mini|Der Albatros mit seinem Segelflugzeug am Hirschberg bei Gais, ca. 1929 Der Albatros war einer der schweizweit ersten Segelflugvereine, welcher von 1928 bis 1933 in Trogen im Kanton Appenzell Ausserrhoden eigene Segelflugzeuge baute und auch bemannt flog. Das Besondere am Albatros war insbesondere, dass er ausschliesslich von Schülern der Kantonsschule Trogen betrieben wurde, und dass diese jungen Leute weite Strecken segelten, ohne dass je ein nennenswerter Unfall passierte.

Vorgeschichte Helmut Berg träumt vom Fliegen mini|Kurt Rothenberger (links) und Helmut Berg (rechts) mit ihrem selbst gebauten Hängegleiter «Chögli» Unter dem Namen Albatros begann 1928 in Trogen die Ära der Segelfliegerei, zuerst mit bemannten Flugzeugen, später mit Flugzeugmodellen. Kurt Lutz, Präsident des Nachfolgevereins des Albatros, notierte über diese Pionierzeit: «Es war die Zeit des grössten Auftriebes im Flugwesen. Mitte der dreissiger Jahre setzte eine enorme Entwicklung in Technik, Flugverkehr, Militäraviatik und im Flugsport ein. Wesentliche Impulse gingen insbesondere von Deutschland aus. Eine Welle der Begeisterung erfasste vor allem die junge Generation, welcher im Modellbau und Segelflug Gelegenheit geboten wurde, das fliegerische Erlebnis hautnah zu erleben. Eine solche Strömung konnte auch in Trogen nicht vorbeigehen.»Kurt Lutz: Trogen im Aufwind – Aviatisches im Zusammenhang mit Trogen und Trogenern. In: KVT-Mitteilungen Nr. 66, Eigenverlag, Trogen 1986, S. 69. Als zentrale Figur in dieser Bewegung entpuppte sich Helmut Berg aus Speicher, wohnhaft an der Trogener Strasse 4. Der am 6. Juli 1911 geborene Sohn eines Arztes zeigte schon früh Begeisterung für das Flugwesen. Bereits als Primarschüler hielt er vor seiner Klasse einen detaillierten Vortrag mit dem Titel «Die Luftschiffahrt», beschrieb darin die Geschichte des Flugwesens und erzählte dabei auch von seinem ersten Flug: «Heutzutage findet man in allen Ländern Aviatiker. Obwohl viele Todesstürze vorkommen, findet man überall emsige Weiterarbeit. Chavez war der erste Mann, der die Alpen überfliegen wollte. Doch kurz vor dem Ziele stürzte er ab. Jetzt steht in Brig zu seinen Ehren ein Denkmal. […] Letzten Pfingstmontag hatte ich Gelegenheit, selbst zu fliegen. Mein Vater und ich besuchten nämlich den Romanshorner Flugtag. Am Bahnhof in Romanshorn sagte mein Vater zu mir: Heute fliegen wir. Kaum auf dem Flugplatz angekommen, meldete sich mein Vater mit mir zu einem Passagierfluge von einer Viertelstunde an. Wir vertrauten uns dem in der ganzen Schweiz bekannten Piloten Comte an. […] Während diesem Erlebnis bemächtigen sich meiner viele Gefühle. […] Der diesjährige Pfingstmontag war für mich der schönste und wird es wahrscheinlich bleiben.»Helmut Berg: Typoskript zum Vortrag «Die Luftschiffahrt», 1923. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.007-6-03. Dieses Flugerlebnis hatte tatsächlich weitreichende Folgen: Bergs Engagement in den kommenden Jahren löste in Trogen schliesslich die Gründung von mehreren Segelflugvereinen aus. In seinen Erinnerungen beschreibt er den weiteren Verlauf seiner Passion für das Fliegen folgendermassen: «Als ich etwa 13 Jahre alt war, gab mir mein Vater Beschreibungen des deutschen Segelflugpioniers Otto Lilienthal und der deutschen Segelflugschule auf der Wasserkuppe in der Rhön-Hügellandschaft. Da packte es mich. Ich wollte mir anhand bewährter Pläne selbst einen Hängegleiter bauen. Der Name weist darauf hin, dass man in einem Gurt sitzt, der an einem Holzrahmen befestigt ist, die Beine hängen lässt. Die Regulierung von Neigung und Querlage erfolgte durch Bein- und Körperbewegungen. Ein flugbegeisterter Arzt am Zürichsee, den mein Vater kannte, schickte uns zu einem Flugtechniker [gemeint ist Hermann Aecherli] auf dem Flugplatz Dübendorf. Dieser hatte einen Hängegleiter konstruiert. Einige flogen schon nach seinen Plänen. Er verkaufte uns die Pläne und Baumaterial für den ca. 16 kg schweren Doppeldecker [der «Chögli» getauft wurde]. Auf dem Heustock in unserer Remise bastelte ich ihn zusammen mit Kurt Rothenberger [Sohn des Physiklehrers an der Kantonsschule Trogen] aus Trogen. Damit rannten wir […] eine steile Wiese, die unten eben auslief, hinunter, bis der Apparat tatsächlich abhob und 20 bis 100 Meter weit flog, und das in zwei bis zehn Metern Höhe!»Helmut Berg: Trogen im Aufwind – Aviatisches im Zusammenhang mit Trogen und Trogenern. In: KVT-Mitteilungen Nr. 66, Eigenverlag, Trogen 1986, S. 64. Mit diesem Hängegleiter besuchte Helmut Berg vom 1. bis 15. August 1926 auch das Segelfliegerlager in Gottschalkenberg; der Flugbetrieb für die 13 Teilnehmer dauerte täglich von 5 Uhr morgens bis 19.00 abends.Segelflieger-Lager Gottschalkenberg: Programm. 1926, S. 25, 28.

Rektor Wildi greift ein mini|Die Kantonsschule Trogen wie sie zur Zeit des Albatros aussah: Knabenkonvikt (im Vordergrund) und «Altes Schulhaus» (rechts) Im Frühling 1924 trat Helmut Berg mit Kurt Rothenberger in dieselbe Klasse der Kantonsschule Trogen ein. Drei Jahre später fasste Berg den Entschluss, einen Flugkurs auf der Rhön zu besuchen. Allerdings gab es noch ein schulisches Hindernis: Die Ausbildung fand teilweise während des regulären Unterrichts statt. Aus diesem Grund richtete der 16-jährige Schüler am 22. April 1927 ein Urlaubsgesuch an den damaligen Rektor Ernst Wildi, damit er den ganzen Segelflugkurs besuchen konnte. Darin schrieb er unter anderem: «Ich hoffe, das Gesagte wird Sie überzeugen, dass es besser ist, wenn ich schon dieses Jahr den Segelfliegerkurs absolviere. Durch besondere Anstrengung in der Schule vor und nach dem Urlaub will ich keine Lücke aufkommen lassen, und dadurch machen dass Sie ihr Entgegenkommen nicht bedauern müssen. Ich werde einige Tage brauchen, bis ich die nötigen Ausweise beieinander habe; diese schicke ich dann nach Frankfurt und werde sehen, ob sie zur Aufnahme in den Kurs genügen. Man ist dort offenbar ziemlich streng in der Auswahl. Ich freue mich auf den Rhönkurs und danke Ihnen, sehr geehrter Herr Rektor.»Helmut Berg: Brief an Ernst Wildi vom 22. April 1927. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.007-1-01. Berg hatte Glück, da Ernst Wildi, der seit 1904 die Kantonsschule Trogen leitete und deren Entwicklung nachhaltig geprägt hatte, den ehrgeizigen Plänen des Jungfliegers wohlgesinnt war. Obwohl sich die Mehrheit der Lehrerschaft gegen die Bewilligung des Urlaubsgesuches aussprach, setzte sich der Schulleiter durch und schrieb am 26. April an den Regierungsrat: «Da der junge Berg wirklich mit mehr als nur oberflächlicher Bubenbegeisterung für den Segelflugsport schafft – er hat z. B. in harter Arbeit ein wirklich prächtiges Fahrzeug selbst gebaut – so möchte die Lehrerschaft dem Jungen – ausserordentlicherweise – entgegenkommen, und sie beantragt Zustimmung [sic!] zu dem gewünschten Urlaub.»Ernst Wildi: Brief an den Regierungsrat vom 26. April 1927. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.007-1-01. 59 Jahre später erinnerte Helmut Berg sich an diesen entscheidenden Moment zurück: «Wie ich später vernahm, soll – nach Ablehnung durch die Lehrerschaft – Rektor Wildi eingeworfen haben: ‹Und wenn de Berg fehle wör, will er chrank isch, müessts au go [Und wenn der Schüler Berg im Unterricht fehlen würde, weil er krank wäre, müsste es auch gehen].› Die Bewilligung erfolgte. Ohne diese positive Einstellung des Rektors wäre der ‹Albatros› wohl nie flugtüchtig geworden.»Helmut Berg: Trogen im Aufwind – Aviatisches im Zusammenhang mit Trogen und Trogenern. In: KVT-Mitteilungen Nr. 66, Eigenverlag, Trogen 1986, S. 65. Auch Rolf Stadler, Nachfolgepräsident von Helmut Berg, entsann sich noch 1991 an Wildis Beitrag: «Herr Rektor Wildi hat uns seinerzeit sehr unterstützt, obschon er mir später einmal sagte, dass er nie geglaubt hätte, dass wir ein Flugzeug wirklich fertigstellen, geschweige denn zum Fliegen bringen würden.»Rolf Stadler: Brief an Fréderic Fischer vom 17. April 1991. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.007-1-01.

Ausbildung auf der Rhön mini|Erste Seite von Helmut Bergs «Bre­vet national de pilote d'avions sans monteur» Im Sommer 1927 reiste Helmut Berg in das rund 450 Kilometer nördlich gelegenen Mittelgebirge Rhön und absolvierte den Segelflugkurs vom 1. Juni bis Ende Juli. Trotz des vollen Tagesprogramms und der körperlichen Anstrengung schrieb Helmut beinahe täglich Postkarten oder ausführliche Briefe an seine Eltern im Appenzellerland und berichtete darin von seinen Erlebnissen. Zwei Wochen nach seiner Ankunft schilderte er beispielsweise: «Jetzt will ich dir noch etwas vom Schulbetrieb erzählen. Trotzdem sehr viel Bruch geschmissen wurde [Teile des Segelflugzeugs brechen z. B. bei einer ungünstigen Landung auseinander] und leider noch wird, waren wir immer nur ca. 3 Mann (unsere Gruppe besteht aus 19 Mann), die die ‹Kiste› reparierten, bis wir uns bei Herrn Stamer darüber beschwerten. Der hielt nun eine zündende Rede und drohte mit dem ‹Röhngeist› (um Mitternacht eine Tracht Prügel von allen Schülern) und mit Startverbot. Da war das Wunder geschehen. An jenem Abend arbeiteten alle bis 23.00 Uhr und bei den meisten hält der Eifer an. Es ist eigentlich schlimm, dass zu solchen Mitteln gegriffen werden muss.»Helmut Berg: Brief an den Vater vom 14./15. Juni 1927. Schularchiv Kantonsschule Trogen, KST.007-6-02. Helmut Bergs Ausbildung erfolgte zuerst auf einem Schulgleiter des Typs RRG-Zögling (das Kürzel RRG steht für die Herstellerfirma Rhön-Rossitten-Gesellschaft). Mit diesem wurden die ersten Rutscher, Geradeausflüge, Kurven und Landungen gelernt. Sobald der Flugschüler dies beherrschte, durfte er mit dem RRG-Prüfling fliegen; dieses Flugzeug war für Fortgeschrittene und diente zum Lernen von Achten lenken und den Hangaufwind auszunutzen. Ein Jahr später beschrieb Berg in einem Aufsatz, welcher in der Schweizer Aero-Revue erschien, seine vierwöchige Schulung detailliert unter anderem mit folgenden Worten: «Die kurzen Flüge werden mit der Zeit immer mehr gesteigert, indem man auf etwas steilerem Gelände fliegt. Der Schüler trainiert nun so lange, bis es ihm glückt, vielleicht nach dem 8. bis 20. Flug, die A-Prüfung abzulegen (ein normaler Flug geradeaus von mindestens 30 Sekunden Dauer). Hat er diese bestanden, so lernt er das Kurvenfliegen. Bei diesen Kurven muss das Querruder benutzt werden, um beim späteren Fliegen mit Motorflugzeugen einen Vorteil zu haben. Aus diesem Grunde haben die Schulmaschinen auf der Rhön nie eine grössere Spannweite als 10 Meter. […] Der Schüler bereitet sich nun auf die B-Prüfung vor (gleiche Bedingungen wie beim schweiz. Brevet: ein Flug von mindestens einer Minute Dauer mit einer S-Kurve), indem er nicht nur nach Belieben Kurven dreht, sondern sich bemühen muss, an genau vom Lehrer bezeichneten Stellen, etwa einem Busch oder einer Geländewelle, zu kurven. Auch das Überfliegen von kleinen Hindernissen, wie Sträuchern, Hütten etc., muss geübt werden. Ist es dem Schüler geglückt, die Prüfungsbedingungen zu erfüllen, so wird er das sofort nach der Landung inne durch einen Bravo-Ruf, den ihm die andern mit vereinten Kräften von oben zurufen. Dieser Moment und die Entgegennahme des B-Abzeichens lassen unwillkürlich sein Herz höher schlagen.»Schulungsmethoden auf der Rhön. In: «Schweizer Aero-Revue», Zürich, 1928. Die Schulung mit dem RRG-Zögling kamen Helmut Berg sehr zugute, da er diesen Flugzeugtyp in Trogen nachbauen sollte: «Da wir Flugschüler im Flugunterricht entstandene Beschädigungen unter Leitung von Fachleuten selbst reparieren mussten – oft nachts –, wurde ich für den Bau des späteren Flugzeuges ‹Kauz› gut vorbereitet. Aus der Rhön schrieb ich Rektor Wildi, anhand von leihweise erhältlichen Diapositiven könnte ich ihn, wenn er dies wünsche, besser über den ganzen Lehrbetrieb orientieren. Er schrieb mir darauf, ich solle es mitbringen.»Helmut Berg: Trogen im Aufwind – Aviatisches im Zusammenhang mit Trogen und Trogenern. In: KVT-Mitteilungen Nr. 66, Eigenverlag, Trogen 1986, S. 65.

«Albatros – Verein für motorlosen Flug»