Die frankoprovenzalische Sprache (auch Franko-Provenzalisch) oder arpitanische Sprache ( beziehungsweise , auch ungenau , ‚Dialekt‘;Nicht zu verwechseln mit anderen Patois genannten Sprachformen. ) ist eine romanische Sprache, die im östlichen Frankreich (mittleres Rhonetal und Savoyen), im größeren Teil der französischsprachigen Schweiz (Romandie) und im Nordwesten Italiens (vor allem im Aostatal) in verschiedenen Dialekten gesprochen wird. Es bildet mit den (Okzitanisch) und den die Gruppe der galloromanischen Sprachen.

Im Atlas der gefährdeten Sprachen der UNESCOUNESCO Atlas of the World’s Languages in Danger. Abgerufen am 13. Juli 2020. und dem Bericht des Europäischen Parlaments über die bedrohten Sprachen ist das Frankoprovenzalische als stark gefährdete Minderheitensprache verzeichnet. Generationenübergreifend wird es heute fast nur noch in Italien gesprochen.

mini|400px|Verbreitung des Arpitanischen mini|400px|Verbreitung des Frankoprovenzalischen (grün), Französischen (Dialectes d’oïl) (blau) und Okzitanischen (Dialectes d’oc) (rot)

Namen der Sprache Da für das Frankoprovenzalische keine eigenständige Standardsprache entstand und das Sprachgebiet in der neueren Geschichte auch keine politische Einheit bildete, existiert bei den Muttersprachlern kein einheitlicher Name für die Sprache.

Die Bezeichnung wurde 1873 durch den italienischen Sprachwissenschaftler Graziadio Isaia Ascoli als Sammelbegriff für diejenigen galloromanischen Dialekte geprägt, die sich nach dialektologischen Kriterien weder zu den langues d’oïl (die damals insgesamt als Französisch bezeichnet wurden) noch zu den langues d’oc (die damals insgesamt als Provenzalisch bezeichnet wurden) gehören, sondern eine eigenständige dritte Gruppe bilden, die eine Zwischenstellung zwischen den beiden anderen einnimmt. Dieser Name hat sich in der romanistischen Fachliteratur durchgesetzt, ist außerhalb akademischer Kreise jedoch kaum gebräuchlich und zudem missverständlich, da sie den Eindruck erwecken könnte, es handele sich nicht um eine eigenständige sprachliche Varietät.

In neuerer Zeit wird vor allem im Aostatal und in Frankreich auch die Bezeichnung Arpitanisch (Arpitan) verwendet, manchmal nur für die Dialekte der Alpenregion, manchmal für das gesamte Frankoprovenzalische. Der Ausdruck wird von der 1970 durch Joseph Henriet mit begründeten Regionalbewegung Mouvament Arpitania auch auf politischer Ebene bekannt gemacht.Joseph Henriet: Ehtudio su la question harpitana. Éditions Arba., Aosta 1973.

Die lokalen Idiome werden gewöhnlich als bezeichnet.

Sprachgeschichte Das Frankoprovenzalische hat sich seit der Spätantike aus der im westlichen Alpenraum und im Rhonetal geläufigen Varietät des Vulgärlatein als eigenständige romanische Sprache entwickelt. Es ist in der Forschung umstritten, ob die besondere Sprachform maßgeblich auf die im Jahr 443 erfolgte Ansiedelung des Volks der Burgunden als foederati des Römischen Reichs zurückgeht, wo diese mit der alten romanischen Bevölkerung zusammenlebten und ihre germanische Sprache aufgaben.Zum Stand der Diskussion: Jean-Pierre Chambon, Yan Greub: Données nouvelles pour la linguistique gallo-romane. Les légendes monétaires mérovingienne. In: Bulletin de la Société de linguistique de Paris. 95, 2000, S. 147–182. Immerhin ist darauf hingewiesen worden, dass sich das Verbreitungsgebiet der Sprache weitgehend mit dem ehemaligen burgundischen Siedlungsraum deckt.

Während in der Region Lyon-Dauphiné die Ausstrahlung des Französischen auf die Umgangssprache seit dem Spätmittelalter zunahm, blieben in den frankoprovenzalischen Dialekten der mehr nördlich gelegenen Alpentäler und der heutigen Westschweiz viele alte Eigenheiten der Sprachstruktur erhalten. Dies wurde möglicherweise dadurch begünstigt, dass sich in diesem Raum bis in die Neuzeit das Herzogtum Savoyen als regionale Macht im Wesentlichen behaupten konnte und dass die Westschweizer Gebiete der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit dem unabhängigen Stand Freiburg dem Einfluss Frankreichs wenig ausgesetzt waren.

Auch in den Regionen, in denen die frankoprovenzalische Sprache zugunsten des Französischen aufgegeben worden ist, sind in der Toponymie zahlreiche Relikte der alten Sprache erhalten geblieben.Andres Kristol: Sur les traces du francoprovençal prélittéraire. L’enseignement des toponymes d’origine francoprovençale dans la Romania submersa en Suisse occidentale. In: Aux racines du francoprovençal. Actes de la Conférence annuelle sur l’activité scientifique du Centre d’études francoprovençales «René Willien», Saint-Nicolas, 20-21 décembre 2003. Quart 2003.Zur Wortgeschichte der romanischen und vorromanischen Bergnamen: Frédéric Montandon: Etude de toponymie alpine. De l’origine indo-européenne des noms de montagnes. In: Revue genevoise de géographie, 1929, S. 1–152.

Verbreitung der Sprache Frankreich Frankoprovenzalisch war jahrhundertelang die Umgangssprache in einem großen Teil der jetzigen französischen Region Rhône-Alpes (Beaujolais, Bresse, Bugey, Dauphiné, Dombes, Lyonnais, Savoyen), im Süden der Franche-Comté (Départements Jura und Doubs) sowie im Südosten der Region Burgund (Louhannais, im Département Saône-et-Loire). Diese romanische Sprache war über das Mittelalter hinaus auch die Umgangssprache der Bevölkerung in der Rhône-Metropole Lyon.

In Frankreich wird die Sprache heute in ihren verschiedenen Dialekten nur noch von älteren Leuten (vor 1940 geboren) verstanden (anders als etwa im Aostatal und im schweizerischen Evolène) und von den wenigsten unter ihnen noch als Zweitsprache in der Familie benutzt. Da die französische Sprache in Lyon, in Genf und am Hof der Herzöge von Savoyen in der frühen Neuzeit Latein als Amtssprache ablöste, erlangte Frankoprovenzalisch in den heute zu Frankreich gehörenden Gebieten des Sprachraums nie den Status einer offiziellen Sprache. Anders als bei einigen anderen Regionalsprachen gab es nie den Versuch einer überregionalen Vereinheitlichung von Sprache und Schrift, und das Frankoprovenzalische wurde seit der Französischen Revolution als Unterrichtssprache unterdrückt, und die Sprache wird vom französischen Erziehungsministerium nicht als Abiturfach anerkannt (anders als etwa Provenzalisch, Bretonisch usw.).

Die Geschichte der frankoprovenzalischen Literatur beginnt im späten Mittelalter. In der Regionalsprache wurden Lieder und mündlich überlieferte Geschichten tradiert und Texte mit literarischem Anspruch verfasst. Bekannte Autoren frankoprovenzalischer Werke aus Savoyen und Frankreich waren Albéric de Pisançon (11. Jahrhundert), Marguerita d’Oingt († 1310), Bernardin Uchard (1575–1624), Eynarde Fournier, Nicolas Martin (* um 1570), Pierre Borjon, Just Songeon (1880–1940) und Amélie Gex (1835–1883).Gaston Tuaillon: La littérature en francoprovençal avant 1700. Grenoble 2002.

2006 wurde eines der populären Tintin-Comics (Tim und Struppi) ins Franko-Provenzalische übersetzt, genauer: ins Bressanische, eine Mundartvariante, die in der Region Bresse gesprochen wird. Dort gibt es noch verhältnismäßig viele Menschen, die Patois (wie die Mundarten entweder abschätzig oder doch mit Stolz genannt werden) zumindest verstehen, obschon immer seltener selbst sprechen. Das von Manuel und Josine Meune in ihre Mundart übersetzte Heft Lé Pèguelyon de la Castafiore (Die Juwelen der Sängerin, Casterman) wurde in der Bresse und in Rhône-Alpes sehr positiv aufgenommen. Dies zeugt von einem gewissen Interesse der jüngeren Generationen an diesem in Vergessenheit geratenden sprachlichen Erbe.

Wie überall in Frankreich wurde auch diese Regionalsprache in der Schule und im öffentlichen Leben seit dem 19. Jahrhundert unterdrückt („Französisierung“), sodass schon Anfang des 20. Jahrhunderts viele ihr Patois als eine rückständige „Bauernsprache“ ansahen. Immerhin hat die Sprache etliche Spuren im gesprochenen Regionalfranzösisch hinterlassen – was vielen nicht unbedingt bewusst ist. Das Tintin-Heft verwendete eine halbphonetische Schreibweise (graphie de Conflans), die sich an der französischen Sprache orientierte. Für 2007 war ein neues Tintin-Heft angekündigt – auf Arpitanisch, wie das Frankoprovenzalische hier genannt wurde, um die Eigenständigkeit der Sprache zu betonen. Dabei sollte eine neue, von dem Sprachwissenschaftler Dominique Stich ausgearbeitete standardisierte Rechtschreibung (Orthographie de Référence B) zum Einsatz kommen, in der Hoffnung, diese unter den Schreibern des Dialekts durchzusetzen.

Schweiz Ursprünglich wurde fast in der gesamten heutigen französischsprachigen Schweiz (Romandie) Frankoprovenzalisch gesprochen, allgemein als Patois bezeichnet. Ausnahmen bilden lediglich der Kanton Jura, der Berner Jura und der nördlichste Teil des Kantons Neuenburg, die zum traditionellen Sprachgebiet des Frainc-Comtou, einer Varietät der Langues d’oïl, gehören.

In amtlichen Dokumenten kommt die Sprache in der Stadt Freiburg offiziell seit dem 14. Jahrhundert vor, meistens mit der Bezeichnung Romand.David Vitali: Mit dem Latein am Ende?. Volkssprachlicher Einfluss in lateinischen Chartularen aus der Westschweiz. Peter Lang, Bern u. a. 2008. Der erste überlieferte literarische Text im Freiburger Patois stammt von Jean-Pierre Python und entstand im Jahr 1782.

Im Laufe der neueren Zeit sind die Dialekte des Frankoprovenzalischen in der Schweiz jedoch fast vollständig durch regionale Formen des Schweizer Französisch verdrängt worden,Vgl. Wulf Müller: Zur Sprachgeschichte der Suisse romande. In: Schweizerdeutsches Wörterbuch. Schweizerisches Idiotikon. Bericht über das Jahr 2002. [Zürich] 2003, S. 11–24 (Digitalisat). außer in Teilen des Kantons Freiburg (Greyerzerland) und vor allem des Kanton Wallis, wo im Dorf Evolène die Mundart auch für Kinder noch die Umgangssprache ist.Stefan Hess: Der Mythos von den vier Landessprachen. Einst waren es mehr als nur vier Sprachen – wie es kam, dass die Schweiz seit 1938 offiziell viersprachig ist. In: Basler Zeitung. 20. September 2011, S. 35, 37.Raphaël Maître, Marinette Matthey: Le patois d’Evolène, dernier dialecte francoprovençal parlé et transmis en Suisse. In: Jean-Michel Éloy (Hrsg.): Des langues collatérales. Problèmes linguistiques, sociolinguistique et glottopolitiques de la proximité linguistique. Actes du colloque international réuni à Amiens, du 21 au 24 novembre 2001. L’Harmattan, Paris 2004, S. 375–390.Gisèle Pannatier: Le patois d’Evolène (Valais). Synchronie et diachronie d’un parler francoprovençal vivant. 1995.

Die schweizerischen Varietäten des Frankoprovenzalischen werden lexikographisch im Glossaire des patois de la Suisse romande dokumentiert. 2019 kam der digitale Atlas linguistique audiovisuel du francoprovençal valaisan (ALAVAL) zu den romanischen Walliser Dialekten heraus.Atlas linguistique audiovisuel du francoprovençal valaisan (ALAVAL), abgerufen am 19. November 2019. Seit dem frühen 20. Jahrhundert erschienen lokale Wörterbücher zu einzelnen Dialekten wie jenes von Louise Odin (1836–1909) zur Sprache der waadtländischen Gemeinde Blonay aus dem Jahr 1910Louise Odin: Glossaire du patois de Blonay. Lausanne 1910. oder der Dichyonire du patué dë Banye aus Bagnes im Wallis von 2019.Raphaël Maître, Maurice Casanova, Eric Flückiger, Gisèle Pannatier: Dichyonire du patué dë Banye. Dictionnaire du patois de Bagnes. Lexique d’un parler francoprovençal alpin. 15000 mots et locutions, 40000 exemples et syntagmes, étymologies, renvois analogiques, cahiers thématiques, notices encyclopédiques, éléments grammaticaux, index, illustrations. Bagnes 2019, ISBN 978-2-8399-2671-3.

Seit 1973 erscheint die Westschweizer Dialektzeitschrift L’Ami du Patois.

Am 7. Dezember 2018 beschloss der Schweizerische Bundesrat, das Frankoprovenzalische sowie das Frainc-Comtou als offizielle Minderheitensprachen in der Schweiz anzuerkennen.Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen: siebter Bericht der Schweiz. Schweizerische Eidgenossenschaft. Abgerufen am 13. Juli 2020.

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