Erwin Fritz August Wiskemann (* 20. April 1896 in Mülhausen/Elsass; † 19. April 1941 in Berlin) war ein deutscher Volkswirtschaftler. Seine Fachgebiete lagen in der theoretischen Volkswirtschaftslehre, der Wirtschaftsgeschichte seit dem Merkantilismus, dem Handel und der Handelspolitik. 1932 nahm er an der Philipps-Universität Marburg den ersten Lehrauftrag für Fragen der Arbeitsbeschaffung und des Arbeitsdienstes wahr. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter einer nationalsozialistischen Volkswirtschaftslehre. Dabei ging er von einem Sonderweg der deutschen Volkswirtschaftslehre aus, deren Höhepunkt die nationalsozialistische Wirtschaftslehre sei. Neben einschlägigen Veröffentlichungen arbeitete Wiskemann maßgeblich an neuen Studien- und Prüfungsordnungen für das Fach Wirtschaftswissenschaft mit.
Leben Der Sohn eines Arztes besuchte von 1902 bis 1914 das humanistische Gymnasium in Mülhausen. Ab dem 16. August 1914 nahm er als Kriegsfreiwilliger beim Feldartillerie-Regiment 45 am Ersten Weltkrieg teil. Mit den Reserve-Feldartillerie Regimentern 65 und 62 wurde Wiskemann an der Ostfront eingesetzt. Im Juni 1916 wechselte er als Unteroffizier zur Fliegertruppe und wurde Pilot an der Westfront. Bei einem Absturz 1918 zog er sich schwere Verletzungen zu.Institut für Angewandte Wirtschaftswissenschaft (Hrsg.): Die wirtschaftswissenschaftlichen Hochschullehrer an den reichsdeutschen Hochschulen und an der TH Danzig. Werdegang und Veröffentlichungen. Kohlhammer, Stuttgart 1938, S. 274 f., 898 f.
Von 1918 bis März 1921 studierte Wiskemann Recht und Staatswissenschaften an den Universitäten Breslau und Marburg. Am 18. März 1921 promovierte er in Marburg bei Walter Troeltsch mit einer Arbeit über „Volkswirtschaftliche Betrachtungen über die Entwickelung der Luftfahrt“ zum Dr. rer. pol. Ab Mai 1922 war Wiskemann als Assistent und als Leiter der Presseabteilung der Handelskammer Hamburg tätig. Hier gehörte er zu den Mitbegründern und war erster Geschäftsführer des Aufklärungsausschusses Hamburg, einer Einrichtung für deutsche Propaganda im Ausland, die deutsche Geschäftsleute für Auslandsreisen mit Materialien gegen die Reparationszahlungen nach dem Vertrag von Versailles versorgte. Im Juni 1924 kehrte er als Assistent von Troeltsch an das Staatswissenschaftliche Seminar der Universität Marburg zurück. Hier habilitierte er sich im Mai 1927 für Volkswirtschaftslehre und Finanzwissenschaften.
Im Juni 1932 erhielt Wiskemann den ersten deutschen Lehrauftrag für „Fragen der Arbeitsbeschaffung, des Arbeitsdienstes und der Siedlung“. Ehrenamtlich saß er im Aufsichtsrat des Spar- und Bauvereins der Stadt Marburg und war erster Geschäftsführer des Hessischen Vereins für Siedlung und Arbeitsdienst in Marburg. In Marburg leitete er außerdem die 1932 gegründete Universitätspressestelle Marburg. 1933 wurde er außerordentlicher Professor und vertrat im Sommersemester 1933 den Lehrstuhl von Troeltsch.Anne Christine Nagel (Hrsg.): Die Philipps-Universität Marburg im Nationalsozialismus. Dokumente zu ihrer Geschichte. Steiner, Stuttgart 2000, S. 550. Im September 1933 wurde er als ordentlicher Professor der Volkswirtschaftslehre an die Albertus-Universität Königsberg berufen, wo er die Direktion des Instituts für Ostdeutsche Wirtschaft übernahm. Im Wintersemester 1933/34 versuchte Gustav Adolf Walz, Wiskemann nach Breslau zu holen, wo Walz eine rechtswissenschaftliche „Stoßtruppfakultät“ aufbauen wollte.Thomas Ditt: „Stoßtruppfakultät Breslau“. Rechtswissenschaft im „Grenzland Schlesien“. Mohr Siebeck, Tübingen 2011, S. 87. Im November 1934 ging Wiskemann als Professor an die Handelshochschule Berlin, wo er geschäftsführender Prorektor wurde. Er galt als enger Vertrauter des an der Berliner Universität lehrenden Ökonomen Friedrich von Gottl-Ottlilienfelds und nahm an Universität auch einen Lehrauftrag zum Thema Außenhandel wahr.Die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1936 sollte er Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik werden, was er unter Hinweis auf seine Kriegsverletzung ablehnte.Tetsushi Harada: Two Developments of the Concept of Anschauliche Theorie (Concrete Theory) in Germany and Japan. In: Peter Koslowski (Hrsg.): Methodology of the Social Sciences, Ethics, and Economics in the Newer Historical School. From Max Weber and Rickert to Sombart and Rothacke. Springer, Heidelberg 1997, S. 392.
Zum 1. Mai 1933 war Wiskemann der NSDAP beigetreten (Mitgliedsnummer 2.828.895).Irene Raehlmann: Arbeitswissenschaft im Nationalsozialismus. Eine wissenschaftssoziologische Analyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 240. Er war 1934 Politischer Referent der Ortsgruppe Tragheim/Königsberg und 1935 Blockleiter in Elsterfeld. Er gehörte dem NS-Juristenbund und dem NSDB an. Er war Mitglied des Präsidiums der Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Gesellschaft und leitete deren Hochschulgruppe Berlin.
Werk Wiskemann gilt als ein führender nationalsozialistischer Ökonom.Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren (= Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 10), Metropolis-Verlag, Marburg 1998, S. 599.Die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er wetteiferte mit Jens Jessen, mit dem er teilweise auch zusammenarbeitete, darum, sich als zentrale Kraft einer nationalsozialistischen Wirtschaftslehre zu etablieren. Mit Georg Dahm, Karl August Eckhardt, Ernst Rudolf Huber und Jessen gab Wiskemann für die Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg die neue Reihe Grundzüge der Rechts- und Wirtschaftswissenschaft heraus, wobei er zusammen mit Jessen die Reihe Wirtschaftswissenschaft verantwortete. Als Jessens Lehrbuch Volk und Wirtschaft (1935) von der parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des NS-Schrifttums beanstandet wurde, distanzierte sich Wiskemann von Jessen, obgleich er das Buch Korrektur gelesen hatte.Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren (= Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 10), Metropolis-Verlag, Marburg 1998, S. 92–94. Der Ökonom Karl Häuser sieht Wiskemann wie Wilhelm Vleugels im Sinne der NS-Ideologie exponiert, während die wissenschaftliche Arbeit von Jessen, Johannes Popitz und Heinrich Freiherr von Stackelberg von ihren politischen Überzeugungen weitgehend unbeeinflusst geblieben sei.Karl Häuser: Deutsche Nationalökonomie in der Diaspora. Die dreißiger und vierziger Jahre bis Kriegsende, In: Karl Acham et al. (Hrsg.): Erkenntnisgewinne, Erkenntnisverluste. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in den Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften zwischen den 20er und 50er Jahren. Steiner, Stuttgart 1998, S. 205. Für Hauke Janssen war Wiskemann volkswirtschaftstheoretisch dem Werk Friedrich von Gottl-Ottlilienfelds verpflichtet, arbeitete aber stärker im Dienste der nationalsozialistischen Bewegung.Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren (= Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 10), Metropolis-Verlag, Marburg 1998, S. 129 f.
Bereits vor 1931 hatte Wiskemann als Mitherausgeber des siebten Bandes der Friedrich-List-Edition der List-Gesellschaft dogmengeschichtlich gearbeitet und dazu den Beitrag über die „Politisch-ökonomische Nationaleinheit der Deutschen“ im Werk Friedrich Lists beigesteuert.Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren (= Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 10), Metropolis-Verlag, Marburg 1998, S. 129. Zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus attestierte Wiskemann der Wirtschaftswissenschaft Rückständigkeit und meinte, ihr Niedergang sei durch „jüdisch-liberalistische Elemente“ befördert worden. Zunächst in Bezug auf Othmar Spann forderte er ein ganzheitliches System; später kritisierte er Spann, dessen Ansatz sei zu wenig „aus blutvoller Geschichtsauffassung“ geformt.Irene Raehlmann: Arbeitswissenschaft im Nationalsozialismus. Eine wissenschaftssoziologische Analyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 151. Zwischen dem Spannschen Universalismus und dem Nationalsozialismus komme es „in Bezug auf den Rassegedanken“ zu „einem schroffen Gegensatz“, da der Nationalsozialismus erkannt habe, dass „auch der Geist nicht anders als in rassischer Prägung auftreten“ könne.Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren (= Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 10), Metropolis-Verlag, Marburg 1998, S. 259 f., zit. 260.
Sein Interesse an einer „neuen Wirtschaftswissenschaft“ versuchte Wiskemann in Forschung und Lehre umzusetzen. So wirkte er an Studien- und Prüfungsordnungen mit und bemühte sich um Integration wirtschaftswissenschaftlicher Fächer und mit der Rechtswissenschaft.Irene Raehlmann: Arbeitswissenschaft im Nationalsozialismus. Eine wissenschaftssoziologische Analyse. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005, S. 150. Gemeinsam mit Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld wirkte er federführend an der inhaltlichen Ausgestaltung der Richtlinien für das Studium der Wirtschaftswissenschaft mit, die der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Bernhard Rust, am 2. Mai 1935 verkündete. Damit wurde das staatswissenschaftliche Fachgebiet der Berliner Universität neu organisiert und der nun zur Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät umbenannten früheren Juristischen Fakultät zugeordnet. Die Studenten der Volks- und Betriebswirtschaft sollten in den beiden ersten „politischen Semestern“ gemeinsam unterrichtet werden, um, so Wiskemann, „die Geisteswissenschaften auf eine gemeinsame politisch-völkische Grundlage zu stellen.“Uwe Czech: Von den Wirtschaftlichen Staatswissenschaften zur modernen Wirtschaftswissenschaft. In: Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Geschichte der Universität Unter den Linden 1810-2010. Bd. 5: Transformation der Wissensordnung. Akademie Verlag, Berlin 2010, S. 301 f., zit. 302.