mini|Ausweitung des deutschen und sowjetischen Machtbereichs in Mittel- und Osteuropa (1938–1941) Die Sowjetische Besetzung Lettlands 1940 war die erste gewaltsame Besetzung der Republik Lettland durch die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Sie dauerte bis zum deutschen Unternehmen Barbarossa.
Ablauf mini|Abschluss des Molotow-Ribbentrop-Vertrags
Konkrete Planungen zu einer militärischen Ausdehnung der Sowjetunion nach Westen bestanden seit 1938.Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, S. 33. Durch den Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes (Molotow-Ribbentrop-Pakt) erhielt der Diktator Josef Stalin dann freie Hand zur Einverleibung der osteuropäischen Kleinstaaten des ehemaligen Cordon sanitaire. Stalin sagte am 2. Oktober 1939 zum lettischen Außenminister Vilhelms Munters bezüglich der Anerkennung Lettlands auf ewige Zeiten im Friede von Riga:
Die Rote Armee hatte damals starke Kräfte an der Grenze zum Baltikum konzentriert. Im September 1939 besetzte sie den östlichen Teil Polens. Im Oktober 1939 erhielten die Regierungen von Litauen, Lettland, Estland und Finnland zeitversetzt Ultimaten, die die Eröffnung von sowjetischen Militärbasen in diesen Ländern forderten.Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, S. 34. Stalin ließ an der lettischen Grenze rund 170.000 Soldaten der 7. Armee aufmarschieren.Kaspars Zellis: Die Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion 1940/41. In: Ivars Ijabs, Jan Kusber, Ilgvars Misāns, Erwin Oberländer (Hg.): Lettland 1918–2018. Ein Jahrhundert Staatlichkeit. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, S. 65–75, hier S. 66. Sie hatten Befehl, auf Riga vorzustoßen, falls die Regierung Lettlands sich dem Ultimatum nicht beugen sollte. Unter diesem Druck unterzeichnete der lettische Präsident Kārlis Ulmanis zwangsweise eine Serie von Verträgen, welche unter anderem die Stationierung von etwa 30.000 Rotarmisten, der doppelten Personalstärke von Lettlands Armee, zur Folge hatte.
Auf deutscher Seite nahm man an, dass eine sowjetische Besetzung unmittelbar bevorstand und auf Initiative des estlanddeutschen Nationalsozialisten Erhard Kroeger wurde Hitler von der Umsiedlung der Deutsch-Balten überzeugt.Markus Leniger: Nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“ und Umsiedlungspolitik 1933–1945. Frank & Timme, Berlin 2006, ISBN 978-3-86596-082-5, S. 59 ff. Die Deutsch-Balten wurden im Einvernehmen mit der Sowjetunion unter dem Motto Heim ins Reich nach dem Abschluss des Umsiedlungsvertrags mit Lettland vom 30. Oktober 1939 unvorbereitet und improvisiert unter der Leitung des Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums Heinrich Himmler im Wartheland und in Danzig-Westpreußen angesiedelt.Markus Leniger: Nationalsozialistische „Volkstumsarbeit“ und Umsiedlungspolitik 1933–1945, Frank & Timme, 2006, S. 75 ff. Aus Rücksicht darauf wartete Stalin zunächst mit weiteren Schritten gegenüber Lettland.Kaspars Zellis: Die Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion 1940/41. In: Ivars Ijabs, Jan Kusber, Ilgvars Misāns, Erwin Oberländer (Hg.): Lettland 1918–2018. Ein Jahrhundert Staatlichkeit. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, S. 65–75, hier S. 66–67. Die Einverleibung Lettlands war zunächst für den April 1940 vorgesehen, wurde jedoch noch einmal verschoben, da der bevorstehende Angriff der Wehrmacht im Westen die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf diesen Schauplatz lenken würde.Kaspars Zellis: Die Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion 1940/41. In: Ivars Ijabs, Jan Kusber, Ilgvars Misāns, Erwin Oberländer (Hg.): Lettland 1918–2018. Ein Jahrhundert Staatlichkeit. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, S. 65–75, hier S. 67.
Im Sommer 1940 standen mehrere sowjetische Armeen bereit, um das Baltikum, wenn nötig gewaltsam, zu besetzen. Im Morgengrauen des 15. Juni 1940 überfielen Einheiten des NKWD den lettischen Grenzposten Masļenki und den Grenzposten in Šmaiļi („Masļenki-Überfall“).Matthias Knoll, Valters Nollendorfs (Hg.): Latvija zem Padomju Savienības un nacionālsociālistikās Vācijas varas, 1940–1991 / Lettland unter sowjetischer und nationalsozialistischer Herrschaft. Eine Darstellung des Lettischen Okkupationsmuseums. Latvijas 50 gadu okupacijas muzeja fonds, Riga / Verlag Wissenschaft und Politik, Köln, 1998, ISBN 9984-9332-0-2 (Latvijas Okupācijas Muzejs) und ISBN 3-8046-8862-4 (Verlag Wissenschaft und Politik), S. 21. Sie töteten drei Grenzschützer, eine Frau und ein Kind.Dzintra Bungs, Valters Nollendorfs, Gundega Michele, Aija Ventaskraste: Latvia under the Rule of the Soviet Union and National Socialist Germany 1939–1991. Lettisches Okkupationsmuseum, Riga 2024, ISBN 978-9934-9233-3-3, S. 21. 37 Zivilisten wurden in die Sowjetunion verschleppt.Andrejs Edvīns Feldmanis: Masļenku traģēdija - Latvijas traģēdija. Latvijas 50 gadu okupācijas muzeja fonds, Riga 2002, ISBN 9984-9332-9-6, S. 68.
Am 16. Juni überreichte Molotow dem lettischen Gesandten in Moskau ein neues Ultimatum.Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, S. 35. Ulmanis hatte – so die sowjetische Forderung – unverzüglich zurückzutreten und der unbegrenzten Aufstockung des sowjetischen Militärkontingents zuzustimmen. Von Moskau aufgelistete Personen sollten zu einer neuen Regierung ernannt werden. Noch bevor das Ultimatum um 23 Uhr Moskauer Zeit ablief,Norman Ridley: The horror of Himmler’s death squads. The Einsatzgruppen and the Holocaust in the Baltics. Frontline Books, Barnsley 2024, ISBN 978-1-0361-0670-6, S. 52. begannen stationierte und einmarschierende Verbände der Roten Armee bereits wichtige Punkte im Land zu besetzen. Am 17. Juni 1940 war die Besetzung Lettlands durch die Rote Armee abgeschlossen.Dzintra Bungs, Valters Nollendorfs, Gundega Michele, Aija Ventaskraste: Latvia under the Rule of the Soviet Union and National Socialist Germany 1939–1991. Lettisches Okkupationsmuseum, Riga 2024, S. 19. Ulmanis befahl, keinen Widerstand zu leisten, und ernannte wie gefordert eine neue Regierung sowie Augusts Kirhenšteins zu seinem Nachfolger. Am 18. Juni erschien der Beauftragte Stalins für den Anschluss, Andrei Januarjewitsch Wyschinski, in Riga.Irēne Šneidere: The Occupation of Latvia in June 1940. A Few Aspects of the Technology of Soviet Agression. In: Valters Nollendorfs, Erwin Oberländer (Hrsg.): The hidden and forbidden history of Latvia under Soviet and Nazi occupations, 1940–1991. Selected research of the Commission of the Historians of Latvia (= Latvijas Vēsturnieku komisijas raksti, Band 14). Institute of the History of Latvia, Riga 2005, S. 43–52, hier S. 46. Obwohl Lettland nach wie vor ein unabhängiger Staat war, wurden Angehörige der führenden Gesellschaftsschichten durch Tschekisten in Massen verhaftet, nach Russland deportiert oder auch erschossen.Arveds Schwabe: Histoire du peuple letton. Bureau d’Information de la Légation de Lettonie à Londres, Stockholm 1953, S. 223. General Ludvigs Bolšteins, der Kommandeur der Nationalgarde der Republik Lettland, erschoss sich am 21. Juni, nachdem er eine „Notiz für meine Vorgesetzten“ verfasst hatte:
Am 14. und 15. Juli 1940 wurden Scheinwahlen zu einem neuen Volksparlament abgehalten. Zur Wahl war nur eine Wahlliste zugelassen, der von der Sowjetunion gesteuerte „Block der Werktätigen des Volkes“ (Darba tautas bloks).Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, S. 37. Die einzige Aufgabe des Volksparlamentes war, die sowjetische Annexion Lettlands vorzubereiten.Kaspars Zellis: Die Okkupation Lettlands durch die Sowjetunion 1940/41. In: Ivars Ijabs, Jan Kusber, Ilgvars Misāns, Erwin Oberländer (Hg.): Lettland 1918–2018. Ein Jahrhundert Staatlichkeit. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, S. 65–75, hier S. 69. Eine Abordnung der neuen Parlamentarier reiste nach Moskau und „bat“ um die „Aufnahme“ in die Sowjetunion.Björn M. Felder: Lettland im Zweiten Weltkrieg. Zwischen sowjetischen und deutschen Besatzern 1940–1946. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009, S. 38. Am 5. August 1940 beschloss der Oberste Sowjet der Sowjetunion die Eingliederung Lettlands in die Sowjetunion. Mit Errichtung der Lettischen SSR (LSSR) hörte so auch die Republik Lettland de facto auf zu bestehen. Der Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR, der konterrevolutionäre Aktivitäten mit Strafe bedrohte, wurde in der Lettischen SSR rückwirkend in Kraft gesetzt, sodass jeglicher Einsatz für die Unabhängigkeit und Freiheit der Republik Lettland seit 1918 potentiell strafbar wurde.Norman Ridley: The horror of Himmler’s death squads. The Einsatzgruppen and the Holocaust in the Baltics. Frontline Books, Barnsley 2024, S. 54. Dieser Gummiparagraph wurde eingesetzt, um den Stalinismus in der LSSR durchzusetzen. Doch der Widerstand der lettischen Bevölkerung gegen die sowjetische Besetzung hielt an. Sie hissten die Flagge Lettlands, sangen Dievs, svētī Latviju, die Nationalhymne, und legten am Freiheitsdenkmal Blumen nieder.Norman Ridley: The horror of Himmler’s death squads. The Einsatzgruppen and the Holocaust in the Baltics. Frontline Books, Barnsley 2024, S. 56.
Die erste Massendeportation im Juni 1941 Daraufhin wurden etwa 35.000 Letten 1940 und 1941 nach Sibirien deportiert, davon allein 15.000 in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1941.Ansgar Graw: Der Freiheitskampf im Baltikum. Straube, Erlangen 1991, ISBN 3-927491-39-X, S. 127. Ein Drittel der in jener Nacht deportierten Letten waren Juden.Lettland. In: Eberhard Jäckel (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. Band 2: H–R. Argon, Berlin 1993, ISBN 3-87024-302-3, S. 854–857, hier S. 856. Das Gedenkbuch Aizvestie (Die Verschleppten) nennt 15.424 Namen.Ainārs Bambals und andere (Hrsg.), Guna Pence, Līga Vītola (Bearb.): Aizvestie. Gada 1941, junijs 14. Nordik, Riga, 2., ergänzte Aufl. 2007, S. 753–801. An den sowjetischen Bahnhöfen, an denen die Verschleppten nach tage- oder wochenlanger Fahrt in Viehwaggons ankamen, trennten die Wachmannschaften die Männer von ihren Frauen. Die Männer wurden in die Lager des Gulag verbracht.Norman Ridley: The horror of Himmler’s death squads. The Einsatzgruppen and the Holocaust in the Baltics. Frontline Books, Barnsley 2024, S. 58. Die geheimen Befehle zur Deportation der Letten hatte Iwan Serow, General des NKWD, bereits am 11. Oktober 1939, sechs Tage nach dem Sowjetisch-Lettischen „Beistandsabkommen“, unterzeichnet.Valdis O. Lumans: Latvia in World War II. Fordham University Press, 2006, ISBN 0-8232-2627-1, S. 135. Die Abläufe der Verschleppung hatte das Zentralkomitee der KPdSU am 14. Mai 1941 mit der Direktive Nr. 1299-526 an das Volkskommissariat für Staatssicherheit verfügt.Norman Ridley: The horror of Himmler’s death squads. The Einsatzgruppen and the Holocaust in the Baltics. Frontline Books, Barnsley 2024, S. 57.
Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann die deutsche Besetzung Lettlands im Zweiten Weltkrieg. Sie dauerte knapp vier Jahre, bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs 1945, worauf die Lettische SSR wiederhergestellt wurde und bis zum Zerfall der Sowjetunion und der Errichtung der Republik Lettland 1990 bestand.
Nachwirkungen und Bedeutung in der Innenpolitik ab 1990