Als Postfaktizität oder postfaktische Politik wird ein bewusst wahrheits- bzw. tatsachenwidriges politisches Denken und Handeln bezeichnet. Fakten, die die eigenen politischen Ansichten nicht stützen oder diesen sogar entgegen stehen, werden ignoriert oder als irrelevant abgetan. Der emotionalisierende Effekt einer postfaktischen Aussage gegenüber einer bestimmten Zielgruppe gilt als wichtiger als ihr Wahrheitsgehalt. Zu den Mitteln dieser manipulativen Politik gehören offensichtliche Lügen ebenso wie die Flutung des Diskursraums mit irrelevanten Fakten zur Ablenkung vom Wesentlichen.
Das Kommunikationsideal der Aufklärung fordert nach dem Philosophen und Soziologen Habermas für einen sachlichen und ethischen Ansprüchen genügenden Diskurs Argumente, darunter vor allem auch belegbare Fakten: Validierungsfähigkeit als Teil der Diskursivität.Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Luchterhand, Neuwied am Rhein 1962 bis 1987 (17. Auflage), ISBN 3-472-61025-5; 1. bis 5. Auflage der Neuauflage, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991 bis 1995, ISBN 3-518-28491-6. (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Band 891, zugleich Habilitationsschrift Philipps-Universität Marburg 1961). Theorie des kommunikativen Handelns, Band 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung; Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-28775-3. In einem so genannten postfaktischen Meinungsstreit werden hingegen Tatsachen abgestritten, von ihnen abgelenkt oder ihr Sachgehalt verwässert, ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochene Zielgruppe ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.
Kritiker des Begriffs „postfaktisch“ argumentieren, dass auch er selbst zur Emotionalisierung eingesetzt werden könne. Das bezeichnete Phänomen sei nicht neu oder typisch für die Gegenwart. Die in Weltanschauungen und unterschiedlichen Interessen begründeten politischen Meinungen seien niemals an reinen Fakten orientiert, sondern immer und unvermeidlich perspektivische Wahrnehmungen von Sachverhalten, die dem eigenen Wertesystem entsprechend eingeordnet und bewertet würden. Das Schlagwort postfaktisch sei polemisch und gründe in einem naiven Realismus.
Begriffsgeschichte
Deutschsprachiger Raum Im Deutschen hat sich die Formulierung postfaktisch für die englischen Begriffe post-truth und post-fact(ual) eingebürgert. Besonders häufig gebraucht wurde der Begriff während des Brexit-Referendums 2016 in Großbritannien und des US-Präsidentschafts-Wahlkampfs 2016.
Im September 2016 benutzte Angela Merkel in einer Rede das Adjektiv postfaktisch. Im Oktober 2016 bezog sie es auf den Erfolg der AfD im Berliner Abgeordnetenhaus. In der darauffolgenden Rezeption des Wortes durch die Medien wurde die breite Öffentlichkeit auf die bis dahin in Deutschland wenig bekannte Vokabel aufmerksam. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wählte im Jahr 2016 postfaktisch zum Wort des Jahres.
USA In den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) gibt es eine Traditionslinie der sozialpsychologischen Forschung zum Lügen. Wichtige Pionierarbeiten stammen von Bella DePaolo, die sich mit diesem Thema bereits seit Ende der 1970er Jahre beschäftigt. 1990 veröffentlichten Noelie Rodriguez und Alan Ryave ihre Studie Telling lies in everyday life, in der sie aufwiesen, dass alle Menschen in ganz alltäglichen Situationen ständig schwindeln, ohne sich deshalb unwohl zu fühlen. Dem wachsenden Interesse der Öffentlichkeit am Lügen-Thema entsprechend, folgte die Sachbuchliteratur. 2001 publizierte Jeremy Campbell eine Kulturgeschichte des Lügens: The liar’s tale: a history of falsehood.
Zu den ersten Autoren, die den Terminus post-factual („post-faktisch“) verwendet haben, zählt Carl Bybee, Kommunikationswissenschaftler an der University of Oregon. Bybee veröffentlichte 1999 einen Artikel Can Democracy Survive in the Post-Factual Age?, in dem es um die Lippmann-Dewey-Debatte ging. Die Debatte thematisierte ab 1922, welche Rolle der Journalismus in einer Demokratie hat, und so auch die Frage, wie viel politische Verantwortung einer Wählerschaft zuzutrauen sei, die aufgrund mangelnder Bildung für die Suggestionen ihrer politischen Führer mehr als anfällig ist.
Im Januar 2004 erschien The Cheating Culture von David Callahan, der die Ansicht vertrat, in den zwei vorausgehenden Jahrzehnten hätten Unaufrichtigkeit und Betrug unter einem vom Neoliberalismus erzeugten, wachsenden wirtschaftlichen Druck auch unter Durchschnittsmenschen dramatisch zugenommen. Im September desselben Jahres folgte The Post-Truth Era („Das Zeitalter nach der Wahrheit“) von Ralph Keyes, der ebenfalls behauptete, dass das Lügen in allen Lebensbereichen stark zugenommen habe, während die soziale Kontrolle, die Lügen früher wirkungsvoll eingedämmt habe, mehr und mehr versage. Die idiomatische Wendung „post-truth“ nahm von hier einen steilen Aufstieg. Die Redaktion des Oxford English Dictionary wählte die Wendung 2016 zu ihrem „Wort des Jahres“.
Der Fernsehsatiriker Stephen Colbert führte in den gesellschaftlichen Diskurs rund ums Lügen im Oktober 2005 seine Wortschöpfung truthiness ein. Der Ausdruck spielt mit den Mitteln der englischen Sprache und ist daher nicht ins Deutsche übersetzbar. Colbert bezeichnete damit ironisch den Wesenszug einer Aussage, die stark an vorgefasste Überzeugungen appelliert und sich darum so wahr „anfühlt“, dass man auf die Prüfung ihres tatsächlichen Wahrheitsgehaltes gern verzichtet. Die American Dialect Society wählte truthiness noch im selben Jahr zu ihrem „Wort des Jahres.“Truthiness Voted 2005 Word of the Year by American Dialect Society (PDF; 224 kB)
Einordnungen und Erklärungsansätze Seit etwa 2012 haben viele Autoren zu erklären versucht, was Politiker wie z. B. Donald Trump bewegt, leicht durchschaubare Unwahrheiten in großer Menge öffentlich zu äußern.
Politik als „Produkt“ Im Jahr 2013 identifizierte der deutsche Journalist Thomas Assheuer in einem Artikel in Die Zeit Elemente der sogenannten Post-Politik (entpolitisierte Form der Politik) in den Wahlkampfaussagen der politischen Parteien. Kontroversen um Ideen und Gesellschaftsentwürfe würden nicht mehr stattfinden, die Politik würde nur noch als „Produkt“ beworben. Er übersetzte „post-truth politics“ mit „Postpolitik“ und „Postdemokratie“. Im September 2016 sieht der Zeit-Autor Alard von Kittlitz eine Verschiebung der deutschen Politik in Richtung post-truth. Er beschreibt die originäre politische Debatte als eine Auseinandersetzung, in der um Handlungsalternativen auf Basis von Fakten gerungen wird, nicht aber um unzweifelhafte Fakten selbst, und schlägt eine Rückkehr zu einer strikten Trennung von unzweifelhaften Fakten und politischer Argumentation vor.
Nicht Lüge, sondern Bullshit Im Magazin The New Republic urteilte Jeet Heer 2015, Trump sei gar kein Lügner, sondern vielmehr ein Bullshit-Künstler. Der Philosoph Harry Frankfurt (Princeton University) hatte erstmals 1986 und erneut 2005 ein viel beachtetes kleines Werk On Bullshit veröffentlicht, in dem er Bullshit als eine Art von leerem Gerede beschrieb, das durch völlige Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitsgehalt gekennzeichnet sei und das ausschließlich erfolge, um seinem Urheber Prestige zu verleihen. Trump hat gelegentlich argumentiert, dass sich in manchen Punkten, in denen er die Wahrheit sagt, keine Beweise heranschaffen lassen. So wies er in einem Fall etwa Einschätzungen von Historikern zurück, weil diese bei dem strittigen geschichtlichen Ereignis ja kaum persönlich zugegen gewesen seien. Heer sieht bei Trump ein fundamentales Desinteresse an Faktenprüfung ebenso wie an Wahrheit: „Das bringt uns in eine Post-Truth-Welt, wo Trumps Aussagen nicht geprüft werden können, und wo wir das Walten seines selbsternannten ‚großartigsten Gedächtnisses der Welt’ einfach akzeptieren müssen. In der Tat, Trump will uns in ein Land führen, in der Subjektivität alles ist, wo die Wirklichkeit schlicht das ist, was er sagt.“
Auch Frankfurt selbst hat sich 2016 in diesem Sinne noch einmal in direktem Bezug auf Trump geäußert.Harry G. Frankfurt: Donald Trump Is BS, Says Expert in BS TIME, 12. Mai 2016 Jason Stanley kritisierte diese Deutung anschließend als grobe Verharmlosung.Jason Stanley: Beyond Lying: Donald Trump’s Authoritarian Reality, New York Times, 4. November 2016
Emotionalisierung des politischen Diskurses Der Economist schrieb im September 2016, dass die gezielte politische Lüge nicht der zentrale Punkt postfaktischer Politik sei. Der Gebrauch einer politischen Lüge schließe die Tatsache ein, dass es eine Wahrheit gebe und dass der Lügner sie kenne. Beweise, Widerspruchsfreiheit und die Wissenschaft seien eine politische Macht in einem normalen politischen Diskurs. Inzwischen würden diese Kategorien jedoch eine zunehmende Anzahl Menschen im öffentlichen Diskurs nicht mehr interessieren. Es gebe eine Verschiebung hin zu einem Verständnis von Politik, bei welchem Gefühle Fakten übertrumpfen. Wenn die Distanz zwischen dem, was sich wahr anfühle, und dem, was wahr sei, zu groß werde, werde diese Distanz zudem häufig der Einfachheit halber mit einer Verschwörungstheorie überbrückt. In einigen Fällen führe die Konfrontation mit den Fakten paradoxerweise dazu, dass das Festhalten an der fehlerhaften Aussage sogar bestärkt werde (siehe auch Bestätigungsfehler).The post-truth world – Yes, I’d lie to you, The Economist, 10. September 2016 Ähnlich argumentiert der britische Journalist Matthew d’Ancona: Neu sei nicht die Tatsache, dass Politiker öffentlich die Unwahrheit sagen, sondern vielmehr die Reaktion breiter Teile der Öffentlichkeit darauf: „Aus Empörung wird Gleichgültigkeit und schließlich Komplizenschaft. Wir erwarten von unseren Vertretern gar nicht mehr, dass sie die Wahrheit sagen“. Viel wichtiger sei in der heutigen Politik die emotionale Verbindung zwischen Politik und Wählerschaft. Wähler seien bereit, bewusst Unwahrheiten zu unterstützen, wenn sie sich dadurch zumindest zeitenweise besser fühlen könnten.Matthew d’Ancona: Post Truth. The new War on Truth and how to fight back. Ebury Press, London 2017, ISBN 978-1-78503-687-3, S. 26. So erklärte der amerikanische Filmemacher Michael Moore vor der US-Präsidentschaftswahl 2016, er halte einen Sieg Trumps für wahrscheinlich, da Trump genau diese emotionale Verbindung mit jenen Wählern schaffe, die dem politischen Establishment „den Stinkefinger zeigen“ wollten. Dabei sei den meisten dieser Menschen bewusst, dass Trump häufig die Unwahrheit sage und ihre ökonomische Lage nicht verbessern werde, aber „es wird sich gut anfühlen. Für einen Tag, oder eine Woche. Vielleicht sogar einen Monat“.Michael Moore warned a Donald Trump victory would be the biggest 'f*** you in human history'. He was right The Independent, 9. November 2016
Effekt der veränderten Medienlandschaft