mini|Verbreitung der Algonkin-Sprachen
Die Algonkin-Sprachen sind eine in Nordamerika gesprochene Familie der indigenen amerikanischen Sprachen. Möglicherweise ist Algonkin mit den in Nordkalifornien gesprochenen Einzelsprachen Wiyot und Yurok zu einer Algisch genannten Sprachfamilie 2. Grades zusammenzufassen.
Neben den athapaskischen, irokesischen, uto-aztekischen, Muskogee-, Sioux- und Caddo-Sprachen waren die Algonkin-Sprachen eine der weitestverbreiteten Sprachfamilien der Indianer Nordamerikas: von der Atlantikküste im Osten bis auf die Plains im Westen, von der Subarktis im Norden bis nach North Carolina im Süden.
Die Diversifizierung der einzelnen Sprachen ist durchaus beachtlich. Gegenseitige Verstehbarkeit dürfte nur bei einigen wenigen Fällen wie Ojibwa und Potawatomi vorliegen.
Die Sprachkennung nach ISO 639-2 für die Sprachgruppe ist alg, für die namensgebende Einzelsprache Algonkin nach ISO 639-3 ist es alq.
Klassifikation des Algonkin Umstritten ist allerdings die Subgruppierung des Algonkin. Lediglich eine periphere Position des Blackfoot scheint klar, obschon seine Besonderheiten auch erst rezent durch intensive Kontaktwirkungen entstanden sein könnten (Bakker). Areale Gruppen wie ein hypothetisches Plains-Algonkin sind nicht haltbar, und selbst eine bislang akzeptierte Ost-Algonkin-Einheit wurde von Paul Proulx infrage gestellt, da ihre Validität von bestreitbaren Annahmen über relative Chronologie abhängt.
Regionale Sprachgruppen Trotz dieser Vorbemerkungen werden zumeist (wenn auch hilfsweise) heute immer noch drei große regionale bzw. areale Sprachgruppen angenommen (Goddard 1996 und Mithun 1999): Plains-Algonkin-Sprachen (Verwandtschaft sowie Ähnlichkeit besteht vermutlich allein auf Grund regionalen Sprachkontakts benachbarter Einzelsprachen; Arapaho-Sprachen, Blackfoot, Cheyenne) Zentral-Algonkin bzw. Zentrale Algonkin-Sprachen (Verwandtschaft sowie Ähnlichkeit besteht vermutlich allein auf Grund regionalen Sprachkontakts benachbarter Einzelsprachen; Ojibwe, Cree-Montagnais-Naskapi, Fox-Sauk-Kickapoo, Menominee, Miami-Illinois, Potawatomi, Shawnee) Ost-Algonkin bzw. Östliche Algonkin-Sprachen (bilden eine genetische Einheit; Östliches Abenaki, Westliches Abenaki, Etchemin (?), Delawarisch, Nipmuck, Mahican, Malecite-Passamaquoddy, Massachusett, Mi'kmaq, Narragansett, Mohegan-Pequot, Nanticoke, Carolina-Algonkin (Pamlico), Powhatan, Quiripi-Naugatuck, Piscataway)
Bei dieser traditionellen Klassifikation muss jedoch bedacht werden, dass diese Unterteilung mehr auf geographischen/regionalen und hierdurch (zumeist) kulturellen Gemeinsamkeiten dieser drei regionalen Sprachgruppen beruht als auf sprachlichen. Nur das Ost-Algonkin bzw. Östliches Algonkin bildet eine linguistische genetische Einheit. (Die Sprecher linguistisch verwandter Sprachen müssen nicht auch ethnologisch (biologisch oder genetisch) verwandt sein.)
Über eine eventuelle Zugehörigkeit des ausgestorbenen Beothuk auf Neufundland zur Algonkin-Sprachgruppe kann aufgrund der dürftigen Datenlage nur spekuliert werden.
Phonologie Die Algonkin-Sprachen zeichnen sich durch relativ geringe Inventare an Phonemen, andererseits jedoch durch eine komplexe Morphophonologie aus.
Morphologie und Grammatik Sämtliche Algonkin-Sprachen sind als hochgradig polysynthetische Sprachen agglutinierend, teils sogar stark flektierend, mit formal zu unterscheidenden Positionsklassen (Initiate, Mediale, Finale). Komplexe Aussagen sind so durch eine einzige Verbform möglich. Hierzu dienen Suffixe, Präfixe und Infixe, doch werden auch Nomina und adverbielle Elemente („Präverben“) in die Verbformen inkorporiert. So werden transitive Verben nicht nur hinsichtlich des Subjekts, sondern auch des Objekts konjugiert. Zudem gibt es nach einer Hierarchie von Subjekt und Objekt zueinander eine „direkte“ und eine „inverse Flexion“ („Direktionalität“). Objekte können im Verb durch Applikative ausgedrückt werden. Verben werden nach vier Klassen unterschieden: animat-intransitiv (AI), inanimat-intransitiv (II), animat-transitiv (AT) und inanimat-transitiv (IT).
Direkte Flexion (Endung: -aa/-a) und inverse Flexion (Endung: -ig/-uk) bei Ojibwe und Potawatomi: OjibwePotawatomideutsche Übersetzung n-waabm-aan-wapm-aIch sehe ihn/sie. n-waabm-ign-wapm-ukEr/sie sieht mich. g-waabm-aak-wapm-aDu siehst ihn/sie. g-waabm-igk-wapm-ukEr/sie sieht dich.
Substantive werden im Genus bzw. der Nominalklasse nach Belebtem (Animatum) und Unbelebtem (Inanimatum) unterteilt. Die Zuordnung einzelner Nomina zu einem Genus ist nicht immer in allen Algonkin-Sprachen gleich, jedoch sind in der Regel Menschen, Tiere, Bäume und Geister belebt, Gegenstände, aber auch kleine Pflanzen dagegen unbelebt. Substantive und generell die dritte Person werden im Satz auch nach der Relevanz für das jeweilige Thema (Obviation) sowie nach An- oder Abwesenheit (Verlorenes, Verstorbene) markiert. Es gibt drei grammatische Personen mit einer Unterscheidung zwischen inklusivem und exklusivem Wir und zwei Numeri (Singular und Plural). Den Adjektiven entsprechende attributive Elemente („Pränomina“) werden den Nomina vorangestellt. Die Satzstellung ist meist Subjekt-Verb-Objekt oder Subjekt-Objekt-Verb, doch wird die Bedeutung der Aussage durch die synthetische Struktur der Sprache bestimmt.David H. Pentland: Algonquian und Ritwan Languages. In: Keith Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Languages und Linguistics. 2. Auflage. Elsevier, Amsterdam 2006, S. 161–166.Ives Goddard: Central Algonquian Languages. In: Bruce G. Trigger, William C. Sturtevant (Hrsg.): Handbook of North American Indians. Band 15: Northeast. 1978, S. 583–587.
Einen Eindruck von der Struktur der Algonkin-Sprachen vermittelt der Beispieltext „Zwei Frauen, die fischen gingen“ im Artikel zur Ojibwe-Sprache.
Wortgleichungen Deutsch MassachusettJ. H. Trumbull: Natick dictionary (XXV. Ausgabe). Government Printing Press, Washington DC 1903. Band 445, S. 27, 173, 285. Loup (Nipmuc)D. J. Costa: The Dialectology of Southern New England Algonquian. In: H. C. Wolfart (Hrsg.): Papers of the 38th Algonquian Conference. S. 81–127. University of Manitoba Press, Winnipeg (Manitoba) 2007. Narragansett PenobscotG. T. Gambill: Freelang Abenaki Penobscot–English und English–Abenaki Penobscot online dictionary. Beaumont, Bangkok (Thailand) 2008. MunseeMunsee Language Resources (2013). ArapahoL. Conthan: Arapaho-English dictionary. In: The Arapaho language: Documentation und Revitalization. University of California, Berkeley 2006. OjibweThe Ojibwe’s People’s Dictionary. University of Minnesota Department of Linguistics, 2013. „Hirsch“ ahtuhq attekeȣe nóonatch nòlke atóh hé3owoonéihii waawaashkeshi „mein Vater“ noohsh nȣs nòsh n’mitangwes noxwe neisónoo noose „Kanu“ muhshoon amisȣl mishoon ámasol amaxol 3iiw jiimaan „Habicht“ owóshaog („Habichte“) awéhle („breitflügeliger Habicht“) awéhleew cecnóhuu gekek „drei“ nushwe chȣi nìsh nahs nxáh nehi niswi „dreißig“ swinnichak chȣinchak swínchek nsinska nxináxke nisimidama „gebrochen“ poohkshau pȣkȣ’sau pokésha poskwenômuk („brechen“) paxkhílew („es bricht“) tówo’oni („brechen“) bookoshkaa „Hund“ annum alum ayim adia mwáakaneew he3 anim(osh) „Feuerstein“ môshipsq mansibsqȣe masipskw mahləs wóosóó3 biiwaanag(oonh)
Liste von Algonkin-Sprachen Bereits ausgestorbene Sprachen sind mit † gekennzeichnet.
Plains Algonkin Arapaho-Sprachen bzw. Arapaho-Atsina-Nawathinehena Arapaho-Atsina eigentl. Arapaho (Hinono'eitiitt) Atsina (Gros Ventre) (Aáni, Ahahnelin, Ahe, A'aninin, A'ane, A'ananin) Besawunena (†) Nawathinehena (†) Ha’anahawunena (†) Blackfoot (Ni'tsiitapipo'ahsin, Nitsipussin) Siksika (Siksiká) – Dialekt Siksika A Siksika B Kainaa (Kainai) – Dialekt Kainaa A – Subdialekt Kainaa B – Subdialekt Kainaa C – Subdialekt Nördliches Piikani (Aapátohsipikani) – Dialekt (evtl. Nördliche Piikani A, B, C – Subdialekte) Südliches Piikani (Aamsskáápipikani) – Dialekt Cheyenne (Tsėhésenėstsestȯtse, Tsisinstsistots) eigentl. Cheyenne Nördlicher Cheyenne – Dialekt Südlicher Cheyenne – Dialekt Sutaio (Soʼtaaʼe) Cree bzw. Cree–Montagnais–Naskapi Plains Cree (Nēhiyawēwin) Woods Cree / Woodland Cree (Nīhithawīwin) Swampy Cree (auch Maskekon, Omaškêkowak, Omushkego) (Nêhinawêwin) West Swampy Cree East Swampy Cree Moose Cree (York Cree, West Shore Cree, West Main Cree) (Nēhinawēwin) East Cree (auch (Eastern) James Bay Cree, East Main Cree) Northern East Cree (Īyiyū Ayimūn) Southern East Cree (Īnū Ayimūn) Naskapi (Iyuw Iyimuun) Montagnais (Innu-aimun) Southern Montagnais – Dialekt Eastern Montagnais – Dialekt Central Montagnais – Dialekt Labrador Montagnais – Dialekt Atikamekw (auch Attikamek, Tête de Boule, Attimewk, Atihkamekw, Atikamek) Michif (eine Mischsprache der Métis aus Plains Cree und Französisch) Fox-Gruppe Meskwaki Sauk Kickapoo Menomini Miami-Illinois Ojibwa-Potawatomi Ost-Algonkin bzw. Östliche Algonkin-Sprachen Abenaki / Abnaki-Sprachen (Alnôba, Wôbanakiôdwawôgan) Östliche Abenaki (auch Penobscot-Abenaki) Westliche Abenaki Delawarisch bzw. Lenape (Lixsëwakàn, Lunaapeew, Lënape) Munsee-Sprache der Munsee (Lunaapeew, Huluníixsuwaakan) Unami-Sprache der Unami (Lënape, Lënapei èlixsuwakàn) Delaware-Pidgin (auch: Delaware-Jargon, seit 1860 †) Etchemin Loup A Loup B Mahican (Mohican) Malecite-Passamaquoddy (auch Maliseet-Passamaquoddy) Massachusett Mi'kmaq (Micmac) Mohegan-Pequot (Mohican) Nanticoke Narraganset Nipmuck Pamlico Powhatan Quiripi-Naugatuck-Unquachog-Shinnecock Shawnee
Siehe auch Sprachfamilien der Welt
Literatur Comparativa (Algonkin und Algisch)
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