Die Deutsche Forschungshochschule, die zwischen 1947 und 1953 in Berlin-Dahlem bestand, geht auf einen Plan von Robert Havemann zurück, durch den zunächst die Weiterarbeit der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin verbliebenen Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (KWG) gesichert werden sollte. Fritz Karsen als Vertreter der amerikanischen Militärregierung griff diesen Plan auf und versuchte, eine Forschungshochschule nach dem Vorbild der amerikanischen Schools of Advanced Studies zu etablieren. Die Forschungshochschule sollte zugleich eine wichtige Rolle im Reeducation-Programm spielen.
Die Berliner Forschungslandschaft im Jahre 1945 Mit der sich abzeichnenden Niederlage des Deutschen Reichs verlegten viele der in Berlin ansässigen Institute der KWG ihren Sitz nach Süd- oder Westdeutschland, die Generalverwaltung übersiedelte im Februar 1945 nach Göttingen. Auch Finanzmittel wurden auf diese Weise in Sicherheit gebracht und ermöglichten den ausgelagerten Instituten in den Wirren nach der Kapitulation die Weiterarbeit.
Allerdings waren einige Institute beziehungsweise Teile von Instituten in Berlin zurückgeblieben. Deren Existenz war weitaus gefährdeter, Institutsgebäude waren oftmals zerstört oder wurden zunächst von den Alliierten beschlagnahmt. Viele dieser KWG-Reste befanden sich in Berlin-Dahlem. Ihre weitere Finanzierung entwickelte sich zu einem schwierigen Akt, dessen Akteure zunächst die vier alliierten Mächte und die neue zivile Berliner Verwaltung waren. Erste Anstöße für eine Neuorganisation der Berliner KWG-Institute und deren forschungspolitische Ausrichtung gingen von dem Chemiker Peter Adolf Thiessen aus, der aber nach kurzer Zeit als Berliner KWG-Präsident in die Sowjetunion ging. Oberbürgermeister Arthur Werner und der Leiter der Abteilung für Volksbildung, Otto Winzer, ernannten daraufhin „den Physikochemiker und Altkommunisten Robert Havemann zum vorläufigen Leiter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft“.Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 26. Es bleibt das Geheimnis von Meiser, weshalb sie an dieser Stelle Havemann als „Altkommunisten“ herausstellt, während bei den zahlreichen anderen Akteuren in ihrer Studie die politischen Präferenzen im Unklaren bleiben, insbesondere was deren Nähe zu den Nationalsozialisten betrifft. Liest man die zahlreichen Kurzbiografien (S. 157 ff.), dann fallen die zum Teil erschreckenden Kontinuitäten zwischen den Zeiten vor und nach 1945, gerade bei den Wissenschaftlern oder den Wissenschaftsfunktionären, ins Auge. Doch diese Kontinuitäten verschwinden hinter den angeblichen außergewöhnlichen Qualifikationen, für die es sofort nach 1945 neue „autonome“ Arbeitsbedingungen zu schaffen galt.
Der Havemann-Plan Havemann agierte am Anfang nicht sonderlich geschickt. Er beanspruchte die Führung für die gesamte KWG, also auch für die süd- und westdeutschen Institute, und sprach der Göttinger Generalverwaltung unter Ernst Telschow jegliche Legitimität ab. Den gleichen Vorwurf erhob dann umgekehrt Max Planck, der kommissarische Präsident der „Göttinger“ KWG.
Unbeschadet der Klärung der Frage, wer nun der rechtmäßige Sprecher der KWG sei, konzentrierte Havemann in der Folge seine Arbeit darauf, die Existenz der Berliner KWG-Institute sicherzustellen. Er initiierte zu diesem Zweck einen wissenschaftlichen Beirat, der dafür sorgte, dass Anfang 1946 die in Berlin verbliebenen KWG-Institute wieder ihre Arbeit aufnehmen konnten. „Der Magistrat von Berlin sorgte für die finanzielle Unterstützung und versprach den Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituten pro Quartal 240.000 RM zur Verfügung zu stellen.“Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 28 Diese Mittel waren jedoch keineswegs ausreichend, weshalb versucht wurde, einen Teil der Personalkosten für das wissenschaftliche Personal auf die Berliner Universität, die Technische Universität und die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu verlagern. Das wurde jedoch dadurch erschwert, dass seit dem 8. Januar 1946 die Berliner Universität der Zentralverwaltung für Volksbildung und damit der Sowjetischen Militäradministration unterstand. Gleiches galt für die am 1. August 1946 wiedereröffnete Deutsche Akademie der Wissenschaften, die allerdings Interesse an einer Eingliederung der Berliner KWG-Institute zeigte. Eine Intervention der Finanzkommission der Alliierten Kommandantur führte zusätzlich zu einer drastischen Reduzierung der ursprünglich zugesagten Mittel, was den Handlungsdruck weiter erhöhte und „die Amerikaner in ihrer Auffassung [bestärkte], dass sie für ihren Sektor eine eigenständige Lösung finden mussten.“Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 33
Am 4. September 1946 kam es zu einem Treffen zwischen Robert Havemann in seiner Eigenschaft als Leiter der Berliner KWG, einigen Institutsvertretern „und Vertretern der amerikanischen Militärregierung“, wobei diese „von Shafer und Karsen vertreten“ wurde.Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 33. Die Identität von Shafer wird von Meiser nicht geklärt. In einer Master-Arbeit aus dem Jahre 2016 an der University of Maryland wird Paul Shafer als „Chief of the Education Branch in Berlin“ erwähnt, von dem die Studie „School Survey – U.S. Sector, Berlin; School Buildings; Records Relating to the Work of the Educational Services Section, 1945–1959; Records of the Education and Cultural Relations Division; Records of the Education Branch; Records of the United States Occupation Headquarters, WWII, RG 260; NACP“ stamme. Ann Abney: SOMEONE ELSE’S TEXTBOOKS: GERMAN EDUCATION 1945–2014, 2016, S. 22
Bei dem im Zitat erwähnten Karsen handelte sich um Fritz Karsen, den 1933 von den Nazis abgesetzten Direktor der Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln, der nach mehreren Stationen in der Emigration in die USA gelangt war und dort 1944 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Er arbeitete von 1946 bis 1948 für das Office of Military Government der US-Army, das OMGUS, und war dort als Chief, Higher Education and Teacher Training in der Hauptabteilung Education and Cultural Relations beschäftigt.Sonja Petra Karsen: Bericht über den Vater, in: Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit, S. 411–412 Seine Berufung auf diesen Posten resultierte aus seiner alten Bekanntschaft zu zwei amerikanischen Wissenschaftlern, die er 1927 während eines Studienaufenthalts an der Columbia University kennengelernt hatte – ebenso, wie der im nachfolgenden Zitat erwähnte Erich Hylla, der sich dort ein Jahr vor Karsen aufgehalten hatte. Karsen und Hylla hatten schon Anfang der 1920er Jahre im Preußischen Kultusministerium zusammengearbeitet.
Karsens Hauptaufgabe betraf den Wiederaufbau der Hochschulen und Universitäten.
Bei dem zuvor erwähnten Treffen vom 4. September 1946 ging es natürlich vorrangig um Fragen der Finanzierung, wobei sich erstmals die Idee herauskristallisierte, die in Berlin verbliebenen Institute, deren Finanzierung alleine aus Berliner Mitteln nicht zu realisieren gewesen wäre, durch die einzelnen Landesregierungen der amerikanischen Besatzungszone sicherzustellen. Entsprechende Überlegungen waren von Havemann bereits angestellt worden und gipfelten in der Überlegung, „die in Berlin-Dahlem gelegenen Kaiser-Wilhelm-Institute zu einer Hochschule der wissenschaftlichen Forschung zusammenzuschließen.“ An dieser sollte „in Verbindung mit grundlegender Forschungsarbeit die Erziehung von qualifiziertem wissenschaftlichem Nachwuchs erfolgen. Im Gegensatz zu den Universitäten, die vor allem das Ziel hätten, den Lehrer- und Technikernachwuchs heranzubilden, würde diese neue Hochschule vorrangig dazu dienen, besonders begabte angehende Wissenschaftler aufzunehmen und zu unterrichten.“Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 35–36. Havemanns kompletter Plan ist bei Meiser, S. 183–185, abgedruckt und somit online einsehbar, siehe Literatur
Da die Forschung in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs unter besonderen alliierten Vorbehalten stand, „plante Havemann, um die Chancen auf Verwirklichung seines Plans zu erhöhen, eine Art Kontrollmechanismus einzubauen. Er schlug die Aufnahme ausländischer Wissenschaftler vor, die die Forschungsarbeiten als Beobachter begleiten und dabei zugleich die Einhaltung alliierter Vorgaben überprüfen würden. Diese Wissenschaftler seien durch Kontrollinstanzen autorisiert und hätten als Mitarbeiter an den Instituten einen vollkommenen Einblick in die Forschungstätigkeit und könnten diese damit wirkungsvoll überwachen. Finanziert werden sollte die Hochschule, zumindest solange die Kosten nicht aus den Etats der einzelnen Institute gedeckt werden konnten, durch eine zu diesem Zweck zu gründende Gesellschaft zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dieser sollten Privatpersonen, Universitäten und Behörden angehören, die Stipendien für einzelne hochbegabte Wissenschaftler zur Verfügung stellen würden.“Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947–1953), S. 36
Fritz Karsen machte sich Havemanns Plan weitgehend zu eigen und forcierte in der Folgezeit den Aufbau einer eigenen wissenschaftlichen Einrichtung in der amerikanischen Zone – vermutlich auch deshalb, weil er die alten Institutionen des Bildungssektors für nicht oder nur schwer reformierbar hielt und in einer neuen Einrichtung bessere Chancen für eine Demokratisierung des Bildungswesens erblickte. Karsen hatte einen mehr als skeptischen Blick auf die deutsche Bildungslandschaft der Nachkriegsjahre. Nach seinem Urteil „konnten weder die von der Militärregierung geplante Abkehr von dem schichtenspezifischen dreigliedrigen Schulwesen noch eine Vereinheitlichung der Lehrerbildung verwirklicht werden: die Lehrerschaft der höheren Schulen und die Professorenschaft hätten die angestrebte demokratische Einheitsschule fast durchweg abgelehnt.“ Er sah das Haupthindernis „für eine Demokratisierung des Bildungswesens in dem starren Festhalten an der im Grunde elitären ‚glorreichen deutschen Bildungs- und Erziehungstradition‘.“Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit, S. 209–210
Trotz dieses Skeptizismus lehnte Karsen eine gewaltsame Umerziehung ab, „denn gerade die Umerziehung zur Demokratie konnte seiner Ansicht nach nicht gewaltsam erreicht werden. Stattdessen befürwortete er eine unaufdringliche Zusammenarbeit mit jenen Kräften, denen es um demokratischen Umstellung des herkömmlichen Bildungssystems in Deutschland zu tun war; ihnen sollte ganz pragmatisch geholfen werden.“Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit, S. 210 Wie nötig dieser Pragmatismus war, sollte sich später in den vielen Auseinandersetzungen mit den Ländervertretern erweisen, die das Projekt Forschungshochschule zumeist nur äußerlich mittrugen.