mini|Rich’s Glory or his Triumphant Entry into Covent-Garden
Alcina (HWV 34) ist eine Oper (Dramma per musica) in drei Akten von Georg Friedrich Händel, die am 16. April 1735 im Theatre Royal, Covent Garden, in London uraufgeführt wurde. Es ist seine dritte Oper, deren Handlung auf Ariosts Orlando furioso fußt. Alcina ist allgemein als eins der größten Meisterwerke Händels anerkanntAnthony Hicks: Alcina, An Introduction, Booklettext zu: Alcina. EMI CDS 7-497712, Hayes 1988, S. 4 und spielte auch eine bedeutende Rolle in der Händel-Renaissance und der Wiederbelebung der Barockoper. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stand Alcina (zusammen mit Rodelinda) auf Platz drei der meist aufgeführten Opern Händels, nach Giulio Cesare und Serse.Manfred Rätzer: Händels Opern auf internationalen Bühnen, in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 429 ff.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, S. 8
Entstehung Seit Händels Konkurrenz, die 1733 gegründete „Adelsoper“, nicht nur den Altkastraten Senesino und Francesca Cuzzoni, sondern vor allem den berühmten Sopranisten Farinelli als größten Star engagiert hatte, war Händel und sein Opernunternehmen massiv unter Druck geraten. Diese unangenehme äußere Situation schien den Komponisten jedoch nicht nur nicht zu entmutigen, stattdessen beflügelte sie ihn zur Komposition von zwei seiner besten Bühnenwerke: Ariodante und Alcina, die beide 1735 uraufgeführt wurden.
Es waren die ersten beiden Opern, die Händel ausdrücklich für das von dem Impresario John Rich geführte und erst 1732 neu erbaute Covent Garden Theatre komponierte. Laut Vertrag durfte Händel dieses Theater jede Woche an zwei Abenden nutzen. Da Rich in seinen eigenen Produktionen gewöhnlich Pantomime, Gesang und Tanz kombinierte,Jonathan Keates: Handel, Alcina and London, Booklettext zu: Alcina. EMI CDS 7-497712, Hayes 1988, S. 11 hatte er die berühmte französische Tänzerin Marie Sallé mit ihrer Compagnie engagiert. Das Theater verfügte außerdem über einen kleinen Chor (wahrscheinlich sechs oder acht Sänger); darüber hinaus wurden „auch das Bühnenbild und die Maschinerie (…) einfallsreich mit einbezogen, wie auch wechselnde Beleuchtungen auf der Bühne“.
Die Bedingungen waren also geradezu ideal für eine Zauberinnen-Oper wie Alcina, welche die letzte Oper der Saison 1734–1735 war. Es ist nicht bekannt, wann Händel mit der Komposition begann, das einzige im Autograph notierte Datum ist ihre Vollendung: Fine dell’ Opera | G.F. Handel | April 8 | 1735 – acht Tage vor der Premiere.Anthony Hicks: Alcina, An Introduction, Booklettext zu: Alcina. EMI CDS 7-497712, Hayes 1988, S. 5
Mary Pendarves, seine Nachbarin und lebenslange Verehrerin, erlebte eine Probe der Alcina in Händels Haus und schrieb begeistert an ihre Mutter:
Uraufführung Alcina erlebte ihre Premiere in Covent Garden am 16. April 1735 in der folgenden Besetzung: Alcina – Anna Maria Strada del Pó (Sopran) Ruggiero – Giovanni Carestini, genannt “Il Cusanino” (Mezzosoprankastrat) Morgana – Cecilia Young (Sopran) Bradamante – Maria Caterina Negri (Alt) Oronte – John Beard (Tenor) Melisso – Gustavus Waltz (Bass) Oberto – William Savage (Knabensopran) Tanz und Choreographie – Marie Sallé Chor – u. a. Mrs. Wright (Sopran), Mr. Howard, Corfe und Tomson (Tenor), Richard Leveridge und Michael Stoppelaer (Bass)
Es war Händels letzte wirklich erfolgreiche Oper. Sie erlebte insgesamt achtzehn Aufführungen bis zum 2. Juli,Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie, aus dem Englischen von Bettina Obrecht, Metzler Verlag, Stuttgart/Weimar, S. 363 wenn man allerdings Burney Glauben schenken will, seien alle Aufführungen der Alcina „jedesmal auf Verlangen der Majestäten aufgeführt“ worden, „bis der König nach Hannover ging und danach auf Wunsch Ihrer Majestät allein“ („... always performed by command of their Majesties, till the King went to Hanover, and then by command of her Majesty only, till the close of the season, July 2d,...“).Charles Burney: A general history of music: … Vol. 4, London 1789, Nachdruck der Cambridge Library Collection, 2011, ISBN 978-1-108-01642-1, S. 383 f.
Allerdings kam es auch zu einem Eklat wegen Marie Sallé, die in Alcina im männlichen Kostüm als Amor auftrat, wie der Abbé Antoine-François Prévost d’Exiles in seiner Wochenschrift Le Pour et le Contre (Das Für und Wider) berichtete:
Die Sallé kehrte London nach diesem persönlichen Misserfolg für immer den Rücken und ging zurück nach Paris. Auch Händels Primo uomo Giovanni Carestini verabschiedete sich nach dem Ende der Spielzeit:
Carestini kam 1739–1741 wieder nach London, sang aber nie mehr für Händel.
Weitere Aufführungsgeschichte Es gab fünf weitere Vorstellungen der Alcina in der Saison von 1736/37 (drei Aufführungen im November 1736 und zwei im Juni 1737), mit einigen Änderungen, die zum Teil recht unvorteilhaft waren. Da die Sallé London verlassen hatte, wurden die Tänze gestrichen, außerdem der Chor Dall’orror di notte cieca (Nr. 39). Sieben Arien wurden auf ihren A-Teil reduziert, was für Händel vollkommen ungewöhnlich ist. Der Part des Ruggiero wurde für den Soprankastraten Gioacchino Conti, genannt „Gizziello“, um einen bis anderthalb Töne höher transponiert. Die Partie der Morgana wurde nach dem Ausscheiden von Cecilia Young (der späteren Frau des Komponisten Thomas Augustin Arne) von Rosa Negri, der Schwester Maria Caterinas, übernommen, um eine Terz tiefer gesetzt und stark reduziert: „Ama sospira“ (Nr. 21) wurde gestrichen und „Tornami a vagheggiar“ (Nr. 15) unlogischerweise auf Alcina übertragen. In den Aufführungen vom Juni 1737 schob Händel für Rosa Negri allerdings zwei zusätzliche Arien ein, die er Arianna in Creta und Admeto entnahm.Anthony Hicks: Alcina, An Introduction, Booklettext zu: Alcina. EMI CDS 7-497712, Hayes 1988, S. 9–10
Für 1738 sind mindestens zwei Aufführungen der Alcina im Februar und August in Braunschweig unter Leitung von Georg Caspar Schürmann mit deutschen Rezitativen und der Tänzerin Sophie Amalia Bonnefond dokumentiert, danach verschwand das Werk wie alle anderen Händelopern von der Bildfläche, bis es am 5. September 1928 in Leipzig durch den Dirigenten Oskar Braun auf die Bühne gebracht wurde. Dabei wurde Alcina nur zweimal und in deutscher Sprache (Textfassung: Herman Roth) mit der Choreographie von Erna Abendroth-Ihrke gegeben.
mini|Joan Sutherland, 1962 Die Oper erlebte bereits 1959, also ungewöhnlich früh, in Köln einige konzertante Aufführungen und eine Radio-Einspielung in historischer Aufführungspraxis und in Originalsprache durch die Cappella Coloniensis unter Ferdinand Leitner mit Joan Sutherland, die die Rolle schon zuvor in England gesungen hatte und in letzter Minute einsprang; der Ruggiero wurde dabei noch unhistorisch von dem Tenor Fritz Wunderlich übernommen.Diese Radio-Aufnahmen gerieten zunächst in Vergessenheit und wurden erst Jahrzehnte später auf CD veröffentlicht. Siehe Booklet zur CD: Melodram 022 (1959): Joan Sutherland (Alcina), Fritz Wunderlich (Ruggiero), Jeannette van Dijck (Morgana), Norma Procter (Bradamante), Nicola Monti (Oronte), Thomas Hemsley (Melisso), Cappella Coloniensis; Dir. Ferdinand LeitnerBernhard Jahn: Alcina (HWV 34), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 286 Durch Sutherland erlangte Alcina als eine der ersten Händelopern eine internationale Popularität, da die Titelpartie bis in die 1980er Jahre zu ihren virtuosen Glanzrollen gehörte, wobei in ihren Aufführungen und Einspielungen (unter der Leitung ihres Mannes Richard Bonynge) die Wiederholungen in Dacapo-Arien virtuos ausgeziert und die Rolle des Ruggiero historisch korrekt mit Mezzosopranen (u. a. Teresa Berganza) besetzt wurde, allerdings nicht (mehr) mit „Originalinstrumenten“.Zu Sutherlands Händel-Interpretation allgemein und ihren Alcina-Aufführungen insbesondere, siehe: Martin Elste: Händels Opern auf Tonträgern, in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband I. Laaber, (o. O.) 2009, ISBN 3-89007-686-6, S. 472–475.Siehe die Aufnahme: Decca GOS 509-11 (1962): Joan Sutherland (Alcina), Teresa Berganza (Ruggiero), Graziella Sciutti (Morgana), Monica Sinclair (Bradamante), Luigi Alva (Oronte), Ezio Flagello (Melisso), Mirella Freni (Oberto), London Symphony Orchestra; Dir. Richard Bonynge Zu den bedeutenden Interpretinnen der Titelrolle (und mit Barockorchestern) gehörten später Arleen Augér und Renée Fleming.
Libretto Ludovico Ariostos Epos Orlando furioso (Der rasende Roland), erstmals 1516 und dann 1532 in seiner endgültigen Form erschienen, enthält innerhalb der Rahmenhandlung – dem Kampf der Christen gegen die Heiden – zahlreiche selbständige Einzelepisoden, die von den Taten fahrender Ritter und ihren Liebesabenteuern handeln. Die Geschichte von der Zauberin Alcina basiert auf dem 6., 7. und 10. Gesang des Orlando furioso.Silke Leopold: Händel. Die Opern. Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009, ISBN 978-3-7618-1991-3, S. 211.
Die erste bekannte Oper über die Alcina-Episode war Francesca Caccinis La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina von 1625.Bernhard Jahn: Alcina (HWV 34), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 281 Von zahlreichen anderen Vorgängerwerken sei Tomaso Albinonis Alcina delusa da Ruggiero über ein Libretto von Antonio Marchi erwähnt, eine Oper, die 1725 in Venedig uraufgeführt wurde, aber außer dem Stoff nichts mit Händel zu tun hat.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 315 (Fußnote 7).
Händels Libretto basiert auf L’Isola di Alcina, einer Oper von Riccardo Broschi, dem Bruder des berühmten Farinelli (der 1735 Star der rivalisierenden Adelsoper war), die 1728 am Teatro Capranica in Rom uraufgeführt worden war. Das Libretto zur Broschi-Oper wird in der Literatur häufig Antonio Fanzaglia zugeschrieben,Bernhard Jahn: Alcina (HWV 34), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 281Baselt, Bernd: Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8, S. 420.The New Grove Dictionary of Music, Artikel Riccardo Broschi laut Anthony Hicks ist der Autor jedoch unbekannt: Fanzaglia habe das anonyme Libretto nur für eine Wiederaufführung von Broschis Oper in Parma (1729) unter dem Titel Bradamante nell’isola d’Alcina bearbeitet. Die Tatsache, dass die im römischen Textbuch enthaltene Widmung von dem Impresario Giuseppe Polvini Faliconti unterschrieben wurde, sei auch kein Grund anzunehmen, dass der letztere der Autor war.Anthony Hicks: Alcina, An Introduction, Booklettext zu: Alcina. EMI CDS 7-497712, Hayes 1988, S. 5
Händel könnte bei seiner Italienreise 1729 eine Kopie dieses Textbuches erworben haben. Wer der Bearbeiter von Händels Vorlage war, ist ebenfalls nicht bekannt. Möglicherweise nahm er selber die Änderungen vor, die bei Alcina aber geringer ausfallen und weniger radikal sind als sonst bei ihm üblich. Laut Winton Dean seien sie aber „signifikant als Beispiel seiner Technik, den Verlauf des Dramas zwingender zu gestalten“.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 315. Vor allem wurden die Rollen von Morgana und Melisso, und in geringerem Umfang auch von Bradamante und Oronte gekürzt. Eine wichtige Neuerung ist die Einführung der Figur des Knaben Oberto, der auf der Suche nach seinem Vater ist, welcher zu Alcinas Opfern gehört und in einen Löwen verwandelt wurde. Außerdem wurden mehrere Chöre ergänzt.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006, Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 315–316.
Handlung Vorgeschichte