mini|Anton Posset
Anton Posset (* 25. September 1941 in München; † 10. September 2015 in Halblech) war ein deutscher Gymnasiallehrer, Historiker und Holocaust-Forscher.
Der Historiker Posset wurde vor allem über die Grenzen Bayerns hinaus durch seine Pionierarbeiten rund um den größten Lagerkomplex des Konzentrationslagers Dachau, den KZ-Außenlagerkomplex Kaufering bekannt. Der Erhalt und die Gestaltung des KZ-Außenlagers Kaufering VII – Erpfting, der heutigen Europäischen Holocaustgedenkstätte, geht auf ihn zurück. In Landsberg, und über die Grenzen Bayerns hinaus, galt er als kritischer Heimatforscher.Bundeszentrale für politische Bildung – Gedenkstätten für den Nationalsozialismus; https://www.bpb.de/system/files/pdf/5JOYKJ.pdf Von der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem wurde er mit dem Yad-Vashem-Leuchter, einem Sonderpreis der Gedenkstätte, für seine Tätigkeiten rund um die Erinnerungsarbeit ausgezeichnet.Zeitungsartikel vom 5. September 1990 zur Preisverleihung in der israelischen Tageszeitung Maariw, S. 11; siehe Zeitungsartikel über die Pionierarbeit von Anton Posset mit dem Titel „Die vergessenen Lager“ und der Ankündigung der Verleihung des Sonderpreises der Gedenkstätte Yad Vashem an Anton Posset, Autor: Alex Doron, 31. August 1990, S. 20, Israelischen Tageszeitung Maariw; siehe
Leben Anton Posset studierte Geschichte und Französisch auf Lehramt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es folgten Referendariate in Lyon und München. Seine erste Anstellung im Schuldienst hatte er 1972 in Gunzenhausen am Simon-Marius-Gymnasium. Im Jahr 1975 wechselte er an das Dominikus-Zimmermann-Gymnasium in Landsberg am Lech. Dort begann er sich für die deutsch-jüdische Aussöhnung zu engagieren und die Geschichte des 20. Jahrhunderts im Nachkriegsdeutschland zu thematisieren. Zu diesem Zeitpunkt war solches Engagement mit erheblichen gesellschaftlichen Tabus belegt. Der Begriff Erinnerungsarbeit war in weiten Teilen der Bevölkerung etwas gänzlich Unbekanntes.Zeitungsartikel Süddeutsche Zeitung, „Unliebsames Stöbern in der Vergangenheit – Nazi-Rüstungsprojekt ‚Ringeltaube‘ kostete vielen KZ Häftlingen das Leben“, Hans Holzhaider, 13. Dezember 1989.
Schülerwettbewerbe und Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert Alles begann mit der Arbeit einer Schülergruppe unter Leitung des bayerischen Gymnasiallehrers, die 1983/84 für ihre Forschungsarbeit über das KZ-Kommando Kaufering und das Rüstungsprojekt Ringeltaube aus der Hand von Bundespräsident Karl Carstens den 1. Preis im Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten erhielt.Schülerwettbewerb 1983: Alltag im Nationalsozialismus II (Kriegsjahre), Titel der Arbeit: „Rüstungsprojekt Ringeltaube“: KZ-Kommando Kaufering-Landsberg: Keine Zerstörung, kein Krieg und doch Schauplatz des totalen Krieges; Autoren: Gaby Matthees, Wolfgang Habel, Edith Raim; Tutor: Anton Posset koerber-stiftung.de Zuvor hatte Anton Posset bereits sechs Schülerarbeiten in diesem Wettbewerb betreut und wurde seit 1976 wiederholt mit hohen Preisen auf nationaler Ebene bedacht. Im gleichen Jahr gründete er den Verein „Landsberg im 20. Jahrhundert – Bürgervereinigung zur Erforschung der Landsberger Zeitgeschichte e. V.“, dessen erster Vorsitzender er bis zu seinem Tod über 30 Jahre war. Durch sein Engagement und seinen leidenschaftlichen Einsatz konnte mit Hilfe von Alexander Moksel das noch erhaltene Grundstück des KZ-Kommandos Kaufering VII zu Teilen erworben werden. Unter seiner Leitung als Vorstandsvorsitzender gelang es, den damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß von der Denkmalfähigkeit der letzten KZ-Tonröhrenunterkünfte auf dem ehemaligen jüdischen KZ-Außenlager Kaufering VII – Erpfting zu überzeugen, so dass deren Erhaltung als Ziel im „Interesse der Allgemeinheit“ sichergestellt war. "Brief Bayerischer Ministerprasident F.J. Strauss vom 15.10.1983 an Anton Posset", buergervereinigung-landsberg.de
Anton Posset war maßgebend verantwortlich für die weitere Entwicklung der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert sowie die Wiederherstellung und Pflege des verwilderten Geländes KZ-Kommandos Kaufering VII. 1989 begann er mit der Errichtung des ersten Holocaustdenkmals in der Bundesrepublik, der „Europäischen Holocaustgedenkstätte“, mit der Errichtung der Gedenksteine von elf europäischen Staatsoberhäuptern und der Gestaltung des „Weges der Menschenrechte und der Menschenwürde“.
In seinen aktiven Jahren als Gymnasiallehrer betreute er als Tutor Schüler bei vierzehn Geschichtswettbewerben „Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten“. Drei dieser umfangreichen Arbeiten wurden mit dem 1. Preis ausgezeichnet. In den Jahren 1975 bis 1980 war er Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des „Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte“, Mitglied der Zentraljury der Körber-Stiftung und etablierte die Regionaljury des Geschichtswettbewerbes für Oberbayern in München.
Als Autor und Redaktionsmitglied der Publikationsreihe „Themenhefte Landsberger Zeitgeschichte“"Landsberg im 20. Jahrhundert: Themenhefte Landsberger Zeitgeschichte", buergervereinigung-landsberg.de trug er erheblich zum Erfolg dieser Zeitschriftenreihe bei.
Als Mitautor und Lehrer brachte er seine methodischen und didaktischen Erfahrungen in das vierbändige Geschichtswerk „Erinnern und Urteilen – Unterrichtseinheiten Geschichte für Bayern“ (Ernst Klett Verlag) für die gymnasiale Mittelstufe unter dem Begriff „entdeckendes Lernen“ ein.
Für sein Engagement zur deutsch-israelischen Aussöhnung und seinen Einsatz bei der Erinnerungsarbeit wurde er 1990 in Jerusalem mit dem Yad-Vashem-Leuchter ausgezeichnet, die höchste Auszeichnung, die die Gedenkstätte an einen Nachgeborenen verleiht. Er zeigte die Ausstellung „Das Ende des Holocaust in Bayern“ im Diaspora-Museum Beit Hatefutsot in Tel Aviv. Vor 400 Zuhörern hielt er einen in der israelischen Presse viel beachteten Vortrag über das KZ-Kommando Kaufering. Der Präsident der israelischen Knesset Dov Shilansky, ein Überlebender des KZ-Kommandos Kaufering, bezeichnete Anton Posset als jemand, „der Deutschland aus der Tiefe zum Weg des Lichts verhelfen kann. Wenn Deutschland wirklich etwas bereute und gutmachen wollte, was geschehen ist, müsste man ihn auf Händen tragen.“buergervereinigung-landsberg.org
Im Jahr 2000 begann die Zusammenarbeit mit dem Team der Regisseure/Produzenten Steven Spielberg und Tom Hanks für den zehnteiligen Fernsehfilm „Band of Brothers“. Anhand der Gespräche und der Bildmaterialien von Anton Posset konnte für die Dreharbeiten in England ein Konzentrationsaußenlager nachgebaut werden, in dem die Befreiung des jüdischen KZ-Kommandos Kaufering dargestellt werden sollte. Aus diesem Grund wurde in der Staffel 9 („Warum wir kämpfen“) die Befreiung des KZ-Kommandos Kaufering/Landsberg durch die alliierten Truppen dargestellt und nicht die Befreiung eines bekannteren KZs wie etwa Dachau.
Im Jahr 2009 übertrug er als 1. Vorsitzender der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert die Europäische Holocaustgedenkstätte an den neu gegründeten Verein Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e. V., dessen Ehrenpräsident und Vizepräsident er bis zu seinem Tode war.
Im Jahr 2011 erforschte er die Umstände der Reichspogromnacht in Landsberg 1938 und forderte, vor den ehemaligen Wohnhäusern der am 9. November 1938 aus der Stadt Landsberg vertriebenen fünf jüdischen Familien Stolpersteine zur Erinnerung an ihr Leid zu verlegen.
Durch seine Entdeckung der Inschrift „Fusée Céramique“ auf einer Tonröhre erarbeitete er die architektonische Bedeutung der Tonröhrenbauwerke auf dem ehemaligen Konzentrationslager, die auf den französischen Architekten Jacques Couëlle zurückgehen und in Frankreich hergestellt wurden.
Zeitzeugeninterviews – Mündliche Überlieferungen – Oral History In seinen vielen Interviews mit Zeitzeugen sammelte er eine Vielzahl an Informationen. So interviewte er zahlreiche Überlebende aus den KZ-Konzentrationslagern rund um Landsberg. Der wohl in der Öffentlichkeit bekannteste unter ihnen war der Neurologe und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl.
Durch diese Informationen und mittels der historischen Dokumente aus unterschiedlichen Archiven konnten vor allem in den 1990er Jahren einige Nachkommen von KZ-Überlebenden die Geschichte ihrer Familienmitglieder oder deren Grabstätte erfahren.
Aufgrund seines Einsatzes und dank der Bündelung der von ihm gesammelten Informationen wurde der Ingenieur Walter Groos in die Liste der Gerechten unter den Völkern aus Deutschland in Yad Vashem aufgenommen.
Damit wurde Anton Posset im Laufe der Jahre selber zu einem wichtigen Zeitzeugen. Aus diesem Grund wurde bei einem Besuch in Yad Vashem ein mehrstündiges Interview mit ihm aufgenommen.
Privates Anton Posset war mit der Künstlerin Hélène Posset-Navarro verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Söhne. Posset verunglückte im Alter von 73 Jahren tödlich bei einer Bergwanderung.
Umgang mit der Erinnerungsarbeit Für seine ehrenamtliche Erinnerungsarbeit wurde Posset international hoch geschätzt. Joseph Rovan schlug 1988 Anton Posset beim Bundespräsidenten wegen seines vorbildlichen Engagements in der Erinnerungsarbeit für das Bundesverdienstkreuz vor. Dieser Vorschlag fand die Unterstützung des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker,"Brief vom Bundespräsidialamt an Joseph Rovan - 09.11.1988", buergervereinigung-landsberg.de wurde jedoch durch den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Max Streibl abgelehnt.
Bis heute wurde seine über 30-jährige ehrenamtliche Tätigkeit in der Erinnerungsarbeit lokal nicht gewürdigt.
Konflikte im Spannungsfeld zwischen Haupt- und Ehrenamt Lokal stand Posset lange Zeit in der Kritik. Der Umgang war damals gesellschaftlich nicht klar.„Das KZ vor der Haustür“, Landsberger Tagblatt vom 25. Juni 1984. Einige befürchteten, Landsberg könne zu einem „zweiten Dachau“ werden.„Ein zweites Dachau? – Jetzt soll der Ruf der Stadt Landsberg ruiniert werden“, National Zeitung, Nr. 32, 3. Ausgabe, 1984, S. 4; Autor anonym„Landsberg nicht zum zweiten Dachau hochstilisieren – Die Vergangenheit verschweigt man lieber – Auseinandersetzung mit nationalsozialistischer Geschichte passt dem Bürgermeister nicht“; Rolf Thym, Süddeutsche Zeitung vom 13. Juli 1984. Was folgte, waren persönliche Beschimpfungen und Ausgrenzung,Anton Posset: „Jahrelange persönliche Erfahrungen in einer Kleinstadt, die ihre Vergangenheit nicht ertragen kann“, Die Demokratische Schule – Verbandsorgan der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Landesverband Bayern, Dezember 1987, S. 5 ff, Online verfügbar, abgerufen am 6. Februar 2026. Mobbing,Horst Kasper: Mobbing in der Schule. Probleme annehmen – Konflikte lösen. 2. Auflage. Beltz, 1998, ISBN 978-3-407-25204-3, S. 113 ff., Der Fall Anton P. und zweimalige Versetzung als Lehrer an eine andere Schule. Bis zu seiner Pensionierung sei seine Personalakte im bayerischen Kultusministerium auf mehrere tausend Seiten angewachsen.
Über die eigentlichen Gründe dieser Kritik gab es in Landsberg zwei vorherrschende Meinungen: