Rinaldo (HWV 7a/7b) ist eine Oper (Opera seria) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die ihre Uraufführung am 24. Februar 1711 im Queen’s Theatre am Haymarket in London erlebte. Es war nicht nur Händels erste Oper für London, sondern auch die erste ausdrücklich für eine Londoner Bühne geschriebene italienische Oper überhaupt.Ellen T. Harris u. a.: The librettos of Handel’s operas : a collection of seventy-one librettos documenting Handel's operatic career, volume ii, Garland, New York 1989, S. vii.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 171.Auch: Anthony Hicks: Georg Friedrich Händel – Rinaldo, Booklettext zur Einspielung: Decca 467087-2 (1999), S. 37.
Eine stark veränderte zweite Fassung, die im Händel-Werke-Verzeichnis als HWV 7b geführt wird, hatte ihre Premiere am 6. April 1731 am selben Ort (seit dem Thronwechsel von 1714 in King’s Theatre umbenannt).
Entstehung Erste Fassung 1711 (HWV 7a) Nach seinen italienischen Lehrjahren war Händel im Frühjahr 1710 nach Deutschland zurückgekehrt und im Juni 1710 in Hannover zum Kapellmeister des Kurfürsten Georg Ludwig ernannt worden.Das genaue Datum der Ernennung scheint nicht bekannt zu sein. Im Händel-Handbuch Bd. 4 wird einerseits der 16. Juni angegeben; andererseits berichtete Kurfürstin Sophie bereits am 14. Juni „… L'Electeur a mis en maitre de Chapelle qui sapelle Hendel ...“. Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 45 (14. Juni im Brief) & 46. (16. Juni) Doch schon im Herbst reiste der Komponist zuerst nach Düsseldorf, wo er eigentlich eine Oper komponieren sollte (wozu es anscheinend nicht kam), und schließlich im November 1710 nach London.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 3-7618-0717-1, S. 45–46
In der englischen Hauptstadt hatte man erst 1705 begonnen, neben englischen Semi-Operas auch italienische Opern aufzuführen, von denen aber keine ursprünglich für London komponiert worden war, sondern nur für die Gegebenheiten vorort eingerichtet wurde, häufig als Pasticcio. Werke wie Bononcinis Camilla wurden zunächst in englischer Übersetzung von englischen Sängern gesungen, zu denen sich nach und nach auch italienische Virtuosen gesellten; vorübergehend hatte es daher sogar zweisprachige Aufführungen gegeben.Auch: Anthony Hicks: Georg Friedrich Händel – Rinaldo, Booklettext zur Einspielung: Decca 467087-2 (1999), S. 36–37.
Kurz vor Händels Ankunft übernahm der erst 24-jährige Dramatiker Aaron Hill die Direktion des Queen’s Theatre am Haymarket, welches auch ein Monopol für die Aufführung von Opern besaß.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 59. Hill hatte eigene Vorstellungen davon, wie eine italienische Oper für eine Londoner Bühne aussehen sollte, und erarbeitete zusammen mit dem Theaterdichter Giacomo Rossi in kurzer Zeit ein italienisches Textbuch für Händel.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 171–172.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Bettina Obrecht. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 59 und 62. Damit ist Rinaldo auch eine der wenigen Opern Händels über ein wirklich originales Textbuch und nicht nur eine Bearbeitung eines bereits bestehenden älteren Librettos.
Es ist nicht genau bekannt, wann Händel mit der Vertonung begann,Angaben wie z. B. „EZ (= Entstehungszeit, Anm. d. Verf.): London, Dezember 1710 bis Januar 1711“ bei Baselt sind rein spekulativ! Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 93. da sich in den erhaltenen Teilen des Autographen keine Datierung befindet, aber wenn man Rossis Bericht im Vorwort zum Libretto Glauben schenkt, war die Komposition nach nur zwei Wochen abgeschlossen:Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 180.
Eine plausible Erklärung für dieses erstaunliche Arbeitstempo liegt darin, dass Händel einen relativ großen Teil der Musik vollständig oder teilweise aus früheren Werken entlehnte (siehe unter Musik).Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 109.
Die Uraufführung im Queen’s Theatre fand am 24. Februar 1711 – einen Tag nach Händels 26. Geburtstag (nach julianischem Kalender, der in England noch bis 1752 galt) – mit folgenden Sängern statt: Goffredo – Francesca Maria Vanini-Boschi (Alt) Almirena – Isabella Girardeau (Sopran) Rinaldo – Nicolo Grimaldi, genannt „Nicolini“ (Altkastrat) Eustazio – Valentino Urbani, genannt „Valentini“ (Altkastrat) Argante – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Armida – Elisabetta Pilotti-Schiavonetti (Sopran) Mago cristiano – Giuseppe Cassani (Altkastrat) Ein Herold – Mr. Lawrence (Tenor) Eine Frau – unbekannt (Sopran) Zwei Sirenen – unbekanntDie Einordnung der Stimmtypen folgt Dean und Knapp, die in dieser Hinsicht realistischer und verlässlicher sind als andere Quellen (u. a. Baselt). Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 181.
Bis zum Ende der Spielzeit am 2. Juni 1711 erreichte die Oper insgesamt 15 Aufführungen, von denen einige ausdrücklich „at the Desire of several Ladies (Persons) of Quality“ („auf Wunsch mehrerer vornehmer Damen (bzw. Personen)“) stattfanden.Originaltexte in: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 51–53. Die Inszenierung scheint ausgesprochen aufwendig gewesen zu sein, mit zahlreichen auf den Geschmack des englischen Publikums berechneten „übernatürlichen“ Erscheinungen und sogar einem „Wasserfall“.Zum „Waterfall“ siehe: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 181. Der szenische Aufwand dürfte zum Erfolg des Werkes beigetragen haben, doch hatte sich Aaron Hill mit den Kosten für solchen Aufwand offenbar verrechnet: Er konnte Musiker und andere Mitwirkende nicht rechtzeitig bezahlen, und nur neun Tage nach der Premiere wurde ihm durch königlichen Beschluss die Leitung des Theaters entzogen.Auch: Anthony Hicks: Georg Friedrich Händel – Rinaldo, Booklettext zur Einspielung: Decca 467087-2 (1999), S. 38. Darüber hinaus erschienen zwei hämische Kritiken von Joseph Addison und Richard Steele im The Spectator, die sich unter anderem über die Verwendung von zahlreichen Spatzen im ersten Akt und andere Details der Inszenierung mokierten,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 182–183.Originaltexte in: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 50–51. und auch darüber, dass die Regieanweisungen im Textbuch teilweise viel fantastischer ausfielen als das, was man dann auf der Bühne zu sehen bekam.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 122–123
Arien und Instrumentalmusik aus Rinaldo erschienen noch im selben Jahr und in mehreren Ausgaben bei John Walsh und John Hare im Druck, wie auch die meisten folgenden Opern Händels.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 53 und 54.Zu den Arien-Publikationen aus Händels Opern siehe auch: Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 19.
Wiederaufnahmen In den kommenden Jahren (1712, 1713, 1714–15 und 1717) gab es am selben Theater regelmäßige Wiederaufnahmen der Oper, mit wechselnden Sängern. So wurde der Part des Rinaldo nicht nur von dem Publikumsliebling Nicolini, sondern auch als „Hosenrolle“ von den Altistinnen Jane Barbier (1713) und Diana Vico (1714–15) gesungen. Die Tessitura des Goffredo wurde 1712 und 1713 für Margherita de L’Épine in einen Sopranpart verwandelt; zu den Interpretinnen der Almirena gehörte auch die junge Anastasia Robinson (1714–15 und 1717), die noch bis 1725 tragende Rollen in Händels Opern singen würde.Ausführlichere Infos zu den wechselnden Sängerbesetzungen in: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 183–184.Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 108–109.
Bei der Wiederaufnahme von 1717 gab es mehrere einschneidende Änderungen: Der Part des Eustazio wurde ganz gestrichen und die Rolle des Argante für den Altkastraten Gaetano Berenstadt – der auch in den 1720er Jahren wieder zu Händels Ensemble gehörte – neu eingerichtet, mit mehreren neuen Arien. Der Part des Goffredo wurde nun von dem berühmten Altisten Antonio Bernacchi gesungen. In der letzten Aufführung am 5. Juni gab es als besondere Attraktion eine Tanzeinlage der kleinen Marie Sallé, die dabei mit ihrem Bruder zum ersten Mal in London auftrat, wo sie später noch spektakuläre Erfolge feiern würde – nicht zuletzt 1734–1735 auch in einigen von Händels Opern (u. a. Terpsicore, Ariodante, Alcina).Ausführlichere Infos zu den wechselnden Sängerbesetzungen in: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 185–186.
Fassung 1731 (HWV 7b) mini|240px|Senesino übernahm 1731 die Titelpartie. Zwanzig Jahre später schuf Händel (eventuell in Zusammenarbeit mit Rossi) eine neue Fassung des Rinaldo (HWV 7b), die sowohl musikalisch als auch dramaturgisch stark von der Original-Version abweicht, wobei Händel für sein aktuelles Ensemble auch mehrere Stimmlagen änderte (Genaueres siehe unter: Musik).Genaueres in: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 186 und 189–190.Auch: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 109. Inhaltlich gab es vor allem im zweiten und dritten Akt Änderungen.Dazu im Detail: Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 188. Gestrichen wurden abgesehen vom Part des Eustazio (wie schon 1717) auch viele der ursprünglich spektakulären Maschineneffekte, die nun offenbar nicht mehr möglich und zu aufwendig waren.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 186–187.
Die zweite Fassung kam erstmals am 6. April 1731 am King’s Theatre auf die Bühne und erlebte sechs Aufführungen. Es sangen: Goffredo – Annibale Pio Fabri, genannt „Balino“ (Tenor) Almirena – Anna Maria Strada del Pò (Sopran) Rinaldo – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Altkastrat) Argante – Francesca Bertolli (Alt) Armida – Antonia Margherita Merighi (Alt) Mago – Giovanni Giuseppe Commano (Bass) Eine Frau – unbekannt Zwei Sirenen – unbekannt