mini|hochkant|Eberhard Mannschatz Eberhard Mannschatz (* 29. Oktober 1927 in Dresden; † 20. Juli 2019 in Berlin) war Abteilungsleiter im Ministerium für Volksbildung der DDR und Hochschullehrer an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Leben und Beruf Mannschatz beantragte am 11. Februar 1944 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.990.556).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/27551032Olaf Kappelt: Braunbuch DDR. Berlin, 2. Auflage, 2009. Er legte 1947 das Abitur ab. Danach war er zunächst als Jugendamtsleiter in Dresden tätig, bevor er die Deutsche Verwaltungsakademie „Walter Ulbricht“ in Forst Zinna besuchte. Zwischen 1951 und 1954 und von 1957 bis 1977 war Mannschatz Leiter der Jugendhilfe in der DDR im Ministerium für Volksbildung. Zwischenzeitlich war er stellvertretender Leiter des Jugendwerkhofs Römhild.

Im Volksbildungsministerium war Mannschatz u. a. für die Spezialheime für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche zuständig. Wie Verena Zimmermann darlegt, hat sich Mannschatz seit 1956 zunächst gegen die Einrichtung des Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau eingesetzt. Gemäß einem Thesenpapier der von ihm geleiteten Abteilung Jugendhilfe/Heimerziehung stand diese 1960 „der Schaffung eines geschlossenen Heimes immer noch ablehnend gegenüber, da eine solche Einrichtung einer ‚Beseitigung des Erziehungsgedankens der Jugendwerkhöfe‘ gleichkomme“. Und weiter: „Die künftige Erziehungsarbeit könne nicht in einer ‚weitgehenden Isolierung‘ bestehen, sondern nur ‚in einer Angleichung der Erziehungssituation in den Jugendwerkhöfen an das normale Leben in unserer Gesellschaft‘.“Verena Zimmermann: Den neuen Menschen schaffen. Die Umerziehung von schwer erziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945 bis 1990), Böhlau Verlag Köln 2004, veröffentl. m. Mitteln d. Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, S. 378–379. 1963 beschloss die von Mannschatz geleitete Abteilung jedoch, einen geschlossenen Jugendwerkhof bis zum 31. August 1963 einzurichten.BAB, DR 2/A 3477 – Zusatzmaßnahmeplan zur Verbesserung der politischen und pädagogischen Arbeit in den Jugendwerkhöfen v. ca. 1963. Zitiert nach: Verena Zimmermann: Den neuen Menschen schaffen. Die Umerziehung von schwer erziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945 bis 1990), Böhlau Verlag Köln 2004, veröffentl. m. Mitteln d. Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, S. 379. Im 1964 eingeweihten Jugendwerkhof Torgau wurden nach Feststellung des Kammergerichts 2004 die Menschenrechte der eingewiesenen Kinder und Jugendlichen in ganz gravierender Weise verletzt.Beschluss des Kammergerichts vom 15. Dezember 2004, Aktenzeichen: 5 Ws 169/04 REHA (insbesondere Textziffer 13ff.), veröffentlicht in: Neue Justiz 2005, S. 469. Während der Amtszeit Mannschatz’ erging auch die „Ordnung über die zeitweise Isolierung von Minderjährigen aus disziplinarischen Gründen in den Spezialheimen der Jugendhilfe“ vom 1. Dezember 1967, die die mehrtägige Unterbringung von arbeitsunwilligen oder sonst renitenten Kindern und Jugendlichen ab 12 bzw. 14 Jahren in verschlossenen Arrestzellen ermöglichte.Siehe hierzu Einweisung nach Torgau. Texte und Dokumente zur autoritären Jugendfürsorge in der DDR. Berlin 1997, S. 90 f.

Nach Mannschatz’ Ansicht sollten die Kinder und Jugendlichen in den Spezialheimen umerzogen werden. Er wandte sich in diesem Zusammenhang schon früh gegen Prügelpädagogik, gegen Stufensysteme der Belohnung, und gegen Einschließung überhaupt.Verena Zimmermann: Den neuen Menschen schaffen. Die Umerziehung von schwer erziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945 bis 1990). Böhlau, Köln 2004, S. 276–278. Ziel sei, „die Besonderheiten in der Persönlichkeitsentwicklung zu überwinden, die Eigenheiten im Denken und Verhalten der Kinder und Jugendlichen zu beseitigen und damit die Voraussetzungen für eine normale Persönlichkeitsentwicklung zu schaffen.“Mannschatz, Die Umerziehung von Kindern und Jugendlichen in den Heimen der Jugendhilfe. Ludwigsfelde 1977, S. 13.

1957 wurde Mannschatz, der konzeptionell an den sowjetischen Pädagogen Makarenko anknüpfte,Gatzemann, Die Erziehung zum „neuen“ Menschen im Jugendwerkhof Torgau. Münster 2008, S. 38. mit einer pädagogischen Arbeit in Rostock promoviert, die Habilitation erfolgte 1966. 1968 erlangte er eine Honorarprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin; ab 1977 war er dort Inhaber eines Lehrstuhls für Sozialpädagogik, des einzigen in der DDR. Mannschatz wurde 1991 emeritiert. In einem Raum der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau hängt Mannschatz’ Porträt zusammen mit denen der anderen Verantwortlichen: Heimleiter Horst Kretzschmar und Margot Honecker.

Mannschatz war Ordentliches Mitglied der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der DDR und Vizepräsident der Fédération Internationale des Communautés Educatives (FICE).https://open-data.bundesarchiv.de/ddb-bestand/DE-1958_N_2561.xml

Nach der Wende engagierte sich Mannschatz bildungspolitisch in der PDS. 2012 wehrten sich der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Lutz Rathenow und Vertreter von Verfolgtenverbänden in einem offenen Brief gegen die Veröffentlichung eines Kapitels im Fachbuch Grundkurs Soziale Arbeit der evangelischen Hochschule des Rauhen Hauses in Hamburg, da Mannschatz direkt verantwortlich für die Einrichtung des Geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau sei, in dem „die Menschenrechte und die Würde“ von über 4000 Jugendlichen „systematisch verletzt“ worden seien. Die Evangelische Hochschule veröffentlichte im Juni 2012 eine Erklärung: „Wir wissen heute, dass die kommentarlose Veröffentlichung des in Rede stehenden Textes in dem Fachbuch ein Fehler war und verstehen die Kritik jener, die hierin die Gefahr einer Verharmlosung dieser Jugendhilfepraxis sehen, für die Eberhard Mannschatz Verantwortung trägt.“

Schriften (Auswahl) Zur Rolle der Ideologie bei der sozialistischen Umgestaltung der Jugendhilfe. In: Sozialistische Erziehung in Jugendhilfe, Heim und Hort Heft 10/1959, S. 3ff., Heft 11/1959, S. 5f. Untersuchungen zur Erziehungsorganisation im Heim. Dissertation, Rostock 1957. Einführung in die sozialistische Familienerziehung. Berlin 1971. Der Beitrag der Jugendhilfe zur kommunistischen Erziehung der Jugend. in: Jugendhilfe 15 (1977), S. 195ff. Gemeinsame Aufgabenbewältigung als Medium sozialpädagogischer Tätigkeit. Denkanstöße für die Wiedergewinnung des Pädagogischen aus der Makarenko-Rezeption. In: Gesellschaft – Geschichte – Gegenwart. Schriftenreihe des Vereins „Gesellschaftswissenschaftliches Forum e. V.“ (Band 31). Berlin 2003. Heimerziehung. Zum Problemhintergrund einer umstrittenen Betreuungsform. Berlin 2007.

Weblinks

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Einzelnachweise

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