mini|Lied von Silbermöwe. mini|Silbermöwe im Profil mini|Silbermöwe im Schlichtkleid (vermutlich vierter Winter) mini|Fliegende Silbermöwe mit gut sichtbarem Handschwingenmuster mini|Junge Silbermöwe in schnellem Flug mini|Silbermöwe im Jugendkleid. Gut zu erkennen ist das typische helle Feld, das von den Basen der inneren Handschwingen gebildet wird. Im Unterschied zur Steppenmöwe sind die Armdecken relativ einheitlich gefärbt, die auffälligen Querbänder fehlen.
Die Silbermöwe (Larus argentatus) ist eine Vogelart innerhalb der Möwen (Larinae) und die häufigste Großmöwe in Nord- und Westeuropa. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom Weißen Meer über die Küsten Fennoskandiens, der Ostsee, der Nordsee und des Ärmelkanals sowie über große Teile der Atlantikküste Frankreichs und der Britischen Inseln. Außerdem kommt die Art auf Island vor.
Silbermöwen sind Koloniebrüter, deren Brutplätze meist auf unzugänglichen Inseln oder an Steilküsten liegen. Vielerorts brütet die Art aber auch in Dünengebieten oder Salzwiesen. Sie ist wie die meisten Möwen ein Allesfresser, ernährt sich aber vor allem von Krebs- und Weichtieren, Fischen und menschlichen Abfällen. Während die nördlichen Populationen Zugvögel sind, verbleiben die meisten übrigen Silbermöwen in der Nähe ihrer Brutgebiete. Vor allem junge Silbermöwen wandern jedoch teils große Strecken und sind dann auch weit im Binnenland zu finden. Nachdem die Art im 19. Jahrhundert durch Absammeln der Eier und Bejagung stark dezimiert worden war, erholten sich die Bestände im Laufe des 20. Jahrhunderts.
Die Silbermöwe ist häufig Gegenstand der Forschung gewesen und als Art sehr gut untersucht. Insbesondere der Verhaltensforscher Nikolaas Tinbergen hat sich ausführlich mit ihr auseinandergesetzt. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurden viele, heute als eigene Arten anerkannte Möwentaxa als Unterarten der Silbermöwe angesehen. Der Evolutionsbiologe Ernst Mayr zog daher die Silbermöwe als Beispiel für die Theorie der Ringspezies heran. Nach einer gründlichen Revision der Systematik der Möwen zu Anfang des 21. Jahrhunderts stellen sich die Verhältnisse jedoch sehr viel differenzierter dar. In den 1990er Jahren wurden zunächst die Steppen-, die Mittelmeer- und die Armeniermöwe zeitweilig als „Weißkopfmöwe“ abgegliedert, später als eigene Arten aufgestellt. Etwa 2005 wurden auch der Unterart smithsonianus als Amerikanischer Silbermöwe (Larus smithsonianus) und der Unterart vegae als Ostsibirienmöwe (Larus vegae) Artstatus zugebilligt. Die Silbermöwe in ihrer heutigen Definition ist recht nahe mit der Mittelmeermöwe und der Mantelmöwe, nur entfernt jedoch mit Herings- und Steppenmöwe verwandt. Auch die Amerikanische Silbermöwe steht ihr nicht sehr nahe.
Beschreibung mini|Eine Silbermöwe mit gelben Beinen, sogenannte „Omissus“-Variante Die Silbermöwe ist mit 55–67 cm etwa so groß wie ein Mäusebussard, die Flügelspannweite ist mit 125–155 cm sogar noch etwas weiter. Der Blick dieser häufigen Großmöwe wirkt etwas grimmig, der höchste Punkt des Scheitels liegt hinter dem Auge. Der relativ klobige Schnabel ist zwischen 44 und 65 mm lang. Die Flügel sind im Vergleich zu anderen Arten der Gattung mittelmäßig lang, sie überragen beim sitzenden Vogel den Schwanz um 3–6 cm. Die Schirmfedern formen auf dem Rücken eine deutliche Stufe, der Körper wirkt relativ füllig. Ein Geschlechtsdimorphismus ist bezüglich des Gefieders nicht ausgeprägt. Männchen sind größer mit einer voluminöseren Schnabelspitze und einer flacheren Stirn, Weibchen wirken kurzschnäbliger mit rundlicher Stirn. Das Brutkleid unterscheidet sich vom Schlichtkleid durch einen gestrichelten Kopf. Junge Silbermöwen sind nach dem vierten Lebensjahr nicht mehr von adulten Vögeln zu unterscheiden. Die Beine und Füße sind in allen Kleidern fleischrötlich, vor allem im Baltikum kommen jedoch auch Individuen mit gelben Beinen vor (s. Geografische Variation).
Adulte Vögel Im Prachtkleid ist bei adulten Vögeln der Schnabel gelb mit einem roten Gonysfleck, der im Unterschied zur Mittelmeermöwe auf den Unterschnabel beschränkt ist. Die Iris ist meist schwefelgelb, manchmal auch leuchtend gelb oder weißlich, das Auge mit einem gelben, orangegelben oder auch roten Ring umgeben. Kopf, Hals, Nacken und Unterseite sind wie auch Bürzel und Schwanz reinweiß. Mantel, Rücken und Schulterfedern sind wie auch die Flügeloberseite hell bläulichgrau, bei einigen Vögeln kann die bläuliche Tönung jedoch fehlen. Die Flügelvorderkante ist schmal weiß, die Hinterkante breit weiß gesäumt. Die Spitze des Handflügels ist schwarz mit weißen Flecken im Bereich der Schwingenspitzen. Die äußere, zehnte Handschwinge – die elfte ist verkümmert – ist weitgehend schwarz mit einem Grauanteil an der Basis und ein Stück weit die Innenfahne hinauf. Auf den weiter innen gelegenen Handschwingen wird der Schwarzanteil immer geringer, bis er – bei den meisten Vögeln der deutschen Population auf der fünften Handschwinge – nur noch als schmaler Rest zu sehen ist und auf den übrigen Schwingen fehlt. Zudem sind die Schwingenspitzen weiß. Auf den beiden äußeren Handschwingen ist zudem – durch ein subterminales, schwarzes Band von der Spitze getrennt – ein weiteres weißes Feld vorhanden. Auf dem zusammengelegten Flügel wirken die weißen Spitzen wie eine Reihe rundlicher Punkte.
Im Winterkleid ist das weiße Gefieder des Kopfes bei adulten Vögeln mit graubraunen Stricheln durchsetzt. Die Strichelung variiert individuell, reicht aber oft bis auf den Hals und die vordere Brust. Auf dem Schnabel zeigt sich etwas Schwarz über oder neben dem roten Gonysfleck.
Subadulte Vögel Jugendkleid Das Jugendkleid der Silbermöwe wirkt insgesamt graubraun. Der Schnabel ist schwärzlich mit schwach aufgehellter Unterschnabelbasis, das Auge dunkel. Kopf und Unterseite sind auf weißlichem Grund durch dunkelbraune Schaftstriche und Federzentren diffus dunkel gestrichelt. Die dunkle Strichelung verdichtet sich um das Auge, wird an den Flanken kräftiger und auf den Unterschwanzdecken zur markanten Bänderung. Mantel- und Schulterfedern wirken durch dunkelbraune Federzentren und beige Säume kräftig und regelmäßig geschuppt. Vor allem zum unteren Rücken und den Oberschwanzdecken hin finden sich Federzentren mit eichenblattähnlich gewellten Rändern, Bogenzeichnung oder Bänderung, wie auch auf den recht variablen Schirmfedern. Die Armdecken tragen auf beigem Grund dunkle Binden. Die dunkelbraunen Armschwingen weisen einen weißen Spitzensaum und eine hell graubraune Innenfahne auf. Die Federn des Handflügels sind bis auf die hellgraubraun aufgehellten inneren Handschwingen schwarzbraun mit schmalen, weißlichen Säumen. Die Steuerfedern zeigen hinter einem feinen, weißen Spitzensaum im distalen Drittel eine dunkelbraune Färbung, die im mittleren oder basalen Drittel in eine dunkle Bänderung auf weißem Grund übergeht, so dass der Schwanz eine dunkle Binde zeigt, die sich als grobe Bänderung zur weißen Basis hin auflöst.
Erster Winter Das erste Schlichtkleid unterscheidet sich vom Jugendkleid in erster Linie durch die Schulter- und Rückenfedern. Diese zeigen über hellen Säumen beige bis warmbraune Zentren, die von einer schmalen, dunklen Subterminalbinde begrenzt sind und im mittleren Federteil pfeilförmige Schaftflecken oder dunkle Querbänder aufweisen. Schultern und Rücken wirken also nicht mehr geschuppt, sondern feiner gebändert. Kopf Hals und Brust wirken heller, weisen aber immer noch – vor allem um das Auge und auf dem Scheitel – dunkle Strichel sowie auf der Brust eine dunkle Fleckung auf. Für gewöhnlich hellt sich die Schnabelbasis ab Herbst etwas auf.
Zweiter Winter Vögel im zweiten Winter ähneln denen im ersten Winter, sind allerdings an Kopf, Hals und Unterseite meist deutlich heller. Die Bänderungen auf den Federn des vorderen Rückens und der Schultern sind breiter und bei manchen Vögeln mischen sich bereits hellgraue Federn in das Rückengefieder – bei manchen Individuen können sie auch stark überwiegen. Die Zeichnung der großen Armdecken wirkt diffuser und besteht aus feinen Bekritzelungen. Die kleinen Armdecken zeigen nicht mehr die dunklen Zentren des Jugendkleids, sondern sind gebändert. Ebenso sind die Schirmfedern nicht mehr überwiegend dunkel, sondern durch helle Bänderungen aufgehellt. Ein gutes Unterscheidungsmerkmal zum ersten Winterkleid stellen die Schwingen dar, die eher schwärzlich als dunkelbraun sind und vor allem auf dem zusammengelegten Flügel markante, helle und halbmondförmige Endsäume zeigen. Auf den Steuerfedern verläuft die dunkle Subterminalbinde nicht mehr streifig in die weiße Federbasis, sondern eher marmoriert. Ein weiteres Altersmerkmal ist die Färbung des Schnabels, bei dem zumindest eine helle Spitze ausgeprägt ist, bei einigen Individuen aber bereits eine ausgedehnt fleischfarbene Basis. Die Iris ist bei vielen Vögeln ebenfalls deutlich aufgehellt.
Lautäußerungen mini|„Jauchzende“ Silbermöwe Das Spektrum an stimmlichen Äußerungen ist bei der Silbermöwe – wie auch bei allen anderen Arten der Gattung Larus – sehr breit und die Bedeutung der Rufe teilweise sehr komplex. Manche werden recht universell eingesetzt und variieren je nach Situation in Intensität, Betonung, Dauer oder Tempo, andere treten nur in Verbindung mit bestimmten Verhaltensweisen auf.Glutz von Blotzheim, S. 530f, N. Tinbergen (1953), S. 9f und F. Goethe (1956), S. 28f.
Der Hauptruf (Hörbeispiel) ist ein helles bis gellendes, herabgezogenes kiu oder kiau. Er ist besonders variabel und tritt in vielen Situationen auf. Er drückt Erregung unterschiedlicher Intensität bis hin zu Alarm aus oder soll einfach die Aufmerksamkeit anderer Individuen wecken. Eine Funktion als typischer Kontaktruf ist nicht zu beobachten.Tinbergen (1953), S. 10, siehe Literatur Beim Schauflug vor der Brutzeit ist eine besonders langgezogene und klagende Variante, der so genannte „Wolllustruf“ zu vernehmen. Bei Angriffen gegen Prädatoren klingt er kurz und scharf (charge call).
Eine weitere alarmierende Lautäußerung ist der „Stakkatoruf“ (Hörbeispiel), ein tiefes und gackerndes ha-ha-ha oder gä-gä-gäg. Es drückt Fluchtbereitschaft aus oder animiert andere Individuen und insbesondere Jungvögel zur Flucht.Tinbergen (1953), S. 10f, siehe Literatur Entscheidend ist hierbei der Rhythmus, denn Jungvögel reagieren im Experiment auch auf ein entsprechendes Klopfen.Glutz von Blotzheim, S. 531, siehe Literatur
Das Jauchzen der Silbermöwe (Hörbeispiel) kann mit aau aau au kjiiiau kjau kjau beschrieben werden. Es wird meist von einigen tief bellenden Lauten eingeleitet, denen ein sehr erregter, hoher Laut und dann eine in Intensität und Tonhöhe absteigende Rufreihe folgt. Das einleitende Bellen, das auch mit hau oder bau beschrieben werden kann, ist auch separat als Aufforderung zum Abfliegen zu vernehmen. Im Flug wird es mit den Flügelbewegungen synchronisiert und ist dann ein zweisilbiges aa-o.F. Goethe (1953), S. 31, siehe Literatur
Der „Katzenruf“ (mew call, Hörbeispiel) klingt wie das langgezogene Miauen einer Hauskatze. Er ist vor allem in Brutkolonien zu hören und drückt ein positives Verhältnis zu Partner, Nest und Jungen aus.
Beim Anlegen einer Nestmulde ist ein merkwürdig gutturaler Laut zu hören. Aufgrund der stereotypen Schnabelbewegungen, die währenddessen erfolgen, wird er „Stößellaut“ (choking call) genannt. Es handelt sich um ein tiefes huo-huo-huo, bei dem der Zungenknochen abgesenkt wird, so dass die Physiognomie der Vögel dabei einen eigentümlichen Ausdruck bekommt. Zudem wird die Brust rhythmisch bewegt. Das gesamte Verhalten kann auch in Zusammenhang mit Aggressivität gegen Artgenossen auftreten.Tinbergen (1953), S. 11, siehe Literatur