Sprung in die Freiheit Fotograf: Peter Leibing Aufnahmedatum: 15. August 1961 Link zum Foto (Bitte Urheberrechte beachten) mini|hochkant=1.23|Fotostrecke der Flucht. Im Vordergrund ist der spätere SFB-Kameramann Dieter Hoffmann zu sehen, der den Sprung filmte. Das Foto Sprung in die Freiheit entstand am 15. August 1961 in Berlin. Der damals 20-jährige Fotograf Peter Leibing fotografierte Conrad Schumann, einen 19-jährigen Polizisten der Volkspolizei-Bereitschaften der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), genau in dem Moment, als er über Stacheldraht springend aus der DDR floh.
Das Foto ging unmittelbar darauf um die Welt und wurde zu einer der Medienikonen des Kalten Krieges.Ulrike Pilarczyk, Ulrike Mietzner: Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2005, ISBN 3-7815-1409-9, S. 76. Seit 2011 gehört der Sprung in die Freiheit im Rahmen der Dokumente zum Bau und Fall der Berliner Mauer zum deutschen UNESCO-Weltdokumentenerbe.deutsches Weltdokumentenerbe Bau und Fall der Berliner Mauer und der Zwei-Plus-Vier-Vertrag, wozu auch der Sprung in die Freiheit gehört.
Geschichte Entstehung
Das Politbüro der SED unter Führung Walter Ulbrichts hatte in enger Absprache mit der Führung der Sowjetunion unter ihrem Präsidenten Nikita Chruschtschow beschlossen, eine Mauer quer durch Berlin bauen zu lassen. Die Bauarbeiten begannen zunächst durch Abriegelung der Sektorengrenze am 13. August 1961.
Conrad Schumann war Angehöriger einer Einheit der Volkspolizei-Bereitschaften, die wiederum Teil der kasernierten Einheiten des Ministeriums des Innern der DDR waren. Er war zur „Grenzsicherung“ während der Bauarbeiten an der Mauer abkommandiert. Seine Einheit war deshalb am 12. August von Dresden nach Berlin entsandt worden.
mini|Bernauer Straße, Ecke Ruppiner Straße im Jahre 2007 mini|Der Sprung in der East Side Gallery Schumann versah seinen Dienst an der Sektorengrenze in der Bernauer Straße, deren Besonderheit darin bestand, dass der Bürgersteig zu West-Berlin gehörte, wohingegen die (noch bewohnten) Häuser zu Ost-Berlin gehörten. Am 15. August 1961 stand Conrad Schumann als Posten an der Ecke Ruppiner Straße, unmittelbar an der provisorisch mit Stacheldraht gezogenen Grenze zum französischen Sektor.
Da sich in den Ost-Berliner Häusern der Bernauer Straße in den Tagen des Mauerbaus dramatische Fluchtszenen abspielten, von denen einige – wie z. B. mehrere Sprünge von Hausbewohnern aus Fenstern in ein Sprungtuch der West-Berliner FeuerwehrFlucht aus der Bernauer Straße (Filmdokumentation in Englisch)Offizieller Imagefilm der Gedenkstätte Berliner Mauer – vom Fernsehen übertragen wurden, hatte sich auf der Westseite bereits eine größere Menschenmenge versammelt.
Peter Leibing war Volontär bei der Hamburger Bildagentur Conti-Press,Informationen zur Conti-Press-Bildagentur im Staatsarchiv Hamburg die ihn am 14. August nach Berlin schickte. In: Berliner Zeitung vom 11. August 2001. Leibing ging sofort zur Bernauer Straße und beobachtete zunächst, wie Schumann auf und ab ging oder an eine Hauswand gelehnt eine Zigarette rauchte. Dabei entstanden erste Fotos. Passanten berichteten ihm, dass der „Soldat“ bereits mehrfach am Stacheldraht gewesen sei, um dessen Höhe zu prüfen und ihn etwas herunterzudrücken. Einmal soll er einem Zuschauer „Ich werde springen“ zugeflüstert haben. Daraufhin informierte der Mann die West-Berliner Polizei, die einen Transporter von Typ Opel Blitz rückwärts in die Nähe des Stacheldrahtes fuhr und die Hecktür öffnete, um Schumann zu signalisieren, dass ein Fahrzeug für ihn bereitstehe.Frederick Kempe: Berlin 1961: Kennedy, Khrushchev, and the Most Dangerous Place on Earth. G. P. Putnam’s Sons, New York 2012, ISBN 978-0-425-24594-1.
In der Zwischenzeit hatte Leibing seine Kamera vom Typ Exakta, ausgestattet mit einem 200-mm-Teleobjektiv,Irene Jung: 50 Jahre Mauerbau: Peter Leibing – Ein Hamburger schreibt Fotogeschichte / 1961 fotografierte der spätere Abendblatt-Redakteur Peter Leibing, wie der DDR-Volkspolizist Conrad Schumann in die Freiheit sprang. Auf abendblatt.de vom 18. August 2011. auf die Szene fokussiert und wartete. Die DDR-Soldaten und Volkspolizisten hatten den Befehl erhalten, sich nicht von Personen aus dem Westen fotografieren zu lassen. Neben Peter Leibing stand nicht weit entfernt von ihm der Fotograf Klaus Lehnartz.Informationen zu Klaus Lehnartz beim DHM Beiden war dieser Befehl bekannt, und so richteten sie ihre Objektive auf zwei Soldaten auf der Schumann gegenüber liegenden Straßenseite. Die Soldaten wandten sich daraufhin umgehend ab, gingen in die dem Stacheldraht entgegengesetzte Richtung und konnten Schumann in dem Moment nicht mehr sehen. Diesen Augenblick nutzte er, um gegen 16 Uhr über die Absperrung in den Westen zu springen, wobei er sowohl von Lehnartz als auch Leibing fotografiert wurde.Martin Stief: Desertion im geteilten Berlin. Bekämpfung von Fahnenfluchten aus den Reihen der Bereitschaftspolizei im Jahr des Mauerbaus. BStU (Hrsg.), Berlin 2011, S. 6. Noch im Sprung streifte er seine Waffe, eine sowjetische Maschinenpistole PPSch-41, von der Schulter und ließ sie fallen. Sie fiel „im Westen“ auf den Boden, wo sie von einem Polizisten geborgen wurde. Anschließend rannte Schumann in den mit laufendem Motor bereitstehenden Opel Blitz, der dann mit ihm schnell wegfuhr, um ihn in Sicherheit zu bringen. Lehnartz nahm Leibing mit zur Bild-Zeitung, die Leibings Foto am folgenden Tag ganzseitig druckte.
Schumanns Sprung wurde gleichzeitig auch von dem Kameramann Dieter Hoffmann, der als freier Mitarbeiter für den Sender Freies Berlin arbeitete,Bundeszentrale für politische Bildung: Die Mauer und ihre Bilder auf 16-mm-Film aufgezeichnet.Film auf youtube Filmaufnahme des Sprungs Dieses Video ist aufgrund des Urheberrechtsanspruchs von Ruth Leibing nicht mehr verfügbar. Ein weiterer Fotograf stand im rechten Winkel zu Schumann, als er Anlauf zum Sprung nahm, und machte ebenfalls Fotos.Foto des anlaufenden Schumann, kurz vor dem Absprung, heute in der Polizeihistorischen Sammlung des Polizeipräsidenten in Berlin.
Rechtsstreit um die Bildrechte Bereits kurz nach den Geschehnissen behauptete Lehnartz, er habe das Foto gemacht, und verkaufte es auch unter seinem Namen. Leibing prozessierte später gegen Lehnartz, dem es schließlich ab 1981 per einstweiliger Verfügung untersagt war, sich als Urheber des Fotos auszugeben. Da Leibing allerdings das Foto im Auftrag seines Arbeitgebers Conti-Press gemacht hatte, ging das Honorar für die Nutzung des Fotos an die Agentur.
Nachdem Conti-Press 1980 in Konkurs gegangen war, wurde der Negativbestand vom Finanzamt für Körperschaften wegen Steuerschulden beschlagnahmt. 1989 wurde der komplette Fotonegativbestand in einer Auktion von Hans-Dieter Loose, dem Direktor des Staatsarchivs Hamburg, und Joachim W. Frank, dem Leiter der Plankammer des Staatsarchivs, ersteigert. Wieder folgte ein Rechtsstreit um die Rechte am Bild und die damit verbundenen Honorare, diesmal zwischen Leibing und dem Archiv. Man einigte sich schließlich darauf, dass beide Seiten Inhaber der Nutzungsrechte seien. Seither befindet sich das Negativ vom Sprung in die Freiheit im Archiv der Hansestadt.
Mediale Rezeption mini|Skulptur an der Hauswand Brunnenstraße 105 zur Erinnerung an Schumanns Sprung in die Freiheit Leibing hatte genau eine Aufnahme machen können, die Schumann mitten im Sprung über dem Stacheldraht beim Abstreifen der Waffe zeigt. Dabei kam ihm die Erfahrung, die er bei Aufnahmen von Springreitturnieren in Hamburg gemacht hatte, zugute.Jeanette Konrad: das Foto: Conrad Schumann. In: Karambolage 344, 9. November 2014. In kürzester Zeit ging das Foto um die Welt und wurde zum Symbol der Flucht aus der DDR. Die Regierung in Ost-Berlin ignorierte das Bild, im Westen dagegen wurde es gefeiert., Haus der Geschichte Der SPD-Politiker Egon Bahr, damals Leiter des West-Berliner Presseamtes, bezeichnete es kurz darauf als „Lichtblick“.
Noch im selben Jahr wurde der Sprung in die Freiheit vom New Yorker Overseas Press Club als „Best Photograph“ ausgezeichnet. Bis heute wird das Foto immer wieder – zunehmend außerhalb seines ursprünglichen Kontextes – publiziert, so z. B. auf Briefmarken, auf Gebrauchsartikeln, zu Werbezwecken und als (verfremdetes) Kunstobjekt. 2009 schufen die Brüder Florian und Michael Brauer zusammen mit Edward Anders in Berlin das Monument of the Jumping Soldier (Denkmal des springenden Soldaten), ein lebensgroßes Abbild des springenden Schumann. Es steht in der Nähe des Fluchtortes.Mauerspringer kehrt an seinen Sprungort zurück. In: Berliner Morgenpost In: Wochenpost, Sonntag, 14. August 2011.
Unter dem Titel Die Flucht, die nie zu Ende ging bearbeitete Jochen Vogt 2010 die Geschichte von Conrad Schumanns Sprung in die Freiheit und des Fotos zu einer 40-minütigen Fernsehdokumentation für den WDR.Sprung in die Freiheit – Die Flucht, die nie zu Ende ging. ARD-Programmankündigung von 2010.
Freundschaft zwischen Leibing und Schumann Den Fotografen und den Fotografierten verband eine jahrelange Freundschaft, die bis zu Schumanns Tod am 20. Juni 1998 hielt. 1986, zum 25. Jahrestag des Mauerbaus (und des Fotos), trafen sich beide wieder an der Ecke Bernauer und Ruppiner Straße.Ein Abendblatt- Redakteur traf sein berühmtes „Motiv“. Wiedersehen an der Mauer nach 25 Jahren In: Hamburger Abendblatt vom 26. Mai 1986.Foto von Conrad Schumann zusammen mit Peter Leibing in: sz-photo.de
Literatur
Weblinks Bericht des DDR-Bereitschaftspolizisten Conrad Schumann über seine Flucht nach West-Berlin am 15. August 1961, 16. August 1961. 3 Fotos von Leibing, vor und während des Sprungs In: LIFE vom 25. August 1961, S. 32/33. 11. August 1986, 25. Jahrestag des Mauerbaus: Conrad Schumann vor dem Foto seines Sprungs Stefan Küpper: Der Sprung seines Lebens: die Flucht. Wie Conrad Schumann der berühmteste Republikflüchtling wird. Eine zweiseitige Geschichte. In: Wochenend-Journal, Samstag, 7. November 2009. Bundeszentrale für politische Bildung: Die Mauer und ihre Bilder. Der Sprung seines Lebens. In: Augsburger Allgemeine vom 6. Mai 2010.
Einzelnachweise
Kategorie:Weltdokumentenerbe (Deutschland) Kategorie:Berliner Mauer Kategorie:Foto Kategorie:Ersterscheinen 1961 Kategorie:Politikgeschichte (Berlin) Kategorie:Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR