Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn Abī Zaid ʿAbd ar-Rahmān al-Qairawānī ( geb. 922 in Kairouan, gest. 17. September 996 ebenda) war ein malikitischer Rechtsgelehrter in Kairouan, der durch seine Lehrtätigkeit, Fatwa-Aktivität und umfassenden Werke wesentlich zur Systematisierung der malikitischen Lehre und ihrer Verbreitung unter der Bevölkerung von Ifrīqiya beigetragen hat. Wegen seiner überragenden Bedeutung für die malikitische Rechtsschule ist er auch „Mālik der Jüngere“ (Mālik aṣ-ṣaġīr) genannt worden.Aš-Šīrāzī: Ṭabaqāt al-fuqahāʾ. 1970, S. 160.
Ibn Abī Zaid, der selbst unter schiitischer Herrschaft lebte, hat mit seinem Wirken die Restauration des Sunnitentums in Nordafrika vorbereitet, die mit der Abwendung der Zīrīden von den schiitischen Fatimiden unter al-Muʿizz ibn Bādīs im Jahre 1045 ihren Abschluss fand.Idris: "Ibn Abī Zayd al-Ḳayrawānī" in EI² Bd. III, S. 695a. Seine umfangreichen Werke, die zum Teil in Abschriften aus seiner Zeit erhalten sind, sind die einzigen Quellen zur Erfassung verschollener malikitischer Schriften aus der produktiven Epoche der Aghlabiden.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 235.
Leben Herkunft und Ausbildung Die Herkunft von Ibn Abī Zaids Familie ist unsicher: entweder kam sie aus Nafza in Spanien oder aus Nafzāwa in Ifrīqiya. Er begann sein Studium bereits in sehr jungen Jahren und hörte bei zahlreichen Autoritäten in Kairouan. Sein wichtigster Lehrer im Bereich des Fiqh war Abū Bakr Muhammad Ibn Labbād (gest. 944).ad-Dabbāġ/Ibn Nāǧī: Maʿālim al-īmān 1978, Bd. III, S. 109. Er vermittelte Ibn Abī Zaid auch die meisten Hadith- und Fiqh-Bücher, auf die er sich später in seinen eigenen Werken stützte.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 248. Die Vorlesungen, die Ibn Abī Zaid bei Ibn Labbād besuchte, hatten den Charakter konspirativer Zusammenkünfte, denn der schiitische Statthalter von Kairouan hatte diesen unter Hausarrest gestellt und ihm Lehrverbot erteilt.Al-Qāḍī ʿIyāḍ: Tartīb al-madārik. 1981, Bd. V, S. 293f. Weitere bedeutende Lehrer waren Saʿdūn al-Chaulānī (gest. 935), Abū l-Fadl al-Mumsī (gest. 944), Abū Sulaimān al-Qattān (gest. 944), Abū l-ʿArab at-Tamīmī (gest. 944), ʿAbdallāh Ibn Masrūr (gest. 957) und Abū Ishāq as-Sabā'ī (gest. 966).Für einen Überblick zu Ibn Abī Zaids Lehrern vgl. Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 41–43.
Noch bevor Ibn Abī Zaid 20 Jahre alt war, begab er sich auf eine Bildungsreise (rīḥla) in den Osten. In Mekka und Medina studierte er bei verschiedenen Hadith-Gelehrten, darunter Ibn al-Aʿrābī und Ahmad ibn Muhammad ibn Ziyād (gest. 953), in Ägypten bei dem malikitischen Qādī Abū ʿUthmān Ahmad ibn Ibrāhīm (gest. 941), der ihm die Bücher der bedeutenden irakischen Malikiten vermittelte.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 235, 257f.
Aktivität als Gelehrter Nach seiner Rückkehr in seine Heimat betätigte sich Ibn Abī Zaid als Gelehrter und Mufti. Al-Wanscharīsī (gest. 1508) referiert in seinem al-Miʿyār al-muʿrib viele seiner Fatwas.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 236. Einige Fatwas hatten auch einen politischen Charakter. So stufte er in mehreren von ihnen die Fatimiden und diejenigen, die sie unterstützten, als Ungläubige ein.Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 41–43. Ein zu seiner Zeit viel diskutiertes Problem war die Frage, ob die Zakāt, die die muslimischen Gläubigen an die Fatimiden entrichten mussten, eine gültige islamrechtliche Zakāt war. Während Ibn Abī Zaid zunächst zusammen mit seinem Lehrer Ibn Labbād aus Nützlichkeitserwägungen die Meinung vertrat, dass man diese Zahlung als gültige Zakāt-Leistung ansehen könne, weil sonst die Muslime noch ein zweites Mal die Zakāt leisten müssten, änderte er später seine Meinung und erklärte die an die Fatimiden geleistete Zakāt für ungültig, mit dem Argument, dass sie für verbotene Dinge verwendet würde und auch nicht den Muslimen zugute komme.Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 46f.
Als 943 der Aufstand des Ibaditen Abū Yazīd Machlad ibn Kaidād ausbrach, hatten die sunnitischen Gelehrten wegen seiner Feindschaft zu den Fatimiden große Sympathien mit ihm. Nachdem Abū Yazīd im Oktober 944 Kairouan eingenommen hatte, schlossen sich viele von ihnen seinen Truppen an, darunter auch die meisten von Ibn Abī Zaids Lehrern. Viele von ihnen fielen im Kampf gegen die Fatimiden.Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 39f, 80f. Ob Ibn Abī Zaid ebenfalls mitgekämpft hat, ist nicht bekannt, doch verfasste er ein Trauergedicht auf seinen im Kampf gefallenen Lehrer Abū l-Fadl al-Mumsī.Al-Qāḍī ʿIyāḍ: Tartīb al-madārik. 1981, Bd. V, S. 308.
In der Folgezeit tat sich Ibn Abī Zaid vor allem als Lehrer und Autor bedeutender malikitischer Rechtswerke und hervor. Insgesamt hatte er 71 namentlich bekannte Schüler.Bredow: Der Heilige Krieg (ǧihād). 1998, S. 5. Darunter waren sowohl Nordafrikaner wie al-Barādhiʿī (gest. 983), Abū l-Hasan al-Qābisī (gest. 1012), Makkī ibn Abī Tālib Ibn Hammūsch (gest. 1045) und ʿAbd ar-Rahmān al-Labīdī (gest. 1049) als auch Andalusier wie Muhammad ibn Mūhib (gest. 1015), der Großvater von Abū l-Walīd al-Bādschī, Ibn al-Hadhdhā' (gest. 1025), Muhammad ibn ʿAbdallāh Ibn ʿĀbid al-Maʿāfirī (gest. 1047) und ʿAbdallāh Ibn al-Walīd (gest. 1056).Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 91–101. Viele der andalusischen Gelehrten suchten Ibn Abī Zaid für längere Zeit auf, machten Abschriften von seinen Werken und nahmen sie mit in ihre Heimat. Für die Vermittlung seiner Werke nach Andalus waren besonders Ibn ʿĀbid und Ibn al-Walīd wichtig, daneben aber auch der Nordafrikaner Ibn Hammūsch, der später nach Córdoba auswanderte.Fórneas: "Recepción y difusión en al-Andalus de algunas obras de Ibn Abī Zayd al-Qayrawānī". 1987, S. 334. Ibn Abī Zaids Ruf drang sogar bis in den Irak. Sein Zeitgenosse Ibn an-Nadīm (gest. 995) erwähnt ihn in seinem Fihrist als „einen der bedeutenden Männer unserer Zeit“.Idris: Note sur l’identification. 1953, S. 66. Der aschʿaritische Kalām-Gelehrte Ibn Mudschāhid, der Scheich von al-Bāqillānī, forderte 979 in einem Brief an Ibn Abī Zaid Kopien zweier seiner Rechtswerke an.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 251.
Zusammen mit anderen Gelehrten pflegte Ibn Abī Zaid die Sabt-Moschee in Kairouan zu besuchen, in der wöchentlich mystische Sitzungen stattfanden. Aus Furcht vor den herrschenden Fatimiden hielt er diese Besuche jedoch geheim.Hady Roger Idris: La Berbérie orientale sous les Zīrīdes. Paris, 1962. S. 694.
Tod und Nachkommen Ibn Abī Zaid starb am 30. Schaʿbān 386 (= 17. September 996) kurz nach Mittag. Sein Schüler al-Qābisī leitete am nächsten Tag die Begräbniszeremonie, der unzählige Menschen beiwohnten.ad-Dabbāġ/Ibn Nāǧī: Maʿālim al-īmān 1978, Bd. III, S. 118. Man begrub Ibn Abī Zaid in der Erde seines eigenen Hauses.
Ibn Abī Zaid hatte zwei Söhne: Abū Bakr Ahmad und Abū Hafs ʿUmar. Ersterer überlieferte die Bücher seines Vaters und wurde 1043 von al-Muʿizz ibn Bādīs kurzzeitig zum Qādī von Kairouan ernannt. Daneben wird in verschiedenen Quellen auch eine Tochter erwähnt.Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 64f, 94.
Das Grab Ibn Abī Zaids wurde später zum bevorzugten Ziel von Pilgern. Es befindet sich in einer engen und verwinkelten Gasse in der Altstadt von Kairouan, die seinen Namen trägt,Vgl. Bredow: Der Heilige Krieg (ǧihād). 1998, S. 6. und ist als Maqām Sīdī Abū Muhammad bis heute bekannt. Auch die Fundamente seines Hauses sind dort noch zu sehen.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 236.
Werke Insgesamt sind 35 Werke von Ibn Abī Zaid al-Qairawānī bekannt.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 236. Im Folgenden werden nur diejenigen Werke erwähnt, über deren Inhalt greifbare Informationen vorliegen:
Die Risāla Ar-Risāla („Das Sendschreiben, der Traktat“), auch bekannt als Bākūrat as-Saʿd („Anfang des Glücks“) und Zubdat al-Maḏhab ("Quintessenz des Madhhabs), ist eine Zusammenfassung der malikitischen Rechtsdoktrin für Unterrichtszwecke. Im ersten Kapitel behandelt der Autor die Frage der Definition des Glaubens, nimmt Stellung zu Gottes Attributen und weist die Lehre von der Erschaffenheit des Korans zurück.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 236. Der kairouanische Historiograph ad-Dabbāgh (gest. 1300) berichtet, dass Ibn Abī Zaid das Werk im Jahre 938/939, als er erst 17 Jahre alt war, auf Bitten seines Lehrers as-Sabā'ī abfasste, der von ihm ein „kurzgefasstes Buch über den Glauben der Ahl as-sunna zusammen mit Fiqh und Anstandsregeln“ wünschte, „damit die Kinder der Muslime dies lernen.“ad-Dabbāġ/Ibn Nāǧī: Maʿālim al-īmān 1978, Bd. III, S. 111. Andere Gelehrte behaupteten dagegen, dass er das Werk für den Erzieher Muhriz ibn Chalaf (gest. 1022) verfasst hatte, der später unter dem Namen Sīdī Mahrez zum Stadtpatron von Tunis wurde.Idris: Note sur l’identification. 1953, S. 64. H.R. Idris vermutet, dass es sich um zwei verschiedene Redaktionen der Risāla handelte, die Ibn Abī Zaid jeweils unterschiedlichen Personen widmete. Erhalten hat sich seiner Auffassung nach nur die jüngere Version des Werks, in deren Vorwort Ibn Abī Zaid aus der Position eines erfahrenen und angesehenen Gelehrten spricht.Idris: Note sur l’identification. 1953, S. 67f. Nach Idris ist die Risāla als ein „Werk der Propaganda“ und als malikitisches Gegenstück zu den Daʿāʾim al-Islām des bekannten ismailitischen Qādīs Abū Hanīfa an-Nuʿmān zu verstehen.Vgl. Idris in EI² Bd. III, S. 695a.
Das Werk fand eine schnelle Verbreitung nicht nur islamischen Westen, sondern wurde auch in den Lehrzirkeln des Malikiten Abū Bakr al-Abharī (gest. 985) in Bagdad mit Begeisterung aufgenommen. Es heißt, dass die erste Abschrift des Werks in diesem Kreis für zwanzig Gold-Dinar verkauft wurde.ad-Dabbāġ/Ibn Nāǧī: Maʿālim al-īmān 1978, Bd. III, S. 111. Auch in späteren Generationen wurde es im malikitischen Lehrbetrieb viel benutzt. In den Bibliotheken des subsaharischen Afrikas findet sich eine Unmenge von Handschriften des Werks. Über Jahrhunderte war es hier der grundlegende Einführungstext für die Islamische Rechtswissenschaft. So erscheint es bis zum 18. Jahrhundert geradezu standardmäßig in den Biographien westafrikanischer Gelehrter als einer der von ihnen studierten Texte. Abdullahi dan Fodio erwähnt es in seinem autobiographischen Text Īdāʿ an-nusūḫ insgesamt sechs Mal. Auch sein Bruder Uthman Dan Fodio erwähnt den Text häufig in seinen Schriften.Vgl. Kenny: "Mālikī law and the Risāla of Ibn Abī Zayd al-Qayrawānī". 1983, S. 68. Bis heute wird es an der Azhar in Ägypten, der Zaitūna in Tunesien, der Qarawīyīn-Hochschule in Marokko als Lehrbuch verwendet.Al-Magūz: A critical edition of fourteenth part of Kitāb an-Nawādir wa az-ziyādāt. 1989, S. 108. Wegen seiner großen Bedeutung im malikitischen Unterrichtswesen ist das Buch auch häufig kommentiert worden. Der marokkanische Gelehrte al-Hasan az-Zain al-Filālī zählt insgesamt 134 Kommentare.Muranyi: Beiträge zur Geschichte der Ḥadīṯ- und Rechtsgelehrsamkeit der Mālikiyya in Nordafrika. 1997, S. 236f. Außerdem wurde es mehrfach in Kairo gedruckt.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Bd. I, S. 478–481.