mini|Bienertmühle im Sommer 2015 mini|Lageplan der Bienertmühle in der Umgebung (2018)

Die Bienertmühle (oft auch als ehemalige Hofmühle bezeichnet) ist ein früherer Mühlenstandort im Dresdner Stadtteil Plauen an der Weißeritz. Die umgangssprachliche Bezeichnung der dort 1568 anstelle einer früheren Mühle errichteten Hofmühle erinnert an die Familie Bienert, deren Angehöriger Gottlieb Traugott Bienert die Anlage 1852 pachtete und 1872 erwarb. Drei Generationen lang blieb die Mühle im Besitz der Familie und wurde von ihr zum modernsten Mühlenstandort in Sachsen ausgebaut. Nach der Enteignung der Besitzer und Verstaatlichung des Betriebes im Jahr 1972 endete nach einem Brand 1990 der Mühlenbetrieb endgültig. 1991 wurde auch die sich dort befindende Brotfabrik geschlossen.

In einem Teil des Komplexes wurden 2006 das Museum Hofmühle Dresden und ein kleiner Mühlenladen mit einem Café eröffnet. Weitere Gebäude werden von verschiedenen Firmen genutzt. Große Teile der früheren Bienertmühle werden seit 2014 zu Loftwohnungen ausgebaut, eine (endgültige) Fertigstellung war für 2021 vorgesehen. Von 2015 bis 2018 wurde die zwischenzeitlich zu einer Ruine verfallene Villa der Familie Bienert saniert und in ihr mehrere Eigentumswohnungen geschaffen.

Vorgeschichte Dass es im Dorf Plauen bei Dresden eine Mahlmühle für Getreide gab, ist seit 1366 belegt. Am 17. Mai dieses Jahres wurde im Zinsregister der Kreuzkapelle Dresden erstmals eine „mól … so zum Dorfe Plawen gehört und oberhalb Dorfs an der Wistericz gestanden“,T. Bienert Dampfmühle u. Oelfabrik, Hofmühle Dresden-Plauen, S. 3. also eine Mühle am heutigen Standort, verzeichnet. Etwa bis 1480 scheint diese Mühle mit einem, später zwei und vier Mahlgängen mit einer Brettschneide verbunden gewesen zu sein.T. Bienert Dampfmühle u. Oelfabrik, Hofmühle Dresden-Plauen, S. 4. Sie wurde etwa in dieser Zeit vom Dresdner Tuchmacherhandwerk gekauft und zur Walkmühle umgebaut. Hartnäckig geführte Grenzstreitigkeiten zwischen der Dresdner Tuchmacherinnung und der Gemeinde Plauen beschäftigten zwischen 1487 und 1528 mehrfach die herzoglichen Regierungen, so dass die Mühle historisch durchgängig belegbar ist. Im Jahr 1541 erscheint sie in einer Quelle als „Raths-Walkmühle, so am Mühlgraben ober dem Dorfe Plawen gelegen“.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 41 f. Zu den Grenzstreitigkeiten mit Verweis auf weitere Literatur dort bes. Fn. 65.

Kurfürstliche Hofmühle 1568–1643 mini|Kurfürstliches Doppelwappen von 1570 im Hof der Bienertmühle, unsaniert. Erkennbar ist noch das verschlungene Doppel-A zwischen den beiden Wappenschilden. (2011) Der sächsische Kurfürst August kaufte 1568 die Walkmühle, um sie zu einer Getreidemühle umbauen zu lassen.T. Bienert Dampfmühle u. Oelfabrik, Hofmühle Dresden-Plauen, S. 4: Kaufvertrag vom 25. Dezember 1568, Baubeginn der Churfürstlichen Hofmühle 15. März 1569, Fertigstellung 8. September 1571. Exakte Kosten: 8336 Gulden, 6 Groschen, 11 Pfennige. Eine (neue) Walkmühle der Innung entstand mit dem seit etwa diesem Zeitpunkt nachweisbaren und in den 1970er Jahren endgültig beseitigten Walkmühlenwehr an der heutigen Hofmühlenstraße, südlich der Einmündung der heutigen Biedermannstraße.Siehe dazu: Wolfgang Müller, Frank Laborge: Geschichten aus dem alten Dresden: Mit dem Weißeritzmühlgraben durch unsere Stadt. Hille, Dresden 2011, ISBN 978-3-939025-23-8, S. 33. Im Folgejahr ließ der Kurfürst die gekaufte Mühle abreißen, verschiedene Parzellen zukaufen und mit einem Aufwand von 8336 Gulden bis 1571 eine Hofmühle „in fürstlicher Pracht“, das heißt mit 16 Mahlgängen, errichten. Es handelte sich dabei nicht um die einzige Hofmühle des Landes. 1521 war unter Herzog Georg dem Bärtigen am Weißeritzmühlgraben eine erste Hofmühle entstanden, unweit der Annenkirche gelegen und bis zu ihrer Schließung 1927 auch so bezeichnet.Wolfgang Müller, Frank Laborge: Geschichten aus dem alten Dresden: Mit dem Weißeritzmühlgraben durch unsere Stadt. Hille, Dresden 2011, ISBN 978-3-939025-23-8, S. 215–217.

Der erste Mühlmeister, Zacharias Zimmermann, ist für 1570 belegt.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 44. Um die Rentabilität der Mühle sicherzustellen, wurde mit Reskript am 6. April 1569 für 33 Dresdner Amtsdörfer (und 210 Mahlgäste) der Mahlzwang an dieser Mühle eingeführt, der 1661 auf 66 Gemeinden ausgedehnt wurde.T. Bienert Dampfmühle u. Oelfabrik, Hofmühle Dresden-Plauen, S. 5. Die beiden Mühlen der Brüder Matthes und Andreas Moyses, die nahe der nunmehrigen Hofmühle lagen, heute etwa längs der Agnes-Smedley-Straße, wurden abgerissen und die Brüder 1573 mit den beiden Amtsmühlen in Tharandt entschädigt.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 57. Der noch teilweise existierende Mühlgraben brachte für die Mühle ein nutzbares Gefälle von 7,6 MeternAnnette Dubbers: Plauen – Aus der Geschichte eines Dresdner Stadtteils, S. 19. bei einer Wasserführung von im Mittel 2,5 Kubikmetern Wasser pro Sekunde.

An diese alte Hofmühle erinnert noch das kurfürstliche Wappen im Hof. Der Reliefstein, der zu den ältesten Einzeldenkmalen Dresdens gehört, zeigt links die Kurschwerter mit der sächsischen Raute, rechts drei Löwen unter einer Krone. Letztere entstammen dem dänischen Reichswappen und verweisen auf Kurfürstin Anna, die Ehefrau Augusts, die als Förderin der Landwirtschaft maßgeblich an der wirtschaftlichen Entwicklung Sachsens beteiligt war. Zwischen den Wappen sind zwei verschlungene Monogramme mit dem Buchstaben A dargestellt, die an beide Schirmherren der Mühle erinnern.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 42–43, insbesondere Fn. 67. Seit der Sanierung der Bienertmühle nach 2011 sind sie allerdings fast nicht mehr zu erkennen.

Für die Bauern hatte der Mahlzwang durchaus auch Vorteile, denn einerseits führte der Mühlgraben der Hofmühle fast immer genügend Wasser, andererseits war der Müller verpflichtet, angefahrenes Getreide zu vermahlen, und er erhielt dafür einen festgesetzten Preis (Lohnmüllerei): Dieser war zunächst eine Metze von jedem Scheffel Mehl (16 Metzen ergaben einen Scheffel) und wurde 1640 für die Hofmühle auf den vierten Teil erhöht.Siehe zum Beispiel Alte Maße und Gewichte in Sachsen: Eine Metze = 6,488 Liter, ein Scheffel = 103,821 Liter. Aus etwa anhaltender Notlage in den Dörfern konnte er keinen zusätzlichen Gewinn herausschlagen.Jürgen Riess: Der Bienertweg im Plauenschen Grund – Ein Wander- und Naturführer durch eine einmalige Natur- und Industrielandschaft, S. 19.

mini|Das Hofmühlenwehr (heute: Bienertwehr) auf einem Ölgemälde von Anton Graff (1805).Anton Graff: Abend. Ölgemälde in der Gemäldegalerie Neue Meister Dresden. Oberhalb des Wehrüberlaufes, direkt links neben der Hegereiterbrücke ist der Floßrechen des Mühlgrabeneinlaufes zu erkennen. Da die Bauern weite Anfahrwege in Kauf nehmen mussten, erhielt der Hofmühlen-Pächter zusätzlich das Ausschank-Privileg, musste dafür jedoch jährlich eine Anzahl von Schweinen an den Hof liefern. Im Jahr 1578 wurde eine Schmiede direkt neben der Mühle errichtet (1878 abgebrochen). Der mangelhafte Zustand der Zufahrtswege, insbesondere für die „Gebürgischen Bauern“, führte zu regelmäßigen Klagen und Beschwerden. Häufige Besitzerwechsel und Hochwasserschäden ab 1593 sind ebenfalls verzeichnet. Zahlreiche Hofmühlenpächter sind allerdings auch als Förderer des Dorfes Plauen aufgeführt; so stiftete etwa der „hofmuller“ Peter Junghans 1617 den noch heute in der Auferstehungskirche befindlichen Taufstein, um 1700 der Hofmühlen-Pächter Gottlob Gäbler den Altar (mit Ausnahme des Altarbildes, das von 1859 ist). Auch der Pächter Johann Friedrich Wahl (gestorben 1769) ist als Förderer der Gemeinde bekannt geworden.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 44/46.

1643–1852 Von kriegerischen Einwirkungen blieb die Hofmühle nicht verschont. Im Dreißigjährigen Krieg hatte General Piccolomini 1643 die Stadt Freiberg entsetzt, sammelte seine 16.000 Mann starke Truppen um Dresden und wählte als Hauptquartier das Dorf Plauen und seine Umgebung. Er selbst wohnte von Ende Februar bis 10. März 1643 in der Hofmühle.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 45.

Während des Großen Nordischen Krieges zogen die Schweden Mitte September 1706 vor Dresden und setzten sich in Plauen fest, wobei die Hofmühle ihr Hauptquartier wurde. Sie beschlagnahmten das dort lagernde und für die Dresdner Bürger bestimmte Mehl, requirierten das dort lagernde Korn und ließen es für sich ausmahlen. Die dafür nicht benötigten Räder der Mühle wurden zerstört. Nur durch den Ende September in Kraft getretenen Waffenstillstand, der zum Frieden von Altranstädt führte, wurde noch größerer Schaden abgewendet.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 74.1809 sowie 1813 (Schlacht um Dresden) litt der damalige Pächter unter den napoleonischen Kämpfen um Dresden.

mini|Die Bienertmühle um 1825. Hinter der Mühle befindet sich das Hegersche Gut (später Standort der Bienertschen Brotfabrik), das einstöckige Gebäude in der Mitte ist die 1818 in Betrieb genommene Ölmühle, das rechts davon angebaute Gebäude das Wohnhaus des Hofmüllers.Das Foto aus der Fotothek gibt für die Herkunft: Meiche (1927) und als Jahreszahl für dieses Bild 1852 an – hier handelt es sich um einen Zahlendreher, siehe Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 151. Jürgen Riess: Der Bienertweg im Plauenschen Grund – Ein Wander- und Naturführer durch eine einmalige Natur- und Industrielandschaft, S. 18, datiert es als „Zustand von 1818 bis 1852“.

Die Hofmühle war besonders durch die 1747 errichtete Königsmühle sowie durch die 1726 bis 1728 erbaute Neumühle oberhalb der Hofmühle (beides ebenfalls kurfürstliche Mühlen, die Neumühle wie die Hofmühle mit 16 Mahlgängen) trotz des Mahlzwanges verstärkter Konkurrenz ausgesetzt.Paul Dittrich: Zwischen Hofmühle und Heidenschanze, S. 47, 49–50. Sie wurde 1776 umgebaut, erhielt zur Weißeritz zu eine Frontlänge von 92 Ellen (rund 50 Meter)Die Elle wurde durch Gesetz vom 12. März 1858 No. 18.: Gesetz, die Einführung eines allgemeinen Landesgewichts und einige Bestimmungen über das Maaß- und Gewichtswesen im Allgemeinen betreffend auf zwei Fuß gleich 0,56638 Meter festgesetzt. Die königliche Elle maß etwa 0,52 Meter. Siehe § 5 des Gesetzes vom 12. März 1858, Gesetz- und Verordnungsblatt, 7tes Stück 1858, S. 49 f.(Digitalisat). und durchgängig zwei „Gestocke“ (Geschosse). Die Gebäude links und rechts des Mühlgrabens wurden durch Brandgiebel feuersicher gemacht. Anstelle der Brettschneide folgte 1818 eine Ölmühle mit 16 Paar Stampfen als Anbau an die Bienertmühle, um die Rentabilität sicherzustellen. Der Antrieb der Ölmühle zweigte innerhalb der Hofmühle ab und reduzierte die verfügbaren Wasserräder von 16 auf 14.Jürgen Riess: Der Bienertweg im Plauenschen Grund – Ein Wander- und Naturführer durch eine einmalige Natur- und Industrielandschaft, S. 20.