mini|300px|Die Gemeinde innerhalb des Bezirks Zürich vor der Fusion 1893
Aussersihl ist ein Stadtkreis der Stadt Zürich. Die 1787 von Wiedikon losgelöste ehemals selbständige Gemeinde wurde 1893 mit der Stadt vereinigt, wo sie zusammen mit Wiedikon den Kreis III bildete. 1913 wurde Aussersihl ohne das davon abgetrennte Industriequartier der eigenständige Stadtkreis 4, der seit 1971 in die drei Verwaltungseinheiten (Quartiere) Werd, Langstrasse und Hard aufgeteilt wird.stadt-zuerich.ch:
Der Name Aussersihl bezieht sich auf die aus Sicht der alten Stadt Zürich auf der anderen Seite der Sihl liegenden Gebiete, die durch die Sihlporte erreichbar waren. Im Volksmund wird der Stadtkreis auch «Chreis Cheib» genannt. Das Wort Cheib bedeutet Tierkadaver und ist überdies ein Schimpfwort für abgelehnte Menschen und Dinge.Schweizerisches Idiotikon, Band III, Spalte 100, Artikel Cheib (Digitalisat)
Geographie mini|Das Quartier von Westen im Jahr 1903 (Luftbild von Eduard Spelterini)|alternativtext= mini|Stauffacher Tramhaltestelle
Lage Aussersihl liegt südlich der Bahngleise zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Hardbrücke. Östlich bildet die Sihl die Grenze zur Altstadt. Im Süden grenzt Aussersihl an Wiedikon, die Kreisgrenze verläuft von der Sihlhölzlibrücke am Ulmberg, entlang dem nördlichen Rand der Schimmelstrasse und der linksufrigen Seebahn bis zur Badenerstrasse und von dort aus letzterer entlang über den Albisriederplatz weiter bis zum Letzigrund. Im Westen grenzt Aussersihl an Altstetten.
Der Siedlung entwickelte sich vom Stauffacher entlang der Badenerstrasse in Richtung Westen.
Plätze Helvetiaplatz Stauffacher
Wappen
links|50px|Aussersihl Blasonierung In Silber ein schwarzer Anker
Als 1787 der Rat von Zürich das Kräuel und die Hard von Wiedikon abtrennte und die neue Gemeinde Aussersihl erschaffen wurde, erwog man zuerst ein historisches Wappen zu verwenden. Einerseits das, in Anlehnung an das in der Chronik des Edlibach (1493) überlieferte, Wappen von Hard, in Silber mit einem schwarzen Querbalken, belegt mit 3 goldenen Schellen, oder das 1693 bezeugte Wappen von St. Jakob an der Sihl, ebenfalls in Silber jedoch mit 3 gekreuzigte goldenen Pilgerstäben. Durchgesetzt hat sich jedoch ein neues – das bis heute verwendete Wappen mit dem schwarzen Anker auf silbernem Grund.
Geschichte Erste Spuren mini|links|Schlacht bei St. Jakob an der Sihl während des Alten Zürichkriegs mini|links|Das Gebiet westlich und südlich der Stadt Zürich im Jahr 1566
Die ersten Spuren gehen bis in das 3./4. Jahrhundert zurück. An der Badenerstrasse beim Letzigrund fanden sich Überreste einer römischen Villa und eine römische Strasse führte über die Militärbrücke und Hohlstrasse (ehemals Hohlenweg). Im 5./6. Jahrhundert befand sich auf dem Gebiet der Bäckeranlage ein alemannischer Friedhof. Im 8. Jahrhundert ging das Sihlfeld als Schenkung durch Ludwig den Deutschen an die Fraumünsterabtei über. Im 12. Jahrhundert befand sich beim St. Jakob, bei der heutigen Tramhaltestelle Stauffacher, ein Siechenhaus, welches 1221 erstmals erwähnt wurde.
Im 14. / 15. Jahrhundert entstand das Dorf Wiedikon, dem auch Aussersihl angehörte. Am 22. Juli 1443 war Aussersihl Schauplatz der Schlacht bei St. Jakob an der Sihl, wo die Zürcher und die Schwyzer um das Erbe des Grafen von Toggenburg kämpften und der damalige Bürgermeister Rudolf Stüssi fiel.
Im 15. Jahrhundert entstand in der Nähe des heutigen Bezirksgebäudes die Hauptgrube, ein Hinrichtungsplatz. In einer einem Amphitheater ähnlichen Grube wurden mit dem Schwert Hinrichtungen vollstreckt. 1706 wurde die Grube aufgrund von zu grossem Zuschauerandrang aufgefüllt und die Hinrichtungen gut sichtbar auf zwei Meter über dem Boden erhöht. 1833 wurde das Fallbeil eingeführt und der Rabenstein entfernt.
Im 17. Jahrhundert befand sich an der Grenze zu Altstetten und Albisrieden (beim Letzigrund) der Wasenplatz (1698). An diesem Platz gegenüber dem Hochgericht wurden damals Tierkadaver vergraben.
Als Wiedikon den Einwohnern von Kräuel und Hard das Bürgerrecht verweigerte, ersuchten diese die Stadt, eine eigene Gemeinde gründen zu dürfen. Am 27. September 1784 wurde diesem Gesuch stattgegeben, jedoch blieb die neue Gemeinde Aussersihl unter der Obervogtei Wiedikon.
Eigenständige Gemeinde mini|Karte von Zürich und Umgebung aus dem Jahr 1800
Eine selbständige Gemeinde wurde Aussersihl am 27. März 1787. Ein Jahr später wurde im Haus Zur roten Wand eine eigene Schule eingerichtet. 1790 wurde der Bölsterlihof, das heutige Schlachthofareal, eingemeindet.
Im Mai 1792 entstand im Kreuel ein militärisches Übungslager mit ca. 1500 Mann der Zürcher Miliztruppen. 1798 waren erstmals französische Truppen in Aussersihl. Ein Jahr danach, im Juni 1799, hielten sich während der Ersten Schlacht von Zürich Franzosen, Österreicher und Russen in Aussersihl auf. Stadtzürcher beobachteten die Angriffe der Franzosen auf die Österreicher und leisteten Opferhilfe. Ende August wurden die Österreichischen Verbände durch Russische ersetzt und die Zweite Schlacht von Zürich folgte, welche mit einer Niederlage für die Russen endete.
1810 fand am Hochgericht die letzte Hinrichtung eines Diebes am Galgen statt. Zehn Jahre später entstand gegenüber St. Jakob (beim Stauffacher) ein neuer Friedhof mit Bethaus und im Haus Feldegg bei der ehemaligen Hauptgrube wurde eine Tierarztschule gegründet. Am 17. August 1821 wurde das neue Gemeinde- und Schulhaus an der Zweier-/Badenerstrasse eingeweiht.
1844 erfuhr die Gemeinde Aussersihl eine zweijährige Hungersnot und es mussten Lebensmittel abgegeben werden. Ein Jahr später wurde die Spanisch-Brötlibahn, die erste Schweizer Eisenbahnstrecke, eröffnet. Damit begann die Teilung der Gemeinde in die heutigen Kreise 4 und 5. Neun Jahre später entstand eine weitere Bahnstrecke nach Oerlikon.
1867 erhielt Aussersihl eine eigene Sekundarschule und die hölzerne Sihlbrücke wurde durch eine steinerne ersetzt. Im gleichen Jahr brach im Niederdorf eine Cholera-Epidemie aus und griff auf Aussersihl über, worauf die sanitären Verhältnisse verbessert wurden.
Die heute noch vorhandenen Bauten der Kaserne und Zeughäuser wurden in den Jahren 1873–1875 erstellt. Im gleichen Jahr wurde die Gemeinde durch das «Rösslitram» vom Bahnhof bis zum Zentral-Friedhof erschlossen. 1975 hat das Stimmvolk der Verlegung von Kaserne und Waffenplatz ins Reppisch-Tal zugestimmt. Das kantonale Stimmvolk hat eine 1978 von der EVP lancierte Volksinitiative zum Abbruch der Kaserne und den Stallungen an der Gessnerallee mit 133'321 Ja- gegen 152'956 Stimmen abgelehnt. Auf dem Kasernenareal wäre ein Stadtpark für die Bevölkerung entstanden.
Seit 1989 gibt es die öffentliche Sekundarschule Kunst- und Sportschule Zürich.
Stadtteil von Zürich mini|Zürich Richtung See von Nordwesten her, Eduard Spelterini 1904 mini|Die Eingemeindung der Zürcher Vororte 1894 und 1934
Bereits in den 1860er Jahren setzte eine starke Bevölkerungszunahme durch Zuwanderung ein, was die Gemeinde in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Die schlechte wirtschaftliche Lage Ende des 19. Jahrhunderts zwang die Gemeinde Aussersihl 1891, die Stadt Zürich um Eingemeindung zu bitten. Dem stimmten die Aussersihler mit 4440 Ja gegen 43 Nein zu. Dabei hatte die Vorortsgemeinde nicht nur eine grössere Fläche, sondern auch mehr Einwohner als die damalige Stadt Zürich. Am 1. Januar 1893 wurde die Gemeinde in der Stadt Zürich eingemeindet. Neben Aussersihl wurden im gleichen Jahr zehn weitere selbständige Gemeinden Teil der Stadt Zürich. Die Stadt und die neuen elf Gemeinden wurden in fünf Stadtkreise (I bis V) eingeteilt. Aussersihl und das damals zugehörige Industriequartier wurden dem Stadtkreis III, Wiedikon, zugeschlagen, von dem sich die Gemeinde gut 100 Jahre zuvor abgespalten hatte.
Eine rege Bautätigkeit entwickelte sich zusammen mit dem Zuzug italienischer Bauarbeiter. Der 1877 für die Gemeinde Aussersihl errichtete Friedhof Sihlfeld wurde nach der Eingemeindung zum Centralfriedhof der Stadt Zürich ausgebaut. Während 90 Jahren wurde der Friedhof etappenweise erweitert. Nach Bestrebungen, den Friedhof ab den 1950er Jahren sektorenweise aufzuheben, stehen wesentliche Teile dieses grössten Friedhofs der Stadt Zürich unter Baudenkmalschutz.
1897 wurde der neue Güterbahnhof bezogen, ein Jahr später nahm die Industriebahn ihren Betrieb auf und die Hardbrücke wurde dem Verkehr übergeben. 1901 wurde die St. Jakobs Kirche, anstelle des Bethauses von 1820, und die kantonale Polizeikaserne bezogen. 1909 erfolgte die Eröffnung des Schlachthofes und ein Jahr später die des Volkshauses. Die SBB-Hauptwerkstätte nahm 1911 ihren Betrieb auf.
Die Einteilung der ursprünglichen fünf Stadtkreise wurde 1913 revidiert und es wurden durch die Dreiteilung des Stadtkreises III und die Zweiteilung des Stadtkreises V, neu acht Stadtkreise (1 bis 8) gebildet. Damit wurde die ehemalige Gemeinde Aussersihl zum heutigen Stadtkreis 4, während das bereits 1875 abgespaltene, aber bisher zu Aussersihl gehörende Industriequartier, zum Stadtkreis 5 wurde. Das Gebiet der ehemaligen Gemeinde Wiedikon wurde zum heutigen Stadtkreis 3. Die zweite Eingemeindung von 1934 hatte auf Aussersihl keinen Effekt, allerdings wurde bei einer weiteren Revision der Stadtkreise im Jahre 1971, unter anderem Aussersihl vom Statistischen Amt der Stadt Zürich, am Reissbrett in die drei Quartiere Werd, Hard und Langstrasse unterteilt, die fast ausschliesslich eine statistische Bedeutung haben.
Als Folge der Zürcher Jugendunruhen bildete sich in den 1980er Jahren aus Protest gegen die Immobilienspekulation ein Verein unabhängiges Aussersihl, der verschiedentlich mittels kantonaler und städtischer Einzelinitiativen versuchte, die Ausgemeindung von Aussersihl zu erreichen.Thomas Stahel: Wo-Wo-Wonige! Stadt- und wohnpolitische Bewegungen in Zürich nach 1968. Dissertation. Zürich 2006, ISBN 978-3-907522-22-6, S. 88
Bevölkerung Seit den 1860er Jahren erfuhr die Gemeinde Aussersihl eine starke Zuwanderung vor allem durch ausländische Arbeitskräfte, vor allem von Italienern, die im Bau und bei der Eisenbahn tätig waren. Um 1888 zählte Aussersihl ca. 20 000 Einwohner;Heiner Ritzmann-Blickenstofer (Hrsg.): Historische Statistik der Schweiz. Zürich 1996, S. 164, Statistik B 37, „Bevölkerungsentwicklung in 206 grossen, mittleren und kleinen Orten 1671–1990“, Rubrik Aussersihl Zürich 1888: 19 676 bei der Eingemeindung 1893 zählte es mehr als die damalige Stadt Zürich.
Mitte der 1890er Jahre lebten in Zürich Aussersihl 6500 Menschen italienischer Staatsangehörigkeit.Rudolf Schlaepfer: Die Ausländerfrage in der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg. Dissertation an der Universität Zürich, Zürich 1969, S. 141. Vor dem Ersten Weltkrieg war der Kanton Zürich der ausländerreichste Kanton der Schweiz mit 18,6 % Ausländern auf die Gesamtbevölkerung; allein im Bezirk Zürich zählte man 32,2 % Ausländer;Schlaepfer S. 13 bzw. S. 14 der Anteil im Aussersihl dürfte noch höher gewesen sein; Zahlen der mittlerweile zum Stadtteil gewordenen ehemaligen Gemeinde sind nicht bekannt.
Die italienische Emigration prägte das Quartier. 1901 wurde die erste Kapelle der Missione Cattolica eingeweiht, eine Gründung der Salesianer Don Boscos; das heutige Missionszentrum mit Kirche an der Feldstrasse zeugt von der seither ununterbrochenen Präsenz der Salesianer.Don Andrea Ciapparella, Tindaro Gatani: 1898–1998, Missione Cattolica italiana Zurigo. I Salesiani di Don Bosco al servizio della fede e dell’emigrazione. Zürich 1997, S. 71 und 99.
Die temperamentvolle Mentalität sowie die prekären Lebensverhältnisse der Arbeiter führten zu sozialen Spannungen und Auseinandersetzungen mit jungen Schweizern – den sogenannten «Italiener-Krawallen» von 1896.; Angelo Maiolino: Als die Italiener noch Tschinggen waren. Der Widerstand gegen die Schwarzenbach-Initiative,: Rotpunkt, Zürich 2011, S. 41–58