Der 450 SEL 6.9 ist das Spitzenmodell der S-Klasse der von 1972 bis 1980 gebauten Baureihe W 116 und unterscheidet sich von den übrigen Modellen durch den Einbau des ursprünglich für den Repräsentationswagen („Staatskarosse“) 600 entwickelten großvolumigen V8-Zylinder-OHC-Motors M 100. Damit nimmt er eine Sonderstellung im gesamten damaligen Pkw-Angebot nicht nur von Mercedes-Benz ein. Der 450 SEL 6.9 wurde von 1975 bis 1980 hergestellt und löste den von 1967 bis 1972 produzierten 300 SEL 6.3 ab. Er ist das letzte Fahrzeugmodell mit dem M 100.
Geschichte
Markteinführung
Der Wagen war bereits mit dem 450 SEL, welcher im März 1973 auf dem Genfer Auto-Salon vorgestellt wurde, serienreif und sollte im selben Jahr auf der IAA in Frankfurt präsentiert werden, aber wegen der Ölpreiskrise verschob Daimler-Benz die Markteinführung, bis das gesellschaftliche Klima gegenüber Kraftfahrzeugen wieder aufgeschlossener war.Mercedes-Benz Automobile Band 5 S. 152–157, ISBN 3-89365-349-X Die Produktion begann zwei Jahre später im September 1975.
Motor M 100
Grunddaten
Der M 100 prägt den Gesamtcharakter des Fahrzeugs und verleiht jenem damit eine Sonderstellung. Er wurde vom Vorgängermodell 300 SEL 6.3 der Modellreihe W 109 übernommen. Durch Erweiterung der Zylinderbohrung von 103 auf 107 mm bei unverändertem Hub steigt der Hubraum auf 6.834 cm³, um die durch Emissionsschutzmaßnahmen und komfortbedingte Nebenantriebe entstandenen Leistungsverluste auszugleichen. Das Verdichtungsverhältnis wurde von 9,0:1 auf 8,8:1 zurückgenommen.
Einspritzanlage
Die Einspritzanlage des 300 SEL 6.3 mit mechanischer Achtstempel-Einspritzpumpe wurde durch die vom Motorantrieb unabhängige und kontinuierlich arbeitende Bosch K-Jetronic ersetzt, die einfacher aufgebaut und weniger störanfällig ist, sich problemlos an damals geltende Abgasnormen anpassen ließ und den Verbrauch verringert.
Trockensumpfschmierung
Der Motor wurde auf Trockensumpfschmierung umgestellt, weil er nur ohne Ölwanne unter der flachen Haube unterzubringen war. Der Ölbehälter wurde im rechten Vorderkotflügel platziert und bei der Gelegenheit mit 12 l so dimensioniert, dass die Ölwechsel zwischen den alle 15.000 km fälligen Inspektionen entfallen können.
Fahrwerk
Schräglenkerachse hinten
Grundlegende technische Neuerung der Baureihe W 116 ist die Einführung der Schräglenkerachse hinten als Ablösung der von den immer leistungsfähiger werdenden Antrieben zunehmend überforderten Pendelachse nun endlich auch in der S-Klasse, nachdem Mercedes-Benz sie bereits 1968 in den Mercedes-Benz /8-Fahrzeugen vorgestellt hatte. Ein Meilenstein in der Fahrwerkstechnik.
Wie auch bei allen übrigen 450er-Modellen weist die Hinterachse einen Anfahrmoment-Ausgleich auf, der das Eintauchen des Hecks aufgrund der dynamischen Achslastverschiebung beim Beschleunigen kompensiert. Damit geht ein Verlust von 5 mm Radstand einher.
Hydropneumatische Federung rundum
Statt mit der Luftfederung des 300 SEL 6.3 ist der 450 SEL 6.9, ähnlich wie viele Citroën-Modelle, serienmäßig mit einer Hydropneumatik ausgestattet, einem mit Gas und Drucköl arbeitenden System. Dabei wird das Fahrzeug von vier Gasfederelementen getragen, die über Hydraulikzylinder, die gleichzeitig als Stoßdämpfer wirken, mit den Radaufhängungen verbunden sind. Die Speicher sind untereinander und mit zwei Steuereinheiten durch ein Leitungssystem verbunden. Der Hauptvorteil dieser Federung ist die automatische Niveauregulierung, die unabhängig von der Belastung des Fahrzeugs eine konstante Bodenfreiheit sowie konstante Federwege ermöglicht. Dadurch kann die Federung sehr weich ausgelegt sein, ohne die Fahrstabilität zu beeinträchtigen.
Zuvor hatte man bei Mercedes-Benz nur eine auf die Hinterachse beschränkte Ausführung in Serie angeboten, so bei den Typen 600 und 300 SE. Für schlechte Wegstrecken kann die Bodenfreiheit im 6.9 per Zugschalter an der Armaturentafel um 4 cm erhöht werden, allerdings unter Komforteinbußen.
Ausstattung
Äußerlich ist der 450 SEL 6.9 nur anhand der Heckaufschrift, der kleinen Frontspoilerlippe, dem etwas größeren Auspuffendrohr-Durchmesser und Reifen der Dimension 215/70 VR 14 von den regulären Modellen der Baureihe 116 zu unterscheiden.
Von den Sonderausstattungen war neben Metalliclack vor allem das elektrische Stahlschiebedach weit verbreitet. Die Leichtmetallräder erlangten erst später ihre heutige Popularität und bekamen erst in der Oldtimerszene ihren Spitznamen „Barockfelgen“. Das Autotelefon war hingegen selbst für Interessenten dieser Fahrzeugeklasse praktisch unerschwinglich und entsprechend selten.
Ausstattungsumfang Grundausstattung Fahrzeugmodell 350 SEL 450 SEL 450 SEL 6.9 V8-OHC-Motor □ □ □ Um 100 mm vergrößerter Fußraum im Fonds □ □ □ Grundpreis 1979Preisliste Nr. 23 vom 18. Dezember 1978inflationsbereinigt Januar Inflationsbereinigung mit der Vorlage:Inflation durchgeführt 41.652,80 DM Euro 49.481,60 DM Euro 78.960 DM Euro SonderausstattungSonderausstattung ● = auf Wunsch und gegen Aufpreis □ = serienmäßig — = nicht lieferbar Aufpreis 1979 · inflationsbereinigt Januar Sicherheit und Umwelt Abgasreinigungsanlage, DreiwegekatalysatorDer geregelter Dreiwegekatalysator wurde bei Mercedes-Benz erst zum 1. September 1986 eingeführt — — — Antiblockiersystem (ABS)Das Antiblockiersystem ABS wurde von Mercedes-Benz erstmals in der Preisliste Nr. 23 vom 18. Dezember 1978 geführt und zunächst auf die Modelle der S-Klasse beschränkt auf Wunsch und auch für den 450 SEL 6.9 gegen Aufpreis angeboten 2.217,60 DM Euro ● ● ● 2 Kopfstützen vorn □ □ □ 2 Kopfstützen im Fonds außen 162,40 DM Euro ● ● □ 5. Kopfstütze im Fonds Mitte — — — 2 Dreipunkt-Automatik-Sicherheitsgurte vorn □ □ □ 2 Dreipunkt-Automatik-Sicherheitsgurte im Fonds außen 156 DM Euro ● ● □ 5. Dreipunkt-Automatik-Sicherheitsgurt im Fonds Mitte — — — Manueller Zweipunkt-Beckengurt hinten Mitte 39,20 DM Euro ● ● ● Fahrwerk Anfahrmoment- und Bremsmoment-Ausgleich an der Hinterachse — □ □ Niveauregulierung an der Hinterachse 834,40 DM Euro ● ● — Hydropneumatische Federung mit Niveauregulierung rundum — — □ Leichtmetallräder 5-fachLeichtmetallräder 5-fach geschmiedet von Fuchs später in der Oldtimerszene sogenannte „Barockfelgen“ 1 131,20 DM Euro ● ● ● Fahrsicherheit Sperrdifferential 336 DM Euro ● ● □ Außenspiegel Fahrerseite von innen verstellbar □ □ □ Außenspiegel Beifahrerseite, von innen verstellbar 100,80 DM Euro ● ● ● Sitzhöhenverstellung mit zusätzlicher Längsverstellung Fahrersitz □ □ □ Sitzhöhenverstellung mit zusätzlicher Längsverstellung Beifahrersitz 91,84 DM Euro ● ● □ Fanfare Zweiklang 196 DM Euro ● ● ● Nebelscheinwerfer, integriert □ □ □ Nebelschlussleuchte, integriert □ □ □ Abblend-, Fern- und Nebelscheinwerfer mit Halogenlicht □ □ □ Scheinwerfer-Reinigungsanlage 464,80 DM Euro ● ● □ Windschutzscheibe Verbundglas, klar □ □ — Heckscheibenheizung Verbundglas, klar 145,60 DM Euro ● □ — Klimatisierung wärmedämmendes Glas rundum mit Heckscheibenheizung Einscheiben-Sicherheitsglas 268,80 DM Euro ● ● —wärmedämmendes Glas rundum mit Heckscheibenheizung Verbundglas 515,20 DM Euro ● — □ 414,40 DM Euro — ● Klimaanlage 2.912 DM Euro ● ● □ Stahlschiebedach, elektrisch 1.131,20 DM Euro ● ● ● Bordelektrik und Medien/Kommunikationssysteme Batterie mit größerer KapazitätBatterie 88 Ah statt 66 Ah 48,16 DM Euro ● ● □ Lichtmaschine mit größerer Leistung 56 DM Euro □Lichtmaschine Drehstrom 55 A/770 W statt 35 A/490 W □ □Lichtmaschine Drehstrom 75 A/1.050 W Entstörung für Autoradio und FM-FunkEntstörung und Antennen für nachträglichen Autoradioeinbau eine Vielzahl Kunden ließ sich ihr Autoradio nachträglich einbauen, meistens eines der Marke Blaupunkt, einer Bosch-Tochter 95,20 DM Euro □ □ □ Antenne mechanisch (ohne Radioeinbau) 78,40 DM Euro ● ● ● Antenne automatisch (ohne Radioeinbau) 408,80 DM Euro ● ● ● Autoradio mit Antenne mechanischAutoradio Stereo, verschiedene Modelle von Becker mit oder ohne Stereo-Kompaktkassetten-Laufwerk 476 bis 1.528,80 DM bis Euro ● ● ● Antenne automatisch (bei Radioeinbau) 330,40 DM Euro ● ● ● Autotelefon B-NetzAutotelefon B-Netz Becker AT 40 S, 16.452,80 DM ( Euro) oder TeKaDe BSA 31 S, 15.881,50 DM ( Euro) 15.881,50 bis 16.452,80 DM bis Euro ● ● ● Dachantenne B-Netz 330,40 DM Euro ● ● ● Heckantenne B-Netz 268,80 DM Euro ● ● ● Einbauteilesatz für Autotelefon B-NetzEinbauteilesatz für Autotelefon B-Netz Becker AT 40 S oder TeKaDe BSA 31 S falls das Autotelefon bereits vorhanden war und im Neuwagen weiterverwendet werden sollte 1.769,60 DM Euro ● ● ● Bedienungskomfort Servolenkung 705,60 DM Euro □ □ □ Drehzahlmesser 184,80 DM Euro ● ● □ Getriebe automatisch, 3-Gang 1.881,60 DM Euro ● □ □ Getriebe automatisch, 4-Gang 1.769,60 DM Euro — — — Tempomat 436,80 DM Euro ● ● □ elektrische Fensterheber 4-fach 1.142,40 DM Euro ● □ □ Zentralverriegelung 403,20 DM Euro ● □ □ Innenraum und Lackierung Fondsbeleuchtung und Türkontakt Fondstüren 67,20 DM Euro □ □ □ Leseleuchten im Fonds 2 Stück 95,20 DM Euro ● ● ● Gummimatten 4-teilig anstelle Teppichboden 28 DM Euro ● ● ● Kokosmatten 4-teilig naturfarben 156,80 DM Euro ● ● ● Handschuhfach abschließbar 22,40 DM Euro □ □ □ Mittelarmlehne klappbar, vorn 162,40 DM Euro ● ● □ Mittelarmlehne klappbar, hinten □ □ □ Gepäcknetze an den Vordersitzlehnen 57,12 DM Euro ● □ □ Velourspolsterung 1.506,40 DM Euro ● □ □ Lederpolsterung 1.780,80 DM Euro ● — — 380,80 DM Euro — ● ● Fondssitzanlage elektrisch verstellbar 834,40 DM Euro ● ● ● Metalliclack 1.232 DM Euro ● ● ●
Fahrleistungen
Laut Werksangaben erreicht der 450 SEL 6.9 eine Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h und 100 km/h in 7,4 s. Messungen von auto motor und sport 1975 ergaben 234 km/h, 8,2 s und einen Testverbrauch von 23,2 l auf 100 km.450 SEL 6.9 · vgl. Im Test der Automobil Revue 1976 wurden 100 km/h in 7,8 s, 200 km/h in 33,7 s und eine Höchstgeschwindigkeit von 237 km/h erreicht; der Testverbrauch betrug 19,9 l auf 100 km.
Rezeption
Der 450 SEL 6.9 wurde auf dem Titelblatt von auto motor und sport 21/1975 als Das beste Auto der Welt bezeichnet. n-tv überschrieb eine Rückblende 2015 mit Das beste Auto der Welt wird 40.
Die britische Zeitschrift „Road & Track“ unternahm einen Fahrtest mit diesem Fahrzeug quer durch Westeuropa und veröffentlichte unter dem Titel „Colossus of the Road“ einen Bericht darüber.
Markterfolg
Zu Kaufpreisen von Anfangs ab 69.930 DM (1975; Januar etwa Euro) kostete er gut das anderthalbfache des bisherigen Spitzenmodells 450 SEL (ab 44.444,40 DM, etwa Euro; S-Klasse-Einstiegsmodell 280 S ab 28.848,90 DM, etwa Euro),Inflationsbereinigung mit der Vorlage:Inflation durchgeführt und auf volle 100 Euro gerundet was dem Erfolg nicht im Wege stand. In der mit viereinhalb Jahren vergleichsweise kurzen Produktionszeit verließen 7.380 Fahrzeuge und damit mehr als von seinem Vorgänger das Werk Sindelfingen.
Prominente Fahrzeughalter
mini|Staatskarosse des ehemaligen Kaisers von Persien (Shah Reza Pahlavi) auf der Messe "Essener Motorshow"
Dank seiner Kombination aus luxuriöser Ausstattung und beeindruckender Motorleistung wurde das Modell nicht nur bei Automobilenthusiasten geschätzt, sondern auch von zahlreichen Prominenten gewählt. Bis heute tauchen bei Auktionen immer wieder Exemplare auf, die einst von berühmten Persönlichkeiten gefahren wurden und hohe Preise erzielen. Diese Fahrzeuge befinden sich häufig auch im Besitz von Sammlern. Einige der bekanntesten Besitzer dieses Modells waren unter anderem die Familie Wiesenthal, Fußballlegende Franz Beckenbauer und Schah Reza Pahlavi, der ehemalige Kaiser von Persien.
Technische Daten
mini|Schriftzug 6.9 mini|US-Version mit Sealed-Beam-Scheinwerfern und großen US-Stoßfängern
Überhöhte Herstellerangaben
Verkaufsbezeichnung 6.9