mini|hochkant|Morgengebet (Schacharit) mit Tefillin und Gebetsschal (Tallit), 2005 mini|Juden beim Gebet an der Westmauer des Herodianischen Tempels in Jerusalem, 2010 mini|Video-clips betender Juden, aus dem Archiv der Israeli News Company von Israels Channel 2-Programm Das Gebet im Judentum ( ; Plural oder tefillot ; , Plural ) umfasst die Rezitationen von Gebeten und die traditionellen jüdischen Meditationsweisen, die Teil der religiösen Regeln des rabbinischen Judentums sind. Die Gebete, die oft mit Anweisungen und Kommentaren versehen sind, finden sich im Siddur, dem traditionellen jüdischen Gebetbuch. Wenn der Talmud tefillah erwähnt, ist damit das Achtzehnbittengebet gemeint.

Gebet – als ein „Herzensdienst“ – ist grundsätzlich betrachtet ein auf der Tora beruhendes Gebot.Tractate Taanit 2a books.google.de Es ist für Männer wie Frauen in gleicher Weise verbindlich.

Jüdische Männer sind verpflichtet dreimal am Tag das Achtzehnbittengebet zu beten und dabei bestimmte Zeitspannen () zu beachten.

mini|Zeitspannen () als Vorgaben für die Vinohrady Synagoge in Prag, aus dem Jahr 1916 Frauen sind nach Meinung einiger Posekim (Dezisoren) nur einmal, nach anderer Meinung zweimal am Tag verpflichtet, die tefillah zu beten.

Seit der Zeit des zweiten Jerusalemer Tempels werden drei Gebete am Tag gebetet: Morgengebet: Schacharit oder Schaharit (), von . Mittags- bzw. Nachmittagsgebet: Mincha oder Minha (). Es wird nach dem Mehl benannt, das bei den Opfern im Jerusalemer Tempel benutzt wurde. Abendgebet Ma’ariv (), von „Einbruch der Nacht“, oft unmittelbar nach dem Minchagebet. Weitere Gebete aus dem Judentum: Musaf (), das von orthodoxen und konservativen Gemeinden am Schabbat rezitiert wird, außerdem an größeren jüdischen Feiertagen (einschließlich Chol HaMoed) und Rosch Chodesch. Ein fünftes Gebet, Ne’ila (), wird nur an Jom Kippur gebetet.

Zum Verständnis jüdischen Betens Im Judentum ist Beten nicht als menschliche Eigenleistung zu verstehen, sondern als eine von Gott aus eröffnete Möglichkeit. Gebet wird möglich, weil JHWH sich den Menschen zuwendet und sie in seine Bünde rief, in denen sie angesprochen werden können; . Diese Zuwendung begründet eine direkt „dialogische Beziehung“, in der Gott den ersten Schritt setzt und der Mensch darauf antwortet.Abraham Joshua Heschel: Der Mensch fragt nach Gott: Untersuchungen zum Gebet und zur Symbolik. (= Band 3 Information Judentum), Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1993, ISBN 978-3-788-70676-0Gebet und Gottesdienst. Die jüdische Form des Betens. Zentralrat der Juden in Deutschland, auf zentralratderjuden.de Beten ist daher keine religiöse Technik und keine Verfügung über Gott, sondern Antwort innerhalb der von Gott eröffneten Beziehung.Reinhold Boschki: Beten, jüdische Perspektive. Deutsche Bibelgesellschaft, erstellt: Februar 2016, auf die-bibel.de Andreas Hoffmann: Der Jüdische Gottesdienst Ein kunstvolles Ganzes. 2020, auf uni-bamberg.de

In diesem Sinn wird Gebet im Judentum als „Avodah shebalev“ () verstanden.Israel M. Lau: Wie Juden leben. Glaube, Alltag, Feste. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-02155-9, S. 28 f. Nach der Zerstörung des Tempels trat das Gebet an die Stelle des Opferdienstes und wurde zum zentralen Vollzug des rabbinischen Judentums und des jüdischen Glaubens.Volker Gäckle: Wandlungen des Gebets im Neuen Testament. In: Andreas Hunziker, Simon Peng-Keller (Hrsg.): Hermeneutische Blätter 20/2, 2014, S. 35–48, auf hermeneutische-blaetter.uzh.ch S. 39–40; 43 f Dabei verbindet der Begriff „Avodah“ () die Dimension des „geordneten, gemeinschaftlich vollzogenen Gottesdienstes“ mit der „inneren Haltung des Herzens“ „Lev“ (), das im biblischen Verständnis nicht nur Gefühl, sondern auch Verstand und Wille umfasst. Gebet ist somit zugleich Praxis und Beziehungsgeschehen innerhalb der durch Gottes Zuwendung eröffneten Dialogbeziehung.Das jüdische Gebet. Jüdisches Beten – Zwischen Tradition, Gemeinschaft und persönlichem Gespräch mit Gott. Jewish Chamber Orchestra Munich, auf jcom.de

Als zentrales Medium jüdischer Religion verbindet Gebet das Bewusstsein von Gottes Gegenwart, das Verständnis der Bundesbeziehungen und die Orientierung im Leben. Persönliche existenzielle Erfahrungen wie Angst, Dank, Klage oder Hoffnung finden im überlieferten Gebet ihre Sprache, ohne ihre Individualität zu verlieren. Die liturgischen Formen des Gebets ersetzen die persönliche Erfahrung nicht, sondern tragen sie und ordnen sie in die gemeinsame Geschichte der Bünde Gottes mit den Menschen ein.Erich Fromm: Ihr werdet sein wie Gott. Eine radikale Interpretation des Alten Testaments und seiner Tradition. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008, ISBN 978-3-423-34499-9

Gebet geschieht daher nicht isoliert, sondern grundsätzlich im Horizont der Gemeinschaft. Auch wo der Einzelne betet, geschieht dies als Teil Israels und seiner fortdauernden dialogischen Beziehung zu JHWH. Der Mensch antwortet im Gebet nicht nur für sich selbst, sondern innerhalb einer geschichtlich gewachsenen Bundesbeziehung, die von Gott eröffnet wurde und immer neu eröffnet wird. So bleibt jüdisches Gebet „Antwortgeschehen“: Es ist Resonanz auf Gottes Wort, die Tora und die fortwährende Zuwendung Gottes.Simon Peng-Keller (Hrsg.): Gebet als Resonanzereignis Annäherungen im Horizont von Spiritual Care. (= Band 7 Theologische Anstöße) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, ISBN 978-3-7887-3229-5, S. 7 f

Die traditionelle Sprache des jüdischen Gebets ist Hebräisch, während bestimmte Gebete – wie das Kaddisch – auf Aramäisch gesprochen werden. Grundsätzlich unterliegt das jüdische Gebet im Inhalt oder Ausdruck keinen starren Vorgaben, es kann eine persönliche Klage, Dank, Bitte oder Lob umfassen. Zugleich sind viele Gebete für Haus- und Synagogengottesdienste festgelegt und im Siddur, dem jüdischen Gebetbuch, schriftlich überliefert. Diese festen Formeln sichern die Kontinuität und Gemeinschaftlichkeit des Gebets, während sie gleichzeitig Raum lassen, dass jede Person in eigener Sprache und Haltung auf die göttliche Zuwendung antwortet.

Unterschiede zu den anderen abrahamitischen Religionen

Im Judentum ist das Gebet eng mit der Bundesbeziehung zwischen Gott und Israel verbunden und trägt einen Erlösungshintergrund, der weniger auf persönliche Sündenvergebung oder das individuelle Seelenheil ausgerichtet ist als in anderen abrahamitischen Religionen.Leitlinien für das Gebet bei Treffen von Christen, Juden und Muslimen. Eine Handreichung der deutschen Bischöfe 24. Juni 2008 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage, auf bistum-regensburg.de Gebet ist Ausdruck der Teilnahme an Gottes fortwährender Bewahrung und Heilshandeln in der Geschichte Israels. Es verbindet persönliche Anliegen wie Schutz, Heilung oder Dank mit der kollektiven Hoffnung auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen und die zukünftige Erlösung Israels.

Im Vergleich dazu richtet sich das christliche Gebet oft auf individuelle Erlösung und die Rettung im Leben nach dem Tod, während das islamische Gebet (Salāt) die persönliche Hingabe (ʿIbāda), Gottesfurcht (Taqwā) und Gehorsam (ṭā‘at Allāh) mit regelmäßiger ritueller Praxis verknüpft. Das jüdische Gebet unterscheidet sich dadurch, dass die Erlösung primär in der Fortsetzung des Bundes, der kollektiven Geschichte Israels und der Antwort auf Gottes Zuwendung im Hier und Jetzt verankert ist.Der Draht zu Gott. Gebet in den abrahamitischen Religionen. missionszentrale der franziskaner e.V., Impressum Heft 116, April 2017 Abschnitte: I. Thomas M. Schimmel: Das Christliche Gebet. S. 12–18; III. Thomas M. Schimmel: Gebet im Judentum. S. 22–33; IV. Juanita Villamor-Meyer, Thomas M. Schimmel: Das Gebet im Islam. S. 34–41Hansjörg Schmid, Andreas Renz, Jutta Sperber (Hrsg.): „Im Namen Gottes …“ Theologie und Praxis des Gebets in Christentum und Islam. Theologisches Forum Christentum-Islam, Regensburg 2006, S. 216–226, Textauszug auf elk-wue.de Tobias Kühn: Lasst uns reden! Allgemeine und Orthodoxe Rabbinerkonferenz diskutieren ihr Verhältnis zum jüdisch-christlichen Dialog. Jüdische Allgemeine, Kontroverse, 15. April 2021, auf juedische-allgemeine.de

So bleibt das jüdische Gebet ein „Antwortgeschehen“, das persönliche Anliegen, kollektive Hoffnungen und das Bewusstsein von Gottes Gegenwart zusammenführt und die Beziehung zwischen Mensch und Gott im Rahmen der historischen Bundesbeziehung lebendig hält. Zugleich beansprucht die jüdische Religion keine „Heilsexklusivität“ und kennt keinen Missionsauftrag: Auch Menschen anderer Glaubensrichtungen können „Anteil an der kommenden Welt“ erhalten, wenn sie grundlegende moralische Prinzipien achten und Verantwortung vor Gott und der Welt übernehmen.

Jüdische Philosophie und Gebet Der Talmud nennt zwei Motive für das dreifache Gebet aus der Lehre der Rabbiner (de-rabbanan) seit der frühen Zeit des zweiten Tempels: zum einen sollen die täglichen Opfer im Tempel in Jerusalem in Erinnerung gerufen werden; zum anderen hat jeder der Patriarchen ein Gebet begründet: Abraham das Morgengebet, Isaak das Mittagsgebet und Jakob das Abendgebet.Traktat Berachoth 26b: Morgenopfer -Tamid, Mittagsopfer-Tamid und die Verbrennung der Reste über Nacht. Die letztgenannte Meinung wird mit biblischen Zitaten unterstützt, die darauf hinweisen, dass die Patriarchen zu den genannten Zeiten beteten. Aber die genauen Zeiten sind auch nach dieser Ansicht nur aufgrund der Opfer festzulegen, dazu gehört auch der gesamte Mussaf-Dienst. Der Jerusalemer Talmud hält fest, dass die Männer der „Großen Versammlung“ die Vorstellung eines regelmäßigen täglichen Gebets anhand der persönlichen Gewohnheiten der Vorväter erkannten und erlernten, so wie sie der Tanach darstellt. Demnach seien drei tägliche Gebete festgelegt worden. Individuelle Gebete werden von Gruppen- oder Gemeindegebeten unterschieden.“‘Anshei Knesset HaGedolah’ – Men of the Great Assembly; founded by Ezra in approximately 520 B.C.E.; instituted the “Shemoneh Esray” Prayer (recited at least three times daily, and ultimately to serve as a substitute for the Temple Sacrifices), and the enacting of many Laws to protect and bolster the observance of the Torah Commands.” Gruppengebete setzen eine Mindestgröße voraus, den Minjan. Gruppengebete seien zu bevorzugen, weil sie viele Gebete enthalten, die nicht als individuelle Gebete möglich sind.