miniatur|Joseph Meister im Jahre 1885 Joseph Jean Baptiste Meister (* 21. Februar 1876 in Paris;Joseph Meister wurde, wie auch seine ersten drei Geschwister, eindeutig in Paris geboren. Die im Internet fast durchweg verbreitete Ortsangabe Steige ist falsch, siehe André Dubail: Joseph Meister le premier être humain sauvé de la rage. In: Annuaire de la Société d'Histoire du Val de Villé. Société d’Histoire du Val de Villé, Villé 1985, S. 101. † 24. Juni 1940 ebenda) war der erste Mensch, der vollständig gegen Tollwut geimpft wurde.

Herkunft der Familie

Die Familie Meister stammte väterlicherseits aus dem Sundgau.Dubail: Joseph Meister … , S. 95. Sein Vater Joseph Antoine lernte die aus dem elsässischen Steige gebürtige Marie-Angélique Sonnefraud in Paris kennen, wohin beide – wie so viele Elsässer im 19. Jahrhundert – gezogen waren. Sie heirateten am 25. April 1870.Dubail: Joseph Meister … , S. 100. Da ihre Heimat nach dem Deutsch-Französischen Krieg vom Deutschen Reich annektiert worden war, blieben sie zunächst in der Hauptstadt, wo sie im 18. Arrondissement wohnten. Joseph Antoine Meister arbeitete als Bäcker, seine Frau als Posamentiererin. In Paris kamen ihre ersten vier Kinder zur Welt, zunächst drei Töchter, dann Joseph Meister als erster Sohn.Dubail: Joseph Meister … , S. 101. 1877 zog die Familie ins Heimatdorf der Mutter Steige, das sich nunmehr unter deutscher Herrschaft befand. In dem Ort, der sich nahe der deutsch-französischen Grenze befand, wurde jedoch weiterhin Französisch gesprochen. Joseph Meisters Vater eröffnete dort eine Bäckerei.Dubail: Joseph Meister … , S. 102.

Der 4. Juli 1885

Von den im Folgenden dargestellten Ereignissen gibt es zwei Versionen: Die von Louis Pasteur in Umlauf gesetzte und dann von seinem Biografen René Valléry-Radot ausgeschmückte Variante, die jedoch auf Informationen aus zweiter Hand beruht, ist zur Grundlage der traditionellen Darstellung in den Geschichtsbüchern geworden. Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums entdeckte der Lokalhistoriker André Dubail, dass Joseph Meister eigene Erinnerungen hinterlassen hatte, die in vielen Details abweichen.Dubail: Joseph Meister … , S. 106. Sie sind hier zugrunde gelegt, Varianten der traditionellen Version finden sich in den Fußnoten.

Am Morgen des 4. Juli 1885 weckte der Bäcker Joseph Antoine Meister seinen ältesten Sohn gegen 5 Uhr morgens, um aus dem Nachbarort Meisengott (heute französisch: Maisonsgoutte) flüssige Hefe von einer Brauerei zu holen.Dubail: Joseph Meister … , S. 104. Traditionell wird behauptet, dass Joseph Meister in Meisengott zur Schule gegangen wäre, tatsächlich besuchte er jedoch die französischsprachige Schule in Steige und war deswegen so früh unterwegs, um noch vor Unterrichtsbeginn zurück zu sein. Pasteur sagt explizit, der Unfall sei um 8 Uhr passiert, was zu spät ist, da Joseph zu dieser Zeit bereits in der Schule hätte sein müssen. Nahe dem Zentrum des Dorfs wurde der Neunjährige von einem Jagdhund angefallen, der ihn in die rechte Hand und – nachdem der Junge hingefallen war – in die Beine biss. Ein Schlosser hatte die Szene beobachtet und verjagte den Hund mit einer Eisenstange.Dubail: Joseph Meister … , S. 107. Traditionell wird behauptet, dass der Hundebesitzer sofort und als einziger zur Hilfe geeilt sei. Später kam dessen Besitzer Théodore Vonné hinzu, dem es gelang, den Hund am Halsband zu fassen und in eine Garage zu sperren, allerdings nicht ohne selbst gebissen zu werden.Dubail: Joseph Meister … , S. 107. Die Wunden des Kindes wurden am Dorfbrunnen gewaschen, eine der Töchter des Hundebesitzers flickte ihm die zerrissene Kleidung, Vonné selbst gab ihm als Wiedergutmachung eine Mark. Niemand brachte jedoch den stark verletzten Joseph Meister nach Hause, der sich auf dem Rückweg ständig setzen musste, um sich auszuruhen.Dubail: Joseph Meister … , S. 109.

Nach Angaben Meisters sowie eines Zeitungsartikels soll der Hund noch weitere Personen und Tiere angefallen haben,Dubail: Joseph Meister … , S. 110; der Zeitungsartikel erschien am 12. Juli 1885 in den Nouvelles alsaciennes. jedoch ist zumindest nichts dergleichen gemeldet worden.Dubail: Joseph Meister … , S. 113. Théodore Vonné zögerte anscheinend, sofort seinen wertvollen Jagdhund zu töten, sondern versuchte, ihn zu einem Tierarzt ins 25 km entfernte Schlettstadt zu bringen. Auf dem Weg versuchte das Tier, weitere Personen zu beißen, sodass er von Gendarmen getötet wurde. Vonné brachte den Kadaver zum Tierarzt, der bei einer Nekropsie im Magen des Hundes Heu, Stroh und Holzsplitter fand, was damals als sicheres Zeichen von Tollwut galt.Dubail: Joseph Meister … , S. 110 und 113.

Josephs Eltern brachten ihren Sohn zum nächsten Arzt, dem in Weiler praktizierenden Eugène Weber, der gegen acht Uhr abends die Wunden mit Karbolsäure (Phenol) ausspülte.Dubail: Joseph Meister … , S. 113. Während Vonné in Schlettstadt auf die Kutsche wartete, besuchte er ein Café, wo er von den Ereignissen erzählte. Drei Herren erinnerten sich, in einer Zeitung von einem Pariser Chemiker namens Pasteur gelesen zu haben, der im Tierversuch gute Erfolge mit einer Tollwutschutzimpfung errungen habe.Dubail: Joseph Meister … , S. 116. Traditionell wird die Empfehlung, zu Pasteur nach Paris zu reisen, dem Arzt Weber zugeschrieben. Nach seiner Rückkehr suchte Vonné die Eltern auf, berichtete ihnen von der Diagnose des Tierarztes und von dem Wissenschaftler in Paris. Sie entschlossen sich noch am selben Abend, nach Paris zu fahren.Dubail: Joseph Meister … , S. 116. Am 5. Juli, einem Sonntag, machte sich Josephs Mutter mit ihrem Sohn sowie Théodore Vonné auf die lange Reise, sie passierten die Grenze nach Frankreich und nahmen in Saint-Dié einen Zug nach Nancy, dann nach Paris. Dort wollte man den Reisenden in mehreren Krankenhäusern die Adresse des in Medizinerkreisen umstrittenen Pasteur nicht nennen, bis sich Madame Meister schließlich durchsetzte. Sie erfuhren, dass Pasteur in der École normale supérieure in der rue d’Ulm tätig war.Dubail: Joseph Meister … , S. 117.

Der Stand der Tollwutschutzimpfung

Louis Pasteur hatte ein Verfahren zur Tollwutschutzimpfung entwickelt, das im Tierversuch an Hunden funktionierte und von einer Untersuchungskommission geprüft worden war.Rapport présenté au ministre de l’instruction publique et de beaux-arts par la commission chargée de contrôler les expériences de M. Pasteur sur la prophylaxie de la rage. In: Pasteur Vallery-Radot (Hrsg.): Œuvres de Pasteur. Band 6: Maladies virulentes, virus-vaccins et prophylaxie de la rage. Masson, Paris 1933, S. 753–758. Ursprünglich veröffentlicht in Journal officiel de la République française. Nr. 216, 1884, S. 4228–4230. Darüber war auch in Tageszeitungen berichtet worden. Seinerzeit war unbekannt, dass er sein Verfahren bereits an zwei Menschen erprobt hatte, die Behandlung jedoch aus jeweils unterschiedlichen Gründen hatte abbrechen müssen. Diese ersten Behandlungsversuche sind erst von dem US-amerikanischen Wissenschaftshistoriker Gerald L. Geison in Pasteurs Labortagebüchern entdeckt worden.Gerald L. Geison: The Private Science of Louis Pasteur. Princeton University Press, Princeton 1995, S. 195–205. Pasteur hatte danach sein Verfahren zur Impfstoffherstellung verändert, das veränderte Verfahren jedoch noch nicht ausreichend im Tierversuch erprobt.Diese Frage ist umstritten. Pasteur selbst stellt sein Verfahren als an insgesamt 50 Hunden ausreichend erprobt dar. Die meisten dieser Experimente beziehen sich jedoch noch auf das alte Verfahren. Die Experimente zur abgeänderten Weise der Impfstoffherstellung liefen noch. Insbesondere hatte Pasteur immer erst den Impfstoff verabreicht und dann die Versuchstiere mit Tollwut infiziert, während in der Behandlung von Menschen notwendigerweise die Impfung auf die Infektion folgt. Dies mag der Grund sein, warum er noch am 12. Juni 1885 die ihm schriftlich vorgeschlagene Behandlung von zwei Personen ablehnte.Pasteur Vallery-Radot (Hrsg.): Correspondance de Pasteur. Band 4: L'Étape des maladies virulentes (suite). Vaccination de l’homme contre la rage. Dernières années 1885–1895. Flammarion, Paris 1951, S. 21f. Nun sah er sich am 6. Juli unmittelbar zwei gebissenen Personen gegenüber. Im Fall von Théodore Vonné war schnell klar, dass der Biss nicht das Hemd durchdrungen und damit keine Wunde verursacht hatte. Pasteur schickte ihn nach Hause. Joseph Meister war dagegen am rechten Arm und an den Beinen mehrfach von dem Hund verwundet worden.Dubail: Joseph Meister … , S. 122.

Eine eindeutige Tollwutdiagnose beim Hund hätte nur durch eine Übertragung von Gewebe auf Kaninchen geleistet werden können, eine Technik, die damals nur in Pasteurs Labor beherrscht wurde. Der Kadaver des Hundes war jedoch nicht verfügbar. Die Autopsie-Ergebnisse galten zwar als sicheres Indiz, dass das Tier tatsächlich tollwütig war; nach Pasteurs eigenen Angaben wird jedoch nur etwa jeder zehnte von einem tollwütigen Tier gebissene Mensch tatsächlich infiziert.Louis Pasteur: Causerie. In: Pasteur Vallery-Radot (Hrsg.): Œuvres de Pasteur. Band 7: Mélanges scientifiques et littéraires. Masson, Paris 1939, S. 363–371, hier S. 364. Diese Tatsache wurde im Zusammenhang mit den Ereignissen um Joseph Meister weder von Pasteur noch von der Literatur bis Geison thematisiert. Die Ereignisse werden immer so dargestellt, als ob Meister ohne Behandlung der sichere Tod erwartet hätte. Pasteur selbst schreibt wider besseres Wissen: „Der Tod dieses Kindes erschien unvermeidbar […] .“ Siehe: Méthode pour prévenir la rage après morsure. In: Pasteur Vallery-Radot (Hrsg.): Œuvres de Pasteur. Band 6: Maladies virulentes, virus-vaccins et prophylaxie de la rage. Masson, Paris 1933, S. 603–610, hier S. 606. Joseph Meister hätte also mit etwa 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit auch ohne Behandlung überlebt; nur im Falle einer Infektion hätte ihn der – dann allerdings sichere – Tod erwartet.

Die Behandlung miniatur|Jean-Baptiste Jupille wird in einer zeitgenössischen Darstellung als zweiter Mensch gegen Tollwut geimpft. Da Pasteur kein Arzt war, schaut er aus dem Hintergrund zu. Pasteur entschloss sich zu einem Behandlungsversuch. Als Chemiker war er nicht zur Behandlung von Menschen berechtigt. Er holte aus einer gerade laufenden Sitzung der Akademie der Wissenschaften zwei befreundete Ärztekollegen, Edmé Félix Alfred Vulpian und Jacques-Joseph Grancher, die seine Diagnose bestätigten. Zwei Ärzte – VulpianAdrien Loir: A l’ombre de Pasteur. Souvenirs personnels. Le mouvement sanitaire, Paris 1938, S. 73f. Loir war Augenzeuge der Ereignisse. und allem Anschein nach auch Pasteurs eigener Mitarbeiter RouxGeison: The Private Science of Louis Pasteur … , S. 236–238. – weigerten sich, die Behandlung auszuführen. Der Impfstoff wurde dann von Grancher injiziert.Loir: A l'ombre de Pasteur … , S. 74. Da Pasteur keine Belegbetten in einem Krankenhaus zur Verfügung standen, ließ er Mutter und Sohn Meister in einem Laborgebäude der Rue Vauquelin zwei Betten herrichten.Loir: A l'ombre de Pasteur … , S. 74. miniatur|links|In einem häufig reproduzierten Bild von Albert Edelfelt betrachtet Louis Pasteur eine Flasche, in der an einem Faden das getrocknete Rückenmark eines tollwütigen Kaninchens über einem Trocknungsmittel hängt.