mini|Deolinda Rodrigues
Deolinda Rodrigues Francisco de Almeida (auch Deolinda Rodrigues de Almeida, kurz Deolinda Rodrigues; * 10. Februar 1939 in Catete, Provinz Luanda, Portugiesisch-Angola; † nach März 1968) war eine angolanische Nationalistin, Schriftstellerin, Übersetzerin, Dichterin, Radiomoderatorin und Aktivistin der Unabhängigkeitsbewegung MPLA. Im Untergrund trug sie den Kampfnamen Langidila. Sie gilt als Mitbegründerin der angolanischen Frauenorganisation Organização da Mulher de Angola und als eine weibliche Symbolfigur des antikolonialen Widerstands in Angola. Rodrigues wurde im Zusammenhang mit der Mission des Esquadrão Kamy von der konkurrierenden Befreiungsbewegung FNLA gefangen genommen; ihr genauer Todestag und die Todesumstände sind nicht eindeutig geklärt.
Leben
Herkunft und Ausbildung Deolinda Rodrigues wurde am 10. Februar 1939 im Ort Catete in der Provinz Luanda der portugiesischen Kolonie Angola als drittes von fünf Kindern einer methodistischen Familie geboren; ihre Eltern waren Grundschullehrer, ihr Vater außerdem evangelischer Pastor. Ihre Familie gehörte zu jenen protestantisch gebildeten schwarzen Schichten aus dem Landesinneren, die in der Forschung als „neue Assimilierte“ beschrieben werden und im kolonialen Angola sozialen Aufstieg über Missionsbildung und den Status der Assimilierten suchten. Rodrigues’ Eltern arbeiteten im Auftrag der methodistischen Kirche in verschiedenen Teilen des Landes, darunter in N’Dalatando, Caxicane und Catete; dort lernte sie in methodistischen Missionsschulen Lesen und Schreiben. Zugleich widersetzte sie sich den kolonialen Assimilationsnormen, indem sie traditionelle afrikanische Kleidung trug, Kimbundu sprach, barfuß durch die Mutamba in Luanda ging und ihr Haar nicht glättete. 1954 zog sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Luanda; nachdem ihre Mutter zurück zum Vater ins Landesinnere gegangen war, blieb Rodrigues in der Obhut von Maria da Silva, der Mutter des Dichters und späteren angolanischen Präsidenten Agostinho Neto.
Politisierung und Studium Bereits im September 1956, im Alter von siebzehn Jahren, schloss sich Rodrigues dem klandestinen nationalistischen Milieu an; ihre Aufnahme stieß intern wegen ihres Geschlechts auf Widerstand. Als Jugendliche schloss sich Rodrigues dem Umfeld jener nationalistischen Gruppen an, aus denen später die MPLA hervorging; sie übersetzte und schrieb politische Texte und übernahm frühe organisatorische Aufgaben. Rodrigues sprach Kimbundu, Portugiesisch, Englisch, Französisch und Deutsch; ihre sprachlichen Kenntnisse und ihre Fähigkeit, Maschine zu schreiben, nutzte sie für Übersetzungen, Flugblätter und Korrespondenz an internationale Stellen wie die Vereinten Nationen. Rodrigues brachte sich zunächst in die kleine Befreiungsorganisation Partido da Luta Unida de Angola ein, die sich später mit anderen Organisationen zur MPLA vereinte. Nach der Gründung der MPLA trat Rodrigues dieser auch offiziell bei. Ihre Ausreise aus Angola im Februar 1959 fiel in die Phase der Verfolgung nationalistischer Netzwerke vor dem Processo dos 50; am 11. April 1959 erließ die PIDE einen Haftbefehl gegen sie wegen Mitgliedschaft im Movimento para a Libertação de Angola. Dank eines Stipendiums der Evangelischen Kirche studierte sie ab 1959 Soziologie an einer methodistischen Hochschule in São Paulo. In den Vereinigten Staaten korrespondierte sie mit Martin Luther King Jr., während sie zugleich Kontakte für die angolanische Sache pflegte.
Arbeit in der MPLA Im Jahr 1962 kehrte Rodrigues nach Afrika zurück, um sich dem Unabhängigkeitskampf Angolas zu widmen. Zunächst hielt sie sich kurz in Conakry in Guinea auf, bevor sie nach Leopoldville im damaligen Kongo-Léopoldville zog, wo sich das Hauptquartier der MPLA befand. Dort engagierte sie sich zunächst für die von der MPLA betreuten angolanischen Geflüchteten im Rahmen des Corpo Voluntário Angolano de Assistência aos Refugiados. Der Exekutivkommission dieser angolanischen Flüchtlingshilfe gehörte sie 1962 neben anderen Mitgliedern an. Später baute sie die Organização da Mulher de Angola mit auf, deren medizinische Sektion sie zunächst leitete. Auf der ersten nationalen Konferenz der MPLA Ende 1962 wählten die Delegierten Rodrigues in das Comité Director; sie war dort die einzige Frau und übernahm die Leitung der Abteilung für soziale Angelegenheiten. Sie arbeitete zudem als Dichterin, Übersetzerin, Lehrerin und Radiomitarbeiterin und moderierte die MPLA-Sendung A Voz de Angola Combatente. 1963 verwies die Regierung Kongo-Léopoldvilles die MPLA des Landes, sodass diese nach Brazzaville in der Republik Kongo zog. Von Brazzaville aus unternahm Rodrigues verschiedene internationale Reisen, darunter nach Bulgarien, Österreich und in die Sowjetunion. Im Oktober 1966 begann auf Rodrigues’ Initiative hin die Beteiligung von Frauen als Guerillakämpferinnen der MPLA; eine kleine Gruppe von Frauen sollte in den Esquadrão Kamy integriert werden, welcher die isolierte MPLA-Basis der ersten Militärregion in Nambuangongo erreichen sollte.
Gefangennahme und ungeklärter Tod Am 2. März 1967 wurde Deolinda Rodrigues zusammen mit vier anderen MPLA-Militantinnen, Engrácia dos Santos, Irene Cohen, Lucrécia Paim und Teresa Afonso, bei Kamuna (oder Kamunda) von Milizionären der FNLA gefangen genommen. Die Gefangennahme stand im Zusammenhang mit der Mission des Esquadrão Kamy im Rahmen des angolanischen Befreiungskampfes. Daraufhin sollen die Frauen in das FNLA-Basislager Kinkuzu gebracht worden sein, wo Rodrigues nach MPLA-Darstellungen gefoltert und ermordet wurde. Ein im Archiv der Tchiweka Documentation Association erhaltener handschriftlicher Brief aus Kinkuzu vom 21. Dezember 1967 belegt jedoch, dass Rodrigues neun Monate nach ihrer Gefangennahme noch lebte. Ein in Kinkuzu verfasstes Gefängnisgedicht bestätigt zudem, dass sie noch im März 1968 am Leben war. Die späteren Todesumstände, das genaue Todesdatum und die Todesursache sind als bis heute nicht eindeutig geklärt.
Wirken und Rezeption Ihre Schriften werden in der Forschung als Zugang zu ihren politischen, religiösen und nationalistischen Selbstentwürfen gelesen. Rodrigues’ autobiografische Texte zeigen, dass sie in der Befreiungsbewegung gleiche Behandlung einforderte und sich gegen Erwartungen anpasste, die Frauen vorrangig auf Ehe, Mutterschaft und häusliche Arbeit festlegten.
Der 2. März wird in Angola als Dia da Mulher Angolana begangen und mit dem Beitrag von Deolinda Rodrigues, Irene Cohen, Engrácia dos Santos, Lucrécia Paim und Teresa Afonso zum antikolonialen Widerstand verbunden. Zwischen 2010 und 2014 drehten José Rodrigues und Nguxi dos Santos eine Dokumentation mit dem Titel Langidila – Diário de um Exílio sem Regresso über Rodrigues’ Leben. 2015 wurde der Film in allen Provinzen Angolas gezeigt. 2025 wurde Rodrigues in Angola postum unter den Persönlichkeiten genannt, die zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit eine staatliche Medaille erhalten sollten.
Veröffentlichungen Diário de um Exílio sem Regresso. Nzila, Luanda 2003. Cartas de Langidila e outros Documentos. Luanda 2004.
Literatur Margarida Paredes: Deolinda Rodrigues, da Família Metodista à Família MPLA, o Papel da Cultura na Política. In: Cadernos de Estudos Africanos. Nr. 20, 2010. Online verfügbar. Margarida Paredes: Rodrigues, Deolinda. In: Thomas Spear (Hrsg.): Oxford Research Encyclopedia of African History. Oxford University Press, 2019, doi:10.1093/acrefore/9780190277734.013.485.
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