Südniederfränkisch ist eine niederfränkische Dialektgruppe. In den Niederlanden und Belgien werden diese Dialekte meistens Ostniederfränkisch genannt oder in den umfassenderen Begriff Limburgisch einbezogen.Frens Bakker: Waar scheiden de dialecten in Noord-Limburg? Een dialectometrisch onderzoek naar het gewicht van isoglossen, Radboud-Universität, Nijmegen 2016, S. 10.Jürgen Erich Schmidt, Robert Möller: Historisches Westdeutsch/Rheinisch (Moselfränkisch, Ripuarisch, Südniederfränkisch). In: Sprache und Raum: Ein internationales Handbuch der Sprachvariation. Band 4: Deutsch. Herausgegeben von Joachim Herrgen, Jürgen Erich Schmidt. Unter Mitarbeit von Hanna Fischer und Birgitte Ganswindt. Band 30.4 von Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft (Handbooks of Linguistics and Communication Science / Manuels de linguistique et des sciences de communication) (HSK). Berlin/Boston 2019, S. 515 ff., hier S. 528.

Seit 1997 sind die Dialekte der niederländischen Provinz Limburg (die hauptsächlich zum Südniederfränkischen gehören) unter der Bezeichnung „Limburgisch“ in den Niederlanden als Regionalsprache in die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen aufgenommen.Europarat: Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Siehe: Treaty No.148 - European Charter for Regional or Minority Languages und mithin Reservations and Declarations for Treaty No.148 - European Charter for Regional or Minority Languages: „The Kingdom of the Netherlands declares [...] that the principles enumerated in Part II of the Charter will be applied to the Limburger language used in the Netherlands.“Heinz Eickmans: Niederlande (Koninkrijk der Nederlanden), Unterkapitel Limburgisch. In: Franz Lebsanft, Monika Wingender (Hrsg.): Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen: Ein Handbuch zur Sprachpolitik des Europarats. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 153 ff., hier S. 163: „Das als Regionalsprache der Niederlande anerkannte Limburgische […]“.

Bezeichnungen Sowohl in der deutschen als auch in der niederländischen wissenschaftlichen Literatur ist die Bezeichnung „Südniederfränkisch“ für diese Dialektgruppe bekannt. In der Praxis wird in den Niederlanden und Belgien jedoch auch der Begriff „Limburgisch“ für die Dialekte der niederländischen als auch der belgischen Provinz Limburg verwendet. Limburgisch in diesem Sinne umfasst einen Großteil der südniederfränkischen Varietäten, aber auch nordniederfränkische Dialekte und eine kleine Gruppe ripuarischer Varietäten. In der sprachwissenschaftlichen Literatur gibt es keine einheitliche Definition von „Limburgisch“, da dieser Begriff manchmal aus soziolinguistischer oder politischer Sicht und manchmal anhand von Isoglossen oder spezifischeren Sprachmerkmalen definiert wird.

Zu bedenken ist, dass erst 1815 eine Provinz namens Limburg eingerichtet worden war, und zwar auf einem Gebiet, das nicht deckungsgleich mit dem früheren Herzogtum Limburg ist. Der Name für die Provinz war etwas willkürlich gewählt worden. Diese Provinz wurde nach 1830 in einen belgischen und einen niederländischen Teil geteilt. „Limburgisch“ für eine Dialektgruppe ist also kein alter, traditioneller Name, sondern hat sich erst im 19. Jahrhundert eingebürgert.

Verbreitung miniatur|Gliederung des südniederfränkischen Dialektraumes nach Isoglossenzonen (Goossens 1965Jan Goossens: Die Gliederung des Südniederfränkischen Rheinische Vierteljahresblätter, Jrg. 30 (1965), S. 79–94.)Legende:

Das Südniederfränkische wird heute in den Niederlanden (Niederländisch-Limburg), Belgien (Belgisch-Limburg und nordöstlich von Lüttich) und im angrenzenden Deutschland (Nordrhein-Westfalen rund um die Städte Heinsberg, Mönchengladbach, Düsseldorf, bis Krefeld, Neuss und Duisburg) gesprochen.

Von der dortigen Verwaltung werden alle Dialekte der niederländischen Provinz Limburg heute zum Limburgischen gerechnet. So wird auch das südniederfränkisch-nordniederfränkische Übergangsgebiet von Venlo zum Limburgischen und damit zum Südniederfränkischen gezählt, obwohl diese Dialekte zahlreiche brabantische Kennzeichen haben. Daneben existieren einige kleine dem Aachener Platt ähnliche ripuarische Dialekte (zum Beispiel Kirchrather, Völser, Simpelvelder und Bocholtzer Platt). In der niederländischen Provinz Limburg fallen sie sprachlich gesehen eher aus dem Rahmen. Dort werden sie manchmal Zuidoost-Limburgs im Sinne von ‚Platt von Süd-Ost-Limburg‘ genannt, während deutsche Linguisten sie dem Mittelfränkischen zurechnen, das sonst in den Niederlanden nicht vorkommt.

Das Südniederfränkische stellt eine überwiegend einheitliche Sprachform innerhalb des Dialektkontinuums dar. Seine Teildialekte im Nordosten Belgiens, im Südosten der Niederlande und in Westdeutschland werden in einer staatlichen Zuordnung auch als belgisch-limburgische, niederländisch-limburgische und deutsch-limburgische Dialekte bezeichnet.

Der Rheinische Fächer ist die Sammlung der Isoglossen, die die Sprachgrenzen zwischen den Sprachräumen im besagten Gebiet beschreibt. Da sich das Südniederfränkische im Westen im Limburgischen in den Niederlanden und dem angrenzenden Belgien fortsetzt, wurden die Sprachen im deutschen Teil des Dialektgebiets auch als Ostlimburgisch bezeichnet. Heute wird dieser Begriff eher auf ein enges Grenzgebiet in der Provinz Limburg und im benachbarten deutschen Gebiet bis Krefeld und Viersen beschränkt.

Status mini|Karte mit Vier unterschiedliche Definitionen von „Limburgisch“.Legende: In den Niederlanden genießen alle einheimischen Dialekte, die in der niederländischen Provinz Limburg gesprochen werden, seit 1997 einen geschützten Status nach Teil 2 der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen. Dies verpflichtet die Regierung zur Förderung der Sprache, ohne dass daraus weitere Rechte abgeleitet werden können. Die niederländische Anerkennung der Limburger Dialekte ist nicht unumstritten.

Der direkte Anlass für die Aufnahme des Limburgischen in die Europäische Charta war die niederländische Anerkennung des Niederdeutschen (bzw. Niedersächsisch (Niederlande)) im Jahr 1996. Dies veranlasste die Provinz Limburg und den Limburger Dialektverein „Veldeke“ dazu, eine Arbeitsgruppe einzusetzen, um zu prüfen, ob eine ähnliche europäische Anerkennung auch für das Limburgische möglich sei. Eine Arbeitsgruppe von drei Sprachwissenschaftlern kam zu dem Schluss, dass das Limburgische in gleichem Maße den festgelegten Kriterien entsprach wie das Niedersächsische und somit für eine Anerkennung in Frage käme. Diese Empfehlung wurde 1997 ohne weitere inhaltliche Prüfung von der niederländischen Regierung übernommen.Sjaak Kroon: Dialect in Limburg, in: Dialect en school in Limburg, Aksant, 2004, S. 29Elise Roders: Europees Taalbeleid: Een onderzoek naar de totstandkoming, de inhoud en de implementatie van het Europees Handvest voor regionale talen of talen van minderheden, Katholieke Universiteit Brabant, 2000, Kapitel 6. (Niederländisch)

Im Rahmen der Charta wird das „Limburgische“ rechtlich als „die Regionalsprache, die in verschiedenen Varianten in der niederländischen Provinz Limburg gesprochen wird“ definiert. Dies steht im Einklang mit der Empfehlung der Veldeke-Arbeitsgruppe, die ausdrücklich feststellte, dass die Anerkennung des Limburgischen „nicht als Eingriff in die wissenschaftliche Terminologie oder die sprachliche Praxis verstanden werden sollte, sondern als eine öffentlich-rechtliche Anerkennung der kulturellen Vielfalt innerhalb der Limburger Dialekte und ihrer Stellung im Verhältnis zum Standardniederländischen“. Wegen dieser geografischen Definition genießen auch einige Dialekte Schutz, die typologisch nicht südniederfränkisch, sondern ripuarisch, kleverländisch oder brabantisch sind.Frens Bakker: in: Onze Taal, Jahr 66 (1997), p. 107; "Wat is Limburgs?". Archiviert am 18. Januar 2023. (Niederländisch)

Kritik Die Anerkennung der Limburger Dialekte hat sich aus verschiedenen Gründen als umstritten erwiesen. In Belgien wurde ein ähnlicher Antrag abgelehnt, und mehrere Sprachwissenschaftler bezeichneten die Anerkennung des Limburgischen in den Niederlanden als rein symbolisch.Johan De Caluwe: Taalvariatie en taalbeleid: bijdragen aan het taalbeleid in Nederland en Vlaanderen, Garant, 2002, S. 112–113/127. Die Nederlandse Taalunie äußerte Unmut darüber, dass sie als offizielles Beratungsorgan nicht in den Antrag der Provinz Limburg einbezogen wurde. Im Jahr 2000 räumte die niederländische Regierung ein, dass es klüger gewesen wäre, den Antrag der Provinz Limburg der Taalunie zur Prüfung vorzulegen. Infolgedessen wurde festgelegt, dass zukünftige Anträge der Taalunie vorgelegt werden sollen. Ein späterer Antrag, auch Seeländisch als anerkannte Regionalsprache in die Charta aufzunehmen, wurde in der Folge abgelehnt.

Sprecherzahl Für die Varianten des Südniederfränkischen gibt die Limburgse Academie eine Sprecherzahl rund 1,2–1,5 Millionen Menschen an (Stand Oktober 2021).

Beispiele

(Doenraads, NL-Ost-Limburgisch:) „Ich höb nog efkes/kort (aaf)gewach, (of dat,) wat-se/sdoe mich zègke wols/wous.“ (D) „Ich habe noch kurz abgewartet, was Du mir sagen wolltest.“ (NL) „Ik heb nog even afgewacht wat U/je me wilde zeggen.“ (Doenraads) „In de wèntjer sjtuuve/vlege/wejje die druuëg blaar doeër de loech róntj-en-om / erom.“ (D) „Im Winter fliegen die trockenen Blätter in der Luft herum.“ (NL) „In de winter waaien de droge bladeren rond in de lucht.“ (Doenraads) „'T zal zoeë/gliek oetsjejje/ophuuëre te/mit sjnejje, dan wèrt 't waer waer baeter.“ (D) „Es hört gleich auf zu schneien, dann wird das Wetter wieder besser.“ (NL) „Het zal zo/gelijk ophouden met sneeuwen, dan wordt het weer weer beter.“ (Doenraads) „Hae is (vuur) vaer of zös waeke (truuk) gesjtorve.“ (D) „Er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben.“ (NL) „Hij is vier of zes weken geleden gestorven“ (Doenraads) „'T vuur waor te heet, de keuk zènt (jao) ónger / aan den óngerkantj gans zjwart versjruijt/aagebrent.“ (D) „Das Feuer war zu heiß, die Kuchen sind ja unten ganz schwarz gebrannt.“ (NL) „Het vuur was te heet, de koeken zijn aan de onderkant helemaal zwart aangebrand.“ (Doenraads) „Hae deet die eikes/eier ömmer zónger zout en paeper aete / Hae èt die eikes/eier ömmer zónger zout en paeper.“ (D) „Er isst die Eier immer ohne Salz und Pfeffer.“ (NL) „Hij eet de eitjes altijd zonder zout en peper./ Hij doet de eitjes altijd zonder zout en peper eten.“

Geschichte Das Südniederfränkische entwickelte sich überwiegend aus den Dialekten des Ostniederfränkischen. Seit dem 8. Jahrhundert hatte das Althochdeutsche unter den Merowingern und Karolingern einen starken Einfluss auf diese Sprachvarianten. Besonders die Städte Aachen, Lüttich und Köln waren die Zentren, von denen der Einfluss ausging.

Im 12. Jahrhundert endete dieser sprachliche Einfluss links der Maas (überwiegend das heute belgische Limburg), da die betreffende Region begann, sich nach Westen zu orientieren. Nun nahmen Städte wie Gent, Brügge und Ypern jene Position ein, die vorher Aachen, Lüttich und Köln innehatten.

1288 fiel das Herzogtum Limburg nach der Schlacht von Worringen an das benachbarte Herzogtum Brabant. So übernahm das Südniederfränkische wie die meisten anderen niederfränkischen Varianten viele Kennzeichen der brabantischen Dialekte. Man spricht hier von der sogenannten Brabanter Expansion. Dieses Wechselspiel des sprachlichen Einflusses zwischen dem Rheinland und Brabant sollte sich in dieser Dialektgruppe öfters wiederholen.

Der Duisburger Johanniter Johann Wassenberch führte im 15. und 16. Jahrhundert regelmäßig Aufzeichnungen über lokale und weltweite Ereignisse, die Aufschluss über die damalige Sprache am Niederrhein geben:

’s doenredachs dair nae woerden die twe gericht ende op raeder gesatt. Eyn gemeyn sproeke: ‚Dair nae werck, dair nae loen‘. Die ander vyf ontleipen ende entquamen dat doch nyet goit en was. (oe = u, ai = aa, ae = aa)