mini|500px|Weil ich Jesu Schäflein bin – Vierstimmiger Satz von 1866 Weil ich Jesu Schäflein bin ist die Titelzeile eines weit verbreiteten evangelischen Kirchenliedes. Es geht zurück auf ein siebenstrophiges geistliches Gedicht, das die aus hessischem Adel stammende Henriette Maria Luise von Hayn (1724–1782), Mitglied und leitende Mitarbeiterin der Herrnhuter Brüdergemeine, am 8. August 1772 einer Freundin zum Geburtstag schenkte. Melodien zu diesem Gedicht, von dem nur die beiden ersten sowie die letzte Strophe für den gottesdienstlichen Gebrauch ausgewählt wurden, schufen unter anderem Christian Gregor (1784), Johannes Herbst (vor 1812) und Friedrich Silcher (1843). Die Erstveröffentlichung erfolgte 1778, und zwar in dem von Christian Gregor herausgegebenen Gesangbuch zum Gebrauche der evangelischen Brüdergemeinen,Christian Gregor (Hrsg.): Gesangbuch zum Gebrauche der evangelischen Brüdergemeinen. Barby 1778, Nr. 1179. wo es als Abendmahlslied geführt wurde. Durch die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts, in der von Hayns Lied nachweislich bekannt war und gesungen wurde, überschritt es die engen Konfessionsgrenzen der Herrnhuter Brüdergemeine und fand schließlich Aufnahme in landeskirchlichen und freikirchlichen Gesangbüchern, allerdings nicht mehr in der Rubrik der Abendmahlslieder. Vom Gesangbuch aus gelangte das von Hayn’sche Lied schließlich in verschiedene Volksliedersammlungen sowie in die Lehrpläne für den evangelischen Religionsunterricht. Auch zahlreiche Tonträger haben zur Verbreitung des Liedes beigetragen. Die erste Zeile des Liedes wurde darüber hinaus zum Titel von gedruckten und auf Tonträgern veröffentlichten Kompilationen sowie von religiösen Kinderbüchern.
Die hohe Popularität führte dazu, dass das Lied viele Generationen von Kindern oft bis ins hohe Alter begleitet hat. Es findet Erwähnung in zahlreichen Biographien – darunter auch in denen von Hermann Hesse und Karl Barth.
Hintergrund mini|hochkant|Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf mini|Henriette Maria Luise von Hayn Von Hayns Lied Weil ich Jesu Schäflein bin entstand in Herrnhut, dem Gründungsort der Unitas Fratrum (deutsch: Brüdergemeine). Das Dichten sowie das Singen von selbst verfassten Liedern spielten in den Anfängen der Gemeine eine große Rolle, was vor allem auf Nikolaus von Zinzendorf, ihren Gründervater, zurückzuführen ist. Die Herrnhuter Lieder besaßen einfache, leicht eingängige Melodien und begleiteten den Alltag der Mitglieder der Gemeine. Gesungen wurde unter anderem bei der Begrüßung und Verabschiedung von Gästen, anlässlich kleiner und größerer Jubiläen, am Arbeitsplatz, beim Krankenbesuch, am Sterbebett, beim Stundengebet und auf dem Heimweg. Die zur Nachtwache eingeteilten Gemeindemitglieder sorgten dafür, dass auch zur nächtlichen Stunde der Lobgesang nicht verstummte.Hanns-Joachim Wollstadt: Geordnetes Dienen in der christlichen Gemeinde – dargestellt an den Lebensformen der Herrnhuter Brüdergemeine in ihren Anfängen. Göttingen 1966, S. 84 f.
Zinzendorf forderte seine Gemeindemitglieder immer wieder auf, dichterisch tätig zu werden. Dabei verstand er das Dichten als eine Art „Herzensergießung fern aller poetologischen Lehren und Regeln“.Zitiert nach Konstanze Grutschnig-Kieser: „Weil ich Jesu Schäflein bin“. Zur Geschichte eines Liedes aus der Herrnhuter Brüdergemeine. In: Michael Fischer, Diana Rothaug (Hrsg.): Das Motiv des guten Hirten in Theologie, Literatur und Musik (= Mainzer Hymnologische Forschungen, Band 5). Tübingen 2002, S. 182. In einem Wort Zinzendorfs an das JungfernchorDie Herrnhuter Brüdergemeine war nach Alter, Geschlecht und Stand in Gruppen eingeteilt. Eine solche Gruppe wurde Chor (Neutrum: „das Chor“) genannt, also Männer-, Frauen-, Jungfernchor. heißt es in diesem Zusammenhang:
Die Qualität der Gedichte und Lieder wurde hauptsächlich an folgenden Kriterien gemessen: Haben sie einen biblischen Bezug? Helfen sie, die biblischen Botschaften lebendig sowie einprägsam zu machen, und führen sie zu einem tieferen geistlichen Umgang mit Jesus Christus?Anja Wehrend: Musikanschauung, Musikpraxis, Kantatenkompositionen in der Herrnhuter Brüdergemeine, ihre musikalische und theologische Bedeutung für das Gemeindeleben von 1727 bis 1760. Frankfurt am Main 1995, S. 19.
Die vor diesem Hintergrund entstandenen Dichtungen spiegeln manche Entwicklungen innerhalb der Herrnhuter Frömmigkeit. Dazu gehört der sogenannte Seitenhöhlchen-Kult, der durch Renatus von Zinzendorf, den Sohn des bereits erwähnten Nikolaus von Zinzendorf, begründet wurde, später aber in der Herrnhuter Bewegung auf starke Ablehnung stieß. In diesem Kult stand wie bei der römisch-katholischen Herz-Jesu-Verehrung die Seitenwunde JesuNach wurde diese Wunde dem gekreuzigten Christus durch die Lanze eines römischen Soldaten hinzugefügt. im Mittelpunkt. Sie wurde in vielen Liedern in einer von zahlreichen Diminutiven geprägten Ausdrucksweise besungen. Anklänge an Thema und Sprache dieser mystischen Frömmigkeitsbewegung finden sich auch in dem Lied Weil ich Jesu Schäflein bin.
Henriette Louise von Hayn (1724–1782) lebte und arbeitete in dem beschriebenen geistlichen Umfeld – ab 1744 in Herrnhaag, dem Zentrum des Seitenhöhlchen-Kultes,Von Hayn kam also nach Herrnhaag, als die sogenannte „Sichtungszeit“, die Phase der Auseinandersetzung mit den Auswüchsen des mystischen Wunden-Kultes, bereits begonnen hatte. Zu Herrnhaag und dem Seitenhöhlchen-Kult siehe zum Beispiel Hans-Georg Kemper: Empfindsamkeit, Band 6.1 in der Reihe Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit (Hrsg. Hans-Georg Kemper). Tübingen 1997, S. 31–49. und ab 1766 in Herrnhut, wo sie bis zu ihrem Tod als Leiterin des Chores der ledigen Schwestern tätig war.
Text, Form und Inhalt Der gut überlieferte Text des von Hayn’schen Liedes, seine Form und sein Inhalt verweisen auf die geistliche Hirtendichtung, die sich in der Barockzeit großer Beliebtheit erfreute. Das vom 23. Psalm und anderen sowohl alttestamentlichen als auch neutestamentlichen Texten entlehnte Hirte-Schaf-Motiv liegt vielen Kirchenliedern zugrunde, insbesondere solchen, die vor dem Hintergrund des Pietismus und der Erweckungsbewegung entstanden sind.
Text Die folgende Tabelle zeigt den Text des von Henriette von Hayn verfassten Gedichtes, seine wenigen Varianten sowie die biblischen Bezüge.Die hier genannten biblischen Bezüge orientieren sich (wenn nicht anders vermerkt) an Elisabeth Schneider-Böklen: „Amen, ja, mein Glück ist groß“. Henriette Louise von Hayn (1724–1782); eine Dichterin des Herrnhuter Pietismus. Dissertation, Universität Marburg, 2005, S. 151 f. Die drei Strophen, die sich in den kirchlichen Gesangbüchern finden, sind im Folgenden kursiv gesetzt. Die in Fettschrift gehaltenen Großbuchstaben zu Beginn einer jeden Zeile stellen die Verbindung zu den entsprechenden Textvarianten (Spalte III) sowie zu den biblischen Bezügen (Spalte IV) her. Strophe Text Varianten Biblische Bezüge und Anklänge1A Weil ich Jesu Schäflein bin B freu ich mich nur immerhin C über meinen guten Hirten, D der mich schön weiß zu bewirten, E der mich liebet, der mich kennt, F und bei meinem Namen nennt.D der mich wohl weiß zu bewirtenDiese Änderung wurde nach Konstanze Grutschnig-Kieser vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts eingefügt.A Der Herr ist mein Hirte […] C : [Jesus:] Ich bin der gute Hirte! D : Du bereitest vor mir einen Tisch […] und schenkst mir voll ein. E : [Jesus:] […] und ich kenne sie [meine Schafe] F : und er [der gute Hirte] ruft seine Schafe mit Namen […]2A Unter seinem sanften Stab B geh ich aus und ein und hab C unaussprechlich süße Weide, D daß ich keinen Hunger leide; E und sooft ich durstig bin, F führt er mich zum Brunnquell hin.C alle Tage frische WeideZum Beispiel Abschrift unbekannter Hand; Unitätsarchiv Herrnhut NB IV.R.3.18, S. 145; siehe auch die Kopie dieser Handschrift bei Konstanze Grutschnig-Kieser: „Weil ich Jesu Schäflein bin“. Zur Geschichte eines Liedes aus der Herrnhuter Brüdergemeine. In: Michael Fischer, Diana Rothaug: Das Motiv des guten Hirten in Theologie, Literatur und Musik (= Mainzer Hymnologische Forschungen, Band 5). Tübingen 2002, S. 190. D daß ich keinen Mangel leide;Diese Variante geht auf Christian Gregor zurück; siehe Christian Gregor (Hrsg.): Gesangbuch zum Gebrauch der evangelischen Brüdergemeinen. Herrnhut 1778, Nr. 1179.A : Dein Stecken und Stab trösten mich. D : Mir wird nichts mangeln. F : Er führet mich zum frischen Wasser.3A Mein Erbarmer leitet mich B sicher und behutsamlich, C gibt mir auch wohl Salz zu lecken, D meinen Durst recht zu erwecken E nach dem roten Wundenbach, F wenn ich kränklich bin und schwach.C Will mir wo was bitter schmecken, D soll’s nur meinen Durst erweckenNortheimer Datenbank Deutsches Gedicht: Jesu Schäflein von Luise von Hayn.D / E : [Der Geist und die Braut sprechen:] Komm! Und wer es hört, der spreche: Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst. F : [Gott spricht:] Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden und des Schwachen warten […].4A Er hat mich hinaus ins Feld B zu der Lämmer Hut bestellt C und ich darf in seinen Nähen D nur so sachte beiher gehen E und auf dieser niedern Flur F folgen meines Hirten Spur.In verschiedenen Veröffentlichungen sind die Strophen 4 und 5 vertauscht.Beispiele: Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht: Jesu Schäflein von Luise von Hayn; Peter Merx: Weil ich Jesu Schäflein bin. In: Schlesischer Gottesfreund. Nachrichten und Beiträge aus dem evangelischen Schlesien (Hrsg. Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V.). 64. Jahrgang, 6/2014. , S. 84–86, hier: S. 85.B : [Jesus zu Petrus:] Weide meine Lämmer! C : [Jesus zu seinen Jüngern:] Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende! F : Und wenn er seine Schafe hat ausgelassen, geht er vor ihnen hin, und die Schafe folgen ihm nach […]5A In dem Früh- und Abendtau B einer immergrünen Au C schlaf ich und erwache wieder, D setz mich zu der Herde nieder E in das saftigste Revier F und ihr Brünnlein quillt auch mir.In verschiedenen Veröffentlichungen sind die Strophen 4 und 5 vertauscht.B : Er [der gute Hirte] weidet mich auf einer grünen Aue.6A Drückt mich meine kleine Last B und ich brauche Ruh und Rast, C darf sein Schäflein ohn Bedenken D in des Hirten Schoß sich senken, E kriegt an seiner milden Brust F wieder neue Arbeitslust.F wieder seine Arbeitslust.Peter Merx: Weil ich Jesu Schäflein bin. In: Schlesischer Gottesfreund. Nachrichten und Beiträge aus dem evangelischen Schlesien (Hrsg. Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V.). 64. Jahrgang, 6/2014. , S. 84–86, hier: S. 86.A–F : [Jesus zu den Menschen:] Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht. D : Nathan zu David: […]aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß, und er hielt's wie eine Tochter. E : Es war aber einer unter seinen [Jesu] Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb.7A Sollt ich nun nicht fröhlich sein, B ich beglücktes Schäfelein? C Denn nach diesen schönen Tagen D werd ich endlich heimgetragen E in des guten Hirten Schoß. F Amen, ja, mein Glück ist groß.A Sollt ich denn nicht fröhlich sein,Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht: Jesu Schäflein von Luise von Hayn. Die Änderung geht auf Christian Gregor zurück; siehe Christian Gregor (Hrsg.): Gesangbuch zum Gebrauche der evangelischen Brüdergemeinen. Herrnhut 1778, Nr. 1179.