mini|alt=|Jair Bolsonaro, 2022 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage skin-invert-image

Jair Messias Bolsonaro [] (* 21. März 1955 in Glicério, Bundesstaat São Paulo) ist ein brasilianischer Politiker, der vom 1. Januar 2019 bis zum 1. Januar 2023 Präsident Brasiliens war. Der ehemalige Fallschirmjäger-Hauptmann vertrat von 1990 bis 2018 einen Wahlkreis des Bundesstaats Rio de Janeiro in der Abgeordnetenkammer des brasilianischen Kongresses. Er gehörte neun Parteien an; seit Ende 2021 ist er Mitglied der Partido Liberal.

Bolsonaro vertritt gesellschaftspolitisch rechtspopulistische bis rechtsextreme und wirtschaftspolitisch neoliberale Positionen. Aufmerksamkeit erlangte er vor allem mit frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen und antiwissenschaftlichen Äußerungen sowie seiner Verteidigung der brasilianischen Militärdiktatur (1964–1985). Ein Großteil seines Erfolgs basiert auf der Unterstützung von Predigern und Anhängern des Evangelikalismus, zu dem sich Bolsonaro seit seiner Taufe im Jordan im Jahr 2016 bekennt. Bei der Wahl im Jahr 2022 unterlag er knapp seinem Herausforderer Luiz Inácio Lula da Silva. Wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilte das Oberste Gericht Brasiliens Bolsonaro im September 2025 zu einer Haftstrafe von mehr als 27 Jahren.

Leben und Karriere Familie und Privates Bolsonaros Eltern Percy Geraldo Bolsonaro († 1995) und Olinda Bonturi (1927–2022) hatten vorwiegend italienische Vorfahren. Seine Großeltern mütterlicherseits waren in den 1890er Jahren aus der Stadt Lucca im nördlichen Mittelitalien nach Brasilien ausgewandert. Seine Urgroßeltern väterlicherseits wanderten 1888 nach Brasilien aus und stammten aus Venetien und der Arbëresh-Gemeinde Spezzano Albanese in Kalabrien. Der andere Urgroßvater väterlicherseits war ein deutscher Einwanderer aus Hamburg namens Carl („Carlos“) Hintze. mini|Bolsonaro mit seiner Frau Michelle und der gemeinsamen Tochter, 2019

Bolsonaro ist seit 2007 in dritter Ehe mit der 27 Jahre jüngeren Michelle de Paula Firmo Reinaldo Bolsonaro verheiratet, mit der er eine Tochter hat. Aus erster Ehe mit seiner damaligen Frau Rogéria hat er drei Söhne, Flávio, Carlos und Eduardo Bolsonaro, die ebenfalls in der Politik aktiv sind, und aus zweiter Ehe mit Ana Cristina Valle einen weiteren Sohn. Im September 2025 wurde bei Bolsonaro Hautkrebs diagnostiziert.

2021 wurde Bolsonaro unter heftigen Protesten von der norditalienischen Gemeinde Anguillara Veneta die Ehrenbürgerschaft verliehen.RAI News am 1. November 2021 (italienisch).La Repubblica vom 1. November 2021 (italienisch).Süddeutsche Zeitung vom 1. November 2021.

Religion und Kirche Bolsonaro gehört der römisch-katholischen Kirche an, seit etwa 2008 besucht er jedoch regelmäßig den Gottesdienst in baptistischen Kirchen. Seine Frau und Kinder sind baptistischer Konfession. Seine Ehe mit Michelle de Paula wurde von einem Pfarrer der Pfingstkirche Assembleia de Deus geschlossen. 2016 ließ sich Bolsonaro von Pastor Everaldo Pereira (ebenfalls Assembleia de Deus und Chef des Partido Social Cristão) im Jordan erneut taufen.Chayenne Polimédio: The Rise of the Brazilian Evangelicals. In: The Atlantic (online), 24. Januar 2018.Bernardo Caram, Talita Fernandes: Radicalismo de Bolsonaro afasta parte dos evangélicos, afirmam líderes. In: Folha de S. Paulo (online), 7. August 2018. In seinen gesellschaftspolitischen Positionen steht er ebenfalls den evangelikalen Freikirchen nahe, von denen er auch starke Unterstützung erfährt.Sandra Weiss: Wohin führt der Rechtspopulist Jair Bolsonaro Brasilien? In: Augsburger Allgemeine (online), 29. Oktober 2018. In den letzten Jahren ist er Anhänger und Unterstützer der als Wirtschaftsunternehmen strukturierten, neocharismatischen Denomination der Pfingstbewegung Igreja Universal do Reino de Deus des Milliardärs und selbsternannten Bischofs Edir Macedo.universal.org. Seine ersten Interviews nach dem Wahlsieg gab er exklusiv in den Medien Macedos.Rechtsruck in Brasilien Mit Gott in den Präsidentenpalast, mit Ivo Maruscyzk, Karl-Ludolf Huebener, Itamar Silva und Ellen Häring, Deutschlandfunk Kultur Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 29. Oktober 2018.Wohin geht Brasilien? Die Macht der Eliten, die Evangelikalen und die Versäumnisse der Linken, von Katharina Hofmann de Moura, Frankfurter Hefte 1. Januar 2019, Ausgabe 1+2/2019.Bolsonaro und die Evangelikalen rufen im Chor: Gott über alle, von Hella Camargo, Humanistischer Pressedienst 16. November 2018. 2019 besuchte er den Templo de Salomão in São Paulo der Igreja Universal do Reino de Deus und ließ sich von Edir Macedo erneut taufen.Jair Bolsonaro visita Templo de Salomão e é recebido por Edir Macedo 2. September 2019.

Militärlaufbahn Bolsonaro verpflichtete sich schon in seinen letzten Schuljahren zum Militärdienst und besuchte zunächst die Kadettenanstalt EsPCEx und im Anschluss die Academia Militar das Agulhas Negras (AMAN), die Militärakademie des brasilianischen Heeres, die er 1977 als Leutnant der Artillerie abschloss.

Er diente bis 1988 bei der Luftlandebrigade und war in dieser Zeit in mehrere Meuterei-Fälle verwickelt, jedoch jeweils ultimativ freigesprochen. Bolsonaro wechselte im Rang eines Hauptmanns in die Reserve.Gott, Waffen, Vaterland: Ex-Militär polarisiert bei Wahl in Brasilien Kleine Zeitung, 7. Oktober 2018.

Politische Anfänge mini|hochkant|Bolsonaro als junger Abgeordneter (1990) 1988 begann seine öffentliche politische Karriere mit der Wahl zum Stadtrat in Rio de Janeiro für den Partido Democrata Cristão (PDC). Bei den Wahlen im Jahre 1990 gewann er ein Mandat in der Abgeordnetenkammer des Nationalkongresses für den PDC, das er für sechs weitere Amtszeiten halten konnte. In 28 Jahren wechselte er acht Mal die Parteizugehörigkeit, am längsten blieb er beim Partido Progressista Brasileiro (PPB; 1995–2003). Bei der Wahl 2014 war er der Kongressabgeordnete mit den meisten Stimmen im Bundesstaat Rio de Janeiro (464.572). Von 2016 bis 2018 gehörte er dem Partido Social Cristão (PSC) an.Bolsonaro findet schon wieder eine neue Partei. In: Deutsche Welle, 30. November 2021. Abgerufen am 1. Dezember 2021.

Präsidentschaftswahl 2018

mini|hochkant|Bolsonaro im April 2019, mit seiner typischen Handgeste, die er schon während des Präsidentschaftswahlkampfs gerne benutzte. Aus Daumen und Zeigefinger formt er eine Pistole und drückt symbolisch ab. Viele seiner Anhänger imitierten diese Geste.

Anfang Januar 2018 trat Bolsonaro aus dem Partido Social Cristão aus und trat dem Partido Social Liberal (PSL) bei, der anschließend eine rechtskonservative Ausrichtung annahm. Noch im selben Jahr wurde er zum Parteiführer und Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen in Brasilien 2018 gewählt. Seine Kandidatur wurde auch von dem kleinen rechtsextremen Partido Renovador Trabalhista Brasileiro (PRTB) unterstützt, und Bolsonaro nominierte General Antônio Hamilton Mourão vom PRTB als Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten. Zudem erhielt er Unterstützung von einer neuen Generation von Wirtschaftsakteuren und von Think Tanks aus dem rechten Spektrum, die sich für eine radikale und oftmals libertäre Politik einsetzen.

In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 7. Oktober 2018 erhielt Bolsonaro 46,03 % der gültigen Stimmen, nachdem er in einem aggressiven Wahlkampf vor allem auf die Themenbereiche Korruption (vgl. Operation Lava Jato), Kriminalität und Wirtschaftskrise gesetzt hatte.Rechtspopulist gewinnt erste Runde der Präsidentenwahl in Brasilien Welt Online, 8. Oktober 2018. Insbesondere befürwortete Bolsonaro im Wahlkampf ein allgemeines Recht auf Waffenbesitz und ein Recht für die Polizei, Kriminelle zu foltern und ohne Gerichtsverfahren zu exekutieren.Bolsonaros unerwartete Wähler Wiener Zeitung, 4. Oktober 2018. In der Stichwahl am 28. Oktober 2018 wurde Jair Bolsonaro schließlich mit 55,1 % der Stimmen zum Präsidenten gewählt.

Im November 2019 überwarf er sich mit dem Vorsitzenden des PSL, Luciano Bivar, den er als „erledigt“ bezeichnete, und gründete das Bündnis Aliança pelo Brasil („Allianz für Brasilien“).

Attentat mini|links|Bolsonaro (in Gelb), kurz nachdem er attackiert wurde, 6. September 2018 Am 6. September 2018 wurde Bolsonaro, zu diesem Zeitpunkt infolge des Wahlausschlusses des inhaftierten Ex-Präsidenten Lula da Silva (PT) in Umfragen zur ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Führung liegend, bei einer Wahlkampfveranstaltung von einem 40-jährigen Mann in den Bauch gestochen und lebensgefährlich verletzt.Brasiliens Präsidentschaftskandidat und Favorit Bolsonaro nach Messerattacke schwer verletzt. In: Neue Zürcher Zeitung, 7. September 2018. Er wurde notoperiert und überlebte. Der geständige Tatverdächtige wurde verhaftet. Er gab an, die Tat auf „Wunsch Gottes“ ausgeübt zu haben. Zudem wird über den Täter berichtet, dass er als „evangelikaler Missionar“ tätig gewesen und von 2007 bis 2014 Mitglied des linken Partido Socialismo e Liberdade (PSOL) gewesen sei. Der Täter konnte wegen Schuldunfähigkeit nicht verurteilt werden.

Kritik und Proteste mini|Bei Protesten gegen Bolsonaros Präsidentschaft in Vitória tragen Demonstranten Transparente mit dem Slogan #EleNão, 29. September 2018. 2018 fanden gegen Bolsonaro Proteste unter dem Motto #EleNão (wörtlich übersetzt „Er nicht“) statt, die von Frauen angeführt wurden und in allen großen Städten Brasiliens, aber auch in anderen Ländern eine Woche vor der Präsidentschaftswahl am 29. September 2018 stattfanden. Zehntausende Menschen demonstrierten gegen Bolsonaros rassistische, frauenfeindliche und homophobe Äußerungen. Die Proteste stellten die größte Volksansammlung während der Präsidentschaftswahl dar, an ihnen beteiligten sich so viele Frauen wie an noch keinen Protesten zuvor in Brasilien. Auch die Organisatoren des Fußballfilmfestivals Cinefoot und der Fußballer Juninho sprachen sich öffentlich gegen Bolsonaro aus.Ronny Blaschke: Faschist mit prominenten Unterstützern. In Neues Deutschland vom 31. Dezember 2018, S. 16.

Präsidentschaftswahl 2022

Präsidentschaftskandidatur und Wahl 2022 Bolsonaro machte gegen Ende seiner Präsidentschaft mehrfach klar, dass er die Absicht hatte, bei der 2022 anstehenden Präsidentschaftswahl für eine zweite Amtsperiode zu kandidieren. Am 28. August 2021 äußerte er, dass er für sich nur drei Möglichkeiten sehe: Entweder werde er verhaftet, er falle einem Attentat zum Opfer oder er werde wiedergewählt. Einen Gefängnisaufenthalt schloss er aber im gleichen Atemzug aus, da es „niemand wagen würde, ihn zu bedrohen“.

Im November 2021 trat er der Mitte-Rechts-Partei Partido Liberal (PL) bei, da ein Präsidentschaftsbewerber in Brasilien einer Partei angehören muss. Zuvor war er eine Weile parteilos gewesen, davor Mitglied in diversen anderen Parteien. Die Partido Liberal ist die insgesamt neunte Partei, der er angehört. Zu dem Zeitpunkt lagen eine Vielzahl von Anträgen auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen Bolsonaro vor, die Justizbehörden ermitteln in fünf verschiedenen Verfahren gegen ihn. Zudem wählte er mit Verteidigungsminister Walter Braga Netto einen neuen Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten.

Im Wahlkampf überwies Bolsonaro nach dem Gießkannenprinzip Geld in Milliardenhöhe an ärmere Haushalte und nahm die Farben Brasiliens (Gelb und Grün) für seine Kampagne ein. Beim ersten öffentlichen Auftritt nach seiner Wahlniederlage vermied es Bolsonaro, diese einzugestehen, aber die Verfassung zu „respektieren“.

Am ersten Präsidentschaftswahltag, dem 2. Oktober 2022, erreichte er mit 51.071.106 oder 43,20 % der gültigen Stimmen den zweiten Platz. In der Stichwahl am 30. Oktober 2022 musste er gegen Lula da Silva antreten. Laut Umfragen wählten insbesondere schwarze evangelikale Menschen und insgesamt mehr als ein Drittel der BIPoC (Black, Indigenous and People of Colour) Bolsonaro. Bei dieser Stichwahl erreichte er 49,10 % der Stimmen und unterlag somit seinem Herausforderer Lula da Silva, welcher rund 2,1 Millionen mehr Stimmen erhielt.