of the Inscriptions from Alexander to Muhammad. Band 2: Caesarea and the Middle Coast. 1121–2160. De Gruyter, Berlin 2011, S. 228, siehe auch Géza Alföldy: L’iscrizione di Ponzio Pilato: una discussione senza fine? In: Gianpaolo Urso (Hrsg.): Iudaea socia – Iudaea capta (= I Convegni della Fondazione Niccolò Canussio. Band 11). Edizioni ETS, Pisa 2012, S. 137–150, hier: S. 138.
Inschrift Die Inschrift umfasst noch folgende lesbare Buchstaben: (= AE 1964, 39; AE 1964, 187; AE 1971, 477; AE 1981, 850; AE 1991, 1578; AE 1997, 166; AE 1999, 1681; AE 2002, 1556; AE 2005, 1583; AE 2008, 1542). […]S · TIBERIÉVM […]ṆTIVS · PÌLATVS […]ECTUS · IVDAE[.]E […]ÉCỊ[…]
Die Buchstabenhöhe nimmt von oben nach unten ab und beträgt in der ersten Zeile 5,8 cm, in der zweiten 5,5 cm, in der dritten 4,5 cm. Für die stark zerstörte vierte Zeile verbleibt Raum für etwa 4,0 cm hohe Buchstaben. Lange Vokale werden gesondert ausgezeichnet, im Fall des -E- durch einen Apex, im Fall des -I- durch ein Iota longa. Der Querbalken des -T- sitzt immer oberhalb der Zeile, so dass die Buchstabenhöhe der ersten Zeile hier 6 cm erreicht. Ein in der vierten Zeile erhaltener Apex bezeugt an dieser Stelle ein -E-, das in frühen Lesungen der Inschrift bisweilen nicht erkannt wurde.Noch Clayton Miles Lehmann, Kenneth G. Holum: The Greek and Latin Inscriptions of Caesarea Maritima (= The Joint Expedition to Caesarea Maritima. Excavation Reports. Band 5). American Schools of Oriental Research, Boston 2000, S. 68, lesen: … S TIBERIÉVM / .[PO]ṆTIVS PÌLATVS / [PRAEF]ECTUS IVDA[EA]E / … Zuletzt wurden zudem das folgende -C- als sicher, das sich anschließende -I- als zwar erkennbar, aber ohne Erwartungshaltung nicht erschließbar erkannt.Walter Ameling, Hannah M. Cotton, Werner Eck u. a. (Hrsg.): Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae. A Multi-lingual Corpus of the Inscriptions from Alexander to Muhammad. Band 2: Caesarea and the Middle Coast. 1121–2160. De Gruyter, Berlin 2011, S. 229. Der Worttrennung dienten kleine Dreiecke. Auf der linken Seite lassen sich maximal 5–6 Buchstaben ergänzen.Clayton Miles Lehmann, Kenneth G. Holum: The Greek and Latin Inscriptions of Caesarea Maritima (= The Joint Expedition to Caesarea Maritima. Excavation Reports. Band 5). American Schools of Oriental Research, Boston 2000, S. 68; Hans Volkmann: Die Pilatusinschrift von Caesarea Maritima. In: Gymnasium. Band 75, 1968, S. 124–135, hier: S. 129 f. hält die Ergänzung von 7 Buchstaben für möglich.
Lesung Wissenschaftlich bearbeitet wurde die Inschrift erstmals von Attilio Degrassi, der 1964 folgende Lesung vorschlug:Attilio Degrassi: Sull’iscrizione di Ponzio Pilato. In: Atti della Accademia nazionale dei Lincei. Classe di scienze morali, storiche e filologiche. Rendiconti. 8. Ser., 19. Jg., 1964, S. 59–65 (= AE 1964, 39). [Dis Augusti]s Tiberieum / [Po]ntius Pilatus / [praef]ectus Iuda[ea]e / [fecit d]e[dicavit]„Pontius Pilatus, Präfekt von Judäa, erbaute (und) weihte das Tiberieum den seligen Göttern“. Dieser Lesung folgte auch Carla Brusa Gerra in der abschließenden Grabungspublikation, ergänzte allerdings an der Stelle von [Dis Augusti]s wie zuvor Frova [Caesarien]s(ibus) („den Einwohnern von Caesarea“).Carla Brusa Gerra: Le Iscrizioni. In: Antonio Frova (Hrsg.): Scavi di Caesarea Maritima. L’Erma di Bretschneider, Rom 1966, S. 217–228. Während die Lesung der Zeilen 2 und 3 als gesichert gelten kann, wurden für die Ergänzungen der Zeilen 1 und 4 zahlreiche Vorschläge unterbreitet.Géza Alföldy: L’iscrizione di Ponzio Pilato: una discussione senza fine? In: Gianpaolo Urso (Hrsg.): Iudaea socia – Iudaea capta (= I Convegni della Fondazione Niccolò Canussio. Band 11). Edizioni ETS, Pisa 2012, S. 150, bietet eine Zusammenstellung aller Ergänzungsvorschläge.
Géza Alföldy wandte gegen diese Vorschläge ein, dass der verlorengegangene Teil des Steins zu klein sei, als dass diese rekonstruierten Ergänzungen der ersten Zeile darauf hätten gestanden haben können. Er selbst schlug 1999 eine neue Lesung vor, die er in mehreren Aufsätzen verteidigte und die auf große Akzeptanz traf:Géza Alföldy: Pontius Pilatus und das Tiberieum von Caesarea Maritima. In: Scripta Classica Israelica. Band 18, 1999, S. 85–108; zuletzt Géza Alföldy: L’iscrizione di Ponzio Pilato: una discussione senza fine? In: Gianpaolo Urso (Hrsg.): Iudaea socia – Iudaea capta (= I Convegni della Fondazione Niccolò Canussio. Band 11). Edizioni ETS, Pisa 2012, S. 137–150, hier: S. 143–145 zur Lesung nautis. [nauti]s Tiberieum / [Po]ntius Pilatus / [praef]ectus Iudae[a]e / [ref]e[cit]„Für die Seeleute hat Pontius Pilatus, Präfekt von Iudaea, das Tiberieum erneuert“.
Ihm schlossen sich unter anderem Werner EckWerner Eck: Die Inschriften Iudäas im 1. und frühen 2. Jh. n. Chr. als Zeugnisse der römischen Herrschaft. In: Michael Labahn, Jürgen Zangenberg (Hrsg.): Zwischen den Reichen: Neues Testament und Römische Herrschaft (= Texte und Arbeiten zum neutestamentlichen Zeitalter. Band 36). Francke, Tübingen 2002, S. 29–50, hier: S. 32–34; Werner Eck: Rom und Judaea: fünf Vorträge zur römischen Herrschaft in Palaestina (= Tria corda. Band 2). Mohr Siebeck, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149460-4, S. 16 f. mit Anm. 30. und Alexander DemandtAlexander Demandt: Pontius Pilatus. Beck, München 2012, S. 40–43. an. Widersprochen wurde Alföldy zunächst von Tibor Grüll, der munus („Festspiele“) statt nautis („Seeleute“) und de suo edidit („veranstaltete auf seine Kosten“) statt refecit („hat erneuert“) ergänzte,Tibor Grüll: Pilate’s Tiberiéum: A New Approach. In: Acta Antiqua. Academiae Scientiarum Hungaricae. Band 41, 2001, S. 267–278 (AE 2002, 1556; Digitalisat). dies aber später zurücknahm und ebenfalls Alföldy folgte.Tibor Grüll: Pontius Pilatus, egy karrier története (Geschichte einer Karriere). Szent Pál Akadémia Kiadó, Budapest 2002, S. 98–108. Karl Jaroš las in der ersten Zeile abweichend incolis („den Einwohnern“).Karl Jaroš: In Sachen Pontius Pilatus (= Kulturgeschichte der Antiken Welt. Band 93). Philipp von Zabern, Mainz 2002, S. 38–40. Monika Bernett äußerte sich skeptisch über Alföldys Vorschlag, ohne einen eigenen zu unterbreiten.Monika Bernett: Der Kaiserkult in Judäa unter den Herodiern und Römern. Untersuchungen zur politischen und religiösen Geschichte Judäas von 30 v. Chr.–66 n. Chr. Mohr Siebeck, Tübingen 2007, S. 205–214.
Interpretation Die Inschrift belegt, dass die korrekte Bezeichnung für das von Pilatus ausgeübte Amt Präfekt war und nicht, wie bei den Statthaltern von Judäa ab der Mitte des 1. Jahrhunderts üblich, Prokurator, eine Bezeichnung, die Tacitus verwendet.Tacitus, Annalen 15,44. Werner Eck zufolge belegt die Titulatur zudem, dass Pontius Pilatus nicht Statthalter einer unabhängigen römischen Provinz Iudaea, sondern ein untergeordneter Legat des Statthalters der Provinz Syria war.Werner Eck: Die Benennung von römischen Amtsträgern und politisch-militärisch-administrativen Funktionen bei Flavius Iosephus – Probleme der korrekten Identifizierung. In: Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik. Band 166, 2008, S. 218–226 (Digitalisat); Walter Ameling, Hannah M. Cotton, Werner Eck u. a. (Hrsg.): Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae. A Multi-lingual Corpus of the Inscriptions from Alexander to Muhammad. Band 2: Caesarea and the Middle Coast. 1121–2160. De Gruyter, Berlin 2011, S. 229. Zur Frage nach dem unbekannten Praenomen des Pontius Pilatus bietet die Inschrift keinen Hinweis, lediglich die Länge des -i- im Cognomen Pilatus wird bezeugt, was für die Herleitung gewisse Aufschlüsse bietet.Alexander Demandt: Pontius Pilatus. C.H. Beck, München 2012, S. 46–48.